E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
O'Gorman Politik für alle
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-312-01214-5
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hannah Arendt lesen in unsicheren Zeiten
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Reihe: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01214-5
Verlag: Nagel & Kimche
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
In der heutigen Zeit denken viele, dass wir mit weniger statt mehr Politik besser dran wären. Ned O'Gorman sieht das anders. Mit Hannah Arendt argumentiert er für ein Mehr an Politik. Politik ist für Arendt nicht die letztgültige Lösung für das gedankenlos Böse, doch stellt ein wichtiges Gegenmittel dar - aus dem einfachen Grund, weil sie uns dazu aufruft, mit anderen, die sich von uns unterscheiden, zu reden und potentiell nachzudenken. Politik besteht in der Auseinandersetzung mit Menschen, die anders sind als wir, in der Einbeziehung anderer Sichtweisen und Bedu?rfnisse, in der Vermeidung von gedankenlosen Vorurteilen und instinktiven Reaktionen.
Was machen wir aus der Tatsache unseres Zusammenlebens? Eben dies ist laut Arendt die entscheidende politische Frage. O'Gorman macht Hannah Arendts Gedankenga?nge allen versta?ndlich und setzt sie dabei gewinnbringend in Bezug zur heutigen Zeit.
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Vorwort
Dieses Buch handelt vom Glück.
Bestimmt kennt jeder die Redewendung vom »Streben nach Glück« (the pursuit of happiness). Sie war – und ist – revolutionär. Für die Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und die Menschen, die sie vertraten, war Glück das Ziel des politischen Lebens. Auf uns Heutige wirkt dieser Anspruch überraschend. Wir sind es nicht gewöhnt, Politik mit Glück zu verbinden. Viel eher assoziieren wir sie mit negativen Gefühlen wie Elend, Depression, Apathie, Empörung oder Wut. Doch als Thomas Jefferson vom »Streben nach Glück« schrieb, tat er das nicht leichthin. Er wiederholte nur einen uralten Gemeinplatz. In der Antike galt »Glück« oder »Gedeihen« als Endziel des politischen Lebens. Zufriedenheit im Alltag war nach damaliger Vorstellung am besten zu erreichen, indem man in Aufbau und Instandhaltung des kollektiven Lebens investierte.
Die deutsch-amerikanische politische Denkerin Hannah Arendt verfasste den Großteil ihrer Schriften in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie beobachtete, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner* – mit der entscheidenden Ausnahme der Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler – diese grundlegende Wahrheit weitgehend vergessen hatten. Natürlich strebten viele in den USA der 1950er- und 1960er-Jahren nach »Glück«. Aber dabei handelte es sich um ein privates Glück. In den 1950er-Jahren suchte man es in neuen Küchengeräten, Comedy-Serien und Kochrezepten, in den 1960er-Jahren in Sex, Drogen und Rock’n Roll. Arendt schrieb, die amerikanische Bevölkerung hätte mit diesen privaten Dingen jenes tradierte Streben ersetzt, dass man zu Jeffersons Zeit noch ganz direkt als »öffentliches Glück« bezeichnet hätte. Wegen dieses öffentlichen Glücks – und nicht wegen höherer Löhne oder mehr Besitz – emigrierten die Menschen aus England und anderswo in die Neue Welt. Und wegen dieses öffentlichen Glücks kämpften sie im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.
* Der Verlag ist um gendergerechte Sprache bemüht. Da dieser Text viele Zitate und historische Bezüge enthält, eignet er sich nicht für eine durchgängige Verwendung der gendergerechten Sprache. Daher hat sich der Verlag für einen Wechsel zwischen Beidnennung und der auch intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen einschließenden Sternchenform entschieden. In historischen Zusammenhängen steht größtenteils die männliche Form, entsprechend der politischen Realität in der griechischen polis und im Römischen Reich.
Arendt schrieb in einer Zeit, in der die Ablösung des öffentlichen durch das private Glück von den meisten Amerikaner*innen nicht als Problem betrachtet wurde. Na und?, schienen sie zu fragen. Sie setzten auf eine Zukunft mit mehr Wohlstand für sich und ihre Kinder. Viele fanden gute Gründe, ihr wirtschaftliches und persönliches Wohlergehen über eine aktive Beteiligung an der bürgerlichen Gemeinschaft zu stellen. In Konsumgütern, Unterhaltungsangeboten, schönen Häusern und schicken Autos sahen sie immer neue Wege zum privaten Glück. Das öffentliche Leben erschien ihnen bestenfalls als eine Art Freizeitbeschäftigung, die Menschen mit politischen Ambitionen vorbehalten war. In dieser Zeit entwickelte sich ein neues amerikanisches Credo, das der ehemalige Präsident Ronald Reagan in den 1980er-Jahren so formulierte: »Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; und dass zu diesen Rechten das Recht gehört, von der Regierung in Ruhe gelassen zu werden, Politiker zu verachten und sich auf das Geldverdienen zu konzentrieren.« Seitdem ist dieses Credo ein amerikanisches Glaubensbekenntnis.
Wenigstens war das bis vor Kurzem so. Während ich diese Zeilen schreibe, erleben wir die negativen Folgen unserer mangelnden Beteiligung am staatsbürgerlichen und politischen Leben. Mithilfe der sozialen Medien drängt unsere lange vernachlässigte politische Kultur in den Privatbereich, führt zu Familienstreit, ruiniert Freundschaften und macht uns persönlich unglücklich, depressiv oder zutiefst wütend. Zudem erreichen die größten Weltprobleme – vom Klimawandel über zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit und Informationskrieg bis hin zu Flüchtlingskrisen – nun auch viele von uns (manchmal ganz direkt) und können nicht länger ignoriert werden.
Die Grundaussage dieses Buchs ist deshalb: Nachhaltiges und umfassendes privates Glück hängt vom öffentlichen Glück ab. Auf dieser Grundvoraussetzung wurde die amerikanische Republik gegründet. Sie bildet zwar keine perfekte Basis, ist aber heute noch genauso wahr wie damals. Die Qualität unseres öffentlichen Lebens formt die Qualität unseres privaten Lebens. Politik formt einige Grundbedingungen unserer privaten Zielsetzungen und ist längst nicht nur ein Hobby seltsamer Typen.
Das Projekt namens »Liberalismus«, Leitprinzip der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Nordamerika, machte uns lange das Gegenteil glauben. Liberalismus hängt mit »liberalen« politischen Positionen zusammen, unterscheidet sich zugleich aber von diesen – schließlich bezeichnen sich auch Konservative als liberal. Er kann definiert werden als die Überzeugung, die Hauptverpflichtung der Gesellschaft bestehe im Schutz des privaten Strebens nach Glück. Der Liberalismus gründet in einigen sehr wichtigen Wahrheiten: Individuen sind wichtig und schutzbedürftig und Individualität ist etwas Gutes.
Doch der Liberalismus kann den Akzent so stark in Richtung des individuellen Rechts auf das Streben nach dem wie auch immer gearteten privaten Glück verschieben, dass eben jene gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Probleme vernachlässigt werden, die doch gerade die Bedingungen und Umstände der privaten, persönlichen Zielsetzungen bilden. Der Liberalismus lehrt uns, dass wir uns nur auf unsere privaten Interessen konzentrieren müssten, ohne die Privatinteressen anderer einzuschränken, und schon sei uns das Glück gewiss. In seiner extremen Ausformung wird dieser Ansatz als »Libertarismus« bezeichnet. Doch für die meisten von uns funktioniert die Welt nicht so: Derzeit müssen wir erkennen, dass unser Privatleben, unser Wirtschaftsleben und unsere körperliche Gesundheit nicht von der politischen Dynamik der Wohnviertel, Gemeinschaften, Länder und klimatischen Bedingungen unabhängig sind, sondern dass sie von all diesen Faktoren direkt beeinflusst werden. Politik ist eine Frage der Lebensqualität – eine Frage des Glücks.
Das ist eine »republikanische« Behauptung. Wie der Liberalismus sollte auch der Republikanismus nicht mit einer politischen Partei oder einer bestimmten politischen Ideologie verwechselt werden: Er beschreibt schlichtweg die Vorstellung, dass die Qualität des Privatlebens nicht streng von der des öffentlichen Lebens getrennt werden kann, dass privates Glück zu einem gewissen Grad von öffentlichem Glück abhängig ist, und dass öffentliches Glück sowohl wesenhaft verfassungsgebunden (etwa in der »Gewaltenteilung«) als auch der Praxis verpflichtet ist (beispielsweise in Form aktiver Staatsbürgerlichkeit). Der Republikanismus geht dem Liberalismus voraus. Es gibt gute Gründe für die mancherorts vertretene These, letzterer sei nur eine verschlankte Form des ersteren.2 Wie dem auch sei: Wann immer überzeugte Liberale – und nochmals: Es geht hier nicht um rechts gegen links, sondern um jene, die sich den oben dargelegten Merkmalen des Liberalismus verpflichtet fühlen und häufig konservativ sind – sich öffentlich für ein liberales Anliegen einsetzen, hauchen sie dem republikanischen Geist des Redens und Handelns im öffentlichen Raum neues Leben ein.
In diesem Sinne will auch das vorliegende Buch den republikanischen Geist wachrufen. Es entstand im Kontext politischer Umstände und Krisen, die sich im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts besonders herauskristallisierten. Es tritt dafür ein, den republikanischen Geist als Selbstverständlichkeit wiederzubeleben, nicht nur in Wahlkampfphasen oder Krisenzeiten. Obwohl ich an einer Universität lehre, habe ich dieses Buch deshalb mehr als Bürger denn als Wissenschaftler geschrieben. Mein Hauptthema ist die Politik, und das zentrale Argument dieses Buchs lautet, dass Politik alle angeht.
Genauer gesagt ist dieses Buch eine Verteidigungsschrift der Politik für jene Menschen, die den Glauben an die Politik verloren haben – darunter meine Freund*innen, Nachbar*innen, Student*innen, Glaubensgenoss*innen und Leute, denen ich beim Kaffeetrinken oder im Fitnessstudio begegne. Normalerweise fallen diese Leute in eine von zwei Kategorien: Sie sind entweder politikverdrossen oder sorgen sich in obsessiver Weise um die Politik. Es ist viel die Rede von einer Polarisierung beider politischer Lager. Ich glaube, die Kluft zwischen den »Desinteressierten« und den »Besessenen« ist die folgenreichste Form heutiger politischer Polarisierung. Sie bildet die Infrastruktur der Polarisierung der Parteienlager. Ich will deshalb für eine politische Mitte argumentieren, die nicht direkt mit politischen Parteien oder Ideologien zu tun hat, sondern mit dem Wert und der Bedeutung der Politik selbst.
Das Folgende ist weder ein neutrales Plädoyer für die Politik noch ein Plädoyer für neutrale Politik. In Übereinstimmung mit seiner Leitfigur Hannah Arendt setzt sich dieses Buch für die republikanische Demokratie ein. John Adams scherzte vor 200 Jahren, das Wort Republik könne alles oder nichts bedeuten. Damit hätte er noch heute Recht....




