E-Book, Deutsch, Band 2, 210 Seiten
Reihe: Rise
Ocker Rise - Die Verstoßenen
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95818-113-7
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 210 Seiten
Reihe: Rise
ISBN: 978-3-95818-113-7
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kim Nina Ocker, aufgewachsen im beschaulichen Büren in Nordrhein-Westfalen, zeigte schon früh ein großes Interesse am Schreiben. Ihr erstes literarisches Meisterwerk bestand aus einer beinahe wortgetreuen Abschrift von Magdalen Nabbs 'Zauberpferd', bei der sie lediglich die Protagonistin in 'Kim' umbenannte. Leider war die Welt noch nicht bereit für diese Sternstunde der Kreativität, und so musste der große schriftstellerische Durchbruch noch ein wenig warten. Letztendlich schaffte Cornelia Funke den Durchbruch und holte sie ganz und gar in die Welt der Buchstaben. Heute lebt sie zusammen mit ihrer Familie in Wennigsen.
Autoren/Hrsg.
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Mögen die Spiele beginnen. Und mögen sich alle an die Regeln halten – Duncan
Berwick war vielleicht noch eine Stunde Fußmarsch entfernt, und ich bekam das Gefühl, mich allmählich entscheiden zu müssen. Der Plan stand, die Einzelheiten jedoch entglitten meinen Gedanken, sobald ich sie mir zurechtlegen wollte. Ich schweifte immer wieder ab und landete bei Freya, was ich mir in diesem Moment einfach nicht erlauben konnte.
Vermutlich würde Helena mir einfach die Tür vor der Nase zuknallen und alle weiteren Überlegungen damit beenden. Ich hasste es, von einer anderen Person abhängig zu sein. Der Gedanke, mein Vorhaben nur mit der Hilfe dieser ehemaligen Siedlerin durchführen zu können, ging mir gehörig gegen den Strich. Würde Freyas Leben nicht davon abhängen, würde ich diese Sache nicht einmal in Erwägung ziehen! In den letzten Stunden war mir allerdings klargeworden, dass ich ohnehin ein Dorf aufsuchen musste. Der Großteil meines Besitzes war von unserer Zuginvasion und meinem darauffolgenden Rausschmiss zerstört worden oder verlorengegangen. Für gewöhnlich trug ich ein recht gut ausgestattetes Überlebenspaket mit mir herum. Wie auch immer die nächsten Tage aussehen mochten, ich musste sowohl Kraftreserven als auch Proviant auffüllen.
Ich hing immer noch meinen Gedanken nach, als die ersten Gebäude von Berwick vor mir auftauchten. Ich hatte Dörfer schon immer gehasst. Das enge Zusammenwohnen und die gedrungenen Häuser erinnerten mich an Käfige für Tiere. Und seit Dwight Freya hierhin verschleppt hat, verspürte ich außerdem eine persönliche Abneigung gegen diese Stadt.
Während ich durch die winzigen Gassen lief, versuchte ich die irritierten Blicke der Menschen zu ignorieren. Es war nicht so, dass sie noch nie einen dreckigen Landstreicher gesehen hätten. Allerdings konnte man meinen Auftritt inzwischen nicht mehr nur als ›dreckig‹ bezeichnen. Vermutlich standen mir die Strapazen ins Gesicht geschrieben. Wenn die Dörfler auch nur einen Funken Verstand besaßen, würden sie sich von mir fernhalten. Ich konnte nur hoffen, dass Helena diesen Selbsterhaltungstrieb nicht auch an den Tag legen würde.
Ich hatte mich entschlossen, nicht direkt zu ihrem Haus zu gehen. Mein Plan war nicht annähernd genug durchdacht, um in einer Diskussion mit ihr bestehen zu können. Denn ich war mir ziemlich sicher, dass ich bei ihr mit einem bloßen Appell an ihre Nächstenliebe nicht weit kommen würde. Und das konnte ich ihr nicht einmal verübeln. Immerhin hatte ihr damals auch niemand geholfen, als sie gezwungen gewesen war, sich ein Messer in den Unterleib zu rammen. Damals hatte sie keinen anderen Ausweg gesehen, als sich auf diese verstörende Art und Weise für die Registrierung uninteressant zu machen. Die Regierung der Einheiten suchte nach körperlich einwandfreien Versuchskaninchen, was bedeutete, dass diese Selbstverstümmelung Helena vermutlich das Leben gerettet hatte. Ich respektierte sie für diesen Schritt, dennoch würde ich nicht zulassen, dass Freya zu etwas Ähnlichem gezwungen sein würde. Nur über meine Leiche.
Mein erster Weg führte mich in eine kleine Seitengasse, von der ich wusste, dass sie zu einem Schwarzmarkt führte. Wobei diese Bezeichnung vermutlich ein wenig veraltet war. Die ersten Händler tauchten vor mir auf. Niemand hier war so dämlich, sein Zeug offen auszustellen. Wenn man etwas haben wollte, ging man zu dem entsprechenden Mann und folgte ihm ins Hinterzimmer. Wenn man viel Pech hatte, wurde man ausgeraubt, doch das hatte ich in der Vergangenheit immer verhindern können. Da ich in diesem Moment aber kaum etwas an Waffen am Leibe trug, steuerte ich einen bekannten Händler an, bei dem ich zuvor schon gekauft hatte. Ich konnte nur hoffen, dass er sich an mich erinnerte und mir Kredit gewähren würde. Ich hatte keinerlei Gold bei mir oder irgendwas, was ich zum Tausch hätte anbieten können.
»Was willst du?«, brummte er gelangweilt, als ich mich näherte. Diese drei Worte genügten schon, um eine beeindruckende Wolke Mundgeruch in der ganzen Gasse zu verteilen. Er war ein untersetzter kleiner Mann, dessen Haare an den Seiten schon dünn wurden. Er war ein typischer Schwarzhändler, was mich wieder einmal daran erinnerte, warum ich die Zusammenarbeit mit diesen Kerlen so hasste.
»Hast du Klingen?«, fragte ich geradeheraus. Bei Männern wie ihm machte es wenig Sinn, um den heißen Brei herumzureden. Man verschwendete nur Zeit, und die war gerade kostbar.
Er nickte und bedeutete mir mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Ich zog den Kopf ein, um durch die kleinen Steinbögen zu passen, und betrat einen schmuddeligen Innenhof. Hier standen verschieden große Holzkisten herum, wo der Händler seine Waren ausgelegt hatte. Messer, Pfeile und Lanzen reihten sich aneinander und erweckten den Eindruck eines schaurigen Museums. Viele die Gegenstände waren gebraucht, so dass an manchen sogar noch Blut und andere Reste klebten. Normalerweise würde ich nicht einmal in Betracht ziehen, mir derlei auch nur anzusehen, doch in meiner Situation konnte ich es mir nicht leisten, wählerisch zu sein.
Nach einigem Hin und Her entschied ich mich für einen Dolch mit doppelter Klinge und zwei Wurfsterne, die klein genug waren, um in meine Hosentasche zu passen. Ich überzeugte den Händler davon, anschreiben zu lassen, und machte mich aus dem Staub. Ich war nicht unbedingt scharf auf Aufmerksamkeit und wollte möglichst wenig Leute wissen lassen, dass ich in der Stadt war. Ich hatte keine Ahnung, ob und wie sehr die Gerüchteküche über mich und Freya brodelte. Wenn bekannt war, dass ich einen von uns für ein Siedlermädchen hatte sterben lassen, würde ich mir keine Freunde machen, wenn ich hier auftauchte. Und Feinde hatte ich inzwischen genug.
Genau wie Freya. Als ich sie vor Wochen aus dem Käfig befreit hatte, hatte ich angenommen, dass sie sich die größten Sorgen um meinesgleichen würde machen müssen. Dass die schlimmste Bedrohung aus ihren eigenen Reihen kam, war selbst für mich überraschend. Natürlich wusste ich schon lange, dass die Erdratten gehörig Dreck am Stecken hatten. Das war nichts Neues. Doch ich war immer irgendwie davon ausgegangen, dass es dabei um Feindschaft gegenüber den Wilden ging. Um die Abhebung zu uns und die Demonstration von Überlegenheit. Ich dachte, es ging darum, sich die verwöhnten Ärsche in der Sonne zu bräunen, ohne sich von uns stören zu lassen. Unter sich zu bleiben.
Doch offensichtlich gab es da noch ein, zwei Dinge, die weder ich noch Freya wussten. Und ich konnte mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was das für Freya bedeuten mochte. Die vergangenen Wochen mussten hart genug für sie gewesen sein, auch ohne dass ihre eigene Sippe ihr ein Messer in den Rücken rammte.
Sorgsam verstaute ich meine neuen Habseligkeiten in meinen Taschen und machte mich auf den Weg zu Helenas Haus. Sie würde mir zuhören müssen. Immerhin war sie die Einzige, die sowohl Freyas als auch meine Welt kannte. Und da ich wusste, dass sie mit Informationen nicht gerade offenherzig herausrückte, konnte ich nicht ausschließen, dass sie mehr wusste, als sie Freya gesagt hatte.
Sie würde mir einfach zuhören müssen.
Zwanzig Minuten später stand ich in der schmalen Gasse vor ihrem Haus und starrte die fleckige Fassade an. Dennoch kam es mir wie Stunden vor, in denen ich hier herumstand und nichts weiter tat als meine Gedanken hin und her zu wälzen.
Ich hatte nur einen Versuch.
Wenn ich das hier versaute, wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte. Natürlich konnte ich allein losziehen und hoffen, dass irgendeine Erleuchtung mich überkam, doch es würde einen gewaltigen Rückschlag für meine ohnehin angeschlagenen Ambitionen bedeuten. Ich war mir ziemlich sicher, dass Helena eine Gegenleistung verlangen würde. Und das Einzige, was mir dazu einfiel, war ihre Rache. Ich würde ihr ein Versprechen geben, das ich vermutlich nicht würde halten können. Doch damit würde ich mich später auseinandersetzen.
Allein Freya zählte in diesem Moment.
Halbwegs entschlossen hob ich die Hand und klopfte an die schäbige Holztür.
Augenblicklich wurde sie aufgerissen, so dass ich beinahe frontal mit Helena zusammenstieß, die sich mit verschränkten Armen in der Tür aufbaute. Ihre Haare waren zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt, sie trug ein blassgrünes Kleid und eine fleckige Schürze. Sie hätte wie eine normale Hausfrau aussehen können, wäre da nicht der mörderische Ausdruck in ihren Augen gewesen.
»Ich beobachte dich seit Ewigkeiten, wie du vor meiner Tür herumlungerst, Freundchen«, zischte sie fuchsteufelswild. »Und dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass wir uns einig waren, dass du dich niemals wieder hier blicken lässt.«
Ich hatte nicht wirklich mit einer herzlichen Begrüßung gerechnet, doch diese Anfuhr brachte mich zugegebenermaßen ein wenig aus dem Konzept. »Ich weiß, wir hatten einen Deal, aber würdest du mich hereinlassen?«
Sie schnaubte abfällig, warf aber einen prüfenden Blick durch die Gasse. »Wo ist dein Siedlermädchen?«
Die Frage traf mich härter als erwartet. Meine Augen verengten sich. »Sie haben sie, Helena.«
Eine geschlagene Minute lang starrte sie mich an, dann verdrehte sie die Augen, trat einen Schritt zur Seite und ließ mich herein. Als ich den Fuß über die Türschwelle setzte, atmete ich erleichtert auf. Ich war drin. So weit, so gut. In der kleinen Küche setzte ich mich auf einen der Stühle und wartete, dass sie ebenfalls Platz nahm, doch sie lehnte sich lediglich gegen den Herd und sah mich auffordernd an. Ihr herablassendes Gehabe ging mir auf die Nerven, doch ich...




