E-Book, Deutsch, Band 5, 450 Seiten
Reihe: Die Mordclub-Serie
Osman Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3655-8
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman | Diese vier Senioren werden niemals alt - der neue Hit von Bestsellerautor Richard Osman
E-Book, Deutsch, Band 5, 450 Seiten
Reihe: Die Mordclub-Serie
ISBN: 978-3-8437-3655-8
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Richard Osman ist Autor, Produzent und Fernsehmoderator. Seine Serie über die vier scharfsinnigen und liebenswerten Ermittlerinnen und Ermittler des Donnerstagsmordclubs hat ihn über Nacht zum Aushängeschild des britischen Krimis und Humors gemacht. Für sein Debüt Der Donnerstagsmordclub wurde er bei den British Book Awards 2020 zum »Autor des Jahres« gewählt. Er lebt mit Frau und Katze in London.
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1
Joyce
Ich weiß, ich habe ewig nicht mehr geschrieben, ich habe schon ein richtig schlechtes Gewissen deshalb.
Sie haben sich bestimmt schon gefragt, wo ich mich herumtreibe. Ob ich mich vielleicht mit einem Polizeihundeführer auf die Bahamas abgesetzt habe. Das habe ich neulich tatsächlich geträumt. Und wurde dann wach, weil Alan einem Eichhörnchen draußen vor dem Fenster nachbellte.
Nein, es war nur so ein Trubel mit der Hochzeit und allem, dass ich kaum wusste, wo mir der Kopf steht.
Da waren die Blumen, da war die Torte – dass ein Kuchen dermaßen teuer sein kann! Margarine, Eier, Zucker, mehr ist es ja nicht. Na gut, die Dekoration, aber trotzdem. Und dann natürlich das Kleid, da hatten wir es sehr lustig, es gab für alle einen Bucks Fizz. Sogar in einem Nagelstudio war ich – ich hatte Nagelstudios natürlich schon vorher gesehen, mich aber nie in eins reingetraut. Sie waren ganz reizend da. Vielleicht heiratet ja noch mal jemand, dann gehe ich wieder.
Morgen ist es so weit. Eine Donnerstags-Hochzeit? Ich weiß. Irgendwie scheinen wir auf die Donnerstage abonniert.
Es passiert ja nicht jeden Tag, dass das einzige Kind heiratet. Bei manchen Leuten hier in Coopers Chase heiraten schon die Enkelkinder, aber Joanna hat sich eben Zeit gelassen, und ich glaube, das war sehr schlau von ihr. Egal, was ich über die Jahre an Gegenteiligem gesagt haben mag. Zu denken, dass sie letztes Jahr um diese Zeit noch mit dem Fußball-Präsidenten zusammen war!
Vor Paul.
Joanna und Paul haben sich übers Internet kennengelernt. Die Leute – na ja, Ron – sagen mir immer, ich soll es mit Online-Dating probieren, aber ich hätte zu sehr Angst, an jemanden zu geraten, dem es nur um meine Bankdaten geht. Ibrahim hat mir streng verboten, anderen Spaziergängern im Park Alans Namen zu verraten, weil sie dadurch auf mein Passwort kommen könnten. Ich habe ihm gesagt, dass Alans Name in keinem meiner Passwörter vorkommt, aber er besteht trotzdem darauf. Wenn ich also nach Alans Namen gefragt werde, behaupte ich, er heißt Joyce. Und wenn dann jemand meinen Namen wissen will, sage ich, ich muss leider weiter.
Ich habe die Blumen und die Torte und das Kleid erwähnt, all diese Dinge, aber ich habe noch nicht erwähnt, dass Joanna und ich über jedes einzelne davon gestritten haben, und nicht nur darüber. Zum Beispiel soll es keine Kirchenlieder geben, nur die Backstreet Boys. Es ging so weit, dass ich irgendwann sagte: »Wenn du meine Hilfe nicht willst, sag es mir einfach«, und Joanna sagte: »Ich will deine Hilfe nicht, Mum«, und ich brach in Tränen aus, und dann weinte auch Joanna und sagte, natürlich wolle sie meine Hilfe, und ich sagte, ich weiß ja, dass ich mich zu sehr einmische, und mitten hinein in diese Szene platzte der arme Ibrahim und ging gleich rückwärts wieder aus dem Zimmer. Wie ich immer sage, Ibrahim ist sehr gewitzt, außer wenn es um Hunde und Passwörter geht.
Joanna und ich haben unterschiedliche Vorstellungen vom Heiraten, wie nicht anders zu erwarten. Wenn wir schon beim Gluten geteilter Meinung sind, werden wir es bei fast allem anderen auch sein. Es gibt meine Art, die Dinge anzugehen (erprobt im Lauf eines langen, glücklichen Lebens), und es gibt Joannas Art, sie anzugehen. »Die Londoner Art«, wie Ron sie nennt.
Den ersten Streit hatten wir keine Minute, nachdem sie und Paul mir erzählt hatten, dass sie heiraten wollen. Ich war überglücklich. Ich meine, sie kannten sich noch nicht sehr lange, und man sieht ja alle möglichen Geschichten auf Netflix, aber ich war trotzdem überglücklich. Paul ist ein herzensguter Mensch, ganz anders als Joannas sonstige Männer, die durch die Bank entweder Millionäre oder Amerikaner sein mussten. Nichts gegen Millionäre oder Amerikaner, man denke nur an George Clooney, aber die Würze liegt in der Abwechslung, und Paul ist Professor an der Universität (der von Middlesex nur, aber immerhin). Und Universitätsprofessor ist nun mal eine Lebensstellung, wie es Fußball-Präsident oder Millionär eben nicht sind.
Also, der erste Streit.
Ich hatte Joanna umarmt und Paul umarmt, und ich fragte Joanna, ob es denn eine große Hochzeit sein würde, und sie sagte, nein, ganz und gar nicht, sie wolle eine kleine, intime Hochzeit, und ich sagte, genau weiß ich die Worte nicht mehr, etwas wie: »Ach, wie jammerschade, aber gut, ist ja egal«, etwas recht Neutrales eben, und sie sagte: »Was ist schade?« Sie sagte es sehr beherrscht, weil Paul da war, aber ich merkte schon, dass sich etwas zusammenbraute, also dachte ich, oh-oh, wie komme ich da wieder raus?, und ich sagte: »Ach, hör nicht auf mich, ich dachte nur, bei einer älteren Braut gibt es doch sicher sehr viele Leute, die gerne kommen würden«, und sie sagte, immer noch ganz beherrscht, »eine ältere Braut?«, und ich dachte, oje, das war’s, Joyce, und ich sagte: »Nein, nicht älter, ich meine ja nur, bei vielen Leuten, die mit Ende vierzig heiraten, ist es die zweite Ehe, nach einer Scheidung zum Beispiel«, und auch das half nicht wirklich. Paul warf etwas ein, aber wir beachteten ihn nicht, weil wir beide wussten, dass wir an einem sensiblen Punkt unserer Auseinandersetzung angelangt waren. Joanna lächelte (aber nicht mit den Augen, das ist immer so ein Warnzeichen, nicht wahr?) und sagte, sie hätte sich nun mal eine kleine Hochzeit gewünscht, und es sei schließlich ihre Hochzeit, da könnte sie das ja wohl bestimmen. Da war natürlich was dran, aber Sie kennen mich, mein Kopf war voll mit Brautjungfern und gut aussehenden Livrierten und Blumensträußen und Tanzen. So wie bei , falls Sie das gesehen haben. Eine große Schar froher Gäste, die sich alle die Tränen aus den Augen wischen und mir Komplimente über meinen Hut machen. Ich würde natürlich in der ersten Bank sitzen und Elizabeth, Ron und Ibrahim in der Reihe hinter mir, sodass sie sich zu mir vorbeugen und mir zuflüstern konnten, wie wunderschön ich aussah. Das ging mir alles im Kopf herum, als ich sagte: »Das musst du natürlich am besten wissen. Du weißt ja immer alles am besten.« Woraufhin Joanna Paul bat, in die Küche zu gehen und uns einen Tee zu machen.
Wenn ich das so geschrieben sehe, scheint mir auch, dass ich es vielleicht anders hätte angehen können.
Joanna beugte sich dicht zu mir heran und sagte, sie würde jetzt nicht ausrasten, weil Paul sie noch nie hatte ausrasten sehen und es wahrscheinlich besser war, wenn sie erst mal anderthalb Jahre oder so verheiratet wären, bevor er sie so richtig wütend erlebte (es war leider der falsche Zeitpunkt dafür, aber eigentlich hätte ich ihr gern gesagt, dass das sehr weise von ihr war. Als ich Gerry die erste richtige Szene machte, wohnten wir schon in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung in Hayward Heath, und ich war schwanger, zurück konnte er also nicht mehr). Dann sagte sie, sie wolle nun mal eine kleine Hochzeit, ohne Heckmeck, aber mit viel Liebe, und ich sagte, wobei ich schon weiß, dass ich besser gar nichts mehr gesagt hätte, dass eine große Hochzeit kein Heckmeck ist und ob sie vielleicht gerade ein bisschen durcheinander wäre, und Paul streckte den Kopf durch die Tür und fragte, wo denn die Milch sei, und wir sagten beide: »Kühlschrank«, ohne den Blick voneinander zu wenden.
Dabei wusste ich ja eigentlich, dass sie im Recht war. Wirklich. Nur hatte ich mich auf ihre Hochzeit schon gefreut, da war sie noch gar nicht geboren, und es im Kopf alles zigtausendmal durchgespielt, und das machte mich ein bisschen bockig. Jetzt ist mir das völlig bewusst, aber in dem Moment war es das nicht. Als Gerry und ich heirateten, konnten wir uns eine große Hochzeit nicht leisten. Es war ein wunderschöner Tag, aber ganz klein und bescheiden. Nur unsere Eltern, die Nachbarn aus der Nummer 17 (die aus der 13 allerdings nicht, woran ein Vorfall mit einem Heckenschneider schuld war), Gerrys Trauzeuge aus der Arbeit, ein paar Kolleginnen von mir aus dem Krankenhaus und zwei Cousinen, die sich partout nicht abwimmeln ließen. Hinterher gab es Sandwiches im Pub (dem Nebenraum), und am nächsten Tag arbeiteten wir beide wieder.
Das alles erzählte ich jetzt Joanna. Ich wusste, dass ich in der Defensive war, und ich dachte, wenn ich Gerry erwähne, mache ich vielleicht etwas Boden gut. Und Joanna beugte sich vor und umarmte mich, und sie sagte: »Ich sehe immer dieses Bild vor mir, wie Dad mich zum Altar führt«, was für mich längst kein Bild mehr ist, sondern einfach die Wirklichkeit, so oft habe ich es mir schon ausgemalt, und ich umarmte sie auch und sah ein, dass das Leben nun mal nicht ist.
Also dachte Joanna an ihren Vater, weinend, und ich weinte auch und dachte auch an ihn, und Paul kam mit zwei Tassen Tee ins Zimmer zurück und sagte: »Zucker habe ich auch keinen gefunden, aber ich habe mich nicht zu fragen getraut«, genau wie es Gerry gesagt hätte, und mir ging auf, dass es mir völlig unwichtig war, ob die Hochzeit groß oder klein sein würde, wichtig waren nur meine wunderbare Tochter und dieser nette, liebe Mann. Wobei, egal ob groß oder klein, einen neuen Hut würde ich mir von Joanna nicht ausreden lassen.
Paul gab uns beiden unseren Tee und dazu jeweils ein Kleenex, und ich sagte Joanna, dass...




