Orths | Die Tarnkappe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Orths Die Tarnkappe

Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-89561-963-2
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-89561-963-2
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Unsichtbar sein. Sehen können, ohne selber gesehen zu werden. Dinge tun, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen: Jeder hat sich das schon einmal gewünscht. Simon Bloch, Mitte vierzig, erhält eine solche Chance. Seinen Lebenstraum - Filmkomponist zu werden - hat er längst beerdigt und sich eingenistet in alltäglicher Routine. Da gelangt er vollkommen unerwartet in den Besitz einer seltsamen Kappe. Als er sie aufsetzt, verschwindet er vor seinen eigenen Augen und spürt »ein Knistern, etwas, was tief in ihm geschah und zugleich auf der Oberfläche, ganz so, als kehre sich alles Verborgene nach außen und alles Äußere nach innen«. Blochs Leben gerät aus den Fugen. Zunächst versetzen ihn die neuen Möglichkeiten in einen Rausch. Doch bald werden seine Fragen dringlicher: Wer hat ihm die Tarnkappe zugespielt? Wie funktioniert sie überhaupt? Und: Was macht sie mit ihm? Um das herauszufinden, muss Simon Bloch Dinge tun, die er niemals für möglich gehalten hätte. Markus Orths verleiht einem faszinierenden literarischen Motiv seinen eigenen mitreißenden Sound. Ein Schwindel erregender, wilder Trip ins Nichts: hinein in das, was wir nicht sehen können - oder nicht sehen wollen.

Markus Orths wurde 1969 in Viersen geboren und lebt als freier Autor in Karlsruhe. Bislang erschienen fu?nfzehn Bu?cher, Erza?hlungen und Romane, u. a. Lehrerzimmer, Das Zimmerma?dchen, Alpha & Omega, Max, Picknick im Dunkeln und 2023 im Carl Hanser Verlag Mary & Claire. Seine Bu?cher wurden in insgesamt achtzehn Sprachen u?bersetzt und vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds.
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2

An diesem Samstagmorgen war Simon Bloch wie üblich um halb sieben vom Zirpen seines Tennisballweckers wach geworden, einem Relikt aus Studententagen, gelb, rund und borstig. Simon hatte sich das Ding zu einer Zeit gekauft, als er das Aufstehen noch abgrundtief verabscheute und jeden Morgen mit gutturalem Grunzen begrüßte, denn der Tennisballwecker war eigens für Morgenmuffel konzipiert: Wenn er ansprang, ballerte man ihn gegen die Wand, und durch die Wucht des Aufpralls schaltete er sich ab, um noch dreimal, viermal durch die Wohnung zu hoppeln und sich nach fünf Minuten erneut zu aktivieren, was den Schlafenden dazu zwang, das Bett zu verlassen, um das Biest endgültig zum Schweigen zu bringen. Aber seit er den Vertrag bei Brönner & Co. unterschrieben hatte, um fortan ein geregeltes Leben zu führen, verzichtete er darauf, den Wecker gegen die Wand zu werfen, hatte ihn zunächst noch auf die Oberfläche des Nachttischs oder an die Bettkante geschlagen, später getippt, dann nur noch getupft, und seit einigen Jahren stand Simon beim ersten Ertönen des Zirpens sofort auf und schaltete das Gerät einfach aus, er bewegte sich ohne zu murren zur Kaffeemaschine, in die er am Abend zuvor schon den Filter gesteckt, Kaffeepulver und Wasser eingefüllt hatte, sodass er jetzt nur noch den Knopf zu drücken brauchte, ehe er ins Bad ging. Danach schlich er jeden Morgen, ganz leise, da er wusste, dass seine Nachbarn noch schliefen, die Treppe hinab, fischte die Zeitung aus dem Rohr, stieg wieder nach oben, legte die Zeitung auf den Küchentisch, schmierte zwei Brote, eins mit Leberwurst, eins mit Marmelade, trank zum Leberwurstbrot ein Glas Orangensaft und zum Marmeladenbrot den herben, ungesüßten Kaffee, und währenddessen rührte er die Zeitung, die vor ihm lag, nicht an, sondern schaute auf den Tisch oder auf die schläfrig an der Wand tickende Uhr. Um sieben stellte er den Teller in die Spülmaschine, putzte sich die Zähne, zog Jackett und Schuhe an, und um zehn nach sieben griff er zur Zeitung.

Eigentlich hasste er Zeitungen. Sie stanken nach Druckerschwärze und fühlten sich klebrig an, außerdem waren sie viel zu groß. Er hasste es, mit aufgeschlagener Zeitung irgendwo zu sitzen, hasste den Kampf, den das umständliche Aufblättern mit sich brachte, hasste es, seine Arme beim Lesen wie ein Priester ausgebreitet halten zu müssen, aber er hätte nie auf die Zeitung verzichten können, ohne sich der Welt entrückt zu fühlen. Es muss doch gelingen, hatte Simon schon vor Jahren gedacht, dieses Zeitungsungetüm zu zähmen. Und so hatte er ein Ritual ersonnen, das ihn inzwischen mit tiefer Befriedigung erfüllte. Jeden Morgen legte er die großen Zeitungsbögen rittlings über die Stuhllehne, sodass zu beiden Seiten je eine Hälfte herabbaumelte: wie die Flügel erlegter Engel. Er nahm den Mantelbogen und faltete ihn zusammen, ohne Eile, die Prozedur bereitete ihm stilles Vergnügen, einen Zeitungsbändiger nannte er sich, einen Zeitungsdompteur, er knickte den Bogen fünfmal, falzte jeden Knick geschmeidig, bis der Bogen auf Taschenbuchgröße zusammengeschnurrt war und Simon ihn in seine linke Jacketttasche stecken konnte. Dasselbe geschah mit den übrigen Bögen. Dann klopfte Simon noch einmal auf den dicken Packen Papier vor seinem Herzen, verließ die Wohnung und machte sich auf den Weg. Er freute sich auf die Fahrt, die vor ihm lag. Denn jetzt, in der Straßenbahn, suchte er sich stets den vorderen Platz hinterm Fahrer, zog den ersten Bogen seiner gefalteten Zeitung hervor, entblätterte und las ihn, ehe er den Bogen wieder sorgsam zusammenfaltete, in die rechte Jacketttasche wandern ließ und zum nächsten griff. Beim Lesen legte Simon das Kinn auf die Brust und sah aus wie ein erstarrter Stier mit gesenktem Kopf, kurz vorm Stoß ins rote Tuch. So zerlas er Bogen für Bogen seiner Zeitung, und seit einiger Zeit war er dazu übergegangen, die gefalteten Bögen nicht, wie anfangs, der Reihe nach aus der Tasche zu ziehen, sondern wahllos, sodass er nie wusste, welchen Teil der Zeitung er zu fassen bekam, ob Politik, Wirtschaft, Feuilleton oder Sport: Das war das einzige Überraschungsmoment in seinem Leben. Er las auf der Hinfahrt, auf der Rückfahrt, in der Kaffee- und Mittagspause. So wusste er, was um ihn herum geschah, und am nächsten Tag würde eine neue Ausgabe erscheinen, ewiger Fortgang, die Zeitungen kannten nur eine Richtung, Simon folgte ihnen begierig, er hasste das Zurückblicken, und daher warf er, zu Hause angekommen, den Packen zerlesener Bögen sofort in die Tonne fürs Altpapier. Dann zog er die Schuhe aus, setzte sich in den Sessel und tat erst mal eine Viertelstunde lang nichts, ehe ihm dieses Nichts zu nahe kam, weshalb er aufstand und all die Dinge verrichtete, die eben zu verrichten waren.

Jetzt aber, an diesem Samstagmorgen, war alles anders gewesen. Auch samstags musste Simon zur Arbeit. Bis vierzehn Uhr. Beim Falten der Zeitung verzichtete er auf sämtliche Sonderbeilagen– Reise, Immobilien, Anzeigen–, weil seine Jacketttasche für eine komplette Wochenendausgabe zu klein gewesen wäre. Auch an diesem Samstag verließ er das Haus und wartete auf die Straßenbahn. Da sah er, wohl hundert Meter neben der Haltestelle, einen Mann auf dem Boden sitzen. Simon blickte zur elektronischen Anzeigetafel. Die Straßenbahn käme in zwei Minuten. Simon schüttelte sich kurz, gab sich einen Ruck und ging auf den Bettelnden zu. Er wusste, zwei Minuten, das würde reichen, um hinzugehen, Geld in den Hut zu werfen und umzukehren. In der Straßenbahn würde er den Mann wieder vergessen, spätestens nachdem er den zweiten Bogen seiner Zeitung gelesen hatte, und es war wichtig für Simon, die bettelnden Männer und Frauen zu vergessen, denen er Geld gab. Er durfte nicht allzu lange über sie nachdenken, sonst breitete sich eine Traurigkeit in ihm aus, die ihn für Stunden aus dem Konzept bringen konnte.

Schon nach wenigen Schritten sah Simon, dass etwas nicht stimmte. Der Mann besaß zwei Hüte. Einen hatte er umgedreht vor sich hingestellt, den anderen trug er auf dem Kopf, tief in die Stirn gedrückt, ein alter Strohhut, und darunter ein Kopftuch. Es umrahmte sein Gesicht und schien unverrückbar festgeknotet, bedeckte Ohren und Wangen, sogar sein Kinn. Zu sehen blieben nur noch Augen, Nase, Mund. Als wolle er etwas verbergen, dachte Simon. Vielleicht eine Brandnarbe, eine Entstellung, eine Hautkrankheit. Jetzt stand Simon dicht vorm Bettelnden. Der Mann trug ein rosa Hemd mit Löchern, eine enge kurze Radlerhose, dazu graue Wollsocken und Birkenstocksandalen. Der zweite Hut war mit ein paar müden Cent-Stücken gefüllt. Simon wollte schon wie üblich zwei Euro in den Hut werfen, doch da bemerkte Simon die Hosenklammer, eine neongelbe Hosenklammer mit Klettverschluss, die nicht im mindesten ihren Zweck erfüllte: In Kombination mit der kurzen Radlerhose wirkte sie entsetzlich fehl am Platz und auf so traurige Weise lächerlich, dass Simon, um dem aufkommenden Gefühl bodenloser Tristheit etwas entgegenzusetzen, einen Geldschein aus der Brieftasche zog, einen Zehn-Euro-Schein, sich zum Mann hinunterbeugte und den Schein in den Hut fallen ließ, wobei er bemerkte, dass die Hände des Manns keineswegs, wie es sich für einen Bettelnden gehört hätte, dreckig, stumpf, rissig und rau waren, sondern vielmehr zart und geradezu manikürt. Dieser Umstand sowie die Tatsache, dass der Mann mit keiner Regung auf Simons Großzügigkeit reagierte, ließen Simon innehalten. Nicht mal ein Danke, dachte er und ärgerte sich zu sehr, um ohne Bemerkung zu gehen.

»Sie könnten sich wenigstens bedanken!«, sagte Simon.

»Danke«, murmelte der Mann, ohne aufzublicken.

»Oder mich anschauen«, sagte Simon und wünschte sich sofort, diesen Satz nie gesagt zu haben, denn als der Mann vor ihm den Kopf hob und ihn anblinzelte, zuckte Simon zusammen, als hätten seine Augen sich an etwas verbrannt, er wandte sofort den Blick ab, wünschte einen guten Tag und eilte zurück zur Haltestelle, hörte in seinem Rücken ein Ha!, drehte sich noch mal um, der Mann war aufgesprungen, starrte Simon hinterher, mit ausgestrecktem Zeigefinger, doch Simon kam zur selben Sekunde bei der Haltestelle an wie die Straßenbahn, sprang hinein, ging nach vorn und setzte sich auf den Platz hinterm Fahrer, blickte aus dem Fenster, merkte, wie er zitterte, ließ Bogen um Bogen seiner Zeitung aus der linken in die rechte Jacketttasche wandern, las zwar, was geschrieben stand, aber das war nichts weiter als der verzweifelte Versuch, während der Fahrt den Gedanken an Gregor Strack unter Verschluss zu halten. Er hatte Gregor seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Woher hätte er wissen sollen, wie Gregor jetzt aussah? Es konnte nur eine flüchtige Ähnlichkeit sein, eine Ähnlichkeitsahnung. Simon zählte seine Atemzüge. Das wirkte immer wie ein kaltes Tuch gegen überbordende Gefühle. So auch jetzt, und als die Straßenbahn ihr Ziel erreicht hatte, stürzte sich Simon in die Arbeit, in seine nie enden wollende Akten-, Brief- und E-Mail-Arbeit, er dachte, jetzt, heute, mit Schwung, jetzt muss ich doch endlich mal fertig werden, vielleicht gelingt es mir heute. Einmal nur fertig werden, das war Simons Traum, einmal nur seinen Schreibtisch leergefegt zurücklassen, doch so sehr er sich beeilte, immer kam noch die zweite Post mit einem neuen Stapel Briefe oder der Bürobote mit einem Aktenberg, oder es trafen neue Beschwerde-E-Mails ein, die bearbeitet werden mussten, ich werde es nie schaffen, fertig zu werden, dachte Simon, das ist mein Los, das ist das Los der Menschen, dass wir es niemals schaffen, fertig zu...


Orths, Markus
Markus Orths wurde 1969 in Viersen geboren und lebt als freier Autor in Karlsruhe. Bislang erschienen fu¨nfzehn Bu¨cher, Erza¨hlungen und Romane, u. a. Lehrerzimmer, Das Zimmerma¨dchen, Alpha & Omega, Max, Picknick im Dunkeln und 2023 im Carl Hanser Verlag Mary & Claire. Seine Bu¨cher wurden in insgesamt achtzehn Sprachen u¨bersetzt und vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds.

Markus Orths wurde 1969 in Viersen geboren und lebt als freier Autor in Karlsruhe. Bislang erschienen fu¨nfzehn Bu¨cher, Erza¨hlungen und Romane, u. a. Lehrerzimmer, Das Zimmerma¨dchen, Alpha & Omega, Max, Picknick im Dunkeln und 2023 im Carl Hanser Verlag Mary & Claire. Seine Bu¨cher wurden in insgesamt achtzehn Sprachen u¨bersetzt und vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds.



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