E-Book, Deutsch, Band 694, 64 Seiten
Orloff Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 694
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6394-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wo sich die Wege kreuzen
E-Book, Deutsch, Band 694, 64 Seiten
Reihe: Die Welt der Hedwig Courths-Mahler
ISBN: 978-3-7517-6394-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als die Ferien im Internat beginnen, bleibt Ilse Komtess von Elmsborn als Einzige weinend zurück. Sie ist zu Hause nicht erwünscht. Seit ihre Mutter die Familie vor fünf Jahren verlassen hat, weigert ihr Vater sich, auch nur ein einziges Wort mit seiner Tochter zu sprechen.
Ilses Lehrerin Andrea Pichler ist empört und beschließt, die Komtess heimzubringen und dem Rabenvater die Leviten zu lesen. Das allerdings erweist sich als schwierig, denn der Graf hat sich in einen der Türme des schlossartigen Gutshauses am Meer zurückgezogen und lässt niemanden zu sich.
Andrea gelingt es dennoch, in sein Refugium einzudringen. Doch als sie dem im Rollstuhl sitzenden Grafen mit den fahlen Zügen, in dessen Augen alles Leben erloschen zu sein scheint, gegenübersteht, steigt grenzenloses Mitleid mit diesem gebrochenen Mann in ihr auf und noch ein anderes Gefühl, das sie nicht benennen kann ...
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Wo sich die Wege kreuzen
Erfolgsroman um die Sehnsucht eines Frauenherzens
Als die Ferien im Internat beginnen, bleibt Ilse Komtess von Elmsborn als Einzige weinend zurück. Sie ist zu Hause nicht erwünscht! Seit ihre Mutter die Familie vor fünf Jahren verlassen hat, weigert ihr Vater sich, auch nur ein einziges Wort mit seiner Tochter zu sprechen.
Ilses Lehrerin Andrea Pichler ist empört und beschließt, die Komtess heimzubringen und dem Rabenvater die Leviten zu lesen. Das allerdings erweist sich als schwierig, denn der Graf hat sich in einen der Türme des schlossartigen Gutshauses am Meer zurückgezogen und lässt niemanden zu sich.
Andrea gelingt es dennoch, in sein Refugium einzudringen. Doch als sie dem im Rollstuhl sitzenden Grafen mit den fahlen Zügen, in dessen Augen alles Leben erloschen zu sein scheint, gegenübersteht, steigt grenzenloses Mitleid mit diesem gebrochenen Mann in ihr auf – und noch ein anderes Gefühl, das sie nicht benennen kann ...
»Ich habe keine Mutter mehr. Sie hat uns vor fünf Jahren verlassen.«
Armes Ding, dachte Andrea Pichler und strich der Kleinen über die glänzenden dunklen Haare.
»Aber Ihr Vater, Komtess, er wird doch auf Sie warten?«
Ein heftiges Kopfschütteln.
»Er mag mich nicht mehr, weil ich der Mama so ähnlich sehe. Ich darf nicht mehr nach Hause kommen.«
»Wo haben Sie denn sonst die Ferienzeit verbracht?«
»In einem Landhaus. Mrs. Brown hat das so angeordnet.«
»Mrs. Brown?«
»Sie ist unsere Hausdame.«
»Und warum fahren Sie dieses Jahr nicht wieder dorthin?«
»Weil Mrs. Brown möchte, dass ich mit ihrem Sohn Benno eine Ferienreise mache«, erklärte Ilse schluchzend. »Aber ich will nicht. Er ist so schrecklich gemein. Schon als Kind hat er mich oft gequält.«
Andrea presste zornig die Lippen zusammen. Nette Zustände waren das! Mit dem Vater der kleinen Komtess würde sie gerne mal ein ernstes Wort reden.
So leicht, wie der es sich machte, ging es wirklich nicht. Hier war sie als Ilses Lehrerin verpflichtet einzugreifen.
Andrea ahnte, dass diese unbekannte Mrs. Brown ganz bestimmte Absichten mit dieser verordneten Ferienreise verfolgte.
»Wann wollte Sie dieser Benno Brown denn abholen, Komtess?«
»Gestern! Ich habe mich den ganzen Tag versteckt.«
»Armes Kind, wie helfe ich Ihnen nur? Hier können Sie auf keinen Fall bleiben!« Andrea dachte angestrengt nach.
Sie hörten nicht, dass jemand das Klassenzimmer betrat, jemand, der ein verschmitztes Jungengesicht und zwei fröhliche braune Augen hatte.
»Beste Andrea, kannst du dich eigentlich nicht von diesem alten Kasten trennen?«
»O Volker, ich habe dich ganz vergessen! Gut, dass du hier bist! Ich weiß mir wirklich keinen Rat mehr!«
»Hängt dein ratloser Zustand mit diesem kleinen, verweinten Fräulein zusammen?«
»Ja. Darf ich zuerst bekannt machen? Das ist mein Freund Volker Holm, Komtess! Von Beruf Arzt, mit eigener Praxis.«
»Und mit einem Tick«, fügte Volker lachend hinzu.
»Tick?« Ilse vergaß vorübergehend ihren Schmerz und betrachtete verwundert den netten Fremden.
»Volker liest leidenschaftlich gerne Kriminalromane und wartet stündlich auf seinen großen Fall als Amateurdetektiv.«
»Falls Sie mal einen netten, kleinen Mord in der Familie haben sollten! Stelle meine Dienste gerne zur Verfügung!«
»Rede mir nicht immer dazwischen, Volker! Also, dies hier ist Komtess Ilse von Elmsborn.«
In kurzen Worten schilderte Andrea ihm, was sie soeben erfahren hatte.
»Donnerwetter! Das ist stark!« Volker blickte mitleidig auf das zarte junge Ding und setzte sich auf einen der Schultische. »Eine Idee hätte ich«, sagte er dann. »Sie könnten mit uns fahren.«
»Das wäre überhaupt eine Idee!« In Andreas Augen blitzte es auf. »Können wir unsere Reiseroute nicht ändern, Volker? Ich hätte mich gerne einmal persönlich mit dem Vater der Komtess unterhalten.«
»Ich darf ja nicht nach Hause fahren! Papa will mich nicht sehen!« Tief sank der dunkle Kopf herab. Tränen liefen wieder über die schmalen, blassen Wangen.
»Aber Sie haben Heimweh, nicht wahr, Kind?«
Ilse zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht. Es ist ja niemand mehr da, der mich mag.«
»Dein Vorschlag ist gar nicht so übel, Andrea! Wir sehen uns den Rabenvater mal an, du hältst ihm einen Vortrag über die Pflichten eines Vaters, und wenn der Erfolg ausbleibt, fährt Komtess Ilse eben mit uns weiter.«
»Ich kann unmöglich verlangen, dass Sie meinetwegen Ihre Ferienpläne ändern«, widersprach sie.
»Aber Komtess!« Andrea strich der Weinenden beruhigend über die Wangen. »Sehen Sie denn nicht, dass Doktor Holm ganz begeistert von dieser Änderung ist? Er mischt sich für sein Leben gerne in anderer Leute Angelegenheiten, immer in der Hoffnung, auf den bereits erwähnten großen Fall zu stoßen.«
»Da werden Sie bei mir aber kein Glück haben!« Unter Tränen lächelte Ilse dem sympathischen Riesen zu.
»Auf denn, zu fröhlichen Taten!« Volker reckte die schlaksige Gestalt. Seine braunen Augen blitzten. Dieser merkwürdige, unzugängliche Graf von Elmsborn war so recht nach seinem Geschmack. Dessen Töchterchen allerdings auch. Die kleine Komtess hatte schon einen festen Platz in seinem Herzen.
Kurz darauf ging die Fahrt los. Das Gepäck war verstaut. Volker saß am Steuer, die Komtess hinten auf der Rückbank und Andrea neben ihm auf dem Beifahrersitz.
Volker und Andrea kannten sich schon seit ihrer Kindheit. In einem kleinen Schweizer Gebirgsdorf waren sie zusammen zur Schule gegangen und später auch auf das Gymnasium. Als Andreas Eltern gestorben waren, hatten Volkers Angehörige sich der Waise angenommen.
So waren sie beide wie Geschwister herangewachsen und waren sich auch in der gleichen Weise zugetan. Jeder wäre für den anderen durchs Feuer gegangen.
Der junge Arzt schmunzelte. Er war auf seine beiden hübschen Begleiterinnen stolz. Besonders Andrea war ein erfreulicher Anblick. Ein richtiges Schweizer Sportmädel. Braun gebrannt, dazu seidiges blondes Haar, von einem bunten Band gehalten, zwei blitzende blaue Augen und eine mittelgroße Gestalt, schlank und energiegeladen.
Die kleine Komtess wirkte dagegen sehr zart und schutzbedürftig. Volker kochte, wenn er an den Rabenvater dachte, der dieses halbe Kind so mitleidlos von sich stieß. Nun, Andrea würde ihm schon die Leviten lesen.
Volker drückte aufs Gaspedal. Er wollte den Damen zeigen, was in seinem Wagen steckte. Tatsächlich schaffte er es auch, mehrere Fahrzeuge zu überholen.
»Aber Komtess, was machen Sie denn da?«, rief er plötzlich.
Er hatte im Rückspiegel gesehen, dass Ilse von der Rückbank gerutscht war und nun dort unten hockte.
»Na, siehst du, Volker, das hast du jetzt von deiner Angeberei!«, warf Andrea ihm vor.
»Ich habe keine Angst, Fräulein Pichler, nur in dem Wagen, den wir gerade überholten, saß Benno Brown. Er hat mich gesehen!«
»Den hängen wir ab!« Volker strahlte. Eine Verfolgungsjagd war so recht nach seinem Herzen. Rasch bog er an der nächsten Abfahrtsstelle ein, und Benno Brown sauste an ihnen vorüber.
»Kein angenehmes Gesicht«, kommentierte Andrea, die den Fremden blitzschnell gemustert hatte.
???
»Für so dumm hätte ich dich wirklich nicht gehalten!« Mrs. Brown sah ihren Sohn zürnend an. »Ich spiele dir die Chance deines Lebens zu, und du lässt sie dir entgleiten!«
»Kann ich dafür, wenn die Göre vor mir davonläuft? Warum willst du auch unbedingt, dass ich sie heirate?«
»Warum?« Mrs. Brown schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Warum wohl? Damit das alles hier einmal uns gehört!«
»Als wenn das so einfach wäre! Da spricht der Graf auch noch ein Wort mit.«
»Den habe ich in der Hand, gottlob. Und wenn die Komtess dich heiraten wollte, gäbe er ohne Weiteres seinen Segen.«
»Zuerst einmal muss ich die Göre erwischen«, knurrte Benno. »Dann werde ich versuchen, ihr den Kopf zu verdrehen.«
»Das dürfte dir leichtfallen.« Mrs. Brown betrachtete ihren Sohn mit stolzem Blick. Benno war ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Der kleine Schmiss auf der rechten Wange verriet seine Zugehörigkeit zu einer schlagenden akademischen Verbindung. Er war mittelgroß, ein wenig gedrungen und immer sehr elegant gekleidet.
In wenigen Jahren würde Benno seinen Doktor machen, und der Graf konnte mit einem solchen Schwiegersohn wirklich zufrieden sein.
»Du glaubst also wirklich, dass Komtess Ilse in diesem Auto saß?«
»Ich habe sie genau erkannt, bevor das alberne Ding von der Rückbank gerutscht ist. Ein junger Mann und eine elegante blonde Frau saßen mit ihr im Auto.«
»Was mögen das für...




