Ostwald | Grundriß der Naturphilosophie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 114 Seiten

Reihe: Classics To Go

Ostwald Grundriß der Naturphilosophie


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-535-4
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

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Reihe: Classics To Go

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Auszug: Die vorliegende, durch das Werkchen des Herrn Geh. Hofrats Dr. Ostwald eingeleitete Sammlung hegt die Absicht, ihre Leser in das Gesamtgebiet der Naturwissenschaften einzuführen. Jeder Band ist dazu bestimmt, ein abgeschlossenes Gebiet in gemeinverständlicher Darstellung zu behandeln. Irgendwelche besondere Vorkenntnisse werden dabei nicht vorausgesetzt, sondern jeder einzelne Gegenstand soll in der Weise zur Erledigung gelangen, daß jeder Leser dem Faden der Entwicklung ohne Schwierigkeit zu folgen vermag.

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Erster Teil
Allgemeine Erkenntnistheorie
1. Die Bildung der Begriffe. Dem menschlichen Geiste, wie er langsam in jedem Kinde erwacht, erscheint zunächst die Welt als ein Chaos, das aus lauter einzelnen Erlebnissen besteht. Der einzige Zusammenhang zwischen ihnen beschränkt sich darauf, daß sie aufeinander folgen. Aus diesen Erlebnissen, die zunächst alle voneinander verschieden sind, heben sich dann gewisse Anteile dadurch hervor, daß sie sich häufiger wiederholen und dadurch einen besonderen Charakter, den des Bekanntseins, erhalten. Dieser rührt daher, daß wir uns des früheren ähnlichen Erlebnisses erinnern, d. h. daß wir eine Ähnlichkeit zwischen dem gegenwärtigen Erlebnis und gewissen früheren fühlen. Die Ursache dieser für alles geistige Leben grundlegenden Erscheinung liegt in einer überaus allgemeinen Eigenschaft der Lebewesen, die in allen ihren Funktionen zutage tritt, während sie in der anorganischen Natur nur ausnahmsweise oder zufällig vorkommt. Dies ist die Tatsache, daß gleiche Vorgänge sich an einem Lebewesen um so leichter wiederholen, je häufiger sie vor sich gegangen sind. Es ist hier noch nicht der Ort, nachzuweisen, wie durch diese besondere Eigentümlichkeit so gut wie alle Kennzeichen der Lebewesen, von der Erhaltung der Art bis zu den höchsten geistigen Leistungen, bedingt werden. Hier genügt es, darauf hinzuweisen, daß vermöge dieser Eigenschaft selbsttätig, d.h. aus physiologischen Gründen, die häufig sich wiederholenden Vorgänge aller Art an einem bestimmten Lebewesen eine Beschaffenheit annehmen, die sie wesentlich von denen unterscheidet, die nur einzeln auftreten. Ist das Lebewesen mit Bewußtsein und Denken ausgestattet, wie der Mensch, so bilden die bewußten Erinnerungen an solche gleichförmige Erlebnisse den dauernden oder beständigen Anteil an seinen Gesamterlebnissen. Jedesmal, wenn ein solches sich erfahrungsmäßig wiederholendes Ereignis, wie etwa der Wechsel der Jahreszeiten, in irgendeinem seiner Teile zum Bewußtsein gelangt, ist ein solches Wesen darauf vorbereitet, auch die anderen Teile zu erleben, welche erfahrungsmäßig mit jenem verbunden sind. Welche Bedeutung die dadurch ermöglichte Voraussicht künftiger Ereignisse für die Erhaltung und Entwicklung des Einzelwesens sowie der Art hat, kann hier nur angedeutet werden. Beispielsweise ist die Voraussicht des kommenden Winters mit seinem Mangel an unmittelbar zu erlangenden Nahrungsmitteln die Ursache des Entschlusses, die eben vorhandenen nicht sofort zu verzehren, sondern sie für die Tage des Mangels aufzubewahren, und somit die Grundlage aller wirtschaftlichen Lebensgestaltung. 2. Wissenschaft. In ihrer allgemeinsten Beschaffenheit heißt die auf Kenntnis der Einzelheiten wiederholbarer Ereignisse beruhende Voraussicht künftiger Vorgänge Wissenschaft. Hier wie meist bewirkt der Umstand, daß die Sprache sich festgelegt hat, längst bevor Klarheit über die Dinge bestand, die in ihr bezeichnet worden waren, daß mit dem Namen irgendeiner Sache leicht falsche Nebenvorstellungen, entweder aus überwundenen Irrtümern oder aus anderen, noch mehr zufälligen Ursachen, verbunden werden. So pflegt man auch die bloße Kenntnis vergangener Ereignisse Wissenschaft zu nennen, ohne daß man an ihre Benutzung zur Voraussagung künftiger denkt. Die unzweckmäßige Vorstellung, die mit diesem Worte von früherher verbunden geblieben ist, macht sich sogar noch dahin geltend, daß ein solches »Wissen« um bloß vergangene Dinge sich an Bedeutung mit der Wissenschaft als Voraussagung zu messen, ja sie sogar zu übertreffen beansprucht. Doch lehrt ein Augenblick des Nachdenkens, daß ein bloßes Wissen um Vergangenes, das nicht als Grundlage für irgendeine Gestaltung der Zukunft dienen soll oder kann, ein völlig zweckloses Wissen ist, und seine Stelle neben anderen zwecklosen Betätigungen, die man allgemein Spiel nennt, angewiesen bekommen muß. Es gibt ja allerlei Spiele, die großen Scharfsinn und geduldige Hingabe beanspruchen, wie z.B. das Schachspiel, und niemand hat das Recht, einem einzelnen die Ausübung eines solchen Spieles zu verwehren. Der Spielende aber darf seinerseits keinerlei besondere Achtung für seine Tätigkeit beanspruchen. Indem er seine Energien für sein persönliches Vergnügen und nicht für irgendeinen sozialen, d. h. allgemein menschlichen Zweck verbraucht, verliert er jeden Anspruch auf soziale Förderung dieser Tätigkeit und muß sich damit begnügen, daß nur die Schranke seines persönlichen Rechtskreises beobachtet wird. Und auch dies nur so lange, als soziale Interessen hierbei nicht zu kurz kommen. 3. Zweck der Wissenschaft. Diese Darlegungen stehen im bewußten Widerspruch mit einer sehr verbreiteten Auffassung, daß man die Wissenschaft »um ihrer selbst« und nicht um des Nutzens willen betreiben soll, den sie tatsächlich oder möglicherweise bringen kann. Hierauf ist zu antworten, daß man überhaupt nichts »um seiner selbst« willen betreibt, sondern ausschließlich um menschlicher Zwecke willen. Diese stufen sich von augenblicklicher persönlicher Befriedigung bis zu den umfassendsten sozialen Leistungen unter Hintansetzung der eigenen Person ab. Aber über den Kreis des Menschlichen kommen wir mit unseren Handlungen nicht hinaus. Wenn also jene Wendung irgend etwas bedeuten kann, so bedeutet sie höchstens, daß man die Wissenschaft um des unmittelbaren Vergnügens willen treiben soll, die sie uns bereitet, d. h. daß sie als Spiel, wie es eben gekennzeichnet worden ist, betrieben werden soll. Es liegt also in jener Forderung ein mißverstandener Idealismus, der bei genauerem Zusehen in sein Gegenteil, nämlich eine Entwürdigung der Wissenschaft, umschlägt. Das Nichtige, was in jener mißverständlichen Bemerkung liegt, ist das, daß es sich bei höher gesteigerter Kultur als besser erweist, bei dem Betriebe der Wissenschaft von der Rücksicht auf die unmittelbare technische Anwendung abzusehen, und sie daher nur mit Rücksicht auf möglichste Vollständigkeit und Vertiefung bei der Lösung ihrer einzelnen Probleme zu betreiben. Ob und wann dies zutrifft, ist ganz und gar eine Frage des allgemeinen Kulturzustandes. In den ersten Anfängen menschlicher Gesittung hat eine solche Forderung gar keinen Sinn; da ist vielmehr alle Wissenschaft notwendig und natürlich auf das unmittelbare Leben beschränkt. Je weiter und mannigfaltiger aber die menschlichen Verhältnisse sich gestalten, um so weiter und sicherer muß die Voraussicht künftiger Ereignisse werden. Und dann ist es ein Teil dieser Voraussicht, daß auch auf Fragen Antwort bereit gehalten wird, die im Rahmen der bisherigen Lebensverhältnisse noch nicht dringend geworden sind, die aber bei weiterer Entwicklung früher oder später dringend werden können. Bei der in der Einleitung geschilderten netzartigen Verknüpfung der Wissenschaften, d. h. der verschiedenartigen Kenntnisgebiete, muß man sich beständig darauf gefaßt machen, daß die Voraussicht, welche Art von Kenntnissen man demnächst brauchen wird, sehr unvollkommen bleiben muß. Insbesondere wird man die künftigen Bedürfnisse zwar in allgemeinen Zügen mehr oder weniger bestimmt voraussehen können, nicht aber sich auf Einzelfälle vorbereiten können, die an den Grenzen solcher Voraussicht liegen, und die zuweilen von äußerster Wichtigkeit und Dringlichkeit werden können. Darum gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft, eine möglichst vollständige Bearbeitung aller nur denkbaren Beziehungen durchzuführen, und in dieser praktischen Notwendigkeit liegt die Begründung der allgemeinen oder theoretischen Bearbeitung der Wissenschaft. Die Begriffslehre. Hier erhebt sich alsbald die Frage, wie man eine solche Vollständigkeit sichern könne, und mit der Beantwortung dieser allgemeinen Vorfrage aller Wissenschaften beschäftigt sich die erste oder allgemeinste aller Wissenschaften, deren Kenntnis für den Betrieb aller übrigen Wissenschaften vorausgesetzt wird. Seit sie von dem griechischen Philosophen Aristoteles begründet worden ist, führt sie den Namen Logik, welcher Name sprachlich einen bedenklichen Hinweis auf das Wort enthält, das sich bekanntlich dort einstellt, wo die Begriffe fehlen. Es handelt sich aber hier gerade um die Begriffslehre, zu der die Sprache nur das Verhältnis eines Mittels (und zwar oft eines unzulänglichen Mittels) zum Zweck hat. Wir haben bereits gesehen, wie durch die physiologische Tatsache der Erinnerung sich solche Erfahrungen in unserem Bewußtsein zusammenfinden, die ähnlich, d. h. teilweise übereinstimmend sind. Diese übereinstimmenden Teile sind nun diejenigen, bezüglich deren wir Voraussagungen machen können, eben weil sie in einem jeden einzelnen Falle übereinstimmend sind, und nur sie bilden daher den Teil unserer Erfahrungen, welcher Folgen und daher Bedeutung hat. 4. Konkret und abstrakt. Solche übereinstimmende oder wiederholbare Anteile ähnlicher Erfahrungen nennen wir, wie erwähnt, Begriffe, Hier muß alsbald wieder auf eine sprachliche Unvollkommenheit hingewiesen werden, die darin besteht, daß wir in einer solchen Gruppe übereinstimmender Erfahrungen sowohl die einzelne Erfahrung oder den Gegenstand eines besonderen Erlebnisses, wie auch die Gesamtheit aller übereinstimmenden Erfahrungen oder die Zusammenfassung der ähnlichen Erlebnisse mit demselben Namen bezeichnen. So heißt uns Pferd einerseits ein ganz bestimmtes Objekt, das etwa in diesem Augenblicke einen Gegenstand unserer Erlebnisse bildet, wie auch die Gesamtheit aller möglichen ähnlichen Objekte, die früher...



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