Op de Beeck | Komm her und lass dich küssen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Op de Beeck Komm her und lass dich küssen

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18552-7
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-18552-7
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mona ist neun, als ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kommt. Fortan kümmert sie sich um den kleinen Bruder und versucht, den Erwachsenen nicht im Weg zu sein. Artig und gleichzeitig unsichtbar sein, lautet ihr Überlebensmotto. Mona ist Mitte zwanzig, als sie die große Liebe trifft. Doch wie tritt man ein fürs eigene Glück? Mona ist Mitte dreißig – und will nun endlich begreifen, wie Leben wirklich geht … Dies ist die Geschichte von Mona, als Kind, als junge Frau, als Erwachsene. Eine Geschichte darüber, wie wir werden, wer wir sind. Über gebrochene Lebensläufe und die Suche nach dem Sinn. Über die Angst vor dem Starksein. Über den Mut, sich allem zum Trotz ins Leben zu stürzen. Und natürlich über die Liebe. Auch zu uns selbst.

Griet op de Beeck, Jahrgang 1973, arbeitete als Dramaturgin, Journalistin und Kolumnistin, bis sie Anfang 2013 mit Vele hemels boven de zevende ihren ersten Roman vorlegte. Sie wurde mit dem De Bronzen Uil Publikumspreis ausgezeichnet und für den AKO-Literaturpreis nominiert. Der Roman wurde in Flandern und den Niederlanden ein sensationeller Bestseller. Griet op de Beeck zweiter Roman, Komm her und lass dich küssen verkaufte sich sage und schreibe 250.000 Mal.
Op de Beeck Komm her und lass dich küssen jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1

Draußen ist es schon richtig Morgen. Der Wind ist ein halber Sturm, und hier, im Bett, steht alles still. Die Luft ist schwer, die Zeit verloren. Ich müsste eigentlich aufstehen, jetzt, aber manchmal ist anfangen schwierig. Ein Streifen Sonnenlicht fällt herein, zwischen der Wand und der Jalousie, die ich zu schmal gekauft habe, er scheint genau auf meinen rechten großen Zeh, als würde der leuchten, E. T., aber unten.

Meine Zehen sind megahässlich, sowohl die großen wie die kleinen, zu kurz, zu breit, zu gebogen. Sie sagen, ich hätte die Zehen meiner Mutter. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Seltsam, wie selbst wichtige Menschen zu so was wie Vorstellungen werden. Ein paar Erinnerungen, von denen ich mir nicht mal sicher bin, ob es auch meine eigenen sind. Vielleicht denke ich das bloß wegen des einen Fotos, in irgendeiner Schachtel aufbewahrt, oder wegen der einen Geschichte, die man mir erzählt hat. Wie verlässlich unser Gedächtnis ist, darüber wissen wir wirklich nur wenig.

Ich ekle mich vor Füßen. Ich bleibe ihnen fern, wenn es irgend geht. Ein frisch gewaschenes Kinderfüßchen in eine Sandale stecken geht ja gerade noch, aber sind sie erst mal acht oder so, dann wird’s schon schwierig. Erst recht, wenn sich der erwachsene nackte Fuß in meine Nähe wagt.

Ich hab noch mehr, mehr von solchen irrationalen Ekelgefühlen. Tanken, zum Beispiel, vor allem, wenn der Klickmechanismus nicht funktioniert, was meistens so ist, der kleine Haken, der dafür sorgt, dass man den Griff nicht die ganze Zeit eingedrückt halten muss. Oder Parken in Parkhäusern. Fahrradreifen aufpumpen, Geld überweisen, an Briefmarken und dem Klebestreifen von Umschlägen lecken. Leute, die Worte in Anführungszeichen setzen und beim Sprechen die Gebärde dazu machen, mit dem Zeige- und Mittelfinger in der Luft. Hunde, die ganz laut hecheln im Sommer und dabei ihre lange, dünne Zunge blöde aus dem Maul hängen lassen. Autofahrer, die hupen, obwohl sie wissen, dass es nichts nützt. Leute, die beim Essen schmatzen, es aber abstreiten, wenn sie darauf angesprochen werden, Leute, die Korinthen kacken und auch noch stolz drauf sind. Das Geräusch von Staubsaugern, und der Geruch. Mein Lächeln, das ich dieser einen Frau mit den perfekten Augenbrauen geschenkt habe, obwohl ich genau wusste, dass sie erst vor ein paar Wochen etwas ganz Unnettes über mich gesagt hatte. Seitenstechen unter Wasser, zu dicke Winterjacken, Erwartungen, die nicht erfüllt werden, und manchmal auch Erwartungen, die erfüllt werden. Sportfanatiker (zugegeben, nur weil ich gerne wäre wie sie). Fragen, auf die’s keine Antwort gibt. Nicht vergessen können, was man unbedingt vergessen will. Nieselregen, langweilige Bücher, Klodeckelbezüge in fröhlichen Farben. Daunenwesten, Abrupttelefongesprächbeender, Scherzkekse, Lästermäuler, Besserwisser, Bodybuilder, Zweifler, Stoßstangenküsser, Schleifscheiben, Wartezeiten, Vordrängler, Leute, die zu Vordränglern aggressiv sind, Feigheit, die einem als Unter-den-gegebenen-Umständen-noch-die-beste-Wahl verkauft wird, exotische Früchte, von denen man nicht weiß, wie man die essen soll. Abschiednehmen. Sich übergeben, das Geräusch und den Geruch davon, Haarreifen, Wanduhren, die Lärm machen, Zugluft, Zuglufthunde, Hosenklammern, knapp bemessene Sitzplätze und dann zu viele Leute, Uniformen, Gemeinplätze, Geschichten über Hautkrankheiten, Händetrockner, Armbänder, Zehenringe, Gerichtsvollzieher, Formulare, nützliche Geschenke, quietschende Scheibenwischer, Fahrraddiebe, Männer von Schrot und Korn, Frauen, die immer wissen, was sie wollen, Geizkragen, Puderzucker auf Gebäck, Earl-Grey- und Lindenblütentee. Sich nicht trauen, wütend zu werden, obwohl man eigentlich findet, dass man das Recht dazu hätte, einen Moment lang. Die Goldfische früher auf der Kirmes, und wie die immer gestorben sind. Nicht weinen können, wenn du glaubst, dass es eigentlich eine Erleichterung wäre. Die Redewendungen »Kindeshand ist bald gefüllt« und »Schuster, bleib bei deinem Leisten«. Meine eigene Wankelmütigkeit, meine eigenen Niesanfälle, meine eigene Machtlosigkeit, mein eigenes Verschweigen, meine eigenen großen Träume (manchmal), meine eigenen Schwächen, mein eigenes Bedürfnis nach Halt und Liebe, viel Liebe. Und Beuteltaschen, Dreiviertelhosen für Männer, und für Frauen, und Einschreiben, die hole ich aus Prinzip nicht ab. Und ich hasse Prinzipien, die entbinden dich von allem Nachdenken, und ich finde nicht, dass das Leben so gemeint ist. Was ich glaube: Auch das, was du nicht bist, bestimmt dich, so wie das, was du verloren hast.

Ich stehe auf, gehe ins Badezimmer, werfe einen Blick in den Spiegel. Mein Haar ist unglücklich, dafür gibt’s kein besseres Wort. Ich bleibe lange unter der Dusche, Wasser spült alles Mögliche weg: Schlaf, Träume, ängstliche Gedanken, Unfähigkeiten. Ich bin vierundzwanzig und habe das Gefühl, dass ich schon mein ganzes Leben so etwas wie schlaflos bin.

Während ich ein weichgekochtes Ei esse, lege ich ein Lied auf. Ich denke: was für einsame Musik, vielleicht auch deshalb, weil sie leise aus der Stereoanlage kommt, die ganz versteckt in der Ecke steht. Ich gehe zurück und drücke die Austaste. Man sollte wissen, wie viel man verkraften kann, an jedem beliebigen Tag. Jetzt klingelt das Telefon, ich schaue auf den kleinen Bildschirm meines neuen, programmierten Geräts: »Zuhause«, so habe ich Papa und Marie zusammengefasst. Ich muss drangehen, denke ich, ich starre das Telefon an, gehe nicht ran. Ich muss wirklich rangehen, denke ich, unbedingt, ich gehe einen Schritt darauf zu, strecke den Arm aus, da hört es auf zu klingeln. Ich setze mich wieder. Ich trinke meinen Kaffee schwarz, wie sich das gehört, und ziehe die Mundwinkel hoch, wie für ein Lächeln. Wissenschaftler behaupten, es sei unmöglich, an unangenehme oder schlechte Dinge zu denken, wenn man physisch lächelt, selbst, wenn das Herz nicht mitlächelt.

Ich lebe in einer Wohnung in einer schmalen Straße, das bringt das Leben auf der gegenüberliegenden Seite auch ein bisschen zu mir. Hinter dem einen Fenster sitzt ein Mann, der gerade ein Buch liest, seine dicke, gescheckte Katze liegt auf seinen Füßen. Entweder liest er sehr langsam, oder er ist eingeschlafen, so lange bleibt das Buch auf derselben Seite geöffnet. Auf der Dachterrasse sitzen der schwarzgelockte Mann und die Frau mit den ewig beigen Kleidern mit den beiden Kindern am Tisch. Ich kann nicht sehen, was sie essen oder ob sie sich großartig unterhalten, aber es sieht schon nett aus, von hier aus betrachtet, eine richtige Familie, wie mein kleiner Bruder bald auch eine haben wird. Ein komisches Gefühl ist das, ich bin noch so jung, aber er ist trotzdem der Erste.

Ich sollte rausgehen, denke ich. Es ist Samstag, Frühling, die Sonne scheint, und man sagt ja, Bewegung sei gut, und die frische Luft und alles. Ich ziehe die eine Jacke an, von der ich immer noch zweifle, ob es eine gute Idee war, sie zu kaufen, und ziehe los. Ich gehe durch verlassene Straßen, an Wasser vorbei, das die Farbe von Steinen, Bäumen, Sonne hat, an Plätzen und Leuten vorbei, die sich auf einer Bank miteinander unterhalten. Aber dann, mitten in der vollen Geschäftsstraße, bleibe ich plötzlich stehen, einfach so, auf dem glatten Pflaster, Füße nebeneinander, Arme am Körper, bestimmt elf Minuten. Wenn du still stehst, kann keiner sehen, dass du dich verirrt hast.

2

Es ist eine schmuddelige Kneipe voller alter Männer. An der Wand ein Kuddelmuddel aus ungeschickt gemalten Bildern, traurigen Zeichnungen, vergilbten Figuren auf Regalen, Spiegeln, Tüchern, alle mit Clowns drauf. Der Wirt leidet an Sammelwut, oder er hätte eigentlich lieber im Zirkus gearbeitet, das kann auch sein.

Marcus Meereman ist zu spät. Das gehört natürlich dazu, wenn man einer der bedeutendsten Theatermacher der Niederlande ist. Mir blieb fast das Herz stehen, als ich von einem seiner Mitarbeiter einen Anruf bekam, dass er einen neuen Dramaturgen suche und ob ich nicht mal mit ihm reden wolle. Was für eine Ehre, und das, obwohl ich gerade mal zwei Jahre bei meiner jetzigen Gesellschaft arbeite.

Zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit kommt er hereinspaziert, bestellt sich einen Wodka Orange an der Bar, bevor er sich suchend umschaut. Ich hebe die Hand, als säße ich im Unterricht und wolle eine Frage beantworten. Er entschuldigt sich nicht für seine Verspätung, fragt mich, ob ich noch was möchte, ich schüttele den Kopf, nippe noch einmal an meinem Kamillentee, dann wird mir klar, wie dämlich das sicher aussehen muss, neben seinem Wodka Orange. Ein Bewerbungsgespräch in der Kneipe, das sorgt bloß für extra Stress.

Marcus ist ein baumlanger Mann mit breiten Schultern, dunklem Haar, halblang, blauen Augen, tief in den Höhlen, er hat eine Narbe oberhalb der rechten Augenbraue, das sieht ein bisschen verwegen aus, er trägt einen exzentrischen Mantel, darunter spitz zulaufende Schuhe, er hat lächerlich viel Charisma. Er setzt sich mir gegenüber, streicht sich mit zwei Fingern die Nase entlang: »Also, Mona, ich habe nur Gutes über dich gehört.«

Ich lächle mit allem, was ich habe, frage nicht, von wem denn, ich kann mir wirklich nicht vorstellen, von wem er das haben könnte.

»Was ist das für dich? Ein Dramaturg.«

»Tja«, sage ich. »Das weiß keiner so genau, auch wir Dramaturgen nicht.« Ich grinse, Marcus macht keinen Mucks, er erwartet eine richtige Antwort, anscheinend. »Der Regisseur kümmert sich um das Spiel und die Schauspieler, und der Dramaturg um den Text, und wenn’s gut läuft, entwickeln die beiden zusammen ein Konzept für die Produktion, das sie im gegenseitigen Austausch überwachen und anpassen, um zum bestmöglichen Ergebnis zu...


Op de Beeck, Griet
Griet op de Beeck, Jahrgang 1973, arbeitete als Dramaturgin, Journalistin und Kolumnistin, bis sie Anfang 2013 mit Vele hemels boven de zevende ihren ersten Roman vorlegte. Sie wurde mit dem De Bronzen Uil Publikumspreis ausgezeichnet und für den AKO-Literaturpreis nominiert. Der Roman wurde in Flandern und den Niederlanden ein sensationeller Bestseller. Griet op de Beeck zweiter Roman, Komm her und lass dich küssen verkaufte sich sage und schreibe 250.000 Mal.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.