E-Book, Deutsch, Band 6, 309 Seiten
Reihe: Steiner-Krimi
Olden Die Rückkehr des Rippers
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-944124-54-4
Verlag: mainebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Steiners sechster Fall
E-Book, Deutsch, Band 6, 309 Seiten
Reihe: Steiner-Krimi
ISBN: 978-3-944124-54-4
Verlag: mainebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Olden ist das Pseudonym des Journalisten und Kinderbauchtors Marc Rybicki. Er wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie und Amerikanistik an der Goethe-Universität. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Rybicki als Filmkritiker für das Feuilleton der 'Frankfurter Neuen Presse'. Ebenso ist er als Werbe- und Hörbuchsprecher tätig. Im Jahr 2013 veröffentlichte er zudem seinen ersten Thriller 'Frankfurt Ripper'. Weitere Titel von Marc Rybicki sind die Kinderbücher 'Mach mich ganz', 'Wer hat den Wald gebaut?', 'Wo ist der Tannenbaum?' und 'Graue Pfote, Schwarze Feder'.
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10. Juli 2015
Die Gestalt mit den grünen Haaren und dem kalkweißen Gesicht lachte dreckig. In ihrer Hand glänzte der Stahl eines Revolvers. Ein Mann kniete vor ihr, die Hände flehentlich erhoben. Der Grünhaarige fragte: „Hast du schon mal im fahlen Mondlicht mit dem Teufel getanzt?“ Sein Finger krümmte sich um den Abzug.
„Cool“, flüsterte Patrick Diekmann. Der Junge hockte auf dem Flur der Helene-Lange-Schule in Frankfurt-Höchst und blätterte die Seite seines Comic-Heftes um. Er war neugierig, ob es dem Joker gelang, mit seinem Verbrechen davonzukommen, oder ob ihm am Ende Batman, der dunkle Ritter, die Tour vermasseln würde. Die nächste Schulstunde begann erst in fünf Minuten. Bis dahin hätte er die Geschichte zu Ende gelesen. Falls nicht, würde er eben heimlich unter dem Tisch weiter schmökern. Das wäre auf jeden Fall spannender als der Mathematik-Unterricht von Herrn Hütte.
, seufzte Patrick in Gedanken. Er war überzeugt, dass dieses Fach bloß erfunden wurde, um ihn zu nerven. Von Bruchthermen und linearen Gleichungen verstand er ebenso wenig wie der Joker von der Leitung eines Nonnenklosters. , fragte er sich. .
Für einen Moment hielt Patrick im Lesen inne. Seine Gedanken schweiften ab. Er träumte wieder davon, einer der ganz Großen Comic-Künstler wie Bob Kane, Stan Lee, Jerry Siegel oder Joe Shuster zu sein.
.
Patrick schüttelte den Kopf. Nein, seine Mutter hatte nichts von ihm zu erwarten. Genauso wenig seine Großmutter, deren Noten- und Ausbildungshörigkeit nur noch von ihrem religiösen Wahn übertroffen wurde. Nach einem Schlaganfall im letzten August musste sie in ein Pflegeheim. Dort konnte sie ihn wenigstens nicht mit ihren penetranten Bibelzitaten und frommen Ratschlägen nerven. Und sein Vater? Der war nicht das Schwarze unterm Nagel wert. Die letzte Postkarte hatte er vor über einem Jahr aus Kanada geschickt. Ein Grizzly war darauf abgebildet, was Patrick zum Schmunzeln gebracht hatte, als er sich vorstellte, wie der mächtige Bär seinen versoffenen Erzeuger in handliche Stücke zerfetzte. Bis heute gab es in seinem überschaubaren, sechzehnjährigen Leben nur einen Menschen, von dem er sich als Künstler ernstgenommen und verstanden fühlte. Der Mann, der neben ihm im Imkerweg in Sindlingen gewohnt hatte. Ein freundlicher Rentner namens Klaus Scholz.
„Lass dir nie deine Träume kaputtmachen. Egal, was andere zu dir sagen.“ Das war sein wertvollster Rat gewesen.
Patrick sah auf das Comic-Heft in seinem Schoß und für einen Augenblick verschwamm die geschminkte Fratze des Jokers und verwandelte sich in das lächelnde Gesicht von Herrn Scholz, der ihm so vieles über die Menschen, ihre falsche Freundlichkeit und die Schliche und Heimtücke, die sich dahinter verbargen, beigebracht hatte. „Die Menschen neigen dazu, etwas im Anderen zu sehen, was sie sehen wollen. Sie betrachten die Oberfläche, wie wenn man auf den glatten Spiegel eines Sees schaut. Was sich darunter in der Tiefe abspielt, erkennt man nicht.“
Herr Scholz war weise, erfahren und gebildet. Mit jeder Frage, die ihn beschäftigte, durfte Patrick zu ihm kommen. Er hatte ihn nie weggeschickt mit der Ausrede, er habe jetzt keine Zeit, er bräuchte Ruhe oder es gäbe Wichtigeres zu tun. Klaus Scholz hörte zu. Stundenlang. Patrick malte für ihn und sein Nachbar hütete die Bilder wie einen kostbaren Schatz. Sogar Mathe war leichter gefallen, wenn Herr Scholz Nachhilfe gegeben und die Aufgaben ruhig und anschaulich erklärt hatte. Aber dann kam der Dezember 2013 und die schöne Zeit war mit einem Schlag vorbei. Klaus Scholz verschwand aus dem kleinen Haus im Imkerweg. Einfach so. Über Nacht. Ohne auf Wiedersehen zu sagen. Patrick sah ihn erst wieder, als seine Mutter die Nachrichten einschaltete. Umringt von bewaffneten Polizisten und den Fernsehkameras der Reporter, lag Herr Scholz auf einer Bahre, Hände und Füße gefesselt, als sei er ein gefährliches Tier. Man brachte ihn ins Gefängnis und dort musste er wahrscheinlich bleiben für den Rest seines Lebens. Der Kommentar seiner Mutter hallte in Patricks Ohren wider.
„Geschieht ihm recht. Unglaublich, wie viele Leute er umgebracht hat! Was für ein Monster!“
„Herr Scholz ist kein Monster! Er hatte bestimmt Gründe für das, was er getan hat.“ Seinen Einwand hatte sie mit einem einzigen Satz beiseite gewischt.
„Du bist zu jung, um das zu verstehen.“ Damit war das Thema Klaus Scholz vom Tisch. Sie sprachen nie wieder über ihn.
.
Patrick Diekmann kniff die großen, babyblauen Augen in seinem schmalen Gesicht zusammen. Dann tauchte er wieder in die Bilderwelten der Comic-Figuren ab. Doch nicht für lange.
„Ey, du Opfer! Was liest du da für `ne schwule Scheiße?!“
Patrick erkannte die brummende Stimme seines Klassenkameraden Steve und bemühte sich krampfhaft, nicht von seiner Lektüre aufzusehen. Er wusste auch so, dass Steve nicht allein war. Um den hochgewachsenen, muskulösen Blondschopf scharten sich wie in jeder Pause seine drei Jünger. Jerome, ein kaffeebraunes Großmaul mit Rasta-Locken und einer dicken Brille, die immerhin den Anschein erweckte, als verfüge er über intellektuelle Fähigkeiten. Manoel, ein Halb-Spanier, dessen Modell-Katalog-Frisur und engelsgleiche Züge an einen Filmstar erinnerten, dem die Arroganz aus jeder Pore triefte. Und Hülya, eine Türkin mit blondierter Mähne, wenig Hirn und zu viel Bauch. Ein verschworenes Quartett, das nicht besser oder schlechter war als die Mitschüler seiner alten Klasse, in der er sitzen geblieben war. An guten Tagen wurde er von ihnen ignoriert wie ein Bettler von den Einkaufsüchtigen auf der Zeil. Heute war kein guter Tag. Steve trat ihm gegen das Schienbein.
„Sprech ich chinesisch, Opfer?! Ich hab dich gefragt, was für `nen schwulen Mist du liest?“
Patrick antworte nicht. Unter seinen braunen Ponyfransen begann er zu schwitzen. Steves Bratpfannenhände griffen zu und rissen ihm das Heft aus den Fingern.
„Schaut`s euch an, Leute! Ich hab`s ja gesagt. Der kleine Gnom ist `ne Tunte. Nur Schwuchteln lesen Batman“, lachte Steve, bevor er das Papier zerknüllte und vor Patricks Füße warf, der regungslos und mit gesenktem Blick auf seinem Platz neben dem Eingang zum Klassenzimmer sitzen blieb.
„Da hast du sowas von recht, Mann“, nickte Jerome. „Batman ist selber `n Schwuler. Der hat Strumpfhosen an und treibt`s mit Robin.“
„Boah, wie pervers, ey!“, kam es von Hülya.
Patrick sah das Mädchen an. „Das ist nicht wahr. Batman hat viele Frauen. Zum Beispiel Selina Kyle oder …“
„Halts Maul, Opfer! Was widersprichst du meiner Freundin?“, zischte Manoel. „Willst du eine in die Fresse, oder was?“
Steve legte die Hand auf Manoels Schulter. „Fass den lieber nicht an. Hat vielleicht AIDS, so wie der aussieht. Die Schwulenseuche.“
„Igitt!“, riefen die anderen im Chor.
„Sowas kriegt man vom Schwanzlutschen“, sagte Steve. Er beugte sich zu Patrick hinunter. „Erzähl mal … wie oft hast du`s heute schon gemacht?“ Aus dem Augenwinkel sah Patrick, wie Steve die rechte Hand zu einem Kreis formte und sie mit raschen Bewegungen zu seinem geöffneten Mund führte.
„Er würd`dir auch gern einen blasen, Steve“, meinte Jerome. „Er steht total auf dich.“ Der Junge kicherte.
„Schnauze, sonst halt ich ihm deinen schwarzen...




