Orths Catalina
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-89561-860-4
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-89561-860-4
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Orths wurde 1969 in Viersen geboren und lebt als freier Autor in Karlsruhe. Bislang erschienen fu?nfzehn Bu?cher, Erza?hlungen und Romane, u. a. Lehrerzimmer, Das Zimmerma?dchen, Alpha & Omega, Max, Picknick im Dunkeln und 2023 im Carl Hanser Verlag Mary & Claire. Seine Bu?cher wurden in insgesamt achtzehn Sprachen u?bersetzt und vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds.
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Verluste
Catalinas Mutter, María Pérez de Galarraga y Arce, war eine Frau mit Tiefe. Man hätte meinen können, diese Tiefe zeige sich in ihrer enormen Frömmigkeit und Glaubenskraft. An den Sonntagen blieb sie länger als nötig in der Kirche, freitags aß sie fast nichts, und wenn doch, höchstens Linsen oder Stockfisch. Sie besuchte schon als junge Frau die Rosenkranzgebete im Kloster San Sebastián el Antiguo, ging für die Kreuzwegandacht zu den Franziskanern, für die Herz-Jesu-Verehrung ins Jesuitenkonvent und zum Feiern der Nährvater-Christi-Bräuche zu den Karmeliten. Zweimal war sie bereits zum Grab des Heiligen Jakob gepilgert, und überhaupt schlug ihr Herz für die Heiligen: Sie hatte alle möglichen Heiligenbildchen gesammelt und war nun im Besitz von achtzehn Heiligen, alphabetisch sortiert, Agatha (gegen Vulkanausbrüche), Augustinus (gegen Verluste aller Art), Blasius (gegen Halserkrankungen), Florian (gegen Feuersbrünste), sowie zwölf Abbildungen der obersten Heiligen, der Mutter Gottes, deren sämtliche Namen María Pérez de Galarraga y Arce kannte, und so, wenn sie ein Anliegen hatte, nicht nur zur Virgen de la Esperanza beten konnte, sondern auch zur Virgen de la Soledad, de los Dolores, de los Remedios, de la Misericordia, de los Desamparados, de las Maravillas und zu Nuestra Señora del Rosal. Hätte man aber einen Blick in ihr Tagebuch geworfen, so hätte man feststellen können, dass in jener Tiefe etwas ganz anderes lag, etwas, das darauf wartete, endlich hinauszudürfen, und als María Pérez de Galarraga y Arce am 14. Februar 1572 im Alter von zwanzig Jahren ihren so klangreichen Namen verlor, weil sie den baskischen Geschäftsmann Miguel de Erauso heiratete, da war ihr den ganzen Tag über, als klettere dieses tief in ihr sitzende Gefühl den Bauch hinauf bis hoch zum Hals. Nach der Hochzeit betrat María zum ersten Mal das Haus, das ihr Mann für sie gekauft hatte. Miguel nannte es Der Wal, in Erinnerung an den Großvater des Großvaters des Großvaters von María Pérez de Galarraga y Arce, denn das war niemand anderes als Manuel Pessoa, jener Entdecker Amerikas, von dem Marías Großmutter ihrer Enkelin immer noch erzählte. Der Wal war ein Stadthaus mitten in San Sebastián, nahe der Kirche. Es besaß einen kleinen Patio, die ebenerdigen Alkoven waren dunkel, und Miguel führte María gleich in die obere Etage. Von einer Galerie aus konnte man in den Innenhof sehen. Inès hielt María ein Tablett hin mit einer Tasse Schokolade und einem Haufen voll bucaros, aromatische Tonerde aus West-Indien. María trank die Schokolade und aß die Erdplätzchen. Dann schickte Miguel Inès hinab und führte María durch die beiden Salons. Im ersten war der Boden gekachelt, Teppiche hingen an den Wänden, Spiegel und kleine Bilder. Der zweite war durch eine Holzwand geteilt: Auf der einen Seite hatte man für die Frauen eine Estrade mit Taft bespannt und jede Menge Kissen gelegt, auf der anderen Seite standen für die Männer Stühle und Hocker bereit. María Pérez trat auf den schmiedeeisernen Balkon, dessen Ecken mit Messingkugeln geschmückt waren. Sie lehnte sich nach vorn und versuchte das Meer zu hören, aber alles, was sie vernahm, war das klatschende Geräusch, das die Nachbarn machten, wenn sie ihre Nachttöpfe auf die Straße leerten. María ging ins Schlafzimmer. Dort brannten Räucherstäbchen, und an den Wänden hingen ihre Heiligenbilder. Sie hatte Miguel gebeten, die Bilder im Haus aufzuhängen, im Haus, hatte sie gesagt, nicht im Schlafzimmer. María Pérez sammelte ihre Heiligenbilder ein, verließ das Schlafzimmer, legte die Bilder in den Salon, kehrte zu Miguel zurück, schloss die Tür, ließ die Behänge an den kleinen, vergitterten Fenstern hinab, die nicht mit Glas, sondern mit geöltem Pergament besetzt waren, zog ihr Hochzeitskleid aus, samt Reifrock – der guardainfante sollte erst 1639 per Dekret als »hurenmäßig« verboten werden –, kniete sich vor Miguel de Erauso, knöpfte dessen Hose auf und schob sein Geschlecht in ihren Mund. Sie wusste nicht genau, wie man es anstellte, lüstern zu schauen, aber sie gab ihr Bestes, sah hoch zu ihrem Mann, quetschte ihre Brüste zusammen, saugte, verwandelte die Zunge in einen Quirl, versuchte alles, was sie sich im Geheimen oft vorgestellt oder mit den anderen Mädchen durchgesprochen hatte, und fügte sich auf diese Weise mustergültig in den Rahmen der Zeit, in der sie lebte, denn die spanischen Menschen waren damals in einen regelrechten Begattungstaumel gefallen und besprangen sich wie die Wahnsinnigen, nein, nicht wie die Wahnsinnigen, im Gegenteil, viel eher, als sähen sie plötzlich ihre eigene Zukunft klar vor Augen, als wüssten sie Bescheid über die Pestepidemien, die in den nächsten Jahrzehnten durchs Land wüten würden, und als gälte es, zuvor für eine ausreichende Bevölkerungsmenge zu sorgen, damit dem Tod genügend Material zur Verfügung stünde: Es vögelten die grandes, Fürsten, Markisen und Grafen, die im Beisein der Königin die Kopfbedeckung aufbehalten durften, es vögelten die caballeros der Ritterorden von Alcántara, Montesa, Calatrava und Santiago, es vögelten die verarmten hidalgos, die wegen ihrer Verdienste bei der reconquista geadelt worden waren, es vögelten die Bürger in den Städten, die Handwerker und Kaufleute, die Soldaten, die zahllosen Dichter und Studenten, die Bauern, die den größten Teil der Steuern zahlen mussten, die Hirten und Baumfäller, die Erzarbeiter und Schmiede, die Vaganten und Bettler, Kesselflicker, Ausrufer und Maultiertreiber, die Krämer, Hausierer und Invaliden, die Lastträger und Marionettenspieler, die Schankwirte, Garköche, Büttner und Scharfrichter, die Zuhälter, Kuppler und Falschspieler, die Mauren, Zigeuner und Sklaven. Allen voran vögelte der als Asket geltende König Philipp der Zweite. Tagsüber brütete er über seinen Akten und verschob wichtige Entscheidungen auf den nächsten Tag, aber sobald die Sonne untergegangen war, wandelte er sich in einen regelrechten Thronfolgefanatiker. Er schickte seine Cousine Maria von Portugal in den Tod durch Gebären, bestieg vier Jahre lang – freilich fruchtlos – seine zweite Frau, Mary Tudor von England; er besprang mit wachsender Begeisterung die anfangs fünfzehnjährige Elisabeth von Valois, die ihm zwei nutzlose Töchter schenkte und starb, als die Ärzte die dritte Schwangerschaft übersahen; und schließlich begattete er Anna von Österreich fünf Mal erfolgreich, wobei vier Kinder das Licht der Welt nur kurz erblickten, während das fünfte endlich über beide zum Herrschen nötigen Qualitäten verfügte: Es blieb am Leben und war ein Junge. Die Menschen trieben es, wann und wo es ging, auf den Zollstationen und in den Wirtshäusern, am Hof und in der Gosse, im Madrider Alcázar und im Triana-Viertel von Sevilla, am Mittelmeer und am Atlantik, in den Sierras und den Pyrenäen, auf den riesigen Weideflächen der Extremadura und in den Erzbergwerken Navarras, in den Olivenhainen Andalusiens und den Wäldern des Ostens. Und wenn es nicht auf Anhieb klappen wollte, aß man Lauchsuppe und rotes Fleisch, das als heiß galt und den Geschlechtstrieb anfachen sollte, man schluckte alle möglichen Pülverchen, aß zerstoßenes Walelfenbein oder trank das Blut von geschlachteten Ziegen, sodass die Bevölkerungszahl des Landes sich innerhalb eines einzigen Jahrhunderts verdoppelte. Spaniens Luft war also gleichsam samengeschwängert, und aus den Pergamentfenstern drangen die Brunft- und Lustschreie der Nachbarn, als María Pérez ihren Mann bestieg und sich das harte Geschlecht wie ein Messer in den Unterleib rammte, sodass Miguels Hoden auf der Stelle rot wurden. María schrie nicht, sie war ganz konzentriert, während die beiden sich unaufhaltsam dem Ende näherten. Auch Miguel war zunächst ganz versunken in das, was geschah, ehe er plötzlich begriff, dass er dabei war zu zeugen, zu erzeugen, und da rief er in einem letzten Aufschwung und kurz bevor sich der Knoten in ihm löste: »Wie soll er heißen?« María achtete nicht auf seinen Ruf, ihre Ohren waren ganz nach innen gekehrt, sie krallte ihrem Mann die Nägel in den Rücken und schrie: »Miguel!« Dann sanken sie zueinander in einer Lache aus Schweiß, Blut und Zeugungsflüssigkeiten. Miguel de Erauso strich seiner Frau durchs Haar und sagte: »Einverstanden.«
Ein halbes Jahr und etliche Begattungsversuche später hatte María Pérez immer noch nicht empfangen, was sie empfangen wollte. Dafür musste es einen nachvollziehbaren Grund geben. Ihre Frömmigkeit, die durch die ehelichen Orgien verschüttet worden war, erwachte nun mit doppelter Kraft. María Pérez erinnerte sich an alle »Obszönitäten«, deren sie sich im Schlafzimmer »schuldig gemacht hatte«, wie es plötzlich in ihrem Tagebuch heißt. Sie sah ihre Schwangerschaftslosigkeit als Folge dieser »Sünden« an, die sie ein halbes Jahr lang immer nur als »Köstlichkeiten« bezeichnet hatte. So kam es, dass Miguel de Erauso in der Nacht plötzlich statt einer nackt auf ihn wartenden Ehefrau ein weißes Laken mit einem mittig platzierten Loch antraf, unter dem María Pérez lag und ihrem Mann eröffnete, dass sie den Geschlechtsverkehr endlich als das ansehen wolle, was er sei, nämlich ein für die Zeugung unabdingbarer Akt, dessen sündhafte Nebenprodukte wie das unmäßige Äußern von Lust sie fortan ablehnen werde. Als aber nach weiteren vier Monaten immer noch kein Ergebnis zu sehen war, wurde María Pérez von Tag zu Tag empfänglicher für die Ratschläge ihrer...




