Olden | Kommissar Platow, Band 3: Endstation Hauptwache | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 100 Seiten

Reihe: Kommissar Platow

Olden Kommissar Platow, Band 3: Endstation Hauptwache

Kriminalroman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-946413-19-6
Verlag: mainebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 3, 100 Seiten

Reihe: Kommissar Platow

ISBN: 978-3-946413-19-6
Verlag: mainebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mike und ich standen auf einem Frankfurter Bahnhofs-Klo. Vor uns lag die Leiche eines jungen Mannes. In seinem Arm steckte eine Spritze. Ein weiteres Heroin-Opfer? Das Rauschgift verseuchte unsere Stadt wie die Pest. Etwas kam mir seltsam vor am Tod des Junkies. Bei unseren Ermittlungen deckten wir einen mörderischen Deal auf und gerieten ins Fadenkreuz der Drogen-Mafia. Die Platow-Krimi-Serie: Frankfurt, Mitte der 70er Jahre. Die Kriminalität boomt. Drogen. Terrorismus. Bandenkriege. Mittendrin: Kommissar Joachim 'Joe' Platow. Gemeinsam mit seinem Assistenten Mike Notto und Schutzhündin Abba kämpft er gegen das Verbrechen. Dabei wird Platow immer wieder von seinem persönlichsten Fall eingeholt - seine Ex-Verlobte Petra, die sich der RAF angeschlossen hat ... Bereist erschienen: Band 1. 'Sieben Schüsse im Stadtwald' und Band 2 'Das Grab am Kapellenberg' - weitere Bände folgen ... Bei mainbook erscheint auch Martin Oldens Krimi-Reihe mit Kommissar Steiner: 1. Band: 'Gekreuzigt'. 2. Band 'Der 7. Patient'. 3.Band 'Wo bist du?'. 4. Band 'Böses Netz'. 5. Band 'Mord am Mikro'. 6. Band 'Die Rückkehr des Rippers'. 7. Band 'Vergiftetes Land'.

Martin Olden ist das Pseudonym des Journalisten und Kinderbuchautors Marc Rybicki. Er wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Philosophie und Amerikanistik an der Goethe-Universität. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Rybicki als Filmkritiker für das Feuilleton der 'Frankfurter Neuen Presse'. Ebenso ist er als Werbe- und Hörbuchsprecher tätig. Im Jahr 2013 veröffentlichte er zudem seinen ersten Thriller 'Frankfurt Ripper'. Weitere Titel von Marc Rybicki sind die Kinderbücher 'Mach mich ganz', 'Wer hat den Wald gebaut?', 'Wo ist der Tannenbaum?' und 'Graue Pfote, Schwarze Feder'.
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3


Kaum zwei Stunden später, gegen 10 Uhr, wartete der nächste Einsatz auf Mike und mich. Der geplante Besuch bei meinen Eltern fiel ins Wasser. Wir liefen durch die B-Ebene unter der Frankfurter Hauptwache. Abba zog vorneweg und teilte den Strom der Schaufensterbummler wie Moses das Rote Meer. Vor dem Kaufhof gaben sich die Pflastermaler und die Haschbrüder ein Stelldichein. Die Luft roch süßlich und stickig. Auf den Treppenstufen zur Zeil, der großen Konsum-Meile, kauerten gespenstisch aussehende Gestalten und schnürten sich die Handgelenke mit Lederriemen ab, bevor sie die Spritzen in ihre Venen jagten. Die Passanten warfen den Fixern teils schockierte, teils faszinierte Blicke zu. Gelegentlich rief jemand die Polizei, weil er sich belästigt fühlte. Dann kam eine Zwei-Mann-Streife und vertrieb die Süchtigen. Aber nicht für lange. Zehn Minuten später saßen dieselben Typen wieder auf den Steinen. Oder andere bemitleidenswerte Geschöpfe, die an der Nadel hingen. Jungs und Mädchen, die sich für ein trügerisches Glücksgefühl ihre Zukunft zerstörten. Wenn nicht ein Wunder geschah und sie den Absprung schafften, würden sie das Schicksal des jungen Mannes teilen, wegen dem wir gerufen worden waren. Der Zug seines Lebens hatte seine Endstation in einer öffentlichen Toilette unter der Hauptwache gefunden.

Mike formulierte es auf seine Art: „Der Knabe hat die Augen auf null gestellt.“

Der Tote saß auf dem Toilettendeckel. Sein Kopf lehnte an der gekachelten Wand, die leblosen Pupillen gen Decke gerichtet. Das Gesicht unter den langen, dunklen Haaren war kalkweiß wie bei einem Vampir und die Lippen bläulich verfärbt. Der Mund stand weit offen. Im linken Arm steckte eine Spritze. Blutspritzer hatten das ausgewaschene T-Shirt gesprenkelt. Ein olivgrüner Bundeswehr-Parka lag zusammengerollt neben ihm. Die Putzkolonne hatte die Leiche entdeckt und danach ihre Arbeit nicht fortgesetzt. In der Toilette müffelte es nach Urin, Kot und Erbrochenem. Ich bedauerte Abba für ihre empfindliche Nase. Auf sie musste der Gestank zehnmal übler wirken. Es fiel mir schwer, das Alter des Mannes zu schätzen. Von siebzehn bis siebzig war alles drin. Vermutlich war er deutlich jünger, als er aussah. Zwischen seinen Beinen kroch Edgar „Eddi“ Hügel von der SpuSi über die Fliesen. Der untersetzte Forensiker mit dem dichten, schwarzen Schopf und dem krausen Backenbart erinnerte mich an einen Maulwurf. Er hob den Kopf, blinzelte gegen das gelbe Deckenlicht und rief freudig:

„Heureka! Welch ein Fundstück!“

Mithilfe einer Pinzette hielt Eddi ein Fünfmarkstück fest. „Auf der glatten Oberfläche lassen sich Fingerabdrücke vortrefflich sicherstellen. Wer weiß, welche Geschichte uns diese unscheinbare Münze zu erzählen hat?“

„Keine sehr spannende. Sie wird ihm beim Bezahlen aus der Tasche gefallen sein“, meinte Mike.

Eddi Hügel stutzte. „Seit wann zahlen Rauschgiftsüchtige mit Hartgeld?“

„Die zahlen mit allem, was zur Verfügung steht“, sagte ich. „Notfalls verkaufen sie ihre Körper.“

„Das macht Linda Lovelace auch. Aber bei ihr habe ich nichts dagegen“, feixte mein Partner.

„In jedem Fall hatte dieser Man einen schönen Tod“, urteilte Eddi.

„Wie bitte?“, fragte Mike ungläubig. „Das arme Schwein ist jämmerlich krepiert.“

„Mitnichten, Kriminalmeister Notto. Er ist offenkundig durch Diacetylmorphin gestorben, auch bekannt als Heroin. Eine Überdosierung führt über die Bewusstlosigkeit schnell zum Koma, wobei Atmung und Herzschlag bis zum Stillstand verlangsamt werden. Da der Betroffene sofort bewusstlos wird und das Schmerzempfinden praktisch ausgeschaltet ist, lässt sich der Prozess mit einem Tod im Schlaf vergleichen.“

„Super!“, sagte Mike sarkastisch. „Schreiben Sie einen Artikel darüber für die Zeitschrift Schöner Sterben.“

Eddi war irritiert. „Diese Publikation ist mir unbekannt. Allerdings weiß ich, dass die Historie der euphorisierenden Opiate bis in das alte Ägypten im Jahr 3000 vor Christus zurück reicht. Heroin ist erstmals 1896 auf den Markt gekommen. Die Firma Bayer hat seinerzeit ein Verfahren entwickelt zur Synthese von Diacetylmorphin und ließ sich für diesen Wirkstoff den Namen Heroin schützen. Er leitet sich vom altgriechischen Heros ab. Zu Deutsch: der Held. Denn das heldenhafte Mittel sollte gegen allerlei Erkrankungen helfen, vom Husten über den Bluthochdruck bis zur Herzbeschwerden. Als Nebenwirkungen des angeblich nicht süchtigmachenden Medikaments sind lediglich Verstopfung und eine leichte sexuelle Lustlosigkeit aufgeführt worden.“

„Dann hättest du es bestimmt nicht genommen“, sagte ich zu Mike.

„Dazu hätte ich dem Kollegen Notto auch nicht geraten“, fuhr Eddi fort. „Bereits 1904 hat man erkannt, dass Heroin noch stärker als Morphin zur Gewöhnung und Abhängigkeit führt. Der Bayer-Konzern musste dem politischen Druck nachgeben und die Produktion einstellen. Stattdessen konzentrierte sich die Firma auf ihre zweite, bahnbrechende Entdeckung – das Aspirin.“

„Davon könnte ich eine vertragen“, brummte Mike. Im Flüsterton raunte er mir zu: „Mal ehrlich, Joe. Der Kerl hat `ne Meise.“

„Eddi? Ach was! Der ist harmlos. Nur bei Vollmond wird er zum Tier.“

„Ich weiß nicht … Im Vergleich zu dem Bücherwurm ist mir der Angeber Jansen doch lieber. Wo steckt denn die blonde Bohnenstange?“

„Er ist mit Jürgen und Kühlschrank in einem anderen Fall unterwegs.“

„Einem richtigen Fall solltest du besser sagen.“ Mike zeigte auf den Toten. „Der ist Täter und Opfer in einer Person. Einer mehr für die Statistik. Wie viele haben sich letztes Jahr `nen goldenen Schuss gesetzt? 150?“

„Exakt 139“, warf Eddi Hügel ein. „Fünfmal mehr als noch 1970. Die Dunkelziffer liegt bedeutend höher, weil Ärzte häufig keine Heroinabhängigkeit als Todesursache feststellen, sondern Herz- und Kreislaufversagen oder sonst etwas. Die Zahl der Süchtigen wird in unserem Stadtgebiet auf rund 2500 geschätzt. Mehr als ein Drittel ist weiblichen Geschlechts.“

„Die wahren Schuldigen sind die Händler“, sagte ich. „Sie verführen ihre Opfer mit der Aussicht auf Hochgefühle und liefern den Tod auf Raten. Das Geschäft lohnt sich. Rauschgift im Wert von acht Millionen Mark schlagen allein die Frankfurter Dealer innerhalb eines Monats los. Ohne Rücksicht auf Verluste.“ Ich betrachtete die vernarbten Arme und Handgelenke des Mannes. Spuren einer heftigen Drückerkarriere. „Was ist das für eine Beule in seiner linken Armbeuge?“

„Er hat beim ersten Versuch die Vene nicht getroffen und ins Gewebe injiziert, das daraufhin angeschwollen ist“, erklärte Eddi. „In der Fachsprache nennt man das: ein Ei schießen.“

Ich tauschte einen Blick mit Abba aus. Sollte er nicht erfahren genug sein, um die Vene gleich zu erwischen, Joe?

Ich nickte, sprach den Gedanken aber nicht laut aus. „Hatte er irgendwelche Papiere bei sich?“

Eddi Hügel verneinte. Um den Leichnam zu identifizieren, würde nichts anderes übrig bleiben, als die Vermisstenanzeigen und unsere Kartei durchzugehen. Möglicherweise war der Mann früher einmal straffällig geworden und polizeilich registriert.

„Bei der Durchsicht seines Parkas bin ich immerhin auf ein weiteres sehr interessantes Objekt zum Abnehmen von Spuren gestoßen. Einen silbernen Löffel“, sagte Eddi. „Seine Unterseite ist angebrannt. Der Löffel wird für den intravenösen Konsum des Heroins benötigt. Um eine Lösung herzustellen, muss man die Droge mit Wasser und einer Säure erhitzen, zum Beispiel Zitronensaft, und danach durch den Filter der Spritze aufziehen. Die Säure bildet beim Aufkochen das für eine Injektion nötige Heroinsalz.“

„Haben Sie sonst nichts gefunden? Nur den Löffel? Kein Feuerzeug oder Streichhölzer?“

„Negativ, Herr Kommissar.“

„Eigenartig.“ Ich rieb über meine graue Schläfe. „Wie hat er das Heroin erhitzt, wenn er kein Feuer bei sich hatte?“

„Nun … äh … auf diese knifflige Frage weiß ich leider keine Antwort.“

„Vielleicht hat einer von den Putzleuten sein Feuerzeug eingesteckt“, mutmaßte Mike. „Oder ein anderer Junkie hat`s gebraucht und ihm aus der Tasche gemopst, als er schon tot gewesen ist.“

„Und warum allein das Feuerzeug? Wieso hat der Dieb nicht auch die Jacke mitgenommen?“, fragte ich.

Mike zuckte mit den Achseln. „Hat ihm nicht gepasst. Warum...



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