E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Okorafor Das Buch des Phönix
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95981-494-2
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-95981-494-2
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Man hat sie vieles genannt – ein Forschungsobjekt, ein Ding, eine Abscheulichkeit.
Sie selbst nennt sich Phoenix und ist ein genetisches Experiment. Mit nicht mehr als zwei Lebensjahren
verfügt Phoenix über den Körper und den Verstand einer Erwachsenen – und über Kräfte jenseits aller Vorstellungskraft. Eines Tages jedoch beschließt sie, nach Antworten zu suchen und bricht aus dem mysteriösen Turm 7, ihrem Zuhause, aus, um zu erkennen, dass dieser keine Zuflucht war, sondern ein Gefängnis.
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Kapitel 1
EXEMPLAR
Ich kannte keinen anderen Ort. Der 28. Stock von Turm 7 war mein Zuhause. Gestern erkannte ich, dass er auch mein Gefängnis war. Das hätte ich eigentlich ahnen sollen. Der zweihundert Jahre alte Marmor-Wolkenkratzer hatte viele dunkle Seiten, und ich kannte die meisten. Es gab neununddreißig Stockwerke, und auf fast jedem lebte eine Abscheulichkeit. Ich war eine Abscheulichkeit. Ich hatte viele Bücher gelesen und das war mir klar. Trotzdem war dieses Gebäude immer noch mein Zuhause.
Zuhause, ein. Der Ort, an dem man wohnt. Ja, das war mein Zuhause.
Sie gaben mir so viele 3-D-Filme, wie ich sehen wollte, aber mich interessierten die unzähligen Bücher mehr. Ein Jahr zuvor hatten sie mir ein E-Lesegerät gegeben, das mit siebenhunderttausend Büchern aus allen möglichen Themenbereichen vollgestopft war. Egal um welches Thema es sich handelte, ich verschlang die Bücher und hatte mittlerweile schon über die Hälfte gelesen. Sie gewährten mir Zugang zu all den Informationen, um die ich bat. Das gehörte zu ihrer Forschung. Damals wusste ich das nicht, heute schon.
Forschung. Darum ging es in den Türmen. Es gab insgesamt sieben und sie standen in amerikanischen Städten, aber sie gehörten nicht zur amerikanischen Regierung. Jedenfalls nicht theoretisch. In keiner der Dateien, die ich durcharbeitete, stieß ich auch nur auf eine Verbindung zur Regierung.
Ich konnte auch auf Informationen über die Türme zugreifen, und das tat ich ausgiebig. Aber da Turm 7 mein Zuhause war, beschäftigte ich mich mit diesem Turm am eingehendsten. Sie gaben mir viele »streng geheime« Dateien über Turm 7. Wie ich schon sagte, bekam ich alles, worum ich bat; das gehörte zu ihrer Forschung. Außerdem sahen sie in mir keine Bedrohung, nicht für sie. Ich war ein perfekt gesichertes und klassifiziertes »Exemplar«. Und für ein Exemplar stellte Wissen keine Macht dar.
Turm 7 stand auf dem Times Square auf der Insel Manhattan, Vereinigte Staaten von Amerika. Ein Großteil von Manhattan befand sich unter Wasser, aber die Geologen waren sich sicher, dass dieser Teil stabil genug für Turm 7 war. Seine Lage war für Überwachung und Sicherung perfekt geeignet. Ich hatte mich über jedes Stockwerk und über einige der Abscheulichkeiten, die man in ihnen fand, informiert. Ich hatte mir die Audioaufnahmen spiritueller Geschichten längst verstorbener afrikanischer und indianischer Schamanen, Zauberer und Hexenmeister angehört. Ich hatte den Tanakh, die Bibel und den Koran gelesen. Ich hatte den Buddha studiert und meditiert, bis ich Krishna gesehen hatte. Und ich hatte zahllose Bücher über die Wissenschaften der Welt gelesen. All das trug ich in meinem Kopf herum, und so verstand ich Abscheulichkeit. Ich verstand den Sinn von Turm 7. Bis gestern.
Jeder Turm hatte … Spezialisierungen. In Turm 7 beschäftigte man sich mit fortgeschrittener und aggressiver genetischer Manipulation und Klonen. In Turm 7 wurden Menschen und Kreaturen erfunden, modifiziert oder beides. Einige waren deformiert, einige waren geisteskrank, einige waren einfach nur gefährlich, und keine war fehlerlos. Ja, einige von uns waren gefährlich. Ich war gefährlich.
Die Lobby im Erdgeschoss des Turms vermittelte jedoch ein völlig anderes Bild. Ich war nie da unten gewesen, aber in meinen Büchern wurde ein erdiges Wunderland voller rankenbedeckter Wände und kleiner Bäume beschrieben, die aus kunstvoll geschaffenen Löchern im Boden wuchsen. In der Mitte der Lobby stand die Hauptattraktion. Hier wuchs etwas, das Leute aus der ganzen Welt zur berühmten Lobby von Turm 7 lockte (nur zur Lobby; den Rest des Gebäudes konnte man nicht besichtigen).
Vor hundert Jahren hatte einer der Gärtner einen neuen Baum in der Mitte der Lobby gepflanzt. Aus einer Laune heraus hatten Wissenschaftler aus Turm 4, die ein Gewächshaus im neunten Stock besichtigen sollten, eine experimentelle Flüssigkeit in das Erdreich des Baumes geschüttet. Diese Substanz sollte das Wachstum von Pflanzen beschleunigen und fördern. Der Baum wuchs immer höher. An einem Ort, an dem die Leute wie normale Menschen dachten, hätte man diesen fantastischen Baum nach draußen versetzt.
Doch dies war Turm 7, wo Grenzen auf der einen Seite eingehalten und auf der anderen überschritten wurden. Der Baum wuchs wie wild und nach nur wenigen Wochen hatte er die hohe Decke der Lobby erreicht. Die Handwerker von Turm 7 bohrten ein großes Loch, damit er in den zweiten Stock hineinwachsen konnte. Das Gleiche taten sie im dritten, vierten, fünften. Schließlich taufte man den gewaltigen Baum »das Rückgrat«, weil er sich durch alle neununddreißig Stockwerke von Turm 7 erstreckte.
Ich heiße Phönix. Ich wurde hier im 28. Stock zusammengemischt, großgezogen und schließlich geboren. Einer meiner Ärzte sagte, ich sei nach dem Geburtsort meiner Eispenderin benannt worden. Ich habe das nachgesehen; ich fand einen Ort namens Phoenix, Arizona. Dort gibt es keinen Turm, was gut ist.
Doch nach allem, was ich über die Vorgehensweisen dort gelesen habe, kannten selbst die Wissenschaftler, die meine Existenz erzwangen, keine Spendernamen. Deshalb zweifle ich daran. Ich glaube, dass sie mich aus einem anderen Grund Phönix genannt haben.
Ich war ein »beschleunigter Organismus« und wurde vor zwei Jahren geboren. Doch ich sah aus und fühlte mich wie eine vierzigjährige Frau. Meine Ärzte sagten, die Beschleunigung sei nun, da ich »gereift« war, gestoppt worden. Sie sagten, ich würde immer wie vierzig aussehen, selbst wenn ich fünfhundert Jahre alt werden sollte. Für sie war ich eine Pflanze, die sie gezüchtet hatten, damit sie geerntet werden konnte.
Du musst dich fragen, wen ich mit »sie« meine. alle, das »Großauge« – Wissenschaftler, Laborassistenten, Labortechniker, Ärzte, Sachbearbeiter, Wachen und Polizisten von Turm 7. Wir Exemplare im Turm nannten sie »Großauge«, weil sie uns beobachteten. Sie beobachteten uns ständig, allerdings nicht so aufmerksam, dass sie ihren großen Fehler bemerkt und das Unvermeidliche hätten verhindern können.
Ich las ein fünfhundert Seiten langes Buch in zwei Minuten. Mein Gehirn saugte die Informationen und Geschichten auf wie ein Schwamm. Bis vor zwei Wochen hatte ich meine Zeit, abgesehen von den Mahlzeiten, dem Betrachten der Landschaft durch das Fenster, dem Training auf meinem Laufband und den Terminen bei Ärzten, ausschließlich mit dem E-Lesegerät verbracht. Ich hatte stundenlang in meinem Zimmer gesessen und Wörter konsumiert, die in meinem Kopf zu Bildern wurden. Nun gaben sie mir Bücher aus Papier und entfernten sie, wenn ich fertig war. Ich mochte das E-Lesegerät lieber. Es nahm weniger Platz weg. Ich konnte Bücher noch einmal lesen, wenn ich das wollte, es gab mehr zu lesen, und die E-Seiten rochen nicht so alt und faulig. Ich starrte aus dem Fenster, betrachtete die Autos und Lastwagen unter mir und die anderen Wolkenkratzer um mich herum, während ich ein Blatt meiner Hoya-Pflanze berührte. Sie hatten mir die Pflanze fünf Tage zuvor gegeben, und sie wuchs so schnell, dass sie bereits über mein Fensterbrett gekrochen war und sich um den Stuhl, der dort stand, gewickelt hatte. Allein in der letzten Nacht war sie fünfzig Zentimeter gewachsen. Ich glaubte nicht, dass ihnen das auffiel. Niemand sagte je etwas darüber. Ich war damals so naiv. Natürlich war es ihnen aufgefallen. Die Pflanze war keine nett gemeinte Geste, sondern Teil ihrer Forschung. Ich hatte ihnen nie etwas bedeutet. Aber Saeed bedeutete ich etwas.
, dachte ich immer und immer wieder, während ich die Blätter meiner Pflanze streichelte. Ich zuckte zusammen und riss dabei ein Blatt ab. . Ich zerknüllte das Blatt in meiner ruhelosen Hand; der grüne, erdige Geruch, der von ihm ausging, hätte auch Blut sein können. Gestern hatte Saeed etwas Schreckliches gesehen. Etwas später hatte er beim Abendessen mir gegenübergesessen, die Augen so groß wie gekochte Eier. Er hatte nichts essen können. Er verriet mir keine Details. Er sagte, mit Worten ließe sich das nicht beschreiben. Er hatte nur meine Hand gehalten und mit der anderen an seinem kurzen, dunkelbraunen Bart gezogen.
»Was verrät dein Herz dir über diesen Ort?«, hatte er ernst gefragt.
Ich hatte nur mit den Schultern gezuckt, weil es mich frustrierte, dass er mir von dem Schrecklichen, das er gesehen hatte, nicht erzählen wollte.
»«, murmelte er und starrte einen der Großaugen an. Er sprach immer Arabisch, wenn er wütend war. Er beugte sich vor und redete leiser weiter. »Du hast all diese Bücher gelesen … Warum sehnt sich dein Herz nicht nach Rebellion? Träumst du denn nie davon, diesen Ort zu verlassen? Den ganzen Großaugen zu entkommen?«
»Rebellion gegen wen?«, flüsterte ich...




