Olsberg | Boy in a White Room | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Olsberg Boy in a White Room


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7320-1025-7
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-7320-1025-7
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eingesperrt, ohne Erinnerung, erwacht Manuel allein in einem weißen Raum. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist die computergenerierte Stimme Alice, durch die er Zugriff auf das Internet hat. Stück für Stück erschließt sich Manuel online, was mit ihm passiert ist: Bei einem Entführungsversuch wurde er lebensgefährlich verletzt. Doch wie konnte er diesen Anschlag überleben? Ist das tatsächlich die Wahrheit? Und wer ist Manuel wirklich?

Karl Olsberg promovierte über künstliche Intelligenz, war Unternehmensberater, Manager bei einem Fernsehsender und gründete mehrere Start-ups. 2007 erschien sein erster Roman Das System, der es auf Anhieb in die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Seitdem schreibt er nicht nur erfolgreich Romane für Erwachsene, sondern auch für Jugendliche und Kinder. Seine Minecraft-Romane, die er zunächst im Eigenverlag veröffentlichte, erreichten Platz 2 der Amazon-Bestsellerliste. Zudem wurde sein Start-up 'Papego', das die gleichnamige App zum mobilen Weiterlesen gedruckter Bücher entwickelt, auf der Frankfurter Buchmesse als 'Content-Start-up des Jahres 2016' ausgezeichnet. Der Autor lebt mit seiner Familie in Hamburg.
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2. KAPITEL


Der Browser schließt sich, ohne dass ich eine entsprechende Anweisung gegeben habe. Die Wände werden wieder weiß und es erscheint eine sich drehende Sanduhr. Als sie verschwindet, stehe ich plötzlich in einer Art Bibliothek. Sie ist nicht bloß auf den virtuellen Wänden des weißen Raums abgebildet, sondern wirkt wie eine völlig reale dreidimensionale Umgebung, so als sei ich hierher teleportiert worden.

Was ist passiert? Ich sehe mich um. Hohe Bücherregale ragen ringsum auf, Fenster geben den Blick auf einen großen Garten frei. Ein moderner großer Schreibtisch aus dunklem Holz dominiert den Raum. In einer Ecke stehen zwei Ledersessel. Eine Tür führt hinaus.

Ich mache probehalber einen Schritt nach vorn. Ich kann mich in diesem Raum ganz normal bewegen. Doch meine Hände sind, wie der Rest meines Körpers, immer noch eine virtuelle Projektion. Vergeblich versuche ich, eines der Bücher aus dem Regal zu nehmen.

Ich bin nicht wirklich hier, wo auch immer hier ist.

Die Tür öffnet sich mit einem leisen Quietschen und ein Mann tritt ein. Er ist etwa fünfzig Jahre alt, mit grau meliertem, schütterem Haar und einer markanten Nase, auf der eine große Brille sitzt. Obwohl seine Texturen sehr detailliert sind, fällt mir sofort auf, dass auch er nur eine virtuelle Figur ist.

»Manuel!« Seine Stimme klingt, als ob er sich freut, aber in seinem virtuellen Gesicht zeigt sich das nur durch ein dünnes, unechtes Lächeln. Er kommt auf mich zu und will mich umarmen. Doch als ihm klar wird, wie sinnlos diese Geste in einer virtuellen Welt ist, bleibt er stehen. »Wie geht es dir?«

Manuel. Der Name klingt irgendwie vertraut, aber nicht so vertraut, als sei es mein eigener.

»Wer sind Sie?«, frage ich.

Sein Gesicht wird ausdruckslos. »Du kannst dich immer noch an nichts erinnern?« Im Unterschied zu meiner Stimme und der von Alice klingt seine natürlich, ich kann die Enttäuschung darin hören. Er ist eine echte Person.

»Nein«, antworte ich.

»Das habe ich befürchtet«, sagt er resigniert. »Es tut mir leid, mein Sohn. Wir haben alles versucht, um dein Gedächtnis zu stabilisieren, aber es kommt immer wieder zu Abwehrreaktionen deines Gehirns gegen die Implantate.«

Das klingt gar nicht gut. »Was für Implantate?«

»Eins nach dem anderen. Du bist hier, also hast du herausgefunden, wer du bist.«

»Alice hat gesagt, ich bin der Sohn des Milliardärs Henning Jaspers. Ich nehme an, das sind Sie.«

Er sieht mich einen Moment schweigend an. Mir wird klar, dass ich ihn möglicherweise verletzt habe. Als er schließlich spricht, ist seine Stimme neutral: »Ja, das bin ich. Du bist mein Sohn, Manuel, auch wenn du dich nicht an mich erinnern kannst. Ich muss für dich wie ein Fremder wirken, dabei bist du das Einzige, was mir noch wichtig ist.« Er macht eine kurze Pause, als ringe er um Worte. »Diese Schweine haben deine Mutter umgebracht und dein Leben zerstört. Dafür werden sie büßen!«

»Also ist es wahr, was online steht? Einbrecher haben … meine Mutter erschossen?«

»Natürlich ist es wahr. Was glaubst du, warum ich mich mit dir in dieser virtuellen Welt unterhalten muss, statt dich in der Realität in den Arm zu nehmen?«

»Das verstehe ich nicht. Wo bin ich? Was ist mit mir los?«

»Ich zeige es dir«, sagt er und macht eine Geste mit der Hand.

Im nächsten Moment befinde ich mich nicht mehr in der Bibliothek, sondern in einem weiß gestrichenen Raum mit Linoleumfußboden und einem Krankenhausbett neben Regalen voller blinkender elektronischer Geräte. Ein dicker Kabelstrang läuft zum Kopf eines Jungen, der in dem Bett liegt: etwa fünfzehn Jahre alt, mit krausem dunklem Haar, das unter einer Netzhaube aus dünnen Drähten hervorquillt. Schläuche führen in Mund und Nase. Seine Augen sind geschlossen, die Gesichtszüge entspannt, als schlafe er friedlich.

Einen Moment lang starre ich stumm auf die reglose Gestalt, gehe näher heran und beuge mich über sie. »Das … das da bin ich?«

Der Avatar des Mannes, der behauptet, mein Vater zu sein, nickt. »Die Kugel traf dich in den Hals. Deine Wirbelsäule wurde zerschmettert. Knochensplitter drangen in den Hirnstamm ein. Es ist ein Wunder, dass du noch lebst.«

Kann das sein? Bin das wirklich ich? Es kommt mir nicht so vor. Aber wahrscheinlich habe ich meinen Körper auch noch nie zuvor von außen betrachtet.

»Die Drähte dort führen direkt in mein Gehirn?« Was für eine gruselige Vorstellung!

»Ja. Dein Geist ist vollständig von deinem Körper isoliert. Selbst die Nervensignale deiner Augen und Ohren erreichen dein Gehirn nicht mehr. Nur die Blutversorgung funktioniert noch. Die Ärzte haben gesagt, du seist so gut wie tot. Doch als wir dein Gehirn untersucht haben, konnten wir sehen, dass es noch aktiv ist. Wir haben eine Weile gebraucht, aber schließlich ist es uns gelungen, die wichtigsten Nervensignale zu entschlüsseln und damit deinen virtuellen Körper zu steuern. Am schwierigsten war es, die Signale deines Sprachzentrums zu interpretieren. Aber wie du siehst, ist uns auch das gelungen. Deine Stimme ist die eines Computers, doch die Worte sind deine eigenen. Du warst in einem finsteren Gefängnis eingesperrt, aber wir konnten dich daraus befreien.«

Ich sehe mich in dem virtuellen Krankenzimmer um. Freiheit sieht für mich anders aus.

»Werde ich jemals wieder meinen Körper benutzen können?«

Er zögert einen Moment. Ich höre an seiner Stimme, dass er den Tränen nahe ist, als er antwortet: »Nein. Nein, mein Sohn, das ist leider nicht möglich. Ich wünschte, ich könnte dir etwas anderes sagen.«

»Ich verstehe.« Tue ich das wirklich? Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Für immer in dieser virtuellen Realität gefangen zu sein … Vielleicht ist mein Gedächtnisverlust keine Abwehrreaktion meines Gehirns gegen die Elektroden, sondern gegen die schreckliche Wahrheit.

»Komm, ich zeige dir etwas.« Er macht eine Handbewegung und das Krankenzimmer verschwindet. Dafür befinde ich mich jetzt in einem Raum mit schrägen Wänden. Auf einem Schreibtisch steht ein Computer, daneben ein Regal voller Bücher, ein Kleiderschrank, ein Bett. Poster von Rockbands, deren Namen mir bekannt vorkommen, ohne dass ich ihre Musik im Ohr habe. Über dem Bett hängt eine Szene aus dem Film Der Herr der Ringe: Frodo lehnt am Geländer von Elronds Palast und blickt hinaus über das märchenhafte Bruchtal. Darüber ein Mannschaftsbild des HSV mit Unterschriften – offenbar war ich ein Fan. Ein Tennisschläger liegt neben einem Rucksack, aus dem Schulbücher hervorschauen, auf dem Boden. Alles wirkt so echt und doch fremd.

»Das ist dein Zimmer«, erklärt er. »Wir haben es genau so abgebildet, wie es war, als …« Er stockt. Nach einer Weile fragt er: »Erinnerst du dich an irgendetwas?«

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich jemals zuvor in diesem Raum gewesen bin. Die Dinge bedeuten mir nichts. Ich kann die Namen der Fußballspieler auf dem Poster nennen, aber ob ich selber jemals einen Ball gekickt habe, vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß, wer Elrond und Frodo sind, und kenne die Handlung des Films, doch ich weiß nicht, wann und wo ich ihn angeschaut habe. Plötzlich habe ich das Gefühl, vor mir etwas unendlich Wertvolles zu sehen – einen kostbaren Schatz, der unerreichbar ist: mein früheres Leben.

»Ich weiß nicht«, antworte ich, damit er meine Verzweiflung nicht spürt.

»Vielleicht kommt das noch.« Aber in seiner Stimme liegt wenig Hoffnung. »Nun, ich habe noch eine Überraschung für dich. Es muss ja schließlich auch Vorteile haben, wenn man in einer virtuellen Welt lebt.«

Er berührt das Herr der Ringe – Poster und im nächsten Moment stehe ich an einer halbrunden Balustrade, die kunstvoll aus hellem Holz geschnitzt ist, und blicke über ein bewaldetes Tal mit steilen Felswänden, von denen Wasserfälle herabstürzen. Über einen davon spannt sich eine schwungvoll gebogene Brücke, hinter der die Sonnenstrahlen im Sprühwasser einen Regenbogen erzeugen.

»Wow!«, entfährt es mir.

»Gefällt es dir?« Als ich mich zu ihm umdrehe, sehe ich, dass sich sein Aussehen verändert hat. Er trägt jetzt ein langes Gewand, sein Haar fällt ihm bis über die Schultern und sein Gesicht wirkt deutlich jünger. Auch die Brille ist verschwunden. Die markanteste Veränderung sind jedoch die spitzen Ohren.

»Wir haben uns von Peter Jackson die Originaldateien besorgt, die für die 3-D-Animationen und die Kulissen des Films verwendet wurden«, erzählt er stolz. »Wir mussten sie allerdings noch deutlich erweitern, damit die Räume auch alle begehbar sind.«

»Hast du … das alles extra für mich gemacht?«

Sein Elbengesicht verrät keine Gefühlsregung. »Ich wollte, dass du dich hier wohlfühlst. Der Herr der Ringe war immer dein Lieblingsbuch.«

»Es ist wunderschön. Aber eins verstehe ich nicht: Warum war ich in dem Raum mit den weißen Wänden, als ich aufgewacht bin? Warum hat niemand mit mir gesprochen? Wieso musste ich erst mühsam selbst herausfinden, wer ich bin?«

»Du bist in einer schwierigen Situation, Manuel. Niemand weiß das besser als ich. Um dich so behutsam wie möglich an die Wahrheit heranzuführen, solltest du dein Schicksal ein Stück weit selbst in die Hand nehmen können. Statt dir einfach zu erzählen, was mit dir passiert ist, wollte ich dir die Chance geben, alleine dahinterzukommen. Ich hätte nicht gedacht, dass dir das so schnell...



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