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E-Book, Deutsch, Band 12, 124 Seiten
Reihe: Kommissar Platow
Olden Kommissar Platow, Band 12: Das Phantom aus dem Palmengarten
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-946413-79-0
Verlag: mainebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 12, 124 Seiten
Reihe: Kommissar Platow
ISBN: 978-3-946413-79-0
Verlag: mainebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Olden ist das Pseudonym des Journalisten und Kinderbuchautors Marc Rybicki. Er wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie und Amerikanistik an der Goethe-Universität. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Rybicki als Filmkritiker für das Feuilleton der 'Frankfurter Neuen Presse'. Ebenso ist er als Werbe- und Hörbuchsprecher tätig. Bei mainbook erscheint auch Martin Oldens Krimi-Reihe mit Kommissar Steiner: 1. Band: 'Gekreuzigt'. 2. Band 'Der 7. Patient'. 3.Band 'Wo bist du?'. 4. Band 'Böses Netz'. 5. Band 'Mord am Mikro'. 6. Band 'Die Rückkehr des Rippers'. 7. Band 'Vergiftetes Land'. Im Jahr 2013 veröffentlichte er zudem seinen ersten Thriller 'Frankfurt Ripper'. Weitere Titel von Marc Rybicki sind die Kinderbücher 'Mach mich ganz', 'Wer hat den Wald gebaut?', 'Wo ist der Tannenbaum?' und 'Graue Pfote, Schwarze Feder'
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Der Schock stand Hauptkommissar Hans Söhnlein ins Gesicht geschrieben. Die Farbe war aus den kernigen Zügen meines Chefs gewichen. Mister Brillant, wie er wegen seines scharfen Verstandes genannt wurde, stand am Küchenfenster, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und atmete schwer. Er hatte schon an zig Tatorten gestanden, mehr Tote gesehen als ihm lieb war, manchmal grausam verstümmelt, die Körper von Fäulnisgasen aufgebläht wie Heißluftballons, stinkend und verrottend. Schlecht war ihm dabei nur in den Anfangsjahren geworden, bis sich sein Magen abgehärtet hatte gegen die Gerüche des Todes und seine Seele die Schicksale der Ermordeten nicht mehr an sich heranließ. Jetzt kämpfte Mister Brillant sichtlich gegen die Übelkeit, denn das Opfer gehörte sozusagen zur Familie.
„Wer tut sowas, Joe?“ Seine Stimme war ein heiseres Flüstern.
Ich trat neben ihn und betrachtete durch die Fensterscheibe den Nebelschleier, der sich langsam zwischen den Häusern der Siedlung aufzulösen begann wie Gespenster aus dem bösen Traum eines Kindes. Aus dem Albtraum, in den wir vor ein paar Stunden geraten waren, gab es kein Erwachen. „Ein Mensch, der Hass in sich trägt“, antwortete ich schließlich. Abba drückte sich an mein Hosenbein.
Söhnlein stellte die nächste Frage, den Blick gen Himmel gerichtet. „Kann man jemanden, der sich zu einer solchen Tat hinreißen lässt, überhaupt als Menschen bezeichnen?“
„Seit Kains Zeiten steckt im widerwärtigsten Verbrecher ein Funken Menschlichkeit – die Weisheit haben Sie mir beigebracht, Chef.“
„Hab ich das? Im Augenblick fällt`s mir schwer, daran zu glauben.“
Gerade trugen zwei Bedienstete der Stadt den Sarg aus der Wohnung am Birkholzweg. Darin ruhte der Leichnam von Lina Jansen. Mister Brillant trauerte mit Sascha, unserem Kollegen und Freund. Mir ging es nicht anders. Es mochte zwei, drei Jahre her sein, da war ich von Sascha zum Essen eingeladen worden und hatte in eben dieser Küche einen gemütlichen Abend mit ihm und Oma Jansen verbracht. Ihre Herzenswärme und ihr Gottvertrauen waren mir im Gedächtnis haften geblieben. Gleichwohl mussten wir den Fall bearbeiten wie jeden anderen, mit der gebotenen Sachlichkeit und Nüchternheit. Ich fischte meine Pfeife aus der Anzugtasche, ein Modell der Marke Design Berlin mit langem Fishtail-Mundstück, füllte eine dänische Tabakmischung in den Kopf und riss ein Streichholz an. Während mir eine nussige Duftwolke in die Nase stieg, versuchte ich anhand der Faktenlage zu enträtseln, was sich abgespielt hatte. Gestern Abend, zwischen 20 Uhr und Mitternacht, war der Täter unbemerkt in die Wohnung eingedrungen. Lina Jansen hatte zu der Zeit im Wohnzimmer-Sessel gesessen und Radio gehört. Mit einem Drosselwerkzeug, wahrscheinlich einem dünnen Hanfstrick, war die alte Dame bis zur Bewusstlosigkeit stranguliert und danach mit einem Messerstich ins Herz getötet worden. Der Mörder hatte darauf geachtet, beim Durchsuchen der Schränke und Schubladen keine Unordnung zu hinterlassen, und war mit einer Beute im Wert von nicht einmal 200 Mark entkommen. Am heutigen Morgen wollte Sascha das Frühstück und die Zeitung bringen, hatte aber feststellen müssen, dass sich die Tür nicht aufschließen ließ. Der Schlüssel seiner Oma steckte von innen. Bei Einbruch der Dunkelheit pflegte sie ihn ins Schloss zu schieben und morgens nach dem Aufstehen wieder abzuziehen. Sascha war zunächst von ihrer Vergesslichkeit ausgegangen. Erst nachdem sie auf sein Klingeln, Klopfen und Rufen keine Antwort gegeben hatte, wusste er, dass ein Unglück geschehen sein musste.
Ich zog bedächtig an der Pfeife, einen Haufen Fragen im Kopf, auf die mir momentan keine plausiblen Antworten einfielen. Sascha Jansen kam aus dem Schlafzimmer zu uns in die Küche. Man sah ihm an, dass er geweint hatte. Begleitet wurde er von einem dicklichen Mann Anfang fünfzig. Hauptkommissar Helmut Löschner vom Raubdezernat, dessen Triefaugen und hängende Wangen mich an den Basset-Hund aus meiner Nachbarschaft erinnerten. Wahrscheinlich war das der Grund, warum Abba jedes Mal begeistert mit der Rute wedelte, wenn sie Löschner erblickte. Mister Brillant hatte den erfahrenen Kriminaler zu den Ermittlungen hinzugezogen. Sascha ließ sich von Söhnlein eine Atika geben und fing an, sie hektisch aufzurauchen. „Das Schwein hat sogar ihren Rosenkranz geklaut!“, knurrte er. „Wenn ihr mich fragt, ist das Phantom ein durchgeknallter Junkie, der dringend Knete für den nächsten Schuss braucht. Wer bringt denn sonst `ne alte Frau um, die nichts hat außer `nem bisschen Haushaltsgeld und Modeschmuck, verdammte Scheiße!“
Mein Chef wandte sich an Löschner. „Sind Sie der Überzeugung, dass wir`s mit dem Phantom zu tun haben?“
„Absolut!“, antwortete er, wie aus der Pistole geschossen. „Der Einbruch trägt seine Handschrift. Hat sich auf Türschlösser spezialisiert, in denen von innen der Schlüssel steckt. Zuerst schraubt er das Langschild ab, also das Blech, das das Schloss abdeckt. Danach dreht er mit einem Werkzeug, das er sich vermutlich selbst gebastelt hat, von außen den Schlüssel herum und kommt kinderleicht in die Wohnung.“
„Dreist!“ Mürrisch saugte Mister Brillant an seiner Zigarette. „Ihm muss klar sein, dass zwangsläufig jemand zu Hause ist, wenn der Schlüssel von innen steckt.“
„Juckt ihn nicht“, sagte Löschner trocken. „Der Bursche ist eiskalt. Seit fast einem Jahr bin ich hinter ihm her. Er schlägt überall im Rhein-Main-Gebiet zu, grast ganze Straßenzüge ab und verschwindet still und heimlich, wie er gekommen ist. Letzten Monat hat er sich Preungesheim vorgenommen, davor Seckbach, nun ist Eschersheim an der Reihe.“
„Na großartig!“, fuhr Sascha auf. „Und was tut ihr dagegen?“
Der Vorwurf prallte an Helmut Löschner ab. Der Hauptkommissar steckte die Hände in die Manteltasche und lehnte sich gegen den Küchenschrank. „Ja nun, mir wäre die Aufklärungsrate vom Morddezernat auch lieber. Was Einbrüche angeht, liegen wir bei zwanzig Prozent. Was soll ich machen? Bei uns sind Täter und Opfer eben selten miteinander verwandt oder verschwägert.“
Ich nahm die Pfeife aus dem Mund. „In diesem Fall schon.“
Nach meinen Worten herrschte Stille im Raum. Einzig Abbas leises Hecheln war zu hören.
Hans Söhnlein brach das Schweigen. „Sie vermuten ein persönliches Motiv?“ Sein Tonfall verriet, dass er den gleichen Gedanken hegte.
Stumm nickte ich. Sascha polterte los: „Was soll`n das heißen, Joe?!?“
Durch meine Bemerkung fühlte er sich verdächtigt, was nicht meine Absicht gewesen war. „Entschuldigung, du bist nicht gemeint“, beeilte ich mich zu sagen. „Ich nehme jedoch stark an, dass eine Beziehung zwischen deiner Großmutter und ihrem Mörder bestanden hat – und dass dieser Mörder nicht das gesuchte Phantom ist.“ Ich warf einen Blick zum Kollegen Löschner, der eine skeptische Miene aufsetzte. „Sie haben gesagt, das Phantom sei äußerst vorsichtig und vermeide jedwede Spuren. Wie erklären Sie sich dann das makabre Andenken, das er zurückgelassen hat?“
Im Schoß der Toten hatte eine einzelne weiße Rose gelegen.
„Welcher Einbrecher bringt seinem Opfer Blumen mit?“, hakte ich nach. „Können Sie mir das verraten?“
„Woher wollen Sie wissen, dass die Rose von ihm stammt?“, stellte er die Gegenfrage. „Vielleicht hat sie Frau Jansen von jemand anderem geschenkt bekommen?“ Er sah zu Sascha, in Erwartung einer bestätigenden Auskunft. Der Trauernde starrte ein Loch in die Tischplatte und sagte kein Wort. Löschner hob die Schultern. „Das Phantom könnte die Blume in der Wohnung gefunden und spontan als … Dekoration benutzt haben. Der Mann hat einen skurrilen Humor. Deshalb schraubt er nach getaner Arbeit das Türblech wieder an, als wäre nichts geschehen. Die Bestohlenen bemerken den Verlust ihrer Wertsachen manchmal erst nach Tagen und verdächtigen dann Verwandte und Freunde, sie zu beklaut zu haben.“
Die Vorstellung rang mir trotz der Umstände ein kleines Lächeln ab. „Klingt nach einem gewitzten Gauner. Trauen Sie ihm zu, eine hilflose Frau zu würgen und zu erstechen?“
„Kurzschlussreaktion. Hat vermutet, dass die Dame schon schläft, sich plötzlich von ihr ertappt gesehen – und zack!“ Er schnippte mit dem Finger. „Kommt häufiger vor, als man gemeinhin denkt. Achtzig Prozent der Einbrecher sind bewaffnet.“
„Mit Strick und Messer?“, fragte Mister Brillant.
Löschner stieß Luft aus seinen Hängewangen. „Mich überrascht nix mehr!“
Sascha erwachte aus seiner Trance. „Oma hat keiner Menschenseele was getan. Wer sollte sie umbringen wollen?“
Mein Kumpel Mike tauchte im Türrahmen auf. Er hatte den Versuch abgebrochen, die Nachbarn zu befragen. Die Mehrheit war am Mittag bei der Arbeit. „Im Treppenhaus ist mir ein Mädel übern Weg gelaufen, schätze siebzehn, achtzehn Jahre alt. Ziemlich niedlich, abgesehen von ihrem Nasenfahrrad. Hat gesagt, sie wollte für Frau Jansen einkaufen. Als ich ihr erzählt hab, was los ist, ist sie in Tränen ausgebrochen und wie ein geölter Blitz aus dem Haus gerannt.“
„Sabine Hofer!“, rief Sascha. „Scheiße, die hab ich völlig vergessen! Sie liebt meine Oma heiß und innig.“ Er stand auf und lief Sabine nach. Ich konnte ihn gut verstehen. Sich um das Mädchen zu kümmern, war allemal besser als tatenlos herumzusitzen und zu grübeln. Sascha war kaum verschwunden, als Eddi Hügel, das Faktotum der Spurensicherung, sein Maulwurfgesicht zur Tür herein streckte. „Verzeihen sie die Störung, meine Herren. Ich habe soeben eine...




