E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: emons: Sehnsuchts Orte
Osang Algarve-Rache
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96041-188-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: emons: Sehnsuchts Orte
ISBN: 978-3-96041-188-8
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Schwarzwälder Rolf Osang studierte Werbung und Marketing in München, dann Philosophie in Zürich und finanzierte sein erstes Kulturmagazin im Saarland mit der Herausgabe einer Bundesliga-Stadionzeitung - zusammen mit Felix Magath. Er hat schon fünfzehn Bücher über Portugal verfasst, darunter Reiseführer, Bildbände und Kurzgeschichten.
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1
Liebster Diniz, als ich heute Morgen deine Papiere wegen der Versicherung durchsehen musste, entdeckte ich zufällig diesen merkwürdigen Ordner. Warum um alles in der Welt hast du nie mit mir darüber gesprochen? Wir hatten doch nie Geheimnisse voreinander – das dachte ich zumindest. Vielleicht, weil du mich lieber nicht mit diesem heiklen Thema konfrontieren wolltest? Ich will mich mit dieser Erklärung zufriedengeben. Denn so habe ich dich immer erlebt: rücksichtsvoll, fürsorglich, vorausschauend.
Diana unterbrach ihr Tippen in den Laptop und ließ ihren Blick durch das altmodische Kaffeehaus in der Altstadt von Loulé schweifen. Immer wenn sie Ablenkung suchte und unter Menschen sein wollte, die sie nicht kannte, besuchte sie diesen gemütlichen Zufluchtsort. Oft schrieb sie dann in ihr Tagebuch, so wie heute einen Brief an Diniz, oder beobachtete die Gäste an den Tischen oder die Passanten draußen auf der Rua 5 de Outubro, einer Hauptschlagader der Fußgängerzone nahe der sarazenischen Burganlage, und dachte sich gern zu Menschen, die ihr Interesse weckten, Geschichten aus. Wo kamen sie her, wo gingen sie hin, was machten sie beruflich, wie sah ihr Privatleben aus?
Aber heute fehlte ihr dazu die innere Gelassenheit. Sie war in Aufruhr. Die Tatsache, dass Diniz ihr diesen Ordner und damit seine Pläne vorenthalten hatte, ärgerte sie. Sie musste weiterschreiben. Sie musste eine Lösung finden, wie sie die neuen Fakten verarbeiten konnte. Sie nahm das Tippen wieder auf:
Natürlich habe ich mich sofort gefragt, warum du diesen Ordner angelegt hast. Hattest du vor, einen Artikel oder vielleicht sogar ein Buch zu schreiben? Oder wolltest du die darin gesammelten Prozesse noch einmal aufrollen, was mir wahrscheinlicher erscheint, weil es dir einfach widerstreben musste, diese Halunken ungestraft davonkommen zu lassen? Womöglich hast du auch schon Schritte dazu in die Wege geleitet, und sie haben davon Wind bekommen? Seit diesem Fund bin ich mir sicher, dass einer von denen dein Mörder ist. Deshalb werde ich dein Projekt aufgreifen und es für dich und mich und um unserer Liebe willen zu Ende führen.
Diniz, ich werde mich an diesen Männern rächen. Ich weiß noch nicht, wie. Aber diese Rache soll so konzipiert sein, dass sie sich nur dir und mir erschließt. Und was besonders wichtig ist: Sie muss ohne jede Gewalt auskommen, weil jede Gewalt nur neue Gewalt erzeugt. Einverstanden? Schön, dann fahre ich jetzt ans Meer. Vielleicht kommt mir dort die zündende Idee, wie ich diese Rache realisieren kann. Fühle dich, trotz meiner leichten Erzürnung, lieb umarmt und geküsst.
Diana Marques lehnte sich erleichtert zurück und las die Zeilen noch einmal durch. Zufrieden nickend sicherte sie mit einem Mausklick den Text, klappte den Laptop zu, zahlte ihren Espresso und verließ das Kaffeehaus.
Um zu ihrem Landhaus zu kommen, musste sie etwa fünfzehn Minuten lang fahren. Sie wollte nur rasch ihre Kamera abholen und anschließend Fotos schießen, in der Hoffnung, dass ihr bei der Jagd nach schönen Motiven die richtige Idee für ihre Art von Rache einfiele.
Zu Hause angekommen, blieb sie für einen kurzen Moment in ihrem riesig großen Wohnzimmer stehen. Vom parkähnlichen Garten her fiel grelles Sonnenlicht durch die sich im Wind wiegenden Palmenblätter. Das Schattenspiel verwandelte die Wände in bebende Riesenbilder. Wie ein Ruhepol hing an der Westwand eine impressionistisch anmutende Fotografie eines französischen Künstlers. Ihr Lieblingsbild.
Ihre Augen trübten sich. Wenig später spürte sie, wie eine Träne an ihrem Nasenflügel entlangkullerte. Sie musste schleunigst raus aus diesem Haus. Sie musste in die Natur, nur dort würde sie sich gleich wieder besser fühlen. Sie wusste genau, wohin sie fahren wollte, um sich inspirieren zu lassen: an die wilde Westküste, die Costa Vicentina.
Sie hängte die Kameratasche um, obwohl sie inzwischen viel lieber mit ihrem neuen Smartphone fotografierte. Außerdem brachte sie ihr Tablet, das ebenfalls über eine brauchbare Kamera verfügte, in einem gepolsterten Seitenfach unter. Derart gut ausgerüstet betrat sie die geräumige Doppelgarage durch den direkten Zugang vom Haus aus. Das breite Tor war geöffnet.
In der mit weißem Kies bedeckten Auffahrt stand ihr Halbbruder Hugo, der nun schon seit Monaten bei ihr lebte, neben einem Mann, den Diana nicht kannte. Sie ging auf die beiden zu, grüßte von Weitem und gab durch kurzes Kopfschütteln zu verstehen, dass sie es eilig hatte. Doch bevor sie sich einem Gespräch entziehen konnte, ergriff Hugo das Wort.
»Hallo Diana, darf ich dir Senhor José vorstellen? Alle nennen ihn Zé. Zé, das ist meine Schwester Diana …«
»Halbschwester«, korrigierte Diana.
»Diana ist die Hausherrin. Sie hat hier das Sagen. Natürlich bestimmt sie auch, wie der Garten zu pflegen ist. Diana, ich habe Zé gebeten, vorbeizukommen, da du sicher Ersatz für deinen alten Gärtner suchst, der neulich in Rente gegangen ist. Und Zé ist ein ausgezeichneter Gärtner.«
»Sehr freundlich, dass Sie gekommen sind, Senhor Zé, vielen Dank. Hugo, es wäre wirklich ratsam, solche Dinge vorher mit mir abzusprechen, denn ich habe jetzt leider keine Zeit. Ich fahre an die Westküste«, sagte Diana vorwurfsvoll. »Senhor Zé, trauen Sie sich denn zu, ein über zwanzigtausend Quadratmeter großes Grundstück in Schuss zu halten? Modernste Maschinen und ein perfektes automatisches Bewässerungssystem erleichtern Ihnen zwar die Arbeit, aber trotzdem kommen jede Menge Aufgaben auf Sie zu. Hier in der Algarve wächst ja alles wie in einem Treibhaus.«
Zé war ein schlanker Mann. Unübersehbar war seine zähe Kraft. Die Muskeln unter seiner braunen, vom Wetter gegerbten Haut sprachen Bände von jahrelanger Arbeit in der freien Natur. Auch seine schwieligen muskulösen Hände bewiesen, dass er zulangen konnte. Seine Erscheinung schuf bei Diana auf der Stelle Vertrauen – und die Gewissheit, dass der Mann der Aufgabe gewachsen war. Sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab.
»Meinetwegen können wir eine Probezeit von vier Wochen vereinbaren. Einverstanden? Dann können Sie gleich nächsten Montag beginnen, Senhor Zé. Zusätzlich zum Mindestgehalt zahle ich pro Monat dreihundert Euro in bar. Samstags und sonntags sowie an allen Feiertagen haben Sie selbstverständlich frei.« Diana beobachtete den Mann genau und stellte fest, dass ihm der Zusatzverdienst mehr als willkommen war.
»Das hört sich gut an«, meinte er gelassen.
»Hugo, dann zeige Senhor Zé doch bitte das Anwesen und den Maschinenpark. Ich bin erst am Abend wieder zurück. Senhor Zé, es freut mich, dass Sie in wenigen Tagen schon anfangen können. Bis dann …«
***
In der Garage glänzte neben einem alten Jeep ein weinroter Mercedes 220 d, Baujahr 1959. Diana liebte das elegante Fahrzeug. Mit dem Oldtimer durch die Gegend zu gondeln war ihr liebster Zeitvertreib. Sie stieg in den Wagen, startete den Motor und verließ das Grundstück.
Als sie bei Boliqueime auf den Algarve-Highway N 125 stieß, kurbelte sie das Seitenfenster herunter. Der Fahrtwind umstrich ihre Stirn und ließ ihre halblangen schwarzen Haare flattern, die sie mit einem zusammengerollten feuerroten Kopftuch wenigstens zum Teil zu bändigen versuchte. Ihr linker Ellenbogen ragte aus dem Fenster. Mit der rechten Hand hielt sie das elfenbeinfarbene Lenkrad umschlossen.
Sie genoss den lauen Wind, der sie umschmeichelte und ihr Dekolleté umwehte. Sie lächelte vor Freude – für einen kurzen Moment waren ihre Gedanken frei. Doch schon kurz darauf mündeten sie, wie so oft, in den stets gleichen unseligen Erinnerungen, den Eckpfeilern ihrer Vergangenheit:
Den alten Mercedes hatte sie von ihrem leiblichen Vater geerbt. Geerbt, weil ihr Ehemann Diniz den Alten per Gerichtsbeschluss gezwungen hatte, sie als Tochter und damit als Erbin seines beträchtlichen Vermögens anzuerkennen.
Sie hatte ihren Vater nur selten zu Gesicht bekommen, und wenn, dann durch Zufall, mal auf der Straße, mal in einem der Geschäfte. Quarteira war keine große Stadt, da konnte man sich kaum dauerhaft aus dem Weg gehen. Wenn ihre Mutter diese seltenen Gelegenheiten nutzte, ihn um Alimente anzugehen, verbat er sich das vehement, wurde laut und unflätig, bis die Mutter resigniert in Tränen ausbrach und sich mit ihr und dem zwei Jahre älteren Sohn Hugo an der Hand wie ein geprügelter Hund davonschlich. Ihr fehlte das Geld, eine Vaterschaftsklage einzureichen, und auch der Mut, gegen den reichen, mächtigen Mann gerichtlich vorzugehen.
Aber eines Tages war Einschneidendes geschehen: Ihre Mutter kündigte an, zusammen mit ihr, Diana, zu seiner Villa im Hinterland zu fahren. Auf dem Hinweg in einem rostfleckigen Renault Clio hielten sie vor einem billigen Chinaladen an, um Diana etwas Schöneres zum Anziehen zu kaufen. Ihre Mutter drängte ihr ein rotes Minikleidchen auf, das Diana gleich anbehalten sollte.
Eine halbe Stunde später erreichten sie das stattliche Landhaus ihres Vaters, die Quinta da Figueira. Diana fühlte sich unwohl in dem roten Fähnchen. Sie selbst hätte sich ein solches Kleid niemals ausgesucht. Außerdem verstand sie nicht, warum sie so herausgeputzt werden musste.
Sie blieb im Auto sitzen, während ihre Mutter die Klingel neben dem hohen Eingangstor drückte. Eine krächzende Stimme in der Gegensprechanlage fragte, was sie wolle.
»Post, Eilpost für Sie«, log ihre Mutter ungeniert.
Momente später rollte das Eisentor zur Seite. Sie fuhren die Auffahrt hoch und hielten vor der Haustür an. Ihre Mutter stieg erneut aus, blickte um sich und zog an dem Glockenstrang neben der geschnitzten Holztür. Als niemand...




