E-Book, Deutsch, Band 600, 64 Seiten
Orloff Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 600
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3181-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Schicksalskuss
E-Book, Deutsch, Band 600, 64 Seiten
Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler
ISBN: 978-3-7517-3181-2
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach dem tragischen Tod ihres Mannes nimmt Barbara von Eckern eine Arbeit in der Stadt an. Ihre Tochter Gisela, die erst ein paar Monate alt ist, bleibt bei ihren Eltern zurück. Und so wächst sie gemeinsam mit dem Nachzügler der Eltern, dem dreijährigen Arnd, auf Gut Finkenstein auf.
Als die Kinder flügge werden, verlieben sie sich ineinander. Eine Liebe zwischen Onkel und Nichte ist zwar ungewöhnlich, aber nicht verboten. Graf Hubert, Arnds Vater, widersetzt sich dieser Verbindung dennoch aufs Schärfste. Dafür gibt es einen Grund, den er aber unter keinen Umständen preisgeben will. Er schlägt vor, dass Barbara ihre Tochter für eine Weile mit in die Stadt nimmt, um die Liebenden zu trennen. Doch plötzlich ist Gisela wie vom Erdboden verschwunden ...
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der Schicksalskuss
Können zwei liebende Herzen den alten Hass besiegen?
Nach dem tragischen Tod ihres Mannes nimmt Barbara von Eckern eine Arbeit in der Stadt an. Ihre Tochter Gisela, die erst ein paar Monate alt ist, bleibt bei ihren Eltern zurück. Und so wächst sie gemeinsam mit dem Nachzügler der Eltern, dem dreijährigen Arnd, auf Gut Finkenstein auf.
Als die Kinder flügge werden, verlieben sie sich ineinander. Eine Liebe zwischen Onkel und Nichte ist zwar ungewöhnlich, aber nicht verboten. Graf Hubert, Arnds Vater, widersetzt sich dieser Verbindung dennoch aufs Schärfste. Dafür gibt es einen Grund, den er aber unter keinen Umständen preisgeben will. Er schlägt vor, dass Barbara ihre Tochter für eine Weile mit in die Stadt nimmt, um die Liebenden zu trennen. Doch plötzlich ist Gisela wie vom Erdboden verschwunden ...
Sieben Uhr schlug es vom Kirchturm. Die junge Frau in einem Zimmer im ersten Stock des Herrenhauses von Gut Finkenstein erwachte.
Durch die Öffnung zwischen den Vorhängen, die das Fenster verdeckten, fiel eine breite Bahn gleißenden goldenen Sonnenlichtes herein.
Sonst hatte alles anders ausgesehen, wenn Barbara von Eckern erwacht war. Auch die Kirchturmuhr hatte einen anderen Klang gehabt.
Plötzlich wusste Barbara es wieder: Sie war daheim bei den Eltern.
Die Stimmen, die sie jetzt gedämpft aus dem Erdgeschoss heraufklingen hörte, waren diejenigen von ihrer Mutter und ihrem Vater. Da! Das war die helle Kinderstimme von Arnd, dem kleinen Bruder, der jetzt drei Jahre alt wurde. Und dieses Weinen jetzt, das rührte von ihrem eigenen Kind her, dem vaterlosen kleinen Mädchen, das ihre Mutter so liebevoll unter ihre Fittiche genommen hatte.
Barbara stiegen Tränen in die Augen. Die Erinnerung an die entsetzlichen Stunden, die ihr alles geraubt hatten, überkam sie mit schrecklicher Macht.
»Was fehlt denn unserer Kleinen?«, hörte sie die Mutter begütigend sagen. »Hast du Hunger? Schau, Herzchen, ich komme schon mit der Flasche!«
Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen. Die Gräfin hatte sich der kleinen weinenden Enkelin angenommen und fütterte sie.
Ich habe es gut, trotz allem, dachte Barbara dankbar. Ich muss froh sein, eine solche Mutter zu haben, die ganz selbstverständlich zu ihren eigenen Aufgaben noch die meinen übernimmt. Gisela ist hier gut aufgehoben.
Auch sie selber war es. Sie konnte es sich leisten, liegen zu bleiben und sich zu erholen. Der Doktor hatte von einem Nervenschock gesprochen.
»Das braucht seine Zeit«, hatte er gesagt, »um überwunden zu werden. Ruhe, kräftiges Essen, freundlicher Zuspruch und die Zeit, die werden es schon machen.«
Wie ein Albtraum waren die letzten acht Tage vorübergerauscht. Sie hatte kaum etwas richtig wahrgenommen.
Eigentlich erinnerte Barbara sich nur genau an den furchtbaren Moment, da der Arzt ihr die verhüllte Gestalt im Krankenwagen gezeigt hatte.
Wie ein greller Blitz hatte sie die Erkenntnis durchzuckt, dass unter diesem Leinentuch ein Toter lag und dass dieser Tote ihr Mann war, der Vater ihres Kindes, der Geliebte, mit dem sie unaussprechlich glücklich gewesen war.
Dann war sie zu Boden gesunken, und eine gnädige Ohnmacht hatte sie von der Seelenqual erlöst. Was dann geschehen war, wusste sie nicht.
Erst auf Gut Finkenstein war Barbara wieder zu sich gekommen. Hier, in ihrem früheren Jungmädchenzimmer, lag sie seitdem in ihrem alten Bett.
Sie erinnerte sich, dass der Doktor sich über sie gebeugt hatte, der gute alte Dr. Werner, der schon die kleine Komtess Barbara behandelt hatte.
»Liegen bleiben! Schön liegen bleiben!«, hatte er befohlen und sie mit sanfter Gewalt wieder in die Kissen gedrückt, als sie sich mühsam hatte aufrichten wollen. »Na, nun wissen wir doch wenigstens wieder, wo wir sind, nicht wahr?«, hatte er dann wie ein liebevoller Großvater gesagt.
Die altmodische goldgeränderte Brille war ihm auf die Nasenspitze gerutscht, als er sich über sie gebeugt hatte.
»Ich bin daheim«, hatte sie geflüstert, »in Finkenstein bin ich, Doktor.«
»Prächtig, Barbara!«, hatte er sie gelobt. »Sie müssen noch zwei, drei Tage liegen bleiben, dann können Sie wieder aufstehen und leichte Arbeiten verrichten.«
»Bin ich krank, Herr Doktor?«
»Sie haben einen Nervenschock erlitten. Dadurch ist auch Ihr Kreislauf zusammengeklappt, Ihr Magen hat rebelliert, und immer wieder verloren Sie das Bewusstsein. Ich habe Ihnen ein Schlafmittel gespritzt, und dann haben Sie ein paar Tage geschlafen. Das ist wie Medizin für Sie.«
Barbara war noch immer ganz benommen gewesen, hatte aber begriffen, dass einige Tage vergangen waren seit jenem schrecklichen Morgen, da sie vor den rauchenden Trümmern inmitten des grauen Qualms auf den entseelten Körper im Krankenwagen gestarrt hatte.
Wo befand sich jetzt ihr Mann? Wo war ihr Kind? Und wie war sie hierhergekommen?
Sie hatte den Mund zu verzweifelten Fragen geöffnet und den Arzt verstört angesehen.
Aber sie war nicht dazu gekommen, ihm Fragen zu stellen, denn er hatte sie behutsam zurück in die Kissen gedrückt.
»Ich weiß, was Sie fragen wollen, Barbara.«
Er hatte sie einfach wie einst in Kindertagen beim Vornamen genannt, denn schließlich hatte er sie aufwachsen sehen.
»Ihnen ist wieder eingefallen, was geschehen ist. Sie erinnern sich wieder an das Unglück. Und nun wollen Sie wissen, was passiert ist, als Sie hier geschlafen haben.«
Der Doktor hatte den alten Sessel mit dem Gobelinbezug herangezogen, sich an ihr Bett gesetzt und ihre Hand in seine genommen.
Und dann hatte er ihr erzählt, was in den letzten Tagen geschehen war. Sie konnte aufgrund ihres Nervenschocks nicht bei der Beerdigung ihres Gatten anwesend sein. Er war sehr tüchtig und beliebt gewesen, und so hatten ihm viele Menschen das letzte Geleit gegeben, auch der Bürgermeister, der Bankdirektor und der Landrat. Auch ihre Eltern, so hatte Barbara erfahren, hatten Blumen ins Grab geworfen.
»Jedermann wusste, dass Sie krank waren und nicht teilnehmen konnten, Barbara. Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen. Ich versichere Ihnen, dass Ihr Gatte mit großer Würde und Feierlichkeit bestattet wurde. Jetzt müssen Sie gesund werden, damit Sie für Ihr Kind sorgen und sich um den Nachlass kümmern können. Das alles wird noch Kraft genug kosten.«
Barbara hatte zu weinen begonnen. Sie wäre gerne dabei gewesen, als ihr Gatte zur letzten Ruhe gebettet worden war.
»Weinen Sie nur, mein Kind.« Der alte Arzt hatte sein großes weißes Taschentuch hervorgezogen und ihr die Tränen von den Wangen getupft. »Das erleichtert.«
Er hatte gewartet, bis sie sich ein wenig gefasst hatte, und dann erst weitergesprochen.
»Vielleicht erinnern Sie sich noch, dass Sie auf dem Platz vor der Fabrik ohnmächtig geworden sind. Die Sanitäter trugen Sie in ein Nachbarhaus. Irgendjemand rief Ihre Eltern an, die sofort kamen. Ihre Mutter holte das Kind von einer Nachbarin, bei der es in Verwahrung war, und Ihr Vater fuhr Sie alle nach Hause. Seitdem liegen Sie hier, und Ihre Mutter pflegt das Baby.«
»Ich bin ihr sehr dankbar«, murmelte Barbara.
»Ja, Sie haben umsichtige und tüchtige Eltern. Ihr Vater hat schon mehrmals mit dem Rechtsanwalt Kreiner verhandelt. Es ist viel zu klären. Aber das hat noch Zeit. Sie können in Ruhe gesund werden, Barbara, und ich werde weiter jeden Tag nach Ihnen sehen kommen, bis ich sagen kann, Sie sind über dem Berg.«
Dann hatte er sich schwerfällig erhoben.
»Schlafen Sie ein bisschen, Barbara!«, hatte er ihr noch geraten, ehe er gegangen war.
Sie war auch gleich wieder eingeschlummert, denn der alte Doktor hatte ihr noch ein Schlafmittel gegeben.
Und nun saß sie auf der Bettkante und wagte es zum ersten Mal seit langer Zeit, auf ihren eigenen Füßen zu stehen.
Wie merkwürdig es in den Sohlen kribbelte und stach! Wie schwach sie in den Knien war! Sie hielt sich am Bettpfosten fest und tastete sich weiter.
Noch ein paar Schritte, und sie hatte das Fenster erreicht. Barbara zog die Vorhänge auseinander, und die Sonne flutete ins Zimmer.
Tief atmete sie die frische Luft ein. Ihre Augen ruhten auf den geliebten Parkbäumen und auf den Blumen, die in verschwenderischer Fülle blühten.
Wie friedlich alles war! Dicht und grün war das Blattwerk der Bäume. Der Rauch stieg aus den Essen des nicht weit entfernten Dorfes.
So schön war die Welt! Es schien undenkbar, dass Tod, Not und Grauen in ihr herrschten. Wie ein schwerer dunkler Traum kam Barbara von Eckern alles vor, was hinter ihr lag.
Wirr hing ihr das blonde Haar um das Gesicht. Sie war blass und etwas schmaler geworden, aber immer noch schön. Das Leid hatte ihre junge Schönheit nicht zerstören können.
Aber nun war sie allein. Warum hatte Heinz sterben müssen?
Babara lief zurück zum Bett und warf sich aufschluchzend in die Kissen.
???
Wieder waren einige Wochen ins Land gezogen.
Die Patientin auf Gut Finkenstein war wieder gesund. Barbara von Eckern sah aus wie früher, nur dass sie...




