E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Golden Blood
Odesza Golden Blood - A Deal with Darkness
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-492-61151-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dark Romance | Düster und geheimnisvoll | Spicy Dark Romance
E-Book, Deutsch, Band 1, 352 Seiten
Reihe: Golden Blood
ISBN: 978-3-492-61151-0
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
D.C. ODESZA ist das Pseudonym einer jungen, deutschen Autorin. Seit ihrem Studium in Germanistik- und Geschichtswissenschaft schreibt sie Fantasygeschichten und spannungsgeladene Romane, die sich durch tiefe Gefühle, sinnliche Momente und tiefbewegende Handlungen auszeichnen.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 2
Mit nervösen Fingern halte ich mir mein Tablet vors Gesicht. Ich darf diese Prüfung unter keinen Umständen vermasseln. Über eine Woche lang habe ich jede Nacht durchgelernt, auf Schlaf verzichtet, sogar meine Hygiene vernachlässigt. Meine Fingernägel sind abgekaut, unter meinen Augen zeichnen sich dunkle Augenringe ab, und meine Haare haben die letzten Tage bloß Trockenshampoo gesehen. Hauptsächlich habe ich mich von Tiefkühlpizza, Crackern und Energydrinks ernährt. Selbst meine Mitbewohner haben sich Sorgen um mich, meine Ernährung und meinen Schlafrhythmus gemacht.
Doch niemand hat gesagt, dass das Psychologiestudium einfach sein wird. Ich wusste, was auf mich zukommt, und war von Anfang an bereit, alles zu geben, selbst wenn das heißt, meine Haare eine Woche lang nicht zu waschen.
Dieses Studium bedeutet mir alles, wirklich alles. Ich bin bereits im neunten Semester. Und die heutige Zwischenprüfung für Neuropsychologie kann ich nur einmal wiederholen, und das erst in einem halben Jahr.
Ganz ehrlich, eine weitere Prüfungsvorbereitung schaffe ich nicht. Meine Nerven liegen blank, mein Körper sehnt sich nach Schlaf, mein Magen nach gesundem Essen. Trotzdem gebe ich alles.
Im Gehen werfe ich mir ein Stück Traubenzucker in den Mund, das ich auf der Zunge zergehen lasse. Die Reste spüle ich mit Kaffee hinunter.
Die Verkehrsgeräusche um mich herum werden immer lauter, je näher ich dem Campus komme. Mein Wohnheim befindet sich bloß fünf Gehminuten vom Campus entfernt, direkt an einem wunderschönen Park mit Teich. Aber nun, da ich die grüne Anlage verlassen habe, empfängt mich das laute Verkehrschaos Istanbuls. Roller rasen knatternd über die zweispurige Hauptstraße, Fahrradkuriere umrunden mich und unzählige Autos fahren an mir vorbei.
Erneut versinke ich in meinen Mitschriften auf dem Tablet, wische mit dem Daumen zur nächsten Seite und nehme einen Schluck Kaffee, während ich plötzlich an der rechten Schulter zurückgerissen werde.
»Halt! Es ist rot!«, warnt mich eine Männerstimme.
Sofort hebe ich den Kopf. Keinen halben Meter von mir entfernt rast ein Transporter haarscharf an mir vorbei. Voller Entsetzen stelle ich fest, dass ich mich auf dem Bordstein befinde, der die Hauptverkehrsstraße vom Personenübergang trennt.
Hektisch schnappe ich nach Luft und reiße die Augen auf. Denn auf der anderen Seite sehe ich einen Studenten mit Kopfhörern auf einem Fahrrad, der ebenfalls ohne zu schauen die Straße überquert. Ein lautstarkes Hupen ertönt, bevor der Fahrradfahrer im nächsten Moment von einem roten Wagen erfasst wird. Der Student wird mit voller Wucht über die Frontscheibe des roten Autos geschleudert, rutscht am Dach ab und landet hart auf dem Boden, ehe er von einem weiteren Auto überrollt wird.
Das Quietschen von Rädern dringt an meine Ohren, während ich nicht glauben kann, was gerade passiert ist.
Das … das … das habe ich mir bloß eingebildet, oder?
Plötzlich erklingen panische Schreie hinter mir. Eine Frau kreischt so ängstlich, dass sich mir die Nackenhaare aufstellen.
Alle Autos kommen zum Stehen, bevor die Fahrer hastig aussteigen und nach dem Verletzten sehen.
Geschockt öffne ich den Mund, und der Kaffeebecher rutscht mir aus den Fingern.
Der Druck auf meiner Schulter verschwindet. »Ach du heilige Scheiße«, höre ich den Mann schräg hinter mir sagen, ehe er an meine Seite tritt und mich anschließend von oben bis unten mustert. Sein Blick verweilt einen Moment auf meiner hellen Bluse.
»Geht es dir gut?«
Ob es mir gut geht? Flüchtig schaue ich zu ihm, dann zu dem verletzten Fahrradfahrer und nicke. Zeitgleich rennen Passanten auf den Unfallort zu und bilden eine Traube um den Verletzten. Oder ist er bereits tot?
Unwillkürlich spielt sich in meinem Kopf ein bestimmtes Szenario erneut wie in Endlosschleife ab. Eins, das ich lange Zeit unter Verschluss gehalten habe. Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, während ich auf der Rückbank saß. Sie kamen von der Landstraße ab, rasten in einen Baum und starben noch am Unfallort. Ich war, bis die Rettungskräfte eintrafen, bei vollem Bewusstsein, schrie ihre Namen, rüttelte an ihnen und kämpfte gegen die Benommenheit in meinem Kopf und die Schmerzen in meinen Beinen an.
»Anne, Baba, wacht auf.« Immer wieder rüttelte ich an ihren Schultern. Doch während Papas Kopf blutüberströmt am Seitenfenster lehnte, war Mamas nach vorn gebeugt. Die Airbags waren von roten Blutspritzern und -flecken übersät, während weiterhin von Hadise im Radio lief.
Weinend und komplett überfordert mit der Situation versuchte ich, mich vom Gurt zu befreien. Da Mamas Vordersitz vom Aufprall weit nach hinten geschoben worden war, konnte ich mich kaum bewegen und war eingeklemmt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass beide Beine gebrochen waren. Mein Körper stand unter Schock, und ich war erst sieben Jahre alt.
Das viele Blut, die Schreie, die Sirenen, das Chaos, die Hilflosigkeit, alles erinnert mich daran, obwohl ich so viele Jahre damit zugebracht habe, dieses traumatische Erlebnis aufzuarbeiten.
Atme, Meliya, atme.
Doch die schrillen Geräusche der Sirenen verhindern, dass ich mich auf meine Atmung fokussieren kann. Es funktioniert einfach nicht. Bisher habe ich diese Übungen immer in einem ruhigen Umfeld durchgeführt, nicht auf offener Straße, umgeben von Schaulustigen und herannahenden Rettungswagen.
Mein Herz rast unaufhörlich, während ich wie gelähmt bin. Erst als eine Person mich anrempelt, erwache ich aus meiner Starre.
»EMIR! EMIR!« Eine Frau rennt auf den Unfallort zu.
Ich kann den Fahrradfahrer, dessen Körper ungewohnt verdreht auf dem Boden liegt, noch sehen. Von seinem Kopf ist nicht mehr viel zu erkennen. Sein Fahrrad befindet sich wenige Meter entfernt verbogen auf dem Fußgängerübergang.
Der einzige Gedanke, der mir gerade durch den Kopf geht, ist: Das hätte vor wenigen Sekunden mir passieren können, wenn mich der Mann nicht rechtzeitig gewarnt hätte.
Mir wird heiß und kalt zugleich. Während um mich herum das wilde Chaos tobt, bleibe ich stehen.
»Was hast du?«, fragt mich der Mann erneut. »Hast du einen Schock? Dumme Frage, wer hat den nicht, der das mitangesehen hat.« Erst als der dunkelhaarige Mann in mein Sichtfeld tritt und mir einen lockeren Klaps auf die Wange gibt, betrachte ich ihn näher. Er ist bloß wenige Jahre älter als ich, trägt ein schwarzes Polohemd, eine dunkle Hose und ist von Tätowierungen, die sich vom Hals bis zum linken Arm erstrecken, überzogen.
»Ich … Es geht gleich wieder«, lasse ich ihn wissen, blinzle und schaue zum Kaffeebecher, der mir aus der Hand gerutscht ist. Ich bücke mich nach ihm, hebe ihn auf und gehe anschließend weiter. Lauf einfach weg, als würde mich das alles nichts angehen. Ist es Feigheit? Ist es Selbstschutz? Vermutlich beides.
Der Mann holt zu mir auf und greift nach meinem Ellenbogen. »Wo willst du hin?«
»Zur Uni. Ich schreibe gleich eine Prüfung.«
»Du kannst den Unfallort nicht verlassen.«
»Wieso nicht?« Verwirrt schaue ich zu ihm auf.
Er nickt zum Polizeiwagen, der gerade vorfährt. »Sie müssen unsere Aussagen aufnehmen.«
In diesem Moment zerbricht etwas in mir. Ich schaue von meinem Tablet, das wenige Blutstropfen abbekommen hat, weiter zum Polizeiwagen, aus dem drei Polizisten aussteigen, dann zu dem fremden Mann.
Die wochenlange Vorbereitung auf die Prüfung soll umsonst gewesen sein, weil ein Unfall passiert ist, an dem ich nicht einmal beteiligt war?
Ich habe zwei Möglichkeiten: Entweder ich renne los und verlasse den Ort; keiner kennt schließlich meinen Namen,...




