Obot | Mein Leben für die Hexenkinder | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Obot Mein Leben für die Hexenkinder

Berufen zu den verstoßenen Kindern Nigerias
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7751-7549-4
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Berufen zu den verstoßenen Kindern Nigerias

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

ISBN: 978-3-7751-7549-4
Verlag: Hänssler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nie hätte Maïmouna Obot gedacht, dass sie eines Tages in das Herkunftsland ihres Vaters reisen würde. Doch dann stößt sie auf eine schockierende Reportage: In Nigeria werden sogenannte Hexenkinder gequält und ausgestoßen. Sie sind Opfer von geistlicher Verblendung, Irrlehre, sozialer Ungerechtigkeit und einer durch Gewalt traumatisierten Gesellschaft. Wenig später macht sie sich auf nach Nigeria, um den Kindern zu helfen. Und um ihnen eine neue Geschichte zu geben, die überall gehört wird - voller Hoffnung, Träume und Glaube an eine gute Zukunft. Ein zutiefst bewegendes Buch über vier Jahre, in denen Gott alles veränderte - im Leben der Autorin und in dem der Hexenkinder. inkl. 8 Seiten Bildteil

Maïmouna Obot ist 1982 in Stuttgart geboren und studierte Jura in Tübingen, Madrid und Amsterdam. Als Volljuristin arbeitet sie als Oberregierungsrätin bei einer Bundesbehörde und studiert nebenberuflich 'Culture and Theology' an der Columbia Universität. 2017 gründete sie den Verein 'Storychangers e.V.', mit dem sie sich gegen Hexenverfolgung von Kindern in Nigeria stark macht. In diesem Zusammenhang leitet sie theologische Seminare für Pastoren zu den Themen Dämonologie und Kindesentwicklung und unterstützt Kinderheime in Nigeria finanziell. Zudem hat sie während des Lockdowns vielen Menschen mit dem Comedy-Programm 'Coronaküche' auf ihrem YouTube-Kanal als 'mai-mit-trema' ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Wenn sie nicht schreibt, singt sie mit Leidenschaft den Sopran im Stuttgarter Chor 'Gospel im Osten'.
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2 IM HEIM DER HEXENKINDER


Nach der überschwänglichen Begrüßung geleiten mich die Kinder zur ehemaligen Krankenstation, die mir für die Woche als Unterkunft dienen soll. Die Krankenstation besteht aus einem leeren und kahlen Eingangsbereich sowie einem kleineren Zimmer, in dem ein Doppelbettgestell und ein alter Kühlschrank stehen. Das Klo befindet sich gleich rechts neben dem Zimmer, es dient gleichzeitig als Waschraum.

In diesem kleinen Häuschen darf ich mich wohnlich einrichten. Da ich seit meinem Aufenthalt in Lagos weiß, dass in Nigeria jederzeit mit Stromausfällen gerechnet werden muss, bemühe ich mich, mein Bett noch bei Tageslicht tropenfest herzurichten. Mit quer durch das Zimmer gespannten Wäscheleinen befestigte ich das Moskitonetz über dem wackeligen Bettgestell. Jetzt noch alle Enden straff unter die Matratze spannen – fertig. Nun heißt es, noch schnell zwei Eimer mit Wasser zu befüllen und so für Dusche und Klospülung zu sorgen. Auch das ist erledigt. Okay. Dann mal auf, die Kinder und ihr Zuhause kennenlernen, denn für sie bin ich schließlich gekommen. Vielleicht gibt es sogar etwas zu essen? Mir knurrt der Magen!

Ich gehe über die Grünfläche zu dem gegenüberliegenden Bungalow, vor dem einige Kinder Wäsche waschen. Als ich mich nähere, knicksen sie wieder und verbeugten sich, wirken beinahe scheu. Frau Kent tritt mit ausgebreiteten Armen aus dem Haus: »Komm, ich zeige dir alles!« Auf dem Gelände des Heims befinden sich ein vertrockneter Fischteich, eine kleine Gemüse- und Yamfarm sowie drei weitere Baracken: die Mädchenbaracke, die Jungsbaracke und die Schulbaracke.

Alle Gebäude sehen sehr heruntergekommen aus, der Putz blättert von den Wänden ab und die Stufen vor den Gebäuden bröckeln. Kein Fensterladen hängt gerade in den Angeln und Stromkabel baumeln nutzlos in der Luft. Ein Satz, den ich an diesem Tag noch oft zu hören bekomme, ist: »Das hat uns die Firma Soundso geschenkt, aber sie gab uns kein Geld für die Instandhaltung.«

Hier tritt ein altbekanntes Problem zutage: Große Spender sind zwar gerne dazu bereit, ab und an dem Kinderheim unter die Arme zu greifen. Aber es werden nur Dinge finanziert, die sich einfach und schnell medial ausschlachten lassen, von denen man also ein Foto machen kann. Alles andere lohnt sich für die Spender nicht. Die Heimleitung berichtet mir auch, dass das Heim momentan keinen Strom und kein Wasser hat, denn der Strom sei abgestellt worden. In Nigeria wird Strom auch dafür verwendet, Trinkwasser in die riesigen, circa fünf Meter hohen und drei Meter breiten schwarzen Tonnen zu pumpen, die auf Drahtgestellen befestigt auf vielen Grundstücken stehen. Das Wasser in diesen Tonnen wird verwendet, wenn – wie so oft – kein Wasser aus der Leitung kommt, weil mal wieder die Stromversorgung zusammengebrochen ist.

Es gibt viel zu besichtigen und zu erkunden, aber ich bin nicht mehr aufnahmefähig. Es ist schon später Nachmittag und ich habe seit dem frühen Vormittag nichts mehr gegessen. Ich frage Frau Kent, wie das mit dem Abendessen normalerweise abläuft. Sie hätten an diesem Tag noch nichts gegessen, sagt sie, denn das Essen sei aus. Und selbst wenn Essen da wäre, könne sie es nicht zubereiten, denn es gebe ja keinen Strom und auch kein Feuerholz.

Hungern will ich nicht und schon gar nicht mitansehen, wie die Kinder hungern. Also sage ich: »Macht nix, ich lade euch alle zum Abendessen ein, lass uns losgehen und alles einkaufen.« Ich hoffe auf einen kurzen Trip zum Markt und dann auf ein Abendessen eine Stunde später. Diese Hoffnung soll bald zerschlagen werden. Nigerianische Märkte sind ebenso bunt und interessant wie die Straßen. Überall wird gefeilscht, verhandelt und getauscht. Wer die Preise nicht kennt, ist verloren. Nach ein paar weiteren Aufenthalten in Nigeria begreife ich das System und verstehe mich darauf, stets einen guten Preis herauszuschlagen. Aber bei diesem ersten Marktbesuch bin ich verloren.

Frau Kent zieht mich im Schlepptau über den nur fünf Minuten vom Heim gelegenen Markt und ersteht Tomaten, Fisch, Feuerholz, Gari – ein Mehl aus Maniokknollen –, Chilischoten, Salz und Gewürze. Für jede Zutat muss sie von Neuem mit der jeweiligen Verkäuferin verhandeln, es will kein Ende nehmen. Nach zwei Stunden Einkauf sind wir auf dem Rückweg. Einige der größeren Mädchen sind uns gefolgt und tragen die Einkäufe nach Hause. Sogar das Feuerholz, das ich nicht einmal unter dem Einsatz all meiner Muskeln anheben kann, transportiert eines der Mädchen elegant auf dem Kopf nach Hause.

Frau Kent erzählt mir, dass es für sie einen Triumph bedeute, auf diesem nahe gelegenen Markt einkaufen zu können. Als das Heim gerade erst eröffnet habe, seien die Marktfrauen nicht gewillt gewesen, Nahrungsmittel an die »Hexenkinder« und ihre Helfer zu verkaufen und so »Hexengeld« einzunehmen. Die Mitarbeiter und Kinder hätten daher immer in weit entlegene Ortschaften fahren müssen, um den wöchentlichen Einkauf zu tätigen. Doch die Situation habe sich nun gebessert, manchmal könne sie sogar anschreiben, wenn das Geld knapp sei.

Zurück im Heim versuche ich, mit den Kindern das aufgrund der Regenzeit feuchte Feuerholz anzuzünden. Ein schwieriges Unterfangen. Es raucht und qualmt und es wird immer dunkler. Kurz bevor die Sonne endgültig unter dem Horizont verschwindet, haben wir endlich das Feuer in Gang gesetzt und ein großer Topf wird darüber platziert.

Ich habe beschlossen, die Kids an diesem ersten Abend nicht dazu zu befragen, warum sie in diesem Heim gelandet sind. Ich will sie erst kennenlernen. Vor allem knurren unsere Mägen viel zu laut, als dass eine Unterhaltung möglich wäre. Dann ist endlich das Essen fertig. Obwohl es für sie die erste Mahlzeit am Tag ist, bleiben die Kinder erstaunlich ruhig und stellen sich brav in eine Reihe, als Frau Kent die Essensrationen verteilt.

Erstaunlich, was selbst die Kleinsten verdrücken können! Nach dem Essen fahren den Kindern die Lebensgeister in die Glieder. Es ist zwar schon stockfinster, aber viel zu früh, um ins Bett zu gehen, und so rufen sie: »Tante, spiel mit uns!« An Armen und Händen ziehen sie mich hinüber in das kleine Büro in der Schulbaracke, einen rund fünfzehn Quadratmeter großen Raum. Frau Kent und ich stellen unsere Taschenlampen aufrecht hin, sodass der Raum in ein schummeriges Licht gehüllt wird.

»Tante, schau mal, was ich kann!« Der sechsjährige Favour und der siebenjährige Israel bewegen sich akrobatisch wie Schlangen auf dem Boden, alle Kinder beklatschen das Schauspiel. Dann beginnen sie, angeleitet von Frau Kents fünfzehnjähriger Tochter Ima, zu singen. Kräftig und laut, überhaupt nicht mehr schüchtern. Ihre Lieder handeln von Gott, von Jesus, ihrem Freund, der ihnen immer zur Seite steht.

Dann heißt es plötzlich: »Tante, was kannst du vorführen?« Ich freue mich, dass ich aktiv einbezogen werde, und erzähle den Kindern die Geschichte vom Lied der fünf Vögel, die mir als Kind auch immer so gut gefallen hat. Die fünf Vögel sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die immer zusammen auf Futtersuche gehen. Eines Tages aber werden sie von der Gier erfasst und anstatt mit ihrem fünfstimmigen Lied die Bauern zu erfreuen, machen sie sich einzeln auf den Weg. Einstimmig ist aber keiner von ihnen der Hit und nach einer Zeit des Hungerns besinnen sie sich und kommen wieder zusammen. Das Lied der fünf Vögel begeistert die Kinder im Heim sehr und so lassen wir in ausgelassener Stimmung singend den Abend ausklingen.

Schicksale


Das Frühstück für den nächsten Tag haben wir Gott sei Dank bereits am Abend zuvor besorgt. So kann es gleich nach dem Aufstehen losgehen: Süßes Weißbrot wird in heißen Kakao gedippt und zergeht dann auf der Zunge. Mmmhhh. Sehr lecker! Die Kinder bringen mir ein paar Wörter und Sätze auf Efik bei. Sie unterhalten sich hauptsächlich in dieser Sprache, Englisch lernen sie nur in der Schule und benutzen es im Gottesdienst.

Die Kinder, die nicht lange in der Schule waren, haben oft Schwierigkeiten, mich zu verstehen. So versuche ich, ihnen mit den neuen Wörtern ein bisschen näherzukommen. Es klappt. Gemeinsam schauen wir uns ein paar der Bücher an, die ich ihnen mitgebracht habe. Bei der Auswahl war mir aufgefallen, wie viele der deutschen und europäischen Kinderbuchklassiker von Hexen und Geistern handeln. Jedes zweite Bilderbuch war daher ungeeignet für diese bereits traumatisierten Kinder.

Nach einer Weile werden die Kids unruhig und ich schlage ein Ballspiel vor. »Tante, unser Ball ist kaputt!« Wir beschließen, auf dem nahe gelegenen Markt einen neuen Ball zu erstehen, und kurz darauf rasen wir gemeinsam zwischen den Toren hin und her und spielen Fußball, als gäbe es kein Morgen mehr. Mir fällt auf, dass einige Kinder große Narben am Kopf haben. Sie sehen anders aus als die üblichen Schönheitsnarben, die manche Nigerianer im Gesicht tragen. Naiv frage ich meinen ungefähr achtjährigen Mitspieler: »Hat deine Narbe eine Bedeutung?«

Er blickt mich ernst an: »Das ist passiert, als sie mir den Kopf öffnen wollten, damit der Teufel aus mir ausfahren kann.«

Mit offenem Mund schaue ich ihm nach, wie er weiter dem Ball hinterherjagt. Etwas in mir möchte nicht mehr wissen. Nicht aus dem Mund der Kinder. Es passt nicht zu unserem Spiel und den fröhlichen Unterhaltungen.

Ich beschließe, Frau Kent um die Geschichten der Kinder zu bitten. Sie hat alles fein säuberlich in Ordnern aufgeschrieben und dokumentiert. In Nigeria werden Berichte der Polizei- und Sozialbehörden fast ausschließlich handschriftlich verfasst, obwohl das Land keinesfalls von der technologischen Entwicklung abgeschnitten ist. Aufgrund der höchst unzuverlässigen Stromversorgung sind jedoch...


Obot, Maïmouna
Maïmouna Obot ist 1982 in Stuttgart geboren und studierte Jura in Tübingen, Madrid und Amsterdam. Als Volljuristin arbeitet sie als Oberregierungsrätin bei einer Bundesbehörde und studiert nebenberuflich "Culture and Theology" an der Columbia Universität. 2017 gründete sie den Verein "Storychangers e.V.", mit dem sie sich gegen Hexenverfolgung von Kindern in Nigeria stark macht. In diesem Zusammenhang leitet sie theologische Seminare für Pastoren zu den Themen Dämonologie und Kindesentwicklung und unterstützt Kinderheime in Nigeria finanziell. Zudem hat sie während des Lockdowns vielen Menschen mit dem Comedy-Programm "Coronaküche" auf ihrem YouTube-Kanal als "mai-mit-trema" ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Wenn sie nicht schreibt, singt sie mit Leidenschaft den Sopran im Stuttgarter Chor "Gospel im Osten".

Maïmouna Obot ist 1982 in Stuttgart geboren und studierte Jura in Tübingen, Madrid und Amsterdam. Als Volljuristin arbeitet sie als Oberregierungsrätin bei einer Bundesbehörde und studiert nebenberuflich "Culture and Theology" an der Columbia Universität. 2017 gründete sie den Verein "Storychangers e.V.", mit dem sie sich gegen Hexenverfolgung von Kindern in Nigeria stark macht. In diesem Zusammenhang leitet sie theologische Seminare für Pastoren zu den Themen Dämonologie und Kindesentwicklung und unterstützt Kinderheime in Nigeria finanziell. Zudem hat sie während des Lockdowns vielen Menschen mit dem Comedy-Programm "Coronaküche" auf ihrem YouTube-Kanal als "mai-mit-trema" ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Wenn sie nicht schreibt, singt sie mit Leidenschaft den Sopran im Stuttgarter Chor "Gospel im Osten".



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