E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Ondaatje Es liegt in der Familie
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28469-2
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-446-28469-2
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Ondaatje, 1943 in Sri Lanka geboren, lebt heute in Toronto. Mit seinem Roman 'Der englische Patient' (Hanser, 1993), für den er den Man Booker Prize und zum 50-jährigen Jubiläum des Preises im Jahr 2018 den Golden Man Booker Prize erhielt, wurde er weltberühmt. Im Hanser Verlag erschienen zuletzt 'Buddy Boldens Blues' (1995), 'Die gesammelten Werke von Billy the Kid' (1997), 'Anils Geist' (Roman, 2000), 'Handschrift' (Gedichte, 2001), 'Divisadero' (Roman, 2007), 'Katzentisch' (Roman, 2012) und 'Kriegslicht' (Roman, 2018).
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Die Brautwerbung
Als mein Vater die Schule beendete, beschlossen seine Eltern, ihn nach England auf die Universität zu schicken. Also verließ Mervyn Ondaatje Ceylon auf dem Seeweg und traf in Southampton ein. Er legte die Aufnahmeprüfungen für Cambridge ab, schrieb einen Monat später nach Hause und teilte seinen Eltern die gute Nachricht mit, daß er im Queen’s College aufgenommen worden sei. Sie wiesen ihm das Geld für drei Jahre Universitätsausbildung an. Endlich hatte er sich gebessert. Er hatte daheim nicht gutgetan, und nun schien es, als hätte er sich zusammengerissen und diese Phase schlechten Benehmens in den Tropen hinter sich gelassen.
Nach zweieinhalb Jahren und mehreren bescheidenen Briefen über seine erfolgreiche akademische Laufbahn fanden seine Eltern heraus, daß er nicht einmal die Aufnahmeprüfung bestanden hatte und auf ihre Kosten in England lebte. Er hatte eine teure Wohnung in Cambridge bezogen und ließ das akademische Element der Universität einfach links liegen, suchte sich seine besten Freunde unter den Studenten, las Gegenwartsliteratur, ging rudern und machte sich einen Namen als jemand, der genau wußte, was in den einschlägigen Kreisen Cambridges in den zwanziger Jahren von Bedeutung und Interesse war. Er amüsierte sich prächtig, war kurze Zeit mit einer russischen Komtesse verlobt und unternahm gar eine kurze Reise nach Irland, als die Universität über die Ferien geschlossen war, angeblich, um gegen die Rebellen zu kämpfen. Niemand wußte von diesem irischen Abenteuer außer einer Tante, die eine Fotografie geschickt bekam, auf der er in Uniform posierte, verschmitzt lächelnd.
Auf die erschütternde Nachricht hin entschlossen sich seine Eltern dazu, ihn persönlich zur Rede zu stellen, also packten seine Mutter, sein Vater und seine Schwester Stephy ihre Koffer und fuhren mit dem Schiff nach England. Jedenfalls hatte mein Vater gerade noch vierundzwanzig Tage des Wohllebens in Cambridge vor sich, bevor die wütende Familie unangemeldet vor seiner Tür stand. Belemmert bat er sie herein, konnte ihnen um elf Uhr früh nur Champagner anbieten. Das beeindruckte sie nicht so, wie er erwartet hatte, und der große Krach, dem mein Großvater seit Wochen entgegengefiebert hatte, wurde durch die wirkungsvolle Angewohnheit meines Vaters, in fast vollständiges Schweigen zu verfallen und nicht den geringsten Versuch zu unternehmen, auch nur eine einzige seiner Untaten zu rechtfertigen, abgewendet, so daß es schwer war, mit ihm zu streiten. Statt dessen ging er abends zur Essenszeit für ein paar Stunden fort, kam zurück und verkündete, daß er sich mit Kaye Roseleap verlobt hatte — der engsten englischen Freundin seiner Schwester Stephy Diese Neuigkeit beschwichtigte einen Großteil der angestauten Wut gegen ihn. Stephy wechselte auf seine Seite über, und seine Eltern waren von der Tatsache beeindruckt, daß Kaye von den bekannten Roseleaps aus Dorset abstammte. Insgesamt war jeder zufrieden, und am folgenden Tag nahmen sie alle den Zug hinaus aufs Land, um die Roseleaps zu besuchen, mit Phyllis, der Cousine meines Vaters, im Schlepptau.
In jener Woche in Dorset benahm sich mein Vater tadellos. Die Schwiegereltern planten die Hochzeit, Phyllis wurde eingeladen, den Sommer mit den Roseleaps zu verbringen, und die Ondaatjes (inbegriffen mein Vater) reisten zurück nach Ceylon, um die vier Monate bis zur Hochzeit abzuwarten.
Zwei Wochen nach seiner Ankunft in Ceylon kam mein Vater eines Abends nach Hause und erklärte, daß er mit einer gewissen Doris Gratiaen verlobt sei. Der in Cambridge aufgeschobene Streit brach nun auf dem Rasen meines Großvaters in Kegalle aus. Mein Vater war gefaßt, unbeeindruckt von den diversen Komplikationen, die er anscheinend ausgelöst hatte, und hatte nicht einmal vor, den Roseleaps zu schreiben. Es war Stephy, die schrieb und eine Kettenreaktion von Briefen auslöste; einer davon ging an Phyllis und machte ihre Ferienpläne zunichte. Mein Vater versuchte es weiterhin mit seiner Technik, ein Problem aus der Welt zu schaffen, indem er ein anderes schuf. Am nächsten Tag kam er heim und erklärte, daß er sich der ceylonesischen Leichten Infanterie angeschlossen habe.
Ich weiß nicht genau, wie lange er meine Mutter vor der Verlobung kannte. Er muß ihr vor seiner Zeit in Cambridge wohl ab und zu in Gesellschaft begegnet sein, denn einer seiner besten Freunde war Noel Gratiaen, der Bruder meiner Mutter. Ungefähr zu jener Zeit kehrte Noel nach Ceylon zurück, da man ihn am Ende seines ersten Jahres in Oxford rausgeworfen hatte, weil er sein Zimmer in Brand gesteckt hatte. Zwar kam so etwas häufiger vor, doch er war noch einen Schritt weiter gegangen, hatte versucht, das Feuer zu löschen, indem er brennende Sofas und Sessel aus dem Fenster auf die Straße katapultierte und sie dann zum Fluß zerrte und hineinwarf — wo sie drei Boote versenkten, die dem Oxforder Ruderclub gehörten. Wahrscheinlich begegnete mein Vater Doris Gratiaen zum erstenmal, als er Noel in Colombo besuchte.
Um diese Zeit führten Doris Gratiaen und Dorothy Clementi-Smith in privatem Kreis radikale Tänze auf und übten täglich. Beide Frauen waren etwa zweiundzwanzig Jahre alt und waren stark von den Gerüchten über Isadora Duncans Tanzkunst beeinflußt. Nach etwa einem Jahr traten sie öffentlich auf. In Rex Daniels Tagebüchern findet sich eine Notiz über sie:
Eine Gartenparty im Park der Residenz … Bertha und ich saßen neben dem Gouverneur und Lady Thompson. Ihnen zu Ehren war eine Aufführung mit verschiedenen Darbietungen vorbereitet worden. Zuerst trat ein Bauchredner aus Trincomalee auf, dessen Nummer nicht vorher begutachtet worden war, weil er zu spät kam. Er war betrunken und begann, beleidigende Witze über den Gouverneur zu reißen. Die Darbietung wurde abgebrochen, und als nächstes traten Doris Gratiaen und Dorothy Clementi-Smith mit einer Nummer auf, die »Tanzende Bronzefiguren« betitelt war. Sie trugen Badeanzüge und hatten sich mit Goldfarbe bemalt. Der Tanz war sehr hübsch, doch die Goldfarbe löste eine Allergie aus, und am nächsten Tag waren die Mädchen über und über mit einem fürchterlichen roten Ausschlag bedeckt.
Mein Vater sah die beiden zum erstenmal in den Gärten des Deal Place tanzen. Er fuhr von seinem Elternhaus in Kegalle hinunter nach Colombo, wohnte in der Kaserne der ceylonesischen Leichten Infanterie, verbrachte die Tage mit Noel und schaute den zwei Mädchen beim Üben zu. Man erzählt sich, er sei in verschossen gewesen, doch Noel heiratete Dorothy, als sich mein Vater mit Noels Schwester verlobte. Wohl mehr, um meinem Vater Gesellschaft zu leisten als aus irgendeinem anderen Grund, war Noel ebenfalls in die ceylonesische Leichte Infanterie eingetreten. Diese Verlobung meines Vaters war nicht so populär wie jene mit Kaye Roseleap. Er kaufte Doris Gratiaen einen Verlobungsring mit einem riesigen Smaragd und belastete damit das Konto seines Vaters. Sein Vater weigerte sich, zu zahlen, und mein Vater drohte damit, sich zu erschießen. Schließlich wurde der Ring von der Familie bezahlt.
Mein Vater hatte in Kegalle nichts zu tun. Es war zu weit weg von Colombo und seinen neuen Freunden. Seine Stellung in der Leichten Infanterie brachte nur wenige Pflichten mit sich, war fast ein Hobby Oft fiel ihm mitten während einer Party in Colombo plötzlich ein, daß er diese Nacht der Offizier vom Dienst war, und er fuhr mit einer Wagenladung voller Männer und Frauen, die ein Mitternachtsschwimmen bei Mount Lavinia planten, in die Garnison, stieg im Abendanzug aus, inspizierte die Wachen, sprang zurück in den Wagen voller lachender und betrunkener Freunde und verschwand. Aber in Kegalle war er frustriert und einsam. Einmal bekam er den Wagen und wurde gebeten, Fisch zu besorgen. Vergiß bloß den Fisch nicht! sagte seine Mutter. Zwei Tage später traf bei seinen Eltern ein Telegramm aus Trincomalee ein, meilenweit entfernt am Nordende der Insel, in dem stand, daß er den Fisch habe und bald zurück sei.
Mit seinem ruhigen Leben in Kegalle war es allerdings vorbei, als Doris Gratiaen ihm schrieb, sie wolle die Verlobung lösen. Es gab kein Telefon, was also hieß, daß man nach Colombo fahren mußte, um herauszufinden, was los war. Doch mein Großvater, der wegen des Ausflugs nach Trincomalee tobte, verweigerte ihm den Wagen. Schließlich bot ihm Aelian, der Bruder seines Vaters, eine Mitfahrgelegenheit. Aelian war ein freundlicher und umgänglicher Mensch, und mein Vater war gelangweilt und außer sich. Die Kombination erwies sich beinahe als Katastrophe. Mein Vater war sein Lebtag noch nie an einem Stück nach Colombo gefahren. Es gab eine Reihe von Rasthäusern, an denen man anhalten mußte, also war Aelian gezwungen, alle zehn Meilen einzukehren und einen Drink zu...




