O'Loughlin | Die verlorene Hälfte meines Herzens | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

O'Loughlin Die verlorene Hälfte meines Herzens

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-22067-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-22067-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Irland in den 1950er-Jahren. Gefangen in einer unglücklichen Ehe verliebt sich Grace in einen jungen Arzt aus Indien. Eine Scheidung kommt nicht infrage, und als Grace auch noch schwanger wird, sucht die Familie nach einer Lösung. Grace wird auf Betreiben ihrer eigenen Tante und mit Einverständnis ihres Mannes in eine Irrenanstalt eingewiesen. Dreißig Jahre später kommt Graces Tochter Emma der Wahrheit auf die Spur: Als Emma nach dem Tod des Vaters nach Dublin zurückkehrt, um den Nachlass zu regeln, enthüllt sie die tragische Geschichte ihrer Mutter und macht sich auf die Suche nach ihr ...

Ann O'Loughlin hat fast dreißig Jahre als Journalistin gearbeitet, unter anderem für den Irish Independent, den Evening Herald und den Irish Examiner. Sie hat einige Zeit in Indien gelebt, stammt aber aus dem Westen Irlands und wohnt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern an der Ostküste der Insel.
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3

Bangalore, Indien, März 1984

»Rosa, komm mit mir. Nur zwei Wochen.«

»Onkel, Anil wird es nicht gefallen, wenn seine Frau so weit reist. Hast du Mama von deinen Plänen erzählt?«

Vikram lachte laut auf. »Erzählt? Du weißt, wie Rhya reagieren wird.«

»Vielleicht hat sie recht, es ist zu früh nach der Entwarnung.«

Vikram nahm die Lesebrille ab, die er aufgesetzt hatte, um den Indian Express zu überfliegen. »Wann werden die Frauen in dieser Familie erkennen, dass wir Männer in der Lage sind, im Leben unsere eigenen Entscheidungen zu treffen?«

»Mama wird nicht glücklich sein – sie hasst dieses Land. Lass uns an einen Ort mit etwas mehr Geschichte fahren. Nach London. Die Queen sehen?«

Vikram klopfte auf das Kissen des Rattansessels neben sich auf dem Balkon. »Setz dich. Ich muss dir etwas erzählen.«

Sie seufzte laut und ließ sich neben ihn plumpsen.

»Ich muss dorthin, um das Grab der Frau, die ich wirklich geliebt habe, zu besuchen.«

»Was?«

»Grace starb. Ich kehrte zurück nach Indien.«

»Grace? Wer war diese Grace?«

Vikram zögerte.

»War sie Irin?«

Vikram nickte, erhob sich und befühlte die zartlila Blüten des Jacarandabaums. »Ich muss das tun, Rosa.«

»Onkel, du klingst allmählich, als würdest du dich auf deinen Tod vorbereiten.«

»Ganz im Gegenteil, liebe Rosa. Ich möchte einfach nur am Grab der Frau stehen, die ich geliebt habe. Was ist daran falsch?«

»Warum erfahre ich erst jetzt davon?«

»Wenn ein Mann ein gewisses Alter erreicht hat, gibt es viele Dinge, die ihm durch den Kopf gehen und die er klären möchte, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet. Grace bedeutete mir alles. Ich habe sie mein Leben lang geliebt, und ich habe den tiefen Wunsch, still an ihrem Grab zu stehen. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn du mich begleiten könntest.«

Rosa nahm Vikrams Hand. »Anil wird sich damit abfinden müssen, dass ich mit dir fliege. Erzähl mir von dieser Grace.«

»Grace? Grace wer?« Rhya tappte in ihrem baumwollenen Hausmantel über den Balkon und flocht ihr langes Haar, bereit, ins Bett zu gehen. Sie schaute zwischen ihrem Bruder und ihrer Tochter hin und her. Schließlich hörte sie auf, ihre Haare zu teilen. »Rosa, du solltest nach Hause gehen. Wird dein Mann sich nicht fragen, wo du bist?«

»Still, Mama, lass das altmodische Gerede.«

Vikram schüttelte unüberhörbar seine Zeitung, in der Hoffnung, die beiden Frauen vom Streiten abzulenken. »Wir werden uns morgen weiter unterhalten, Rosa. Ich befürchte, deine Mutter wird mich ins Bett schicken.«

Rhya riss die Arme hoch. »Vikram, du warst einmal Mediziner. Du weißt, wie wichtig Ruhe in diesem Stadium deiner Genesung ist.«

Bevor Vikram antworten konnte, drehte sie sich um und ging mit Rosa davon.

»Du hättest ihm etwas zu trinken bringen sollen, Rosa, er schwitzt immer noch so viel. Armer Vik, das Leben war so grausam zu ihm.«

»Er beschwert sich nicht.«

Rhya, die geschickt ihre grauen Haare zusammendrehte, wirbelte noch einmal herum. »War nicht genau das stets das Problem mit Vikram? Zu nett, zu unbekümmert.«

Rosa legte Rhya die Hand auf die Schulter. »Mama, sag so etwas nicht. Er hat grünes Licht bekommen. Kein Grund mehr für so viel Besorgnis.«

Rhya gab das Flechten ihres Haars auf und ließ es locker über die Schultern fallen, während Rosa neben der Couch nach ihrer Handtasche suchte.

»Du hättest sie nicht dortlassen sollen. Ich traue diesem neuen Dienstmädchen nicht, das weißt du.«

»Ich werde morgen früher vorbeischauen und ihm seinen Lieblingsimbiss von Nilgiris mitbringen.«

Sobald sie Rosa in den Fahrstuhl steigen und nach unten fahren hörte, marschierte Rhya zurück zu ihrem Bruder. »Du heckst mit Rosa etwas aus, oder?«

Vikram legte die Zeitung beiseite und bedeutete Rhya, sich zu setzen. »Ich möchte, dass Rosa eine Reise mit mir unternimmt.«

»Was für eine Reise?«

»Eine Auslandsreise.«

Er zögerte, und Unruhe stieg in ihr auf angesichts dessen, was sie als Nächstes hören würde.

»Ich werde nach Irland fliegen, Rhya. Ich möchte, dass Rosa mich begleitet.«

»Bist du verrückt, Vikram Fernandes?«

»Es gibt keinen Grund, sich so aufzuregen. Es ist Zeit, dass ich dorthin zurückkehre. Ich muss herausfinden, wo Grace begraben ist. Ich möchte ihr die letzte Ehre erweisen.«

»Und wie kannst du das alles tun, ohne dem Kind die Wahrheit zu sagen?«

Er streckte die Hand nach Rhya aus, aber sie ignorierte es. »Sie ist kein Kind mehr, Rhya, vielleicht ist es an der Zeit, dass sie es erfährt.«

»Und was ist mit mir? Was wird sie von mir denken?«

»Rhya, du bist ihre Mutter. Sie vergöttert dich.«

Tränen strömten über Rhyas Gesicht. »Das kannst du mir nicht antun, Vik. Es wird unser Verhältnis zueinander für alle Zeiten zerstören.«

»Du weißt, dass das nicht stimmt.«

»Hat sie gesagt, dass sie mitkommt?«

»Rhya, was ist schlimmer? Ihr diese ganze Sache zu verheimlichen oder es ihr endlich zu sagen? Rosa muss es erfahren.«

Rhya presste die Finger auf ihre Stirn. »Du verstehst es nicht, oder? Dieses Kind hat mich ihr Leben lang geliebt. Ich habe Rosa geliebt und tue es immer noch, mehr als alle anderen hier. Du kannst nicht riskieren, das zunichte zu machen, nur weil du die Vergangenheit nicht ruhen lassen kannst. Du kannst nicht absichtlich mein Leben wegwerfen.«

Vikram griff nach seiner Zeitung, in der Absicht, seine Schwester durch Lesen auszublenden, aber Rhya war schneller.

»Du setzt dich jetzt mit mir auseinander, Vikram Fernandes. Ich werde nicht akzeptieren, dass du dich hinter dieser blöden Zeitung versteckst.«

»Ich glaube nicht, dass es noch etwas zu sagen gibt. Ich will keinen Streit«, sagte Vikram tonlos.

»Natürlich willst du das nicht, du willst einfach deinen Willen durchsetzen. Ich warne dich, Vikram Fernandes, wenn du zu Rosa nur ein Wort sagst und ihr die Wahrheit verrätst, werde ich nie wieder mit dir reden.«

Rhya stand einen Moment lang auf dem Balkon und fürchtete, zu viel gesagt zu haben.

Vikram schlug wieder die Zeitung auf, raschelte laut und fing dann an, die Berichte über die letzten Kricketspiele zu lesen.

Rhya zog sich leise auf den seitlichen Balkon zurück und atmete tief durch. Sie wollte darüber nachdenken, was geschehen war. Ihre Hände zitterten, und ihr Kopf schmerzte. Vikram war gut darin, einen Sturm heraufzubeschwören und es ihr zu überlassen, mit den Konsequenzen fertigzuwerden. Sie hörte, wie sich der Nachtwächter im Erdgeschoss räusperte und auf seiner Pritsche niederließ. Sie sollte sich ebenfalls hinlegen, aber ihr aufgewühlter Geist ließ es nicht zu.

Sie ging in ihr Schlafzimmer, wählte einen Schlüssel von dem großen Bund, den sie normalerweise am Gürtel trug, und schloss den Schrank auf, in dem sie ihre Saris aufbewahrte. Hatte sie Sorgen, stöberte sie in den Kleidungsstücken herum: Inmitten der mit ihnen verbundenen Geschichten, der satten Farben und prächtigen Stoffe erfuhr sie ein wenig Trost und Frieden.

Sie glitt mit der Hand über die Fächer, ihre Finger schwebten über den schweren Seiden-Saris, viele nur einmal getragen, zu Anlässen, die sich nie wiederholten. Sie griff in einen kleinen Stapel ganz hinten und zog den Sari hervor, den sie an dem Abend getragen hatte, als sie sich um Vikram versammelt hatten, um ihm für seine Reise nach Irland Glück zu wünschen. So viele Jahre war es her.

Als sich die rosafarbene Seide über dem Bett bauschte und die violett-goldene Borte unter der nackten Glühbirne schimmerte, spürte Rhya, wie Einsamkeit sie überkam und in die Tiefe zog. Sie war heute zu alt für eine solche Farbe, das wusste sie. Das Dienstmädchen Rani hatte ihr an jenem Abend beim Anziehen geholfen und darauf geachtet, dass die Falten fest und gerade lagen. Ihre Bluse war von einem etwas dunkleren Violett-Rosa, die Farbe hatte einen Kontrast zu ihrem langen Haar gebildet, das sie zu einem hohen Knoten gebunden hatte. Die goldenen Tropfenohrringe ihrer Mutter baumelten und funkelten im Licht. Vikram ging nach Irland, aber sie stand am Anfang ihres eigenen Weges, dem einer Ehe. Die Pintos waren zu dem Fest eingeladen, damit Mrs Pinto und Rhyas Mutter, unterstützt von Flavia Nair, die extra hinzugezogen worden war, um die Verbindung zu überwachen, die weiteren Pläne besprechen konnten.

Mehrere Male hatte sie den Sari wegwerfen wollen, aber der weiche Stoff und die Erinnerung daran, jung und voller Hoffnung für die Zukunft zu sein, für sich selbst und für Vikram, war so verlockend und doch so schmerzvoll, dass sie ihn behielt. Sie seufzte beim Gedanken daran, was im Jahr darauf geschehen war und ihre ganze Familie aus der Bahn geworfen hatte. Sie hatte Sanjay Pinto nur vom Sehen gekannt, bevor sie ihn geheiratet hatte, aber ohne ihn und seine unerschütterliche Präsenz hätte sie den Skandal, der ihre Familie überschattete, niemals überstanden.

An dem Abend, als Vikram seinen Umzug nach Irland gefeiert hatte, trug ihre Mutter einen Sari aus grüner Rohseide mit einer rosafarbenen Borte, die dick mit Gold bestickt war. Rhya bewahrte ihn ganz hinten im Schrank auf, weil sie den zusammengelegten Stoff, den ihre Mutter getragen hatte, um ein Land zu ehren, das sie später hassen würde, nicht sehen wollte.

Rasch knüllte sie den rosafarbenen Sari zusammen und warf ihn zurück in das Fach, um sich glücklicheren...


O'Loughlin, Ann
Ann O'Loughlin hat fast dreißig Jahre als Journalistin gearbeitet, unter anderem für den Irish Independent, den Evening Herald und den Irish Examiner. Sie hat einige Zeit in Indien gelebt, stammt aber aus dem Westen Irlands und wohnt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern an der Ostküste der Insel.



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