Owuor Der Ort, an dem die Reise endet
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8321-8910-5
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8910-5
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Yvonne Adhiambo Owuor wurde 1968 in Kenia geboren. Ihre Kurzgeschichten erschienen in internationalen Literaturmagazinen. 2003 wurde sie mit dem Caine Prize for African Writing ausgezeichnet. Ihr Debütroman >Der Ort, an dem die Reise endet< (DuMont 2016) stand auf der Shortlist für den Folio Prize, außerdem erhielt sie dafür den Jomo Kenyatta Prize for Literature. >Das Meer der Libellen< ist ihr zweiter Roman. Yvonne Adhiambo Owuor lebt in Nairobi.
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PROLOG
Er springt über zwei flammend rote Blüten auf dem nackten, rissigen Gehsteig. Aufgeschreckt entfalten sie sich zu festlich orange-schwarzen Schmetterlingen, die sich in den violetten Schatten eines smogverkrusteten Jacarandabaums flüchten. Ein Summen wird zu einem Trommeln wird zu donnernden Schritten, und plötzlich ist er gefangen in einem Dickicht aus schreienden Menschen und einem Hagel aus grauen, schwarzen und braunen Steinen und flieht weiter in Richtung der noch fernen Nacht. Es heißt, manche Soldaten zielen im Kampf über die Köpfe ihrer Feinde hinweg, um sie nicht töten zu müssen. Einige schießen gar nicht. Moses Ebewesit Odidi Ogandas Finger zittert am Abzug einer alten, glänzenden Kalaschnikow. Dann wirft er sie mit einem Stöhnen von sich, und sie schlittert mit einem metallischen Klappern über die Straße.
Hinter Odidi, ein Schrei: »Odi, Mann! Geh in Deckung!«
Ein Echo aus anderen Stimmen:
Hao! Da sind sie.
Waue! Tötet sie.
Wezi! Diebe.
Odidi rennt.
Drei Wochen zuvor lag das Gewehr noch in den Händen eines ehemaligen unbedeutenden Warlords aus Somalia und jetzigen Händlers für türkische Damen-Designermode der Vorsaison mit Sitz in Eastleigh. Die Waffe war der Lohn für die Kamel-Wasserlieder, die Odidi in seinem Geschäft gesungen hat, als er für Justina, sein Mädchen, irgendeinen spitzenbesetzten Schnickschnack abholte. Odidis Gesang entlockte dem Flüchtling ein wehmütig-zirpendes Schnalzen, ein Lamento um ein verlorenes, idyllisches Gestern.
Der wortkarge Mann sprach Odidi an. »Du singst, als würdest du das Wasser kennen«, sagte er.
»Ich kenne es«, antwortete Odidi.
»Das sind unsere alten Lieder … Wie haben sie dich gefunden?«
»Durch einen Besucher.«
»Hat er einen Namen?«
Odidi zögerte. Der Name kam mit einer Flut verschütteter Geschichte. »Ali Dida Hada«, sagte er knapp.
»Degodia-Clan«, schloss der Warlord.
»Nein, nein.« Stirnrunzelnd starrte Odidi gelbe, pinke, schwarze und rote Unterwäsche an und rang mit sich. Dann sagte er: »Nein! Ein Fremder mit zu vielen Heimatländern.« Und Gesichtern.
Der Händler beugte sich vor. »Kennst du das Lied von Kormamaddo, dem Himmelskamel?«
Odidi zwinkerte und pfiff die Einleitung. Der Mann stürzte sich auf die Verse der Nostalgie und grölte mit. Dann wagten sie sich auch an andere Wasserlieder heran und verstümmelten sie.
»Wüstengeist der Vergangenheit / Durchstreife die Dünen / Und siebe die süße Wahrheit heraus.«
Eine Stunde später, als Odidi den halben Preis für Justinas Flitterkram bezahlt hatte, murmelte der Ex-Warlord: »Warte.« Er bückte sich, hievte einen in Segeltuch und Zeitungen eingewickelten Gegenstand auf die Theke und legte Odidis Hand darauf. »Für dich, von ganzem Herzen. Pack es erst aus, wenn du allein bist. Gott behüte deine Lieder und deine Frau.« Er tupfte sich Tränen vom Gesicht, die zum Teil Tränen der Erleichterung waren, weil er nun auch ein Problem losgeworden war.
Jetzt.
»Waue!«, heult der nairobische Mob, ihm dicht auf den Fersen.
Odidi rennt.
Spürt den Boden nicht. Fliegt.
Zisch, schwirr, knatter.
Kugeln.
Ein Stöhnen, ein dumpfer Aufprall. Ein Mann fällt.
Ratatatata … Schreie.
Odidi rennt.
Tränen fließen. Panik-Zorn-Liebe.
Die Gefallenen sind seine Männer.
Schuld. Wut. Trauer.
»Argh!« Der Laut eines strauchelnden Kapitäns, der seine Mannschaft verliert. Doch Odidi greift nicht zu der Pistole, die an seinen Oberkörper geschnallt ist. Odidi rennt. Kraft in den Armen, Beine wie Kolben, sprintet er die Haile Selassie Avenue entlang, springt über liegende und kauernde Anwohner, die ihm leidtun, denn der Kugelhagel, der ihm gilt, regnet auf sie nieder. Er rennt durch den Verwesungsgestank, den Duft der auf Regen hoffenden Erde, die Gewohnheiten und Träume der Menschen Nairobis: Rauch, Zerfall, Handel, Sorgen, Echos von Lachen und zu starker Ketepa-Tee. Odidi rennt.
Eine Beschwörung: Justina! Justina!
Zuflucht der Hoffnung.
»Hawa!«, kreischt der Mob.
Justina! Hoffnung wird zur Sorge wird zur Sehnsucht: Ich muss nach Hause!
»Waue!« Die Antwort.
Die Täuschungen der Erinnerung. Odidi schwebt über der ausgedörrten Landschaft von Wuoth Ogik, jenem Zuhause, das er verlassen hat: seine Familie, die nach ihm greift, blökende Schafe, Ziegen und weit entfernte Berge. Kormamaddo, das mürrische Familienkamel, das von der Weide nach Hause trottet. Der heimatliche Himmel, eine endlose Kuppel. Steigende Flut in seinem Blut. Ich will nach Hause! Er hebt die Füße höher, versucht zu fliegen. Odidi rennt.
Irgendwelche Menschen in dieser obszönen Stadt der flüchtigen Taten wollen seinen Tod. Ua! Etwas in Odidi flattert und fällt wie ein aufgeschreckter, verwundeter Singvogel. Was habe ich ihnen je getan? Er will einfach nur nach Hause.
Justina!
Eine Oase.
Er wird dieses Spinnennetz aus schwarzen Straßen überwinden, nur um sie zu berühren.
Odidi rennt.
Er biegt in die Jogoo Road ein und schaut nach oben, eine Gewohnheit, die in seiner Kindheit geboren wurde, als Galgalu, der Familienhirte, ihm erklärte, Gott sei Akuj – Ewigkeit, die sich als Himmel enthüllt.
Jetzt kreisen Gaukler hoch oben im orangefarbenen Licht der Dämmerung. Prophetische Vögel, wie Marabus. Wasser in seinen Augen. Er blinzelt den vorabendlichen Nieselregen weg. Hinter ihm erzittert die Erde. Das klägliche Brüllen einer Ziege, die sich gegen die Ungerechtigkeit des Schlachtermessers wehrt. Der Tod stinkt nach kalter Leere. Omosh: der letzte seiner Männer. Odidi schluckt Erbrochenes hinunter. Schmeckt Salz. Tränen in seinem Mund, seine Hände sind klebrig und feucht, als hätte er sie in Blut getaucht. War dies das Ziel all ihrer Kriege?
Schatten und Reue.
Er stolpert.
Muss in Bewegung bleiben.
Doch diese Stadt, seine Stadt, hat sich unvermittelt gegen ihn gewandt und ihre Form verändert. Straßen schlittern gegen harte Mauern; Schatten huschen davon, um den hungrigen, menschenfressenden Stadttrollen seinen nächsten Schritt zu enthüllen. Odidi rennt.
Ein Flüstern aus der fernen Vergangenheit, wie ein Pinselstrich auf seinem nackten Rücken. Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen … Odidi greift sich an die Kehle, erstickt in auflodernder Klarheit. Was habe ich getan? Odidi rennt.
Er erhascht kurze Blicke auf das Spiegelbild seines flüchtigen Schattens in dunklen Fensterscheiben. Was hat er getan? Odidi rennt. Lauter: Du kannst nicht die Lieder von Menschen leben, die deinen Namen nicht kennen. Er versteht jetzt, dass er seine Familie beschützen muss. Odidi rennt. Er muss einen Fremden kontaktieren, ihn daran hindern, einen Flug von Heathrow nach Nairobi zu nehmen. Er muss das Labyrinth der Hintergassen erreichen – seinen Fluchtweg. Donnernde Schritte hinter ihm, eine kühle Abendbrise auf seinem Arm und Gesicht. Ein Stöhnen in seiner Kehle – lasst mich nach Hause gehen. Odidi rennt. Seine feuchten, zu Fäusten geballten Hände treiben ihn an, und der Zwielichtregen benetzt seine Haut, als er ein Geräusch aus seiner Jackentasche hört. Cesária Évoras »Um Pincelada.« Der Klingelton seiner Schwester.
Ein grimmiges Lächeln. Nur Arabel Ajany Oganda würde zu einem solchen Zeitpunkt anrufen. Wenn er abnähme, wären ihre ersten Worte: »Odi … was ist los?« Und er müsste sagen: »Nichts, ich kümmere mich schon darum«, so wie sie es erwartete, so wie er es immer getan hatte. So wie jetzt. Odidi rennt. »Um Pincelada« geht weiter. Wenn er könnte, würde er sagen: Hallo, Dummerchen. Nach mehr als zehn Jahren Funkstille könnte er ihr verkünden: Ich fahre nach Hause. Sie würde lachen und er mit ihr. Die Musik bricht ab. Hallo, Dummerchen.
Odidi und Ajany waren Nachkommen der nordkenianischen Dürregebiete. Ihre Kindheit war begrenzt von der Landschaft und der Natur ausgetrockneter Erde. Frei von der Geschichte und dem Einfluss der Regierung in Nairobi staunten sie über Anam Ka’alakol, den Wüstensee, der drei Flüsse verschlingt – Omo, Turkwel und Kerio. Sie kannten auch die Erinnerungen eines anderen Flusses – des Uaso Nyiro –, die vier launischen Winde, die geheimen Ängste der Eltern, die pulsierenden Schatten der Vergangenheit, und sie trafen allerlei flüchtige Seelen und malten ihr Dasein auf die riesige Leinwand der leuchtenden, steinigen, heißen Erde, auf der alles geschehen konnte und auch geschah. Sie kartografierten ihr Land mithilfe von Wind, Feuer, Himmel, Wasser, Leere und Licht, sie stückelten Geschichten aus Steinen zusammen, zählten in Felsgestein eingeprägte Fußspuren, spähten in Spalten, um das Haus des roten Regens auszuspionieren. Es gab keine Ältesten in ihrem Leben, die von hartnäckigen Erinnerungen heimgesucht wurden: Niemand erklärte den Kindern, wie es früher gewesen war, was es bedeutete, wie man es zu sehen hatte oder was es war. Und so erfanden sie neue Schöpfungsmythen. »Der erste Oganda wurde von Flammen ins Dasein gerufen«, hatte Odidi Ajany einmal erklärt. Seine Schwester glaubte ihm. Sie glaubte ihm jedes seiner Worte. Der Schimmer eines...




