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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 2, 640 Seiten
Reihe: Die Blausteinkriege
Orgel Die Blausteinkriege 2 - Sturm aus dem Süden
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17099-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 640 Seiten
Reihe: Die Blausteinkriege
ISBN: 978-3-641-17099-8
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Kaiserreich Berun ist in seinen Grundfesten erschüttert. Am Hof regieren Intriganten, der Kaiser ist schwach, und im Süden probt das Protektorat Macouban den Aufstand. In diesen Wirren schlägt die Stunde ungewöhnlicher Helden. Der Schwertmann Marten, die Spionin Sara und der in Ungnade gefallene Danil machen eine Entdeckung, die ihr Schicksal und das von Berun ins Ungewisse stürzen wird. Denn ihr wahrer Feind gibt sich jetzt zu erkennen.
Zwei dunkle Schiffe kreuzen vor den Küsten des Südens …
Das neue, gewaltige Epos der preisgekrönten Autoren Tom & Stephan Orgel
Autoren/Hrsg.
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PROLOG
HUACOUN
Nebel lag über dem Wasser, blaugrau und bleich wie der Bauch eines Fisches. Der Sturm der vergangenen Nacht hatte die Luft merklich abgekühlt, und die Frische zog die weißen Schwaden aus dem warmen Meer, das in trägen Wellen gegen die Bordwand schwappte. Die Boote waren schon vor Sonnenaufgang hinausgefahren und hatten die Netze ausgeworfen. Gewichte aus geschliffenem Kalkstein zogen die riesigen Geflechte aus Weciak-Seide hinunter auf den Grund der flachen Küstenlagune, während große, ausgehöhlte Rotkürbisse die oberen Ränder der Netze an der Oberfläche hielten. Jetzt blieb den Fischern nichts anderes, als zu warten.
Ibril lag im Bug des flachen Boots und blinzelte müde auf die silbernen Fische hinab, die im Lichtschein der Blausteinlaterne standen und träge mit den Flossen wedelten. Es waren lediglich Loriss, bitter schmeckende Begleitfischchen, die auf ein paar Brocken Köder aus dem Boot hofften und von den Fischern nichts zu befürchten hatten. Niemand aß Loriss. Sie schmeckten nach dem, was sie fraßen, und das war in den seltensten Fällen appetitlich oder auch nur frisch. Das hypnotische Wedeln der Flossen zusammen mit dem dumpfen Gluckern des Wassers unter dem Boot schläferte den jungen Metis nur noch mehr ein. Er hatte am Abend mehr getrunken, als gut für ihn war, doch für die Fischer um den alten Ambebe war das Neujahrsfest noch lange kein Grund, einen guten Fangtag auf dem Meer zu verpassen. Regenfreie Tage, an denen man sich auf die Wellen hinauswagen konnte, waren in der Sturmsaison selten und das Wasser zu dieser Zeit fischreich wie nie. Also lag Ibril auf seinem Platz im Boot des Alten, kämpfte gegen die Übelkeit und verfluchte stumm das Bier, seinen trockenen Mund, sein Schicksal im Allgemeinen und seinen sturen Großvater im Besonderen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Sonne über den Horizont geklettert war und die Nebel schmolzen. Dann begann die eigentliche Arbeit: das Einholen der Netze, die hoffentlich prall gefüllt waren. Ibril schloss sie in seinen Fluch ein. Weciak-Seide war nahezu nicht zu zerreißen, dafür biss sie in die Finger und hinterließ Schnitte, in denen das Salzwasser brannte. Immerhin – wenn es ihnen heute gelang, eine Schule goldschimmernder Cabrecas oder grünflossiger Balemar zu fangen, würde er den Rest der Woche wenig zu tun haben, außer seine Finger zu pflegen und das Netz zu flicken, während die Frauen die Fische ausnahmen und über Trockengestelle hängten oder sie in Lake und Salzfässer packten. Fisch brachte zurzeit gute Preise. Der Fürst hatte in der Festung eine Menge Mäuler zu stopfen, und wenn die Gerüchte stimmten, bereitete sich Gostin auf eine Belagerung vor. »Das kommt davon, wenn man sich von Berun lossagt«, hatte Ambebe düster gemurmelt. »Die Herren im Norden werden das nicht dulden. Sie werden die Festung zurückhaben wollen. Krieg liegt in der Luft, sage ich euch.«
Aus Ibrils Sicht lag nur der Gestank des Ködereimers in der Luft. Er grunzte und stemmte sich hoch. Die Nebelschwaden drifteten auseinander und gaben für einen Moment den Blick auf die hoch aufragenden, bleichen Kalkfelsen frei. Der Himmel über ihnen begann, sich rosa zu verfärben, und die ersten Sonnenstrahlen tauchten ihre Kronen aus dunklem Dschungelgrün bereits hier und dort in goldenes Licht. Die Fischer der Metis bewegten sich nie aus der Sichtweite des Ufers. Die offene See gehörte den Göttern und ihrem Hofstaat aus Ertrunkenen, und das galt auch für alles andere, was dort draußen schwamm. Kein Metis wagte sich hinaus in ihr Reich. Es war nie eine gute Idee, die Götter auf sich aufmerksam zu machen.
Ein Schwarm Skellinge kam auf aschgrauen Flügeln vom Land aus herüber, das scharfe Wispern ihrer Schwingen das einzige Geräusch in der Stille über dem Meer. Der vertrocknete alte Fischer am Heck des Boots richtete sich auf. Bislang hatte er wie üblich reglos zusammengesunken dagesessen, sodass Ibril nicht hätte sagen können, ob er überhaupt noch am Leben oder einfach im Schlaf gestorben war. Doch jetzt sah er dem Schwarm der gefräßigen Nachtmöwen mit besorgt gerunzelter Stirn nach. »Sie fliegen aufs Meer hinaus«, stellte er mit einem Krächzen fest.
Ibril zuckte mit den Schultern. »Vielleicht heißt das, dass wir endlich einen guten Fang machen, Großvater«, mutmaßte er. Die grauen Raubmöwen schienen nur aus Hunger und Hunderten kleiner, scharfer Zähne zu bestehen und waren unfehlbar immer dort zu finden, wo es in Sichtweite des Meeres etwas zu fressen gab. Zumindest, solange die Sonne noch nicht am Himmel stand.
Der Alte schüttelte unwirsch den Kopf. »Es ist zu spät für sie, egal, wie viel wir fangen. Außerdem – siehst du sie kreisen?« Er hob die Stimme. »Temba?«
Einen Moment später ertönte eine Antwort links von ihnen, wo das nächste in der Reihe der Fischerboote liegen musste. Die Worte waren durch den Nebel gedämpft und kaum verständlich. »Hast du die Skellinge gesehen?«, rief der Alte.
»Sie sind hier entlanggekommen«, antwortete Temba, ein untersetzter, muskulöser Fischer, der sich die Wartezeit im Boot gewöhnlich damit vertrieb, kleine Götterfiguren aus Treibholz zu schnitzen. Ibril fand im Stillen, dass Temba ein wesentlich besserer Schnitzer als Fischer war.
»Sie kreisen nicht?«
»Nein. Ich kann sie nicht … wartet. Da ist etwas. Etwas ist im Wasser.«
Etwas ist im Wasser. Ibril seufzte unhörbar. Etwas, das nur Temba sagen kann, während er in einem Boot über einem der besten Fischgründe des Macouban sitzt. Es platschte leise, kaum noch hörbar.
Einen langen Moment später räusperte sich Ibril vorsichtig. »Temba?«
Der Schnitzer blieb stumm.
»Etwas ist im Wasser?«, fragte Ibril leise. »Was …?«
Der Alte antwortete nicht. Schwerfällig drehte er sich auf seinem Sitz um und starrte in den Nebel, der im Licht der aufsteigenden Sonne von Augenblick zu Augenblick heller wurde. Noch immer verschluckte der zähe Dunst jedes Geräusch. »Die Skellinge«, flüsterte Ambebe schließlich. »Sie fliegen immer der Nacht entgegen.« Er hob einen zitternden Finger und streckte ihn in die Richtung, in die der Schwarm Raubmöwen verschwunden war. »Es gibt nur eins, was sie mehr lieben als die Nacht. Ihre wahren Herren«, sagte er leise, und der Ton, der in seiner Stimme lag, ließ den jungen Fischer frösteln. »Die Legenden berichten, dass die Skellinge Augen der Götter sind.«
Ibril verdrehte die Augen. Er fürchtete die Götter wie jeder Mann bei Verstand, doch es gab wohl nichts, wofür sein Großvater keine Legende kannte. Und fast alle beschäftigten sich damit, dass irgendjemand oder irgendetwas zu den Augen und Ohren oder auch den Zähnen, Klauen und Flossen der Götter gehörte. Fast konnte man meinen, dass …
Ibril erstarrte. Aus dem Nebel drang der lang gezogene, klagende Laut eines Muschelhorns herüber. Die Metis verwendeten diese Instrumente, um ihre Flotte von Booten im Nebel zusammenzuhalten. Wenn sie ertönten, wusste jeder der Fischer, an welcher Stelle in ihrer kleinen Fangflotte er sich befand. Das Horn mit dem tiefen Ton markierte das äußerste linke Ende der Bootsreihe, der helle Klang steckte das rechte Ende ab. Die dritte Muschel lag zu seinen Füßen im Boot, beschnitzt mit uralten Ornamenten, die Schutz und guten Fang versprachen und die Götter gnädig stimmen sollten. Es verriet der Flotte, wo das Boot des Ältesten lag, und es war Ibrils Aufgabe, es zu blasen, wenn Ambebe das Zeichen dazu gab. Neben diesen dreien gab es noch ein viertes Muschelhorn, das im Zentrum ihres Dorfs in einem eigenen Schrein lag. Dieses Horn konnte die Fischer vom Meer rufen, und in mehr als einer Nacht hatte es die Flotte sicher nach Hause geleitet, wenn der Nebel die Sinne verwirrte und jedes Leuchtfeuer ertränkte. Sie waren die Stimme ihres Dorfs, und jedes Kind kannte den Klang der vier Hörner so gut wie die Stimme seiner eigenen Mutter. Das Problem war: Der Ton aus dem Nebel stammte aus keinem davon. Er war fremd, durchdringend, kratzte über seine Wirbelsäule und ließ irgendetwas in seinem Bauch vibrieren.
Ein Zittern ging durch den dürren Körper Ambebes. Er murmelte etwas, das nach den Beschwörungen der Dorfweisen klang, und seine Finger tasteten nach dem Haumesser, das stets neben seinem Sitz lag. Als sie den Griff fanden, umklammerten sie das alte Werkzeug so hart, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, bevor der Alte mit hastigen Hieben die Seile durchtrennte, mit denen das Netz am Boot befestigt war. Er drehte sich um, und das Glühen in seinen Augen erschreckte Ibril zutiefst. »Rudere!«, krächzte er heiser.
Das riss den jungen Fischer aus seiner Starre. Er schwang sich auf die Ruderbank, ergriff sein Paddel und schob es in die Aussparung des Dollbords. Doch noch bevor er es eintauchen konnte, ging ein Zittern durchs Wasser, ähnlich dem auf einer Pfütze, wenn ein schwerer Stiefel direkt daneben den Erdboden erzittern ließ. Ein Geruch von Salz und Tang schlug ihm entgegen, ließ ihn würgen, und ein nicht spürbarer Lufthauch ließ die Nebel hinter Ambebe aufwallen und schließlich zerreißen. Aus den zerfasernden Schwaden schob sich lautlos eine gewaltige, monströse Form hervor, einer fahlgrauen Klippe gleich. Bleiche Tentakel hingen von oben herab und schienen sich träge tastend zu bewegen. Vielleicht bewegten sie sich auch nicht, doch Ibril war viel zu entsetzt, um darauf zu achten, ob der gewaltige Krake, der den Bug des Schiffs vor ihnen verzierte, ein echtes Meerestier oder nur eine lebensechte Schnitzerei war. Erst ein einziges Mal in seinen...




