Odier | Kali - Mythologie, geheime Praktiken & Rituale | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 108 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Odier Kali - Mythologie, geheime Praktiken & Rituale


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-38438-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-38438-5
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Kali hat sich vor einem reichhaltigen Hintergrund entwickelt, der der Anbetung der weiblichen Macht gewidmet war, die überall vor der Entstehung der Religionen verehrt wurde: Die Grosse Mutter. Die Kultur des Hindus-Tals, wo man im Keim alle grossen Ideen findet, die sich in der tantrischen Bewegung kristallisieren sollten, verehrte die grosse Göttin, von der noch kleine, etwa 4500 bis 5000 Jahre alte gebrannte Tonfiguren vorhanden sind. Altsteinzeitliche Stätten stellen die Göttin in Form von dreieckigen Stelen oder gerundetem Gestein dar, einige von ihnen werden noch heute in Indien verehrt. Kali entstand aus ländlichen, vorvedischen Traditionen unzivilisierten und schamanischen Ursprungs, um dann langsam zur indischen Tradition überzuwechseln. Sie wurde zur Gemahlin Shivas und so von den Tantrikern des Kaulapfads angenommen. Seit dem 4. Jahrhundert kam dieser Pfad aus Assam. Er wurde auf meisterhafte Weise vom Mahasiddha Matsyendranath dargelegt, dem Abhinavagupta zu Beginn seines Tantraloka huldigt. Kali wird zur Schöpferin: Die, durch die alles begann.

Daniel Odier war Schüler von Kalou Rinpoche, anschliessend wurde er von der kaschmirischen Yogini Lalita Devi unterwiesen. Sie übertrug ihm den Spanda- sowie den Pratyabhijna-Pfad des kaschmirischen Tantrismus in der Kaula-Tradition, der Lehre der verrückten Weisheit, die er nun weltweit überliefert. Daniel Odier wurde von Jing Hui, dem Nachfolger von Xun Yun, als Chan-Meister in der Zhao Zhou Linie anerkannt. Seine Bücher über Tantrismus und Chan sind in fünfzehn Sprachen übersetzt.
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2 Die Kaulatradition

Ursprünglich aus Assam stammend, hat sich die Kaulatradition seit dem vierten Jahrhundert in mehreren Wellen Richtung Kaschmir bewegt, also in der Zeit, in der man auch die ersten schriftlichen Spuren des Vijnanabhairava Tantra findet, ein Schlüsseltext des Shivaismus aus Kaschmir.12 Kaula bezieht sich auf Shiva/Shakti. Aus ihrer Vereinigung entsteht der Kaulapfad. Das ist die Erkenntnis, dass die Vereinigung von Bhairava und Bhairavi das höchste Bewusstsein, das Herz ist. Kaula heisst auch „Familie“ oder „Gruppe“ der Praktizierenden.

Wahrscheinlich nannten sich die ersten beiden Meister aus Assam, die diese Tradition in Kaschmir gelehrt hatten, Ishvarashiva und Shankararasi. Der Kaulapfad wurde auf meisterhafte Weise vom Mahasiddha Matsyendranath dargelegt. Kali wurde bald zur Schöpferin, zu derjenigen, durch die alles begonnen hat.

Die Entstehung des Kaulapfads

Die legendäre Entstehung des Kaulapfads wird Matsyendranath zugeschrieben, der ihn direkt von Shiva erhalten hat. Die Geschichte erzählt, dass Matsyendranath sich in einen Fisch verwandelte, um die geheime Unterweisung zu hören, die Shiva Parvati am Ufer des Ozeans erteilte, von daher sein Name: Matsyendra bedeutet Fisch und Nath, Herr. Er näherte sich dem Paar und war in der Lage, die gesamte Lehre des Kaulapfads aufzunehmen, die er dann in Kaschmir und entlang des ganzen tantrischen Weges weitergab, dieser führte von Assam an Nepal vorbei nach Kaschmir. Die Kaulatradition spielte dann eine zentrale Rolle im kaschmirischen Shivaismus und bei den Kalipraktiken. Matsyendranath starb in Nepal, im Tal von Kathmandu, wo man noch heute seiner feierlich gedenkt.

Seine ursprüngliche Reise nach Kaschmir nahm mehrere Jahre in Anspruch und gab Gelegenheit, den Kaulapfad über die ganze Strecke zu verbreiten; denselben Weg benutzten die kaschmirischen Meister, um in Assam zu unterweisen. Sie begaben sich auf eine Pilgerreise nach Kamakya, wo sich der Tempel der Yoni der Göttin befindet. Die Yoni der Göttin fiel dort, in der Nähe des Brahmaputra herab, nachdem Vishnu ihren Leichnam zerstückelt hatte. Er tat dies, um die Götter vom entsetzlichem Gebrüll des trauernden Shiva zu befreien, der nach dem Tod der Shakti ihren Körper durch den unendlichen Raum getragen hatte. Der in fünfzig Stücke geschnittene Körper fiel auf indisches Gebiet, und auf jedem der Teile entstand eine heilige Stätte (Pitha). Fünfzig Teile, fünfzig Silben, die ganze Sprache. Darum werden im Weiheritual des Körpers, der dem sexuellen Ritual der Grossen Vereinigung vorausgeht, diese heiligen Stätten mit einer rituellen Berührung auf den Körper des Eingeweihten gekennzeichnet.

In der Tradition existiert noch eine andere Version der Geschichte. Sie bezieht sich auf den Weisen Vashishtha, der, nachdem er während vieler Jahre strenge Yoga-Askese praktiziert hatte, noch immer nicht die Siddhis bzw. Kräfte erlangt hatte. Eines Nachts hatte er einen Traum, der ihm befahl, den Brahmaputra bis zur Quelle hinaufzugehen und ihm ankündigte, er würde dort ein von den Weisen bewohntes Königreich finden und die höchste Unterweisung erhalten. Er machte sich auf den Weg, stieg den Fluss hinauf, durchquerte Mahacina, das grosse China (vielleicht Tibet) und entdeckte schliesslich das Königreich der Weisen. Zu seinem grossen Erstaunen sah er, dass die Meister - unter ihnen war Vishnu in einer Inkarnation des Buddha, die dem historischen Buddha vorausging - sich vergnügten und in vollen Zügen die Freuden des Lebens genossen: Musik und Tanz, Nacktheit, Wein, Genuss der Sinne, Poesie und göttliche Orgien.

Vashishtha erhielt die Lehren des Kaulapfads, diese Lehren fegten seine Vorurteile hinweg und befreiten ihn von einer langjährigen Kontrolle der Sinne, die er sich ganz umsonst auferlegt hatte. Er erhielt die Rituale, die Praktiken, die Sicht der Welt und die Anweisung zur Anwendung der fünf „M“: madya (Wein), mamsa (Fleisch), matsya (Fisch), mudra (geröstetes Getreide) und maithuna (sexuelle Vereinigung). Als er diesen Unterweisungen folgte, gelangte Vashishtha schnell zur höchsten Verwirklichung. Er stieg wieder nach Kamakya hinunter und begann, den Kaulapfad zu unterweisen. Diese Lehre lässt sich in grossen Zügen folgendermassen umreissen:

- Absolute Freiheit, was Regeln und Rituale betrifft.

- Alle Praktiken, rituelles Bad, Mantra, Wiederholung,

Zeremonien geschehen mental.

- Keine Regeln, was günstige oder ungünstige

Zeitpunkte betrifft. Jeder Zeitpunkt ist ideal.

- Nichts ist rein oder unrein.

- Keine Verbote von Nahrungsmitteln.

- Die Frau muss als Inkarnation der Göttin verehrt und respektiert werden.

Um sich nicht in der Chronologie oder dem Erscheinen von Personen zu verlieren, wie in der Geschichte von Vashishtha, der einem Buddha begegnet, ist es wichtig zu verstehen, dass Indien - und die Tantriker noch mehr - einen anderen Zeitbegriff haben als wir. Das sieht man zum Beispiel bei der Nachfolge von Matsyendranath und seinem Schüler Gorakshanath, die zeitlich wahrscheinlich mindestens ein gutes, vielleicht sogar zwei Jahrhunderte voneinander getrennt sind. Das, was einem Westler seltsam Vorkommen mag, stellt für einen Tantriker überhaupt kein Problem dar, verschlingt Kali doch die Zeit!

Nachdem die Lehren über Jahrhunderte in Kaschmir entwickelt worden waren, verlieh ihnen der als einer der grössten Philosophen Südasiens weit anerkannte Abhinavagupta (ca. 950 -1020), deutlich Ausdruck. Er wurde im Kaschmirtal in eine brahmanische Familie von Gelehrten und Mystikern hineingeboren. Als Musiker, Dichter, Dramatiker und Theologe hatte er einen tiefgehenden Einfluss auf die indische Kultur. Nachdem Abhinavagupta die Einweihung seines Meisters Sambhunatha in den Kaulapfad erhalten hatte, gelangte er zur Erleuchtung. In seinem langen Leben vollendete er mehr als fünfunddreissig Werke, von denen das Tantraloka, eine enzyklopädische Abhandlung aller philosophischen und praktischen Aspekte der Kaulatradition, das umfassendste und berühmteste ist. Abhinavagupta beginnt dieses Werk mit einer Huldigung an Matsyendranath.

Kaulatexte

Die Existenz der mündlichen Tradition macht es äusserst schwierig, die Abfassung der Tantras zu datieren, ja, sie macht jede Datierung tatsächlich unmöglich, die späten Tantras ausgenommen. Ein Text, der als die erste Ausgabe eines Tantras gilt, kann also aus einer Quelle stammen, die einige Jahrhunderte älter ist. Westliche Forscher treiben die ältesten Texte auf. Die Yogis verwenden die mündliche Überlieferung, von Mund zu Mund, wie in den Tantras geschrieben steht. Diese Überlieferung gilt als wesentlich zuverlässiger, da sie sich im strengen Rahmen der Initiation abspielt. Die Gelehrten hingegen fügen zur Niederschrift bzw. zur Übersetzung der Texte gerne ihren eigenen Beitrag hinzu, was die Texte weniger zuverlässig macht.

Kaula Upanishad

Die Kaula Upanishad, ein kurzer Text, gibt eine komprimierte Fassung der Kaulavision. Sie wird später ins Unendliche entwickelt werden, als sie nach Kaschmir wei - tergeht und auf die kosmische Vision von Abhinavagupta, seinen Meistern und Schülern trifft.

Die fünf Objekte der Sinne sind der Kosmos in Ausdehnung.

Das nicht gespaltene Absolute ist der Schöpfer.

Das Nichtwissen ist identisch mit dem Wissen.

Ishvara, der Herr, ist der Kosmos.

Das Ewige ist identisch mit dem Vorläufigen.

Die Absenz von Dharma ist das Dharma.

Die fünf Bindungen bilden die Essenz der wahren Erkenntnis.

Von allen Sinnen ist das Auge der Anführer!

Kehre dein Verhalten um, was die Normen betrifft, aber bleibe im Bewusstsein.

Die Befreiung findet sich nicht im Wissen.

Mache keine Unterscheidungen.

Sprich über diese Dinge nicht mit den Pashus (Bornierten).

Gib den Stolz auf.

Der Guru ist die Einheit.

Verurteile die anderen Praktiken nicht.

Mache keinerlei Gelöbnis.

Erlege Dir keinerlei Beschränkung auf.

Sich beschränken führt nicht zur Freiheit.

Praktiziere innerlich.

Dieses ist die Befreiung.

Auf dass der Kaulaweg triumphiere!

Das Kularnava Tantra

Um das Jahr Tausend komponiert, liefert das Kularnava Tantra die vollständigste Definition dieser für das Verständnis der Kaulatradition zentralen Betrachtungsweise. Das ist der Königliche Weg der Shakti, die Aufhebung der Dichotomie zwischen Askese und Vergnügen, der Weg des Vira oder tantrischen Helden.

„Es gibt keine Lehre oder Weg, der sich mit der Sonne des Kaula vergleichen Hesse“, sagt das Kulanarva Tantra. „Aber dieser nicht-duale Weg ist tapferen Anwärtern Vorbehalten: Ihr könnt auf einer scharfen Schwertklinge laufen, einen Tiger beim Hals packen, eine Schlange auf dem Körper tragen, aber dem Kaulapfad zu folgen ist viel schwieriger.“13

Im Kularnava Tantra sind die Werte umgekehrt. Das, was von der äusseren Welt verworfen wird, wird vom Kaula aufgewertet. Es gibt weder Verdienst, noch Vergehen, weder Gut noch Böse, weder Paradies noch Hölle. Dieser Zugang wird dem Vira (Held) dazu dienen, sich von den...



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