Op de Beeck | Viele Himmel über dem Siebten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Op de Beeck Viele Himmel über dem Siebten

Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-20101-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-641-20101-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Warum fühlt sich das Leben manchmal so schwer an? Und wie kann es gleichzeitig so wunderschön sein? Die zurückhaltende Eva und ihre lebenskluge Nichte Lou sind das Zentrum einer Familie, in der die anderen nur um sich selbst kreisen: Evas Schwester, deren Liebhaber, der zurückgezogene Vater, auf dessen Schultern etwas so Schweres lastet, dass niemand sich traut, danach zu fragen. Sie alle sind bestimmt von ihrem Alltag, heimlichen Zweifeln und zu großen Geheimnissen. Bis Eva eines Tages fort ist. Fünf Leben stehen still, fünf Menschen treten aus der Zeit, blicken sich um und sehen, dass sie mitten in dieser Welt stehen, die manchmal so schwer zu verstehen ist und manchmal ganz unerwartetes Glück bereithält.



Griet op de Beeck, Jahrgang 1973, arbeitete als Dramaturgin, Journalistin und Kolumnistin, bis sie Anfang 2013 mit Vele hemels boven de zevende ihren ersten Roman vorlegte. Sie wurde mit dem De Bronzen Uil Publikumspreis ausgezeichnet und für den AKO-Literaturpreis nominiert. Der Roman wurde in Flandern und den Niederlanden ein sensationeller Bestseller. Griet op de Beeck zweiter Roman, Komm her und lass dich küssen verkaufte sich sage und schreibe 250.000 Mal.

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ELSIE


Ich bin mit Walter in New York gewesen. Fünf Tage. Wir haben im Mondrian SoHo gewohnt, einem Luxushotel in guter Lage. Nur wir beide, zum ersten Mal seit Jahren. Das würde mir helfen, den Kopf wieder freizukriegen, den Blick in die richtige Richtung zu lenken. Leben ist, was man selbst daraus macht, man denkt nur an die Menschen, an die man denken will.

Walter und ich sind verrückt nach New York. Durch die Stadt zu schlendern, von einem Viertel ins andere, von Vibe zu Vibe. So viel Welt auf so kleiner Oberfläche, da können nicht viele Städte mithalten. Zwischendrin richtig gut essen, viel trinken und noch mehr Kunst ansehen. Hier sind wir as good as it gets.

»Nicht so mein Ding«, sagt Walter, als wir den Frühstücksraum des Hotels betreten. »Zu verschnörkelt.« Mir gefällt es sehr gut. Die Lüster sind ein wenig zu groß geraten, man würde sie eher im Ballsaal eines alten Schlosses erwarten, ansonsten ist alles hypermodern, eine hohe Lichtkuppel, weiße Tische, durchsichtige Plexiglasstühle, überall stehen üppige Pflanzen, hier und da ein Hauch von Kitsch, aber gut dosiert. Es ist toll gemacht, denke ich. Sage es nicht. Auch das nicht.

Walter schluckt den letzten Bissen Müsli mit Joghurt hinunter und sieht mich an, anders als ich es von ihm gewohnt bin. »Was ist?«, frage ich. »Nichts.« Er wirkt aufgewühlt, so habe ich ihn seit langem nicht mehr gesehen. »Ich musste gerade an unseren ersten New-York-Besuch denken, erinnerst du dich? Wie wir uns … im Central Park geschworen haben, mit diesem Eichhörnchen als Zeugen, dass wir für immer zusammenbleiben würden?« »Sure.« Ich nicke. »Dir ist doch klar, wie sehr ich dich liebe, oder?« Ich lege meine Hand in seine. Er drückt sie.

Wenn Walter klein ist, mag ich ihn am liebsten. Warum, kann ich nicht gut erklären.

Walter und ich lunchen im Blue Ribbon Sushi, trinken Caramel Macchiato im Starbucks und ich einen Karotte-Apfel-Ingwersaft im Jamba Juice, woraufhin Walter sich über meinen spontanen Gesundheitswahn lustig macht. Wir schauen mal eben bei Prada rein – mehr Rutschbahn als Geschäft, findet Walter, ein kleines Architekturwunder, finde ich. Darf nichts anprobieren vor meinem Mann. Ich und meine Kreditkarte auf Streifzug, das ist eine gefährliche Kombination. Walter erzählt, er glaube, bei dem Kind mit komplexem nephrotischen Syndrom kurz vor einem Durchbruch zu stehen. Ich bin froh, ihn mal wieder begeistert von seiner Arbeit sprechen zu hören, denn im Allgemeinen scheint sie ihn eher zu langweilen. Nieren sind nicht gerade die spannendsten Organe, stellen einen aber manchmal vor Probleme, die zunächst unlösbar scheinen, für die er dann aber doch eine Lösung findet. Und darüber freut er sich dann. Dann ist er lieb. Er erzählt mir von seinen Vorträgen der letzten Wochen, den Erfolgen, die er verbuchen konnte: »Doch nicht schlecht, für einen Trottel wie mich.«

Alles läuft. Denn damit kennen wir uns aus. Von dem, was sich vertraut anfühlt, geht immer etwas Verführerisches aus. Es bietet Halt, Boden unter den Füßen.

Manchmal, wenn ich Walter einfach zu Hause sitzen sehe, in ein Buch vertieft, maximal konzentriert, oder wenn er fast über den Hund stolpert und sich dann bei ihm entschuldigt oder wenn er den Kindern damit auf die Nerven geht, dass sie dringend mal zum Friseur müssten, und dann entrüstet tut, wenn sie »Mann, Papa!« seufzen, dann denke ich: Meine Liebe zu diesem Mann ist stark.

Ich weiß noch ganz genau, warum ich mich in Walter verliebt habe. Er war ein Jugendfreund eines meiner ehemaligen Kommilitonen und anders als die meisten. Er war witzig. Nicht witzig im Sinne von Schenkelklopfen, sondern geistreich-witzig. Und kreativ, was ich von einem Arzt nicht erwartet hatte. Noch dazu von einem Nephrologen, ich wusste zu der Zeit nicht einmal, dass das Nierenspezialist bedeutete. Wilder Denker, offener Blick. Weitgereist. Ambitioniert und loyal. Immer mit irgendwas beschäftigt. Ganz anders als das Nest, aus dem ich stammte, auch das war ein Pluspunkt. Zwölf Jahre älter als ich. Damals dachte ich bloß: Das ist mir egal, aber vielleicht brauchte ich das damals ja auch. Er war der Mann, der mich retten würde. Vor mir selbst, vor diesem Leben.

Bei unserer sechsten Verabredung, in einem Restaurant, fragte er, rührend ungeschickt, nachdem er zuvor einen etwas lauen Witz erzählt hatte – vor lauter Nervosität, wie er später sagte: »Darf ich dich jetzt bitte endlich küssen?« Ich fand das süß und habe ihn geküsst. Besonders gut küssen konnte er nicht, aber küssen kann man lernen. Alles halb so wild.

»Sieh mal!«, sagt er und zeigt zu einer Galerie auf der anderen Straßenseite hinüber. »Mussten wir dafür so weit fliegen?« Offenbar stellt dort gerade David Claerbout aus. Ich möchte mir die Arbeiten gerne ansehen. Wir gehen umher, sagen wenig. Wir betreten einen Raum, schieben uns vorwärts, hinter einem schweren Vorhang, dort ist es sehr dunkel. Ich spüre sofort, hier passiert etwas mit mir. Unsere Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, nach und nach sehen wir immer mehr. Vier weite Panoramen um uns herum, pechschwarze Landschaften, eine einzelne Laterne. Ich habe gewartet, bis Walter genug hatte und den Raum verließ. Ich bin geblieben. Weil es sein musste. Ich musste hier einen Augenblick sein, mutterseelenallein, in dieser unwirklich schwarzen Nacht, fern der Welt. Als sei Einsamkeit plötzlich ein Ort geworden, an dem man nicht anders kann, als fest an jemanden zu denken, den man vermisst. Und ich denke an Casper, und das fast unter Tränen. Wirklich. Vor lauter Glück, weil es ihn gibt, und tiefem Unglück, weil er jetzt nicht hier ist. Ich weiß es nicht. Völlig aufgelöst gehe ich wieder raus. Walter ist schon weiter vorne, er dreht sich um, sieht meinen Gesichtsausdruck. »Hey Maus, was ist denn los?« Er umarmt mich, etwas ungeschickt, wie immer in der Öffentlichkeit. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. »Nun sag schon.« »Es ist so schön und so verflucht traurig«, sage ich. Er kneift mir in den Oberarm. »Du bist so was von meine Frau.« Dann fange ich an zu weinen. Ich hatte keine Ahnung, dass man so viele Gefühle gleichzeitig empfinden kann.

Als wir nach Hause kommen, fallen Lou und Jack uns um den Hals. »Wann fahrt ihr wieder weg? Es ist so toll mit Eva!«, sagt Lou. »Na, dann nie wieder, um euch eins auszuwischen.« »Papaa!« Walter folgt Jack in den Garten, weil dieser ihm ein neues Kunststück auf dem Trampolin zeigen möchte. Lou fragt: »Und, hattet ihr ’ne schöne Zeit zu zweit?« »New York ist unglaublich. Beim nächsten Mal darfst du mit.« »Aber hattet ihr es schön zu zweit?« Lou schaut mich aus großen Augen an. »Natürlich, wieso fragst du das, mein Schatz?« »Nur so.« Lou geht die Treppe hoch zu ihrem Zimmer. Eva wirft mir einen Blick zu. »Hat sie dir was erzählt?«, frage ich. »Nein, nur, dass sie glaubt, du seist traurig, aber ich habe mir was einfallen lassen. Hast du dich mal bei Casper gemeldet?« »Nein, er sich auch nicht bei mir.« »Er traut sich nicht.« In Evas Stimme liegt ein milder Vorwurf und ein wenig Sorge: »Du bist schließlich von ihm weggelaufen, nicht er von dir. Aber ich habe mich mit ihm getroffen, es macht ihn fertig. Fix und fertig.« »Sag so was nicht, Eva.« »Ich bin gegen unmögliche Lieben«, sagt meine Schwester. »Und gegen Tragik in jeglicher Form.«

Eine Viertelstunde später halte ich mein Handy in den Händen. Nur eine einzige SMS. Einfach irgendwas Nettes schreiben. Da kommen Walter und Jack wieder herein: »Was gibt’s denn zu essen?« Ich kann gerade nicht die vorbildliche Hausfrau spielen. »Was haltet ihr davon, wenn wir Pommes holen gehen?« Die bekommen die Kinder selten, für sie ist es ein kulinarischer Hochgenuss. »Eva, bleibst du auch?« »Zusammen Pommes essen? Ähm, nee«, sagt sie. »Ich habe nachher noch eine Verabredung.«

Ich sehe aus dem Fenster, mag die Farben in der Dämmerung. Casper kann sie wunderbar beschreiben, er analysiert alle Schattierungen und Formen, wie nur Maler das nützlich finden. Er hat mir einmal einen Strauch erklärt, das war beeindruckend. Er hat mir gezeigt, dass es weniger um Formen als um Farben geht, weniger um Perspektive als um Hell und Dunkel. Schritt für Schritt dekonstruierte er alles. Ich werde die Natur nie mehr auf dieselbe Weise sehen.

Vielleicht starrt er ganz genau in diesem Moment selbst aus dem Fenster, wer weiß. »Mama, Hungärrr!« »Ja, Spatz, gehst du mit?« Jack nimmt meine Hand, zieht mich in Richtung Tür. »Vorher müssen wir noch fragen, was jeder will.« Walter zweifelt, Lou ruft aus ihrem Zimmer: »Eine kleine Portion Fritten und eine Käsekrokette«, Jack sagt: »Papa, entscheide dich jetzt!«

Das ist mein Leben. So muss es sein.

Als wir wenig später die Straße entlanggehen, halte ich mit der einen Hand die Hand meines Sohnes, mit der anderen mein Telefon. Wie das in meiner Hand brennt! In meiner Jackentasche.

Auf einmal klingelt es auch noch. Mein Herz überschlägt sich. Es ist meine Mutter. Ich habe keine Lust dranzugehen. Fühle mich deswegen nicht schuldig: Kinder haben, die lieb zu einem sind, dafür muss man schon das eine oder andere im Leben richtig machen. Ich will den Anruf ablehnen, komme aber an die falsche Taste. Ein Hoch auf Touchscreens!

Elsie: Hi Mama, ich hab nicht viel Zeit, bin mit Jack auf dem Weg zur Pommesbude.

Jeanne: Ah, kochst du denn nicht selbst für deine Familie?

Elsie: Wir sind gerade erst aus New York zurück, Mama. Wir hatten nichts im Haus.

Jeanne: Die Geschäfte sind doch noch auf.

Elsie: Weshalb rufst du an?

Jeanne: Braucht eine Mutter einen Grund, um ihre Tochter anzurufen? Ich wollte nur mal hören, wie eure Reise gewesen ist, aber wenn du keine Zeit für deine Mutter hast, ist...


Op de Beeck, Griet
Griet op de Beeck, Jahrgang 1973, arbeitete als Dramaturgin, Journalistin und Kolumnistin, bis sie Anfang 2013 mit Vele hemels boven de zevende ihren ersten Roman vorlegte. Sie wurde mit dem De Bronzen Uil Publikumspreis ausgezeichnet und für den AKO-Literaturpreis nominiert. Der Roman wurde in Flandern und den Niederlanden ein sensationeller Bestseller. Griet op de Beeck zweiter Roman, Komm her und lass dich küssen verkaufte sich sage und schreibe 250.000 Mal.



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