E-Book, Deutsch, 404 Seiten
Opitz Das Geschenk des Kopftuchmädchens
3. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-6001-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 404 Seiten
ISBN: 978-3-7562-6001-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Autorin war viele Jahre lang für ein juristisches Informationssystem tätig und arbeitet heute als freie Schriftstellerin.
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7
Die Mädchen hielten aufgerollte Plakate hoch. Auf dem einen brüllte in breitschultrigen Lettern: „Kein Kalifat in unserem Land!“ Auf dem anderen: „Wir haben Angst vor dem Islam“.
„Jetzt brauchen wir noch ein Plakat für dich, Dorit“, meinte Ina. „Wem fällt noch was ein?“
Alle drei überlegten eine Zeitlang. Verschiedene Vorschläge machten die Runde: „Islamisten raus aus Deutschland!“, „Keine Rückkehr ins Mittelalter!“ „Gleichberechtigung der Geschlechter! Frauen und Männer sind gleich wert!“ „Kein Verschleierungsgebot in unserem Land!“
„Ich werde schon noch was Passendes finden, etwas, was man nicht so schnell vergisst“, versprach Dorit augenzwinkernd. Sie war die handwerklich geschickteste von den drei Freundinnen, befestigte in Windeseile die Plakate griffsicher an langen Holzstielen, stellte sie in die Ecke und setzte sich zu den beiden anderen an den Küchentisch.
Lucie goss Limonade in Gläser, riss eine Keksschachtel auf und verteilte verschiedenes Knuspergebäck auf einem Teller. „Etwas Positives haben die Ferien gebracht: Ich kann jetzt endlich gut schwimmen, habe keine Angst mehr vorm tiefen Wasser.“
„Richtig, ihr seid ja ans Mittelmeer gefahren“, bemerkte Dorit. „Habt ihr auch die vollen Schlauchboote mit den vielen Schwarzen gesehen, die jeden Tag aus Afrika übers Mittelmeer nach Europa kommen?“
„Nein, aber, was ich euch jetzt erzähle, darf keiner erfahren, nicht mal meine Mutter. Ich war im Freibad, hier bei uns in Domstadt, mit meiner Schwimmhilfe. Mit sechzehn! Eine Schande! Ich weiß es ja. Aber es hatte psychische Gründe. Und wie ich durchs Becken pflüge, immer schön langsam, da höre ich auf einmal Gelächter um mich herum. Und wie ich mich umsehe, bin ich umringt von lauter jungen Typen, dem Aussehen nach Südländer. Die machten sich über meine Schwimmhilfe lustig und gaben mir zu verstehen, dass ich sie abmachen soll. Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte viel zu viel Angst ohne das Ding. Aber da hättet ihr die Typen mal erleben sollen. Richtig energisch wurden die: ´Abmachen!` Da konnte ich schließlich nicht anders, als sie am Beckenrand abzustreifen. Ich stürze mich danach also wieder in die Fluten, diesmal ohne, und da stelle ich fest: Mensch, das Wasser trägt mich! Mann, war ich glücklich! Absaufen wäre sowieso nicht möglich gewesen, dazu waren zu viele von den Jungs im Becken. Die hätten mich ganz bestimmt wieder hochgezogen.“ Sie ließ ein kurzes Lachen vernehmen. „Ich möchte annehmen, dass sie selber alle Nichtschwimmer waren. Warum sonst standen sie im Nichtschwimmerbecken rum?“
„Die haben dich nicht betatscht?“, fragte Ina mit spitzem Lächeln.
„Nein! Ehrenwort! Es hat sich keiner von ihnen unter Wasser an mich rangemacht. Sie alle wollten, als ich aus dem Becken stieg, nur eins: mich heiraten. So viele Heiratsanträge auf einmal!“ Sie lachte wieder. „Ich glaube, ohne die hätte ich nicht mehr schwimmen gelernt.“
„Uns ist vielleicht was passiert“, schnaufte Dorit auffahrend. Die Erinnerung daran ließ sie sichtlich erschauern. „Wir juckeln ganz gemütlich auf der Autobahn in Richtung Norden nach Hause, meine Mutter auf dem Beifahrersitz eingenickt, und ich hinten auf der Rückbank. Ich glaube, es war kurz hinter Ulm. Da brüllt mein Vater auf einmal los: ´Der Tank ist gleich leer. Ich hab vorhin versäumt, die Tankstelle anzufahren.` Meiner Mutter und mir fuhr der Schreck in die Glieder. Wir sahen uns schon am Randstreifen das Auto schieben, bei der Gluthitze. Uns zitterten die Ohren. Mit stotterndem Motor schafften wir es gerade noch bis zum nächsten Rastplatz. Dort gab es aber keine Tankstelle. Meine Mutter rang die Hände. Kinder, ich dachte, die springt aus dem Wagen, macht jeden Moment die Fliege. Mein Vater und ich stiegen aus und bettelten die anderen Autofahrer auf dem Rastplatz, einen nach dem anderen, um ein paar Liter Benzin an, um damit bis zur nächsten Tankstelle zu kommen. Es waren alles Deutsche, so, wie wir auf der Heimreise aus dem Süden. Keiner war bereit, uns zu helfen. Alle lehnten ab. Meinem Vater rann der Schweiß von der Stirn. Er war nahe daran, die Fassung zu verlieren. Ich sah ihn zum ersten Mal in meinem Leben zittern. Da fuhr ein Auto auf den Rastplatz mit einem Schwarzen drin. Ich sah, wie mein Vater auch ihn anbettelte. Der Schwarze stieg aus, als Einziger, und holte einen Schlauch aus seinem Kofferraum. Er steckte das eine Ende davon in den Tank seines Autos und das andere Ende in seinen Mund. Stellt euch vor: Er saugte auf diese Weise das Benzin aus seinem Tank an. Mein Vater rief, er solle damit aufhören, er würde sich ja vergiften. Da nahm der Mann das Schlauchende aus seinem Mund und steckte es in den Tank unseres Autos. Man hörte richtig, wie das Benzin aus dem Tank des Mannes in unseren reingluckerte. Der Schwarze war wirklich der Einzige, der bereit war, uns zu helfen. Den hat uns der Himmel geschickt. Mein Vater hat ihn gut bezahlt. Er war so glücklich, dass der Mann ihm geholfen hat. Mit dem Inhalt kamen wir bis zur nächsten Tankstelle. Mir schlottern noch heute die Glieder bei dem Gedanken daran.“
Ina lachte. „Noch mal Glück gehabt.“
8
„Leute, macht euch auf was gefasst. Die Solis setzen zum Mobilmachen an, haben eine Gegendemo angekündigt. Es verspricht, spannend zu werden“, begrüßte Sandro die Geschwister Torval. Sie machten sich auf den Weg in die Innenstadt zur Anti-Moschee-Demo, jeder ein Plakat unterm Arm.
Vor dem Rathaus in Domstadt versammelten sich immer mehr Moscheegegner. Es mochten mehrere Hundert sein. „Nein zur Moschee in Rosenbach!“ stand ohne Umschweife und wenig einfallsreich auf Sandros Transparent, dafür die Schrift in knallroter Farbe. Dorit hatte in letzter Minute auch noch eines für sich erfunden. Es lautete: „Islam heißt Unterwerfung!“ Weiter hinten Plakate, die über den Köpfen der Teilnehmer wankelmütig hin- und herschwappten oder prophetisch drohend zwischen zwei Stielen flatterten. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“ war auf mehreren zu lesen. Eine sehr alte Frau hob mit abgemagerten, faltigen Armen mühsam das Schild mit dem handschriftlich aufgemalten Text: „Ich suche meine Heimat - Heimat, Freiheit, Tradition!“ über den grauen Kopf und musste es aus Schwäche immer wieder senken, immer abwechselnd anheben und senken, als wollte sie damit jemandem zuwinken. So konnte es nicht in Vergessenheit geraten. Anwesend sein, ein Zeichen setzen, Zugehörigkeitsgefühle einsammeln, dem Heimatbewusstsein auf die Sprünge helfen. „Aufklären statt verschleiern!“, „Domstadt zeigt Gesicht!“ schoss da mahnend ins Blickfeld. „Gegen die Islamisierung unserer Heimat!“ Die Teilnehmer: Junge und Alte, alle Jahrgänge vertreten, die Älteren in der Mehrzahl.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite formierte sich vielstimmig eine Gegendemonstration. Dort durchweg junge, aber weniger Teilnehmer und Transparente mit anderer Färbung: „Kampf dem Rassismus!“, „Dem Rechtsruck in den Rücken fallen!“, „Schöner leben ohne Nazis“.
Die Demos waren angemeldet und genehmigt, daher das große Polizeiaufgebot in schwarzen Kampfanzügen und schwarz glänzenden Helmen. Ein leichter Nieselregen fiel, der den Rest von Tageslicht schluckte. In den umliegenden Geschäften und Häusern gingen schon nach und nach, fast zögernd, die Lichter an.
Der Redner der Partei für unser Land spannte seinen Regenschirm auf und trat mit einem Megafon vor die Versammlungsteilnehmer. Mehrere Rufe ertönten aus der Menge: „Nein zur Moschee in unserer Stadt!“ Er begann seine Rede mit den Worten: „Liebt ihr die herrlichen Glockenklänge unseres Doms?“ Er wandte den Kopf und wies auf den majestätischen Kirchenbau hinter ihm. „Wie lange wird es noch dauern, bis auf unserem wunderschönen Dom der Halbmond zu sehen sein wird? Wollt ihr das?“
„Nein! Widerstand! Widerstand! Widerstand!“, tönte es empört aus den Reihen der Teilnehmer.
„Nicht wir werden uns dem Islam unterwerfen, sondern der Islam in unserem Land hat sich anzupassen an unsere Werte und Normen, sonst hat er hier bei uns keine Daseinsberechtigung. Moscheen sind Brutstätten des Terrorismus. Nein zu Moscheen in Deutschland!“
Lauter Beifall ertönte.
„Viele Schmarotzer sind in unserem Land.“
„Zu viele!“, unterbrach ihn eine männliche Stimme aus dem Publikum.
„Aber es dürfen nicht noch mehr werden“, fuhr der Redner fort. „Die Überfremdung unserer Heimat mit allen Mitteln stoppen, die Blutsauger abschütteln, das ist das Gebot der Stunde, meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wir wollen kein Opferland, kein Beuteland sein. Diese Leute essen unser Brot und wie danken sie`s uns? Mit Kriminalität ohne Ende. Sie kommen in unser Land, aus aller Welt, aus allen Himmelsrichtungen! Und warum? Einzig und allein, um uns auszuplündern, um sich unseren schwer erarbeiteten Wohlstand unter den...




