O'Connell | Sommer im Hotel Portofino | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten

Reihe: Hotel Portofino

O'Connell Sommer im Hotel Portofino

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7558-1013-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten

Reihe: Hotel Portofino

ISBN: 978-3-7558-1013-1
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1927 an der italienischen Riviera: Es ist Juni in Portofino, wo das britische Upperclass-Ehepaar Cecil und Bella Ainsworth ein exklusives Hotel eröffnet hat. Nach dem Bruch mit ihrem Mann verwaltet Bella das Haus erfolgreich allein und plant bereits den Ausbau. Dann trifft die Nachricht ein, dass verdeckte Hoteltester in Ligurien unterwegs sind. Fortan gilt es, deren Identität zu enthüllen und ihnen einen unvergesslichen Aufenthalt zu bereiten. Als wäre das nicht Aufregung genug, steckt Bellas Sohn Lucian in einer Ehekrise, vor der er ins Hotel Portofino flüchtet - zu seiner heimlichen Liebe Constance, die hier lebt und arbeitet. Doch während die beiden einander näherkommen, ist Lucians Ehefrau ebenfalls auf dem Weg nach Italien. Sein bester Freund Nish hat sich derweil einer antifaschistischen Gruppierung angeschlossen und schwebt in großer Gefahr. Mit >Sommer im Hotel Portofino< entführt JP O'Connell seine Leser*innen erneut in einen nostalgischen Urlaub nach Ligurien. Die Hotel-Portofino-Reihe: Hotel Portofino Sommer im Hotel Portofino Alle Bände sind eigenständige Romane und können unabhängig voneinander gelesen werden.

JP O'CONNELL hat viele Jahre als Journalist gearbeitet, u. a. für The Guardian, The Times und The Daily Telegraph. Er ist Autor mehrerer Sachbücher, u. a. von >Bowies Bücher< (2020). In >Hotel Portofino< (DuMont 2022) nimmt die Geschichte um die Familie Ainsworth ihren Anfang. JP O'Connell lebt in London. Die Serienverfilmung von >Hotel Portofino< läuft seit 2022 bei Magenta TV.
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4

Als Luisa am nächsten Morgen in die Küche kam, hatte Jo schon Kaffee gemacht. Sie trug ihre Joggingsachen und schien gerade vom Laufen gekommen zu sein. Wegen der unruhigen Nacht hatte Luisa verschlafen, es war schon nach zehn.

»Entschuldige«, sagte sie, als Jo ihr einen dampfenden Becher Kaffee reichte. »Für gestern Abend, meine ich. Ich hätte nicht so schroff sein sollen. Aber Owens Anruf kam so unerwartet – ich glaube, es war alles ein bisschen viel.«

Jo umarmte ihre Schwester. »Das verstehe ich. Mir tut es auch leid, dass ich dich gedrängt habe.«

»Alles gut, macht nichts«, sagte Luisa ernsthaft, als sie sich voneinander lösten. »Und … ich habe inzwischen ein bisschen nachgedacht.«

»Ach ja?« Jo wandte sich dem Teller mit Toast auf dem Küchentresen zu.

»Könnte ich mir heute noch mal deinen Wagen leihen? Ich wollte eine Tour an der Küste machen.«

Jo sah sie mit großen Augen an und sagte mit vollem Mund: »Du nimmst Owens Angebot an?«

Luisa schüttelte den Kopf. »Nichts überstürzen. Aber … es ist wirklich großzügig. Die Höflichkeit gebietet es, dass ich mir das Gelände zumindest mal anschaue, oder?«

Ihre Schwester lächelte. »Soll ich mitkommen?«

»Bist du nicht mit deinen künftigen Schwiegereltern zum Mittagessen verabredet?«

»Doch«, gab Jo zu. »Aber sie haben bestimmt Verständnis, wenn ich das verschiebe.«

»Nicht nötig«, sagte Luisa. »Ich will es mir ja nur mal anschauen.«

Als Carlisle, die letzte Stadt vor der schottischen Grenze, in Luisas Rückspiegel verschwand, wurde das Wetter schlechter. Die matte Wintersonne verschwand hinter tiefhängenden düsteren Wolken, Schneeregen klatschte auf die Windschutzscheibe. Während sie am Meeresarm Solway Firth entlangfuhr, sah sie in der Ferne die grüne Küste von Dumfries and Galloway. Weiße Windräder ragten über dem Moorland zwischen den Bergrücken und dem Meer auf. Sie kam durch riesige Industriegebiete mit gigantischen Fabrikhallen, in denen alles von Papier bis Sportkleidung hergestellt wurde. Dazwischen lagen kleinere Ortschaften; Silloth mit seiner vom Wind gepeitschten Strandpromenade, Maryport mit dem malerischen Hafen.

Hinter Whitehaven ging der Firth in die Irische See über, und die schmalen gewundenen Straßen wurden aufgrund des trüben Wetters und der nahenden Dämmerung zusehends unübersichtlicher. Im nächsten Ort, Sellafield, erinnerte sich Luisa an die Familienausflüge zu dem einsamen Strand dort, an dem Jo und sie zusammen Sandburgen gebaut hatten, die dem nahe gelegenen Atomkraftwerk ähnelten. Bald darauf starb ihre Mutter, was das erste einschneidende Verlusterlebnis in Luisas Leben gewesen war. Darum kreisten noch ihre Gedanken, als sie kurz darauf Collaton erreichte, verhangen von düsteren Regenwolken.

Sie fuhr langsamer. Entlang der Küste, wo andere Städte eine Strandpromenade angelegt hätten, verlief die Eisenbahnstrecke, dahinter befand sich ein Gewerbegebiet. Trotz der Nähe zum Lake District – bei klarerem Wetter hätte man den grünen Gipfel des Red Pike in der Ferne erkennen können – war Collaton noch nie ein Ort für Tourismus gewesen. Seine Hochzeit während der Industrialisierung im viktorianischen Zeitalter lag lange zurück. Heutzutage war Collaton nur noch eine Durchgangsstadt, für Touristen gänzlich unattraktiv.

Als Luisa ins Zentrum einbog, sah sie schmale, von der Meeresluft verwitterte Reihenhäuser in Pastellfarben. Die meisten hatten nur einen Vorplatz, keinen Garten, waren kostengünstige und simpel angelegte Wohnstätten für die Arbeiter, die früher in den Werften und Ölraffinerien geschuftet hatten. Fast alle Häuser wirkten verlassen, die Fenster waren dunkel, die Eingänge von Unkraut überwuchert.

Luisa folgte dem blauen Punkt von Google Maps durch das Gewirr der Straßen, vorbei an einem Schrottplatz, auf dem sich Autowracks türmten. Als sie an einer Kreuzung abbog, hörte sie ein knirschendes Geräusch vom linken Hinterrad. Sie fluchte, sah aber im Rückspiegel keine Gegenstände auf der Straße – hoffentlich war es nur eine Plastikpackung gewesen. Der teure BMW, den Jo ihr so großzügig überlassen hatte, durfte auf keinen Fall Schaden nehmen.

Eine weitere Häuserreihe endete an einem verlassenen Gelände, auf dem sich früher offenbar ein Gebäude aus rotem Sandstein befunden hatte. Davon stand jedoch nur noch eine verfallende Giebelwand am Rande des Grundstücks, das mit Geröll, Schutt und Brombeerranken bedeckt war. Aus aufgeplatztem Asphalt wucherten Brennnesseln. Was Luisa hier gerade vor sich sah, war das Stück Land, das Owen ihr angeboten hatte.

Sie parkte und spähte aus dem Fenster. Rund um das Gelände befanden sich einige Wohnhäuser und leer stehende Gewerbegebäude. Drei ehemalige Geschäfte waren mit Brettern vernagelt. An einer Ecke verwies ein verwittertes Holzschild, schwankend im Wind, auf einen Pub, der vermutlich schon im letzten Jahrhundert geschlossen worden war. Das einzige Gebäude, das bewohnt aussah, befand sich auf der gegenüberliegenden Seite. Aus einer offen stehenden Doppeltür drang gelbes Licht.

Inzwischen war es so finster geworden, dass Luisa die Taschenlampe aus dem Handschuhfach mitnehmen musste. Als die Autotür zufiel, hörte sich der Knall in der bedrückenden Stille wie ein Schuss an. Sie inspizierte die Reifen, die unversehrt zu sein schienen. Ein eisiger Wind vom Ufer fegte durch den Ort, und Luisa ärgerte sich, dass sie vor der Fahrt die Wettervorhersage nicht angeschaut hatte. Sie trug hellblaue Jeans und ihre treue Steppweste über einem blauen Wollpulli, keinen Mantel, und fröstelte jetzt heftig. Im Land Rover hätte sie ihre alte Barbour-Jacke gehabt, aber der luxuriöse Firmenwagen enthielt nur das Nötigste.

Macht nichts, sagte sich Luisa. Ich bleibe ja nicht lang.

Als Erstes umrundete sie das Grundstück, das etwa die Größe eines Fußballfelds hatte und von einem Maschendrahtzaun mit einem verschlossenen Tor und einem Gehweg umgeben war. Dann betrat sie das Gelände durch eine der Lücken in dem löchrigen Zaun.

Eine Asphaltfläche nahm die eine Hälfte ein, der andere Teil war verwildert. Die Überreste der Fabrikruine lagen offenbar noch genau dort, wo sie ursprünglich hingefallen waren. Luisa fragte sich, wie lange das Grundstück wohl schon verlassen war. Sie bemühte sich, Reubens Sichtweise nachzuvollziehen, der immer in allem das Beste erkennen konnte. Aber selbst er hätte wohl angesichts dieses Verfalls seine Mühe gehabt.

Luisa wurde klar, dass sie von Anfang an recht gehabt hatte – sie wusste gar nicht, wie sie so etwas anfangen sollte. Diese riesige Fläche konnte unmöglich von ihr allein bearbeitet werden, das wäre ein vollkommen aussichtsloses Unterfangen. Du hast es dir angeschaut, jetzt fahr wieder nach Hause, sagte sie sich. Marianne braucht morgen deine Notizen.

Luisa kehrte zu dem Loch im Zaun zurück und zwängte sich hindurch. Sie fühlte sich seltsam niedergeschlagen. Aber was hatte sie denn erwartet? Ihr war doch von Anfang an klar gewesen, dass sie sich nicht auf dieses verrückte Projekt einlassen würde.

Jetzt schlug ihr auch noch Schneeregen ins Gesicht, so eiskalt, dass ihr fast der Atem stockte, und sie hastete zum Auto zurück. Als sie sich näherte, kam ihr etwas sonderbar vor, und sie hoffte, es läge nur am Zwielicht. Doch dann sah sie im Licht der Taschenlampe, dass der linke Hinterreifen platt wie eine Flunder war.

Luisa fluchte vor sich hin. Es gab nur zwei Optionen: entweder den Reifen selbst reparieren oder für wer weiß wie lange im Auto auf einen Notdienst warten. Und wenn sie die Türen der Edelkarosse nicht offen lassen wollte (Jos Meinung dazu mochte Luisa sich lieber nicht vorstellen), musste sie die Reparatur notgedrungen im Licht der Taschenlampe vornehmen. Luisa öffnete den Kofferraum und verharrte einen Moment unter der schützenden Klappe, um sich zu sortieren.

Plötzlich hörte sie in der Nähe laute Stimmen und Gelächter. Sie drehte sich um und sah schattenhafte Gestalten aus der beleuchteten Tür des Gebäudes gegenüber treten, Jugendliche offenbar. Sie eilten die Straße entlang, die Jacken über den Kopf gezogen, und beklagten sich lautstark über das Wetter. Kurz darauf schloss jemand, der sogar aus der Entfernung sehr groß und wuchtig aussah, die Tür von außen ab. Nun bestand die einzig verbliebene Lichtquelle weit und breit aus Jos Taschenlampe.

Luisa wurde klar, dass sie jetzt wirklich mutterseelenallein war und loslegen musste, bevor sie sich vor Kälte nicht mehr rühren konnte. Entschlossen klemmte sie sich die Taschenlampe zwischen die Zähne und hob die Klappe im Kofferraum an, unter der sich Wagenheber und Werkzeug befanden.

»Alles in Ordnung bei Ihnen?«

Luisa wirbelte so erschrocken herum, dass ihr die Lampe aus dem Mund fiel und wegrollte. Wilde Lichtmuster blitzten auf, und ein paar Schritte entfernt konnte Luisa die Silhouette des wuchtigen Mannes erkennen, der die Tür des Gebäudes abgeschlossen hatte. Er bückte sich und hob die Taschenlampe auf, die auf ihn zugerollt kam.

»Tut mir leid«, sagte er und hielt sie Luisa hin. »Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt.«

Luisa hätte das gerne verneint, was aber eine Lüge gewesen wäre. Sie stand hier immerhin mit einem wildfremden Mann in der Finsternis. Er war groß und breitschultrig, hatte dunkle kurz geschnittene Haare, und seine Nase sah aus, als sei sie schon einmal gebrochen worden. Luisa tastete zur Sicherheit mit einer Hand nach dem Griff des Wagenhebers.

Inzwischen beäugte der Mann den Reifen. »Kein idealer Zeitpunkt für einen Platten, was?«

»Ach, der ist schnell...


Kemper, Eva
EVA KEMPER studierte in Düsseldorf Literaturübersetzen. Zu ihren Übersetzungen zählen Werke von Junot Díaz, Jarett Kobek, Emma Stonex und Cathy Park Hong.

O'Connell, JP
JP O'CONNELL hat viele Jahre als Journalist gearbeitet, u. a. für The Guardian, The Times und The Daily Telegraph. Er ist Autor mehrerer Sachbücher, u. a. von ›Bowies Bücher‹ (2020). In ›Hotel Portofino‹ (DuMont 2022) nimmt die Geschichte um die Familie Ainsworth ihren Anfang. JP O’Connell lebt in London. Die Serienverfilmung von ›Hotel Portofino‹ läuft seit 2022 bei Magenta TV.



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