O'Loughlin | Das Café in Roscarbury Hall | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

O'Loughlin Das Café in Roscarbury Hall

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18719-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-18719-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Schwestern Ella und Roberta O'Callaghan wohnen bereits ihr ganzes Leben in dem irischen Herrenhaus Roscarbury Hall. Allerdings haben die zwei alten Damen seit einem Streit vor vielen Jahren kein Wort mehr gewechselt und kommunizieren nur mit Hilfe kleiner Zettel miteinander. So erfährt Roberta auch von Ellas Plan, im Ballsaal ihres maroden Anwesens ein Café zu eröffnen. Denn ohne Einnahmequelle droht die Bank, den beiden ihr Zuhause wegzunehmen. Als Aushilfe engagiert Ella die junge Debbie, eine Amerikanerin, die in Irland nach Spuren ihrer leiblichen Mutter sucht und dabei auf ein dunkles Kapitel irischer Geschichte stößt. Auch Ella und Roberta müssen sich ihrer Vergangenheit stellen – und vielleicht verbindet sie ja mehr mit Debbie als eine reine Zufallsbekanntschaft ...

Ann O'Loughlin hat fast dreißig Jahre als Journalistin gearbeitet, unter anderem für den Irish Independent, den Evening Herald und den Irish Examiner. Sie hat einige Zeit in Indien gelebt, stammt aber aus dem Westen Irlands und wohnt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern an der Ostküste der Insel.
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- 1 -

Rathsorney, County Wicklow, März 2008

»Ihnen bleiben noch vier Wochen, Miss O’Callaghan. So, wie die Dinge nun liegen, wollen die Chefs in Dublin sehen, dass Sie sich bemühen, den Kredit zurückzuzahlen. Andernfalls müssen wir Maßnahmen ergreifen, um unser Geld zurückzubekommen.«

Bankdirektor Peter O’Doherty lehnte sich auf seinem Drehstuhl zurück. Ella O’Callaghan hob den Kopf gerade weit genug, um ihm direkt in die Augen schauen zu können, und sprach langsam und bestimmt.

»Was schlagen Sie vor, Mr O’Doherty: dass ich mich prostituiere?«

»Miss O’Callaghan, es gibt keinen Grund, sich so aufzuführen.«

»Es gibt keinen Grund, mir anzudrohen, mich aus meinem Haus zu drängen. Das werde ich nicht zulassen. Roscarbury Hall ist mein Leben. Ich werde es mir von Ihnen nicht wegnehmen lassen.«

»Vielleicht gibt es etwas, das Sie verkaufen können, um Geld aufzutreiben?«

»So etwas wie meine umfangreiche Juwelensammlung, meinen Sie wohl.«

Peter O’Doherty, der ungeduldig mit seinem Schlüsselbund gespielt hatte, sprang auf. »Gehen Sie nach Hause, denken Sie darüber nach. Und kommen Sie nächste Woche mit irgendeinem Plan zur Rückzahlung wieder.«

Er streckte Ella die Hand hin, aber sie ignorierte es. »In meinem gesamten gottesfürchtigen Leben habe ich mich nie so gedemütigt gefühlt. Eher sterbe ich, als aus Roscarbury Hall auszuziehen.«

Falls O’Doherty vorgehabt hatte zu antworten, ließ sie ihm keine Gelegenheit dazu. Sie stürmte aus seinem Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Was wusste er schon von Roscarbury Hall? Er hatte keine Ahnung davon, wie das alte Haus ihnen in schlechten Zeiten Zuflucht bot, dass es der einzige Ort war, an dem sie sich sicher fühlte. Im Winter war es in den Wohnräumen so kalt, dass man seinen Atem sehen konnte, die Treppe zum Dachboden knarrte schrecklich, und der Wind rüttelte ständig an den Fensterläden. Die Landschaft in Richtung See war hügelig, weshalb es für den Bauern Sheehy unmöglich war, richtig mit seiner Mähmaschine darüberzufahren. Die Bächlein, die sich überall durch die Wiesen schlängelten, verschlammten jedes Jahr, wenn im Frühling die Kirschblüten hineingeweht wurden und im Herbst das Laub der alten Eichen und Kastanienbäume.

Roscarbury lebte für träge Sommertage, wenn die warme Luft im Haus hing und man vor der offenen Hintertür die Hühner verjagen musste. Dann wurde Ella jeden Morgen von Staren geweckt, die sich zwitschernd auf der schiefen Fernsehantenne am vorderen Schornstein versammelten. Die Krähen und Tauben in den Tannen verschmutzten immer die Steinplatten rund um den Springbrunnen, und sie musste sie einmal im Monat abschrubben. Der verwilderte Garten lieferte während der Sommermonate Obst für jede Menge Torten, und in Hitzeperioden gab es saftige Birnen. Ella würde Roscarbury niemals verlassen können: Der Hauch der Vergangenheit, der über dem alten Haus lag, beruhigte sie.

Peter O’Doherty wäre das alles egal, wenn sie es ihm erzählte. Für ihn waren Ella O’Callaghan und ihr baufälliges Haus nur ein kleines, unbedeutendes Ärgernis an einem arbeitsreichen Tag.

*

Roberta O’Callaghan nippte an einem trockenen Sherry und sah aus dem Fenster, als sie Ella auf das Haus zukommen sah. Dass ihre Schwester aufgewühlt war, erkannte sie schon an ihrem Gang. Ellas Schritte waren ein kleines bisschen länger als sonst, schwerer und entschlossener. Außerdem hielt sie sich nicht damit auf, am Springbrunnen zu verweilen, wie sie es normalerweise tat, um sich an bessere Zeiten zu erinnern, als hier noch Wasser gesprudelt hatte und weiter in die Bächlein im Garten geströmt war.

Die Hintertür wurde eilig aufgestoßen, man hörte Geschirr klappern und das Rauschen von Leitungswasser, das in den Teekessel gefüllt wurde. All das wies auf Ellas große Unruhe hin. Roberta schob den Flachmann mit Sherry in ihre dunkelbraune Lederhandtasche und ließ den Verschluss zuschnappen. Mit einem tiefen Seufzen erhob sie sich aus dem Samtsessel und versteckte ihr Glas hinter dem alten Atlas im dritten Fach des Bücherregals aus Mahagoni. Ella lärmte in der Küche herum, Schranktüren schlugen zu, Kochtöpfe wurden auf den Herd geknallt. Sie zog sich immer in die Küche zurück, wenn sie aufgewühlt war, und lenkte sich mit Backen von ihren Sorgen ab. Oft holte sie einen Kuchen aus dem Ofen und warf ihn direkt in den Mülleimer.

Das erste Mal hatte sie in der Nacht, als ihre Eltern gestorben waren, in der Küche Trost gesucht. Auf dem Heimweg von einem Chorkonzert hatte John O’Callaghan in seinem Wagen keine Chance gehabt zu reagieren, als ihm Sean McCarthy entgegenkam, der mit dem Traktor ohne jede Beleuchtung vom Pub nach Hause fuhr. Alle drei starben bei diesem tragischen Unfall, von dem in Rathsorney alle sprachen.

In der ersten Zeit waren Ella und Roberta von vielen Menschen umgeben, aber nach drei Wochen waren die Mädchen allein in dem großen leeren Haus zurückgeblieben. Ohne ihren Vater fehlte nun auch sein Einkommen als Rechtsanwalt. John O’Callaghan hatte für seine Töchter nicht vorgesorgt. Er war viel zu beschäftigt damit gewesen, sich um Roscarbury Hall zu kümmern und samstagnachmittags sein Geld bei Pferdewetten zu verschleudern.

Ella hatte keine Zeit darauf verschwendet, sich über die unverantwortliche Haltung ihres Vaters zu ärgern, sondern hatte sich mit ihrer neuen Lage und den geringen finanziellen Mitteln arrangiert. Sie machte sich daran, so viel Geld wie möglich hereinzubringen, um Roscarbury Hall zu halten. Sie backte Kuchen für die Geschäfte in Rathsorney und nahm Bügelarbeiten an, um die Rechnungen bezahlen zu können. Roberta kümmerte sich weiterhin, so gut sie konnte, um die Arbeiten draußen. Sie entwickelten eine tägliche Routine, erledigten ihre Aufgaben und zogen regelmäßig mit zwei großen Taschen los, um Brot und Kuchen zu verteilen und die nötigen Einkäufe zu erledigen. Sie bewegten sich nicht weit von Rathsorney weg, aber manchmal halfen sie im Kaufhaus von Arklow aus oder im örtlichen Eisenwarenladen, wenn an Wochenenden viel los war.

Als die Pumpe des Springbrunnens kaputt ging, war kein Geld da, um sie zu reparieren. Als der Garten gepflegt und die Pflanzen beschnitten werden mussten, kümmerten sie sich erst darum, als es unausweichlich wurde. Als Regenwasser in die Zimmer unter dem Dach tropfte, weil Ziegel herabgerutscht waren, holten sie Hegarty, einen Bauern im Ort, der seine Ausziehleiter mitbrachte und vorsichtig auf das Dach kletterte, um die Ziegel wieder zu befestigen. Als diese Aufgabe für den Heimwerker zu groß wurde, hatte Ella es geschafft, bei einem mitfühlenden Bankdirektor einen Kredit zu organisieren.

Roberta hatte den Lärm aus der Küche satt und ging Richtung Schlafzimmer. Bevor sie die Treppe hinaufstieg, blieb sie im Flur stehen und las die Nachricht, die Ella ihr hingelegt hatte.

Gerry sagt, dass er uns etwas früher zum Gottesdienst um 10 abholt. Sei bereit, damit wir nicht wegen dir zu spät dran sind. E.

Unten in der Küche wartete Ella, bis sie das Klappern von Robertas Gehstock auf dem oberen Treppenabsatz hörte, dann rief sie ihre Cousine Iris an.

»Ich brauche deine Hilfe. Ich glaube, ich habe einen guten Plan. Es geht darum, Geld für Roscarbury aufzubringen. Ich glaube, du wirst ihn gut finden.«

»Spuck’s aus, Mädchen, Herrgott noch mal.«

»Nein, jetzt habe ich keine Zeit. Beim Gottesdienst um zehn Uhr morgen früh.«

Sie legte auf, bevor Iris protestieren konnte.

*

Am nächsten Morgen wählte Ella den blauen ausgestellten Mantel für den Gottesdienst, der einen passenden Hintergrund für ihre Lieblingsbrosche abgab. Neun blaue Kristallperlen in einer einfachen kreisförmigen Fassung. Ihre Mutter hatte dieses Schmuckstück nur zu besonderen Gelegenheiten getragen. Es war einzigartig, hatte sie ihrer Tochter erzählt, und Ella hatte ihr geglaubt. Vorsichtig befestigte sie die Brosche am linken Aufschlag, stellte sich vor den Spiegel und strich den Mantel glatt. Als ob sich heute noch irgendjemand für sie interessierte, dachte sie.

Gerry O’Hare rumpelte mit seinem Mercedes die Zufahrt hinauf. Sie sah zu, wie er seinen riesigen Körper aus dem Fahrersitz manövrierte, eine Zigarette im Mundwinkel. Er lehnte sich an den Springbrunnen, rauchte in Ruhe und wartete auf die O’Callaghan-Schwestern.

Roberta stand schon im hinteren Hausflur. Sie trug ihren schwarzen Mantel mit Pelzbesatz an Ärmeln und Kragen. Ihre große graue Handtasche und ihre Handschuhe hatten dieselbe Patina wie ihre Schuhe. Die Schwestern musterten einander wortlos.

»Guten Morgen, Mädels. Wie geht’s uns heute Morgen?« Gerry O’Hare holte die Schwestern jeden Sonntag ab, um sie zum Gottesdienst zu bringen und wieder zurück. Er tat das aus Freundlichkeit, auch wenn das Weihnachtspaket von den O’Callaghans stets überaus großzügig war. Ella und Roberta nahmen sein albernes Getue hin und freuten sich manchmal sogar auf seine unbeholfenen Flirtversuche.

In der Kirche drängte sich Iris auf den Platz neben ihnen.

»Du hast mich zum Gottesdienst bestellt«, raunte sie. »Was willst du?«

Ella schaute weiter geradeaus.

»Komm nachher mit zu uns nach Hause, dann reden wir darüber.«

»Kannst du nicht jetzt mit der Sprache rausrücken?«

Ella saß stocksteif auf ihrem Platz. »Zuerst der Gottesdienst, dann reden.«

Iris stöhnte. Sie weigerte sich aufzustehen, als der Priester zum Altar trat, und zappelte während des Gottesdienstes so herum, dass Ella ihr den Ellbogen in die Rippen stieß.

»Also, fährst...


O'Loughlin, Ann
Ann O'Loughlin hat fast dreißig Jahre als Journalistin gearbeitet, unter anderem für den Irish Independent, den Evening Herald und den Irish Examiner. Sie hat einige Zeit in Indien gelebt, stammt aber aus dem Westen Irlands und wohnt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern an der Ostküste der Insel.



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