E-Book, Deutsch, 190 Seiten
Oppermann-Schmid EMDR bei somatischen Erkrankungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12507-8
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Gleichgewicht zwischen Psyche und Körper wiederherstellen
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-608-12507-8
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Friederike Oppermann-Schmid ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, Supervisorin und EMDR-Europa-Trainerin. In eigener Praxis tätig. Referentin auf diversen Kongressen wie dem DGPPN-Kongress in Berlin.
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1
Ich bin gerade auf einer langen Zugfahrt von einem EMDR-Supervisionstag auf dem Weg zurück nach Hause. Ich genieße die Zeit, ganz in Ruhe zu recherchieren und zu schreiben. Seit ich mich intensiv mit frühem Trauma und dessen Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit beschäftige, bin ich aufmerksamer für die jungen Menschen um mich herum geworden.
Nicht weit von meinem Sitzplatz im Wagon steht eine junge Frau. Sie kommt mit einem kleinen Jungen auf dem Arm aus einem anderen Wagon. Der Kleine ist vielleicht 3 Jahre alt, groß genug, um zu verstehen, was seine Mutter zu ihm sagt. Er weint laut und die Mutter scheint unsicher und ungeduldig, und während ich die zwei beobachte, höre ich, wie sie zu ihm sagt: »Du störst alle Leute hier. Und wenn du nicht aufhörst, zu weinen, musst du allein aussteigen und auch allein nach Hause gehen. Dann kannst du nicht hierbleiben.« Das Weinen des kleinen Jungen wird noch lauter, die Mutter sieht sich unsicher um. Ich stehe auf und gehe auf die beiden zu. Ich biete ihr den Platz neben mir an: »Mich stört es nicht, wenn Ihr Kleiner weint. Kann ich Ihnen helfen?« Eine kleine Intervention mit einem schönen Effekt: Die junge Frau sieht mich dankbar an und scheint sich zu beruhigen. Und gleichzeitig beruhigt sich auch ihr kleiner Sohn und hört auf, zu weinen. Wie sich doch spontan die Stimmung der Mutter auf das Kind überträgt. Die junge Frau bleibt noch einen kurzen Moment und fragt dann ihren Sohn: »Wollen wir zurück zu Oma gehen?« Der Kleine nickt, und ich denke in diesem Moment, wie wichtig positive zwischenmenschliche Erfahrungen sind und wie gut wir auch mit kleinen und kurzen Interventionen unterstützen können.
Dieser kleine Junge verarbeitet diese schmerzliche Erfahrung von »Wenn ich die Erwartungen anderer nicht erfülle, wenn ich in Not bin oder Angst habe, werde ich weggeschickt und bin allein« hoffentlich schnell und behält stattdessen die sichere Überzeugung »Wenn ich in Not bin, werde ich gehalten und getröstet« im Gedächtnis.
1.1
Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es im Volksmund. Aber das ist offenbar nicht immer der Fall. Zu dieser Erkenntnis kam der US-amerikanische Präventionsmediziner Vincent Felitti Mitte der 1980er Jahre. Felitti arbeitete in einem Programm zur kontrollierten Gewichtsabnahme für stark übergewichtige Erwachsene. Das Programm hatte trotz guter Ausarbeitung des Konzeptes, professioneller Begleitung und guter Effekte auf die Gewichtsreduktion eine hohe Abbruchrate. Felitti fiel auf, dass gerade diejenigen, die erfolgreich Gewicht abgenommen hatten, die Behandlung abbrachen, und das waren nicht wenige. Um die Gründe für den Behandlungsabbruch – trotz eines guten Behandlungserfolges – zu erfahren, führte Felitti mit 200 dieser Patient:innen eine Befragung durch. Die Befragung fokussierte auf die aktuellen Lebensumstände und detailliert auf die Lebensgeschichte der Patient:innen. Für Felitti eher unerwartet sprachen viele der Befragten sehr offen über ihre Beweggründe, das Programm abzubrechen. Sie sagten, dass das Übergewicht nicht ihr eigentliches Problem sei. Vielmehr seien es frühe Gewalterfahrungen aus der Kindheit, die sie bis in die Gegenwart begleiteten und beeinträchtigten. Die Betroffenen sahen einen direkten Zusammenhang zwischen ihren belastenden Kindheitserfahrungen und ihrem Übergewicht. Sie sprachen über die Vorteile, die das Übergewicht für sie hatte; sie seien dadurch unattraktiv und würden nicht beachtet werden. Deshalb fühlten sie sich in der Körperfülle sicher. Felitti wurde die teils bewusste, teils unbewusste Ambivalenz deutlich: einerseits der Wunsch, Gewicht zu verlieren, andererseits das Festhalten am Übergewicht als Schutz und Sicherheit gebend: »So, als hätten unsere Patient:innen den einen Fuß auf dem Gaspedal, den anderen auf der Bremse« (Felitti et al., 2002, S. 361; eigene Übersetzung).
Fallbeispiel Rita
Rita ist gerade mal 35 Jahre alt und leidet an massivem Übergewicht, einer Adipositas per magna, mit erheblichen Folgen für ihre somatische Gesundheit. Neben manifesten, also bereits bestehenden internistischen Krankheiten wie einem Diabetes mellitus Typ 2 und einem arteriellen Bluthochdruck hat Rita ein statistisch stark erhöhtes Risiko für Herz-Gefäß-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen oder auch verschiedene Krebserkrankungen. Rita leidet aktuell besonders unter gewichtsbedingten orthopädischen Gesundheitsstörungen. Das Übergewicht hat zu Überlastung von Hüft- und Kniegelenken geführt. Die Wirbelsäule ist gerade im unteren Abschnitt durch die Überlastung degenerativ verändert, mit Veränderungen der Bandscheiben und der Wirbelgelenke. Eine Verengung des Wirbelkanals hat zu Kompressionssyndromen des Nervengewebes und dadurch bedingten Schmerzen und Funktionseinschränkungen in den Beinen geführt. Abnehmen nur durch Diät gestaltet sich schwierig und langwierig. Bewegung wäre da hilfreich und unterstützend, aber Yoga, Gymnastik und Co sind für Rita durch ihre körperlichen Einschränkungen, das Übergewicht und die Gelenkbeschwerden nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten leistbar. Die Ärzt:innen drängen auf eine bariatrische Operation (hier: Operation mit chirurgischer Verkleinerung des Magens), denn trotz intensiver konservativer Maßnahmen zur Gewichtsreduktion und einer Psychotherapie nimmt Rita weiter zu.
Die Psychotherapie läuft gut, Rita fühlt sich bei der Therapeutin wohl und hat sich ihr anvertrauen können. Mit ihr konnte sie über die jahrelangen Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Kindheit sprechen. Die Therapeutin hat die Diagnose einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung gestellt und plant eine traumafokussierte Psychotherapie mit der EMDR-Methode. Rita kann sich diese Zusammenarbeit mit der Therapeutin sehr gut vorstellen. Den wohlgemeinten Empfehlungen der Ärzte zu einer bariatrischen Operation hingegen steht Rita kritisch gegenüber, sie empfindet sie sogar als massiv übergriffig und überlegt, die Behandlungen abzubrechen. Ihre Psychotherapeutin, zu der sie mittlerweile eine tragfähige Beziehung aufbauen konnte, empfindet sie dagegen als haltgebende Ressource. Zu ihr hat sie das nötige Vertrauen, um über ihre Befürchtungen sprechen zu können, vor allem darüber, welche Ängste sie mit einem Gewichtsverlust verbindet und dass sie andererseits natürlich Angst vor den möglichen Folgen ihres Übergewichts hat. Die Angst, den subjektiv bewährten Schutz vor sexuellen Übergriffen loszulassen, ist auf jeden Fall stärker. Das Drängen der Ärzt:innen und das In-Aussicht-Stellen weiterer gravierender Folgen des Übergewichts empfindet Rita als Grenzverletzungen, die sie unweigerlich an die Grenzverletzungen der Kindheit erinnern und Erinnerungsbilder wachrufen. Gleichzeitig melden sich bei ihr innere Stimmen, die sie warnen, ihren schützenden Panzer aufzugeben. Rita hat erheblich angstbesetzte Zukunftsfantasien zu dem, was alles passieren könnte, wenn sie ihren bewährten Schutzpanzer aufgibt.
Ritas Geschichte zeigt uns einerseits, wie komplex psychische und somatische Zusammenhänge sein können. Die Gesundheitsstörungen können sich gegenseitig aufrechterhalten oder sogar verstärken. Die somatischen Ärzt:innen priorisieren in der Behandlung das, was aktuell vital bedrohlich ist, also das körperliche Überleben gefährdet, in Ritas Fall die Adipositas. Für Rita aber fühlen sich die nicht verarbeiteten Erinnerungen zu den frühen Gewalterfahrungen ungleich gefährlicher an. Ein Leben ohne den bewährten Schutzpanzer scheint für sie unvorstellbar und das Drängen der Ärzt:innen erlebt sie als bedrohlichen Übergriff.
Als EMDR-Therapeut:innen lernen wir, das Problem hinter den Symptomen zu erkennen und zu behandeln, also den Patient:innen zu helfen, ihre unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen nachzuverarbeiten. Dadurch wird die Symptomatik der Gegenwart entlastet, Zuversicht und Selbstwirksamkeit für die Zukunft werden gestärkt.
Fortsetzung Fallbeispiel Rita
Rita hat in der Kindheit sexualisierte Gewalt durch mehrere Täter in ihrem nahen Umfeld erlebt. Unbewusst gibt ihr die Körperfülle Sicherheit und das Gefühl, Grenzen setzen zu können. Die von der Psychotherapeutin geplante traumazentrierte Psychotherapie mit EMDR hat die Nachverarbeitung der frühen Gewalterfahrungen zum Ziel. Mit Integration der bisher unverarbeiteten traumatischen Erfahrungen wird Rita diese markanten Grenzen in der Gegenwart nicht mehr benötigen. Die Integration der kindlichen Wahrnehmung möglicher Gefahrensituationen schafft ein Bewusstsein für die erwachsene Gegenwart, Grenzen setzen zu können, ohne diese durch den Körper markieren zu müssen. Rita lernt, sich mit Befürchtungen für die Zukunft konstruktiv auseinanderzusetzen und Lösungsstrategien zu erarbeiten. In der Folgezeit lernt sie auch, auf ihre Fähigkeiten als Erwachsene zu vertrauen und kann sich auf die Empfehlungen der somatischen Ärzte einlassen.
Kommen wir zurück zu Vincent Felitti: Ende der 1980er Jahre, als Felitti seine ersten Beobachtungen zu den Zusammenhängen zwischen frühem Kindheitstrauma und massivem Übergewicht im Erwachsenenalter machte, waren die Zusammenhänge zwischen gesundheitsgefährdendem Verhalten, somatischen und psychischen Krankheiten im Erwachsenenalter einerseits und den Erfahrungen von emotionaler und körperlicher Vernachlässigung und Gewalt sowie sexualisierter Gewalt in der Kindheit andererseits noch nicht genau erforscht.
Felitti hatte nach seinen ersten Beobachtungen den Fokus seiner Arbeit...




