Oliva Survive - Du bist allein
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403641-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-10-403641-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alexandra Oliva kennt sich in der Wildnis aus: Sie wuchs in einem kleinen Ort in den Adirondack Mountains auf, ist viel in der Natur unterwegs und hat Survival-Trainings absolviert. An der renommierten Yale-Universität hat sie einen Bachelor in Geschichte gemacht und an der New School University in New York kreatives Schreiben studiert. Ihr Debüt-Thriller ?Survive - Du bist allein? wurde auf Anhieb zu einem internationalen Bestseller und erscheint in über 25 Ländern. Alexandra Oliva lebt mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Hund Codex im Nordwesten der USA am Pazifik.
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1.
Die Tür des kleinen Minimarkts hängt geborsten und schief im Rahmen. Ich gehe vorsichtig hindurch, wohl wissend, dass ich nicht die Erste bin, die hier nach Nahrung sucht. Gleich hinter dem Eingang ist ein Karton mit einem Dutzend Eiern vom Regal gefallen. Das schwefelgelbe Innere ist längst auf dem Boden verkrustet. Der Rest des Ladens sieht nicht viel besser aus als die Eier. Die meisten Regale sind leer, und etliche Vitrinen sind umgekippt worden. Ohne hinzuschauen, registriere ich die Kamera in einer Ecke oben an der Decke, und als ich weiter in den Raum gehe, dringt mir ein widerlicher Gestank in die Nase. Ich rieche die verfaulten Lebensmittel, die verdorbenen Milchprodukte in den offenen Kühlregalen, die nicht mehr mit Strom versorgt werden. Ich nehme auch noch einen anderen Geruch wahr, den ich, so gut ich kann, ignoriere, während ich mich weiter umsehe.
Zwischen zwei Gängen liegt eine aufgeplatzte Tüte Tortilla-Chips auf dem Boden. Ein Fußabdruck hat den verschütteten Haufen größtenteils zerkrümelt. Ein großer Fußabdruck mit einem deutlich erkennbaren Absatz. Ein Arbeitsstiefel, vermute ich. Er gehört einem der Männer – nicht Cooper, der behauptet, schon seit Jahren keine Stiefel mehr zu tragen. Julio vielleicht. Ich gehe in die Hocke und hebe einen Tortilla-Chip auf. Wenn er noch knusprig ist, weiß ich, dass der Stiefelbesitzer erst kürzlich hier war. Ich zerbrösele den Chip mit den Fingern. Er ist weich und alt. Er verrät mir nichts.
Ich überlege, den Chip zu essen. Seit der Hütte habe ich nichts mehr gegessen, das letzte Mal, bevor ich krank wurde, und das ist Tage her, vielleicht eine Woche, keine Ahnung. Vor lauter Hunger spüre ich keinen Hunger mehr. Vor lauter Hunger habe ich meine Beine nicht mehr richtig unter Kontrolle. Zu meiner eigenen Verblüffung stolpere ich ständig über Steine und Wurzeln. Ich sehe sie, und ich will einen Schritt über sie hinweg machen, ich meine, ich einen Schritt über sie hinweg mache, aber dann bleibe ich mit der Schuhspitze hängen und gerate ins Straucheln.
Ich denke an die Kamera, stelle mir vor, dass mein Mann dabei zusieht, wie ich Tortilla-Chips vom Boden eines Minimarkts in mich reinstopfe. Das ist es nicht wert. Sie müssen mir noch irgendwas anderes hiergelassen haben. Ich lasse den Chip fallen und richte mich schwerfällig auf. Von der Bewegung wird mir schwindelig. Ich warte, bis ich das Gleichgewicht wiedergefunden habe, gehe dann an der Obst- und Gemüseauslage vorbei. Dutzende faulige Bananen und verschrumpelte braune Kugeln – Äpfel? – sehen mich an. Ich weiß jetzt, was Hunger ist, und es macht mich wütend, dass sie so viel haben verderben lassen, nur damit die Atmosphäre stimmt.
Schließlich etwas Glänzendes unter einem Regal. Ich gehe auf alle viere. Der Kompass, den ich an einer Kordel um den Hals trage, rutscht mir heraus und knallt auf den Fußboden. Als ich den Kompass wieder zwischen Hemd und Sport-BH stecke, fällt mir auf, dass der hellblaue Farbtupfer am unteren Rand fast komplett abgescheuert ist. Müde, wie ich bin, muss ich mir ganz bewusst sagen, dass das nicht von Belang ist; es bedeutet bloß, dass sie dem Praktikanten, der dafür zuständig war, billige Farbe gegeben haben. Ich bücke mich tiefer. Unter dem Regal liegt ein Glas Erdnussbutter. Ein kleiner Riss zieht sich vom Deckel nach unten und verschwindet hinter dem Etikett, genau über dem O in . Ich streiche mit einem Finger über den Sprung im Glas, kann ihn aber nicht spüren. Natürlich haben sie mir Erdnussbutter dagelassen. Ich kann Erdnussbutter nicht ausstehen. Ich stecke das Glas in meinen Rucksack.
Die Kühlregale sind leer bis auf ein paar Dosen Bier, die ich nicht nehme. Ich hatte auf Wasser gehofft. Eine von meinen Trinkflaschen ist leer, und die zweite, die seitlich an meinem Gürtel schwappt, ist nur noch ein viertel voll. Vielleicht waren ein paar von den anderen vor mir hier. Sie haben daran gedacht, ihr ganzes Wasser abzukochen, und haben nicht Tage damit verloren, allein im Wald zu kotzen. Wer immer den Fußabdruck hinterlassen hat – Julio oder Elliot oder dieser nerdige asiatische Typ, dessen Namen ich mir nicht merken kann –, er hat sich die besten Sachen geschnappt, und wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben mit einem gesprungenen Glas Erdnussbutter.
Der einzige Teil des Ladens, den ich noch nicht abgesucht habe, ist hinter der Kasse. Ich weiß, was mich da erwartet. Der Geruch, den ich krampfhaft ignoriere, verrät es mir: verdorbenes Fleisch und tierische Exkremente, ein Hauch Formaldehyd. Ich weiß, was sie wollen: Der Geruch soll mich an menschlichen Tod denken lassen.
Ich ziehe mir das Shirt über die Nase und nähere mich der Kasse. Die Attrappe ist genau da, wo ich sie erwartet habe, liegt mit dem Gesicht nach oben auf dem Boden hinter der Ladentheke. Der hier haben sie ein Flanellhemd und eine Cargohose angezogen. Ich atme durch mein Shirt, trete hinter die Theke und steige über die Attrappe hinweg. Die Bewegung scheucht einen Schwarm Fliegen auf, die zu mir hochschwirren. Ich spüre ihre Beine, ihre Flügel, ihre Fühler an meiner Haut kribbeln. Mein Puls beschleunigt sich, und mein Atem weht hoch, lässt den unteren Rand meiner Brille beschlagen.
Nur eine weitere Challenge, sage ich mir. Mehr ist das hier nicht.
Ich sehe eine Tüte Studentenfutter auf dem Boden. Ich hebe sie auf und weiche zurück, durch die Fliegen hindurch, über die Attrappe. Zur geborstenen und schiefen Tür hinaus, die klatschend zuschlägt, als wollte sie meinen Abgang mit höhnischem Applaus quittieren.
»Ihr Arschlöcher«, flüstere ich, die Hände auf die Knie gestützt, die Augen geschlossen. Sie werden das rausschneiden müssen, aber egal, scheiß auf sie. Fluchen ist nicht gegen die Regeln.
Ich spüre den Wind, kann aber den Wald nicht riechen. Ich rieche nur den Gestank der Attrappe. Die erste roch nicht so schlimm, aber die war frisch. Diese hier und die in der Hütte sollen älter wirken, denke ich. Ich schnäuze mich kräftig in Windrichtung, aber ich weiß, ich werde den Geruch noch stundenlang in der Nase haben. Bis dahin kann ich nichts essen, ganz gleich, wie dringend mein Körper Kalorien braucht. Ich muss weiter, weg von hier. Wasser finden. Ich sage mir das, werde aber einen anderen Gedanken nicht los – die Hütte und die zweite Attrappe. Die in Himmelblau gehüllte Puppe. Die erste echte Challenge dieser Phase ist zu einer gallertartigen Erinnerung geworden, die mein Bewusstsein trübt.
Denk nicht dran, sage ich mir. Die innere Beschwörung ist vergeblich. Noch etliche Minuten lang höre ich das Geschrei der Puppe im Wind. Und dann – – reiße ich mich los und stopfe die Tüte Studentenfutter in meinen schwarzen Rucksack. Ich schnalle ihn um und putze meine Brille mit dem Saum des langärmeligen Mikrofaser-T-Shirts, das ich unter der Jacke trage.
Dann mache ich das, was ich fast jeden Tag mache, seit Wallaby nicht mehr da ist: Ich gehe los und suche nach Hinweisen und Anhaltspunkten, den sogenannten Clues. hatte ich ihn getauft, weil die Kameramänner uns ihre Namen nicht verrieten, und wenn er frühmorgens auftauchte, erinnerte mich das an meinen Campingtrip durch Australien, den ich vor vielen Jahren gemacht habe. Als ich an meinem zweiten Tag morgens in einem Nationalpark an der Jervis Bay aufwachte, saß ein graubraunes Sumpfwallaby im Gras und sah mich an. Nur etwa zwei Schritte entfernt. Ich hatte meine Kontaktlinsen über Nacht dringelassen; meine Augen brannten, doch ich konnte den hellen Fellstreifen über der Wange des Wallabys deutlich sehen. Es war wunderschön. Der Blick, den ich im Gegenzug für meine Ehrfurcht erntete, wirkte abschätzend und eindrucksvoll, aber auch völlig unpersönlich: ein Kameraobjektiv.
Die Analogie passte natürlich nicht ganz. Der menschliche Wallaby war bei weitem nicht so hübsch wie das Beuteltier und wäre auch nicht davongehüpft, wenn ein Nachbarcamper aufgewacht und »Känguru!« geschrien hätte. Aber Wallaby kam immer als Erster, richtete als Erster seine Kamera auf mein Gesicht, ohne guten Morgen zu sagen. Und als sie uns im Gruppencamp allein ließen, war er derjenige, der gerade lange genug wieder auftauchte, um die gewünschten Videobeichten zu filmen. Verlässlich wie der Sonnenaufgang bis zum dritten Tag dieser Solo-Challenge, als die Sonne ohne ihn aufging, ohne ihn am Himmel entlangwanderte, ohne ihn unterging – und ich dachte, . Im Vertrag stand, dass wir lange Zeit allein unterwegs sein würden, aus der Ferne beobachtet. Ich war darauf gefasst, freute mich sogar darauf, nicht mehr unverhohlen, sondern diskret beobachtet und beurteilt zu werden. Jetzt wäre ich heilfroh, wenn Wallaby durch den Wald gestapft käme.
Ich bin es so satt, allein zu sein.
Der Spätsommernachmittag verrinnt. Die Geräusche um mich herum überlagern sich: das Schlurfen meiner Schritte, der Trommelwirbel eines Spechts in der Nähe, das Rascheln des Laubs im verspielten Wind. Sporadisch fällt ein anderer Vogel mit ein, sein Ruf ein weiches . Der Specht war einfach, aber diesen zweiten Vogel kenne ich nicht. Um mich von meinem Durst abzulenken, stelle ich mir vor, was für ein Vogel zu diesem Ruf passen würde. Sehr klein müsste er sein. Mit leuchtenden Farben. Ich stelle mir einen Vogel vor, den es nicht gibt: kleiner als meine Faust, hellgelbe Flügel, blauer Kopf und Schwanz, am Bauch ein Muster wie glimmende Glut. Das wäre natürlich das Männchen. Das Weibchen wäre mattbraun, wie so oft bei Vögeln.
Der...




