Padura | Wie Staub im Wind | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

Padura Wie Staub im Wind

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-293-31110-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 528 Seiten

ISBN: 978-3-293-31110-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Während in Berlin die Mauer fällt, kommt in Havanna das Leben zum Stillstand. Das Einzige, was alle im Übermaß besitzen, ist Zeit. Verbunden durch den Durst nach Leben findet sich eine verschworene Gemeinschaft zusammen, der »Clan«. In ihrer Mitte die kämpferische Elisa, Clara, ruhig und liebevoll, und Irving, mit seiner Fähigkeit zu uneingeschränkter Hingabe. Ein altes Haus, durchzogen von vielfarbigem Licht und dem Duft nach Kaffee und Rum, wird zum Zufluchtsort. Hier kommen sie alle zusammen, feiern, streiten, trinken, lesen, begehren. Doch der Clan zerbricht, zerstreut sich in alle Himmelsrichtungen. Erst Jahrzehnte später und Hunderte Kilometer entfernt, mit dem Fund eines vergilbten Fotos, beginnen sich die unter der Zeit begrabenen Geheimnisse der einst so engen Freunde zu lüften.

Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen, 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur, 2023 den Pepe Carvalho Preis. Leonardo Padura lebt in Havanna.
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Adela, Marcos und die Zärtlichkeit


Nichts ist wirklich,
außer dem Zufall.

PAUL AUSTER,
Mond über Manhattan

Adela Fitzberg hörte die Fanfare, die zu erkennen gab, dass jemand aus der Familie anrief, und erblickte das Wort Mutter auf dem Display ihres iPhone. Ohne lange zu überlegen – sie wusste aus Erfahrung, dass es besser war, darauf zu verzichten –, wischte sie über den grünen Knopf. »Loreta?«, fragte sie, als könnte jemand anders als ihre Mutter am Apparat sein.

Drei Stunden zuvor hatte sie zum Frühstück ihren angeblich »original griechischen« Joghurt mit Haferflocken und Obst in sich hineingelöffelt – lustlos wie jeden Morgen, aber vielleicht stimmte ja wirklich, dass er wenig Kalorien hatte –, dazu den belebenden Duft des Kaffees eingesogen, dessen Zubereitung normalerweise Marcos übernahm, und war dann der Versuchung erlegen, mit ihrem Handy herumzuspielen. Als sie das Verzeichnis der eingegangenen Anrufe durchsah, stellte sie fest, dass Mutter es in den vergangenen sechzehn Monaten kein einziges Mal bei ihr versucht hatte. Während dieser gesamten Zeit hatte stets sie die Mutter angerufen, hatte nach innerem Ringen schließlich Loretas Nummer gewählt, im Schnitt zwei Mal pro Monat.

Und nun kam ihr Anruf! War etwas geschehen? War das Telepathie? Wohl eher ein Zufall. Sie würde schon sehen, was dahintersteckte. Falls sie es überlebte.

»Na, Cosi, wie gehts?«

Der dunklen Stimme war regelmäßiger Alkohol im Verbund mit viel Nikotin anzuhören – da konnte ihre Mutter noch so oft schwören, dass sie von Zigaretten die Finger ließ. Und auch dass sie in Adelas Gegenwart niemals etwas Stärkeres als eine Bloody Mary oder einige Gläschen Rotwein getrunken hatte, bewies nicht das Gegenteil. Dass sie sie »Cosi« nannte, verhieß ebenfalls nichts Gutes. So hatte sie sie als kleines Kind angesprochen. »Adela« sagte sie nur, wenn sie verärgert, und »Adela Fitzberg«, also den kompletten Namen, wenn sie hochgradig empört war. Klarer Fall: Dass Loreta nach so vielen Monaten von sich aus anrief, diente nur dem Zweck, ihr den Tag zu versauen.

»Alles gut hier … Soeben bei der Arbeit angekommen …«

Ihrerseits zu fragen, wie es ging, oder gar, ob etwas passiert sei, wagte Adela nicht. Und zu sagen, dass ihr der Anruf gerade nicht so gut passte, erst recht nicht. Sie war im Verkehrschaos stecken geblieben und schon wieder zu spät gekommen. Aber das würde Loreta nur einmal mehr zum Anlass nehmen, um über den verfluchten Autowahn unserer Zeit und den Schaden für unser aller Lungen, insbesondere die ihrer Tochter, herzuziehen.

»Schön für dich. Mir gehts miserabel …«

»Bist du krank? Was ist passiert? Wie spät ist es denn bei euch?«

»Jetzt? Sechs Uhr achtzehn. Aber es ist noch dunkel. Stockdunkel und ziemlich kalt … Nein, ich bin nicht krank. Jedenfalls nicht körperlich … Ich rufe bloß an, weil ich deine Mutter bin und dich lieb habe, Cosi. Und weil ich mit dir reden muss. Glaubst du, das ginge?«

»Natürlich. Was hast du denn, Loreta?«

Adela schloss die Augen und hörte, wie ihre Mutter den altbekannten dramatischen Stoßseufzer von sich gab. Dass sie sie »Loreta« und nicht »Mama« genannt hatte, war wahrscheinlich eine unbewusste Rache für das hartnäckige Beharren auf dem Kindernamen »Cosi«. »Mama« sagte Adela tatsächlich nur, wenn sie von der Lust befallen wurde, ihre Mutter umzubringen.

»Wie läufts mit deinem Freund?«

Diesmal war es Adela, die seufzte. »Hast du nicht schon längst klargestellt, dass du darüber nichts wissen willst? Nein, deswegen rufst du nicht an, gibs zu.«

Noch ein langer Seufzer. Ob der ernst zu nehmen war? Bei ihrem letzten Telefonat hatte die Mutter ihr ins Ohr geschrien, sie könne ihretwegen gerne noch tiefer in der Scheiße versacken, und geschworen, sie werde nie mehr über das Liebesleben ihrer Tochter ein Wort verlieren und wolle auch nie wieder etwas darüber hören. Und Adela wusste, dass ihre Mutter zu den Leuten gehörte, die ein Versprechen halten. 

»Ringos Zeit ist abgelaufen«, verkündete die übernächtigte Stimme schließlich.

»Was sagst du da, Mama?«

Schlagartig schob sich das Bild eines Pferdes mit glänzend braunem Fell vor das ihrer Mutter. Von dem weißen Stern auf der Stirn hatte das Tier seinen Namen: Ringo Starr. Als Loreta ihre Arbeit auf dem großen Gestüt »The Sea Breeze Farm« in der Nähe von Tacoma im Nordwesten der USA angetreten hatte, hatte sie sich sofort und unwiderruflich in diesen wunderschönen Cleveland-Bay-Zuchthengst mit den blassen und stets ein wenig verweint wirkenden Augen verliebt, die an einen gleichermaßen melancholischen wie scharfsinnigen Menschen denken ließen. Auch Ringo erkannte diese Seelenverwandtschaft und erwiderte sie.

Zehn, zwölf Jahre war das jetzt her – und Loreta bestand seither darauf, sich persönlich um den Hengst zu kümmern, was sie auch so gründlich und gewissenhaft tat, wie sie es bisher mit nichts und niemandem sonst getan hatte. Auch Adela war schon auf Ringos breitem Rücken durch die Wälder rings um das abgelegene Gestüt geritten, auf dem ihre Mutter sich vor der Welt zurückgezogen hatte, und hatte seinen energischen Schritt und die ungewöhnliche Gelassenheit genossen. Immerhin waren seine Artgenossen als Kutschpferde des englischen Königshauses im Einsatz.

»Zwing mich nicht, es zu wiederholen, Cosi.«

»Aber was ist mit ihm? Als wir das letzte Mal telefoniert haben … Na ja, das ist natürlich schon eine Weile her«, sagte Adela. Jetzt tat es ihr leid, dass sie angenommen hatte, ihre Mutter rufe wieder einmal aus einer bloßen Laune heraus an.

»Er hat Koliken. Rick und ich, wir versuchen schon seit Tagen alles Mögliche. Auch der beste Tierarzt aus der Gegend war hier und hat ihn sich angesehen. Vor zwei Tagen gab es dann eine endgültige Diagnose. Sein Bauch ist punktiert worden. Für eine Operation ist er zu alt, andererseits ist er immer noch sehr stark, und wir wollen nicht, dass er … Mir war es sowieso klar, aber der Tierarzt hat noch einmal bestätigt, dass es bloß eine Lösung gibt.«

»O Gott. Hat er schlimme Schmerzen?«

»Schon seit Tagen. Ich habe ihn stark sediert.«

Adela schluckte. »Kann man gar nichts mehr machen?«

»Nein. Wunder gibt es nicht.«

»Wie alt ist er jetzt?«

»So alt wie du, sechsundzwanzig. Er sieht nicht so aus, aber er ist tatsächlich ein Greis …«

Adela zögerte, bevor sie fortfuhr. »Dann hilf ihm, Loreta.«

Als Antwort war ein erneutes Seufzen zu hören. »Ja, das werde ich tun. Aber ich weiß nicht, ob ich es selbst machen oder Rick überlassen soll. Oder dem Tierarzt.«

»Mach du das. Aber liebevoll.«

»Das wird hart …«

»Natürlich. Du bist schließlich wie eine Mutter für ihn«, sagte Adela.

»Das ist ja gerade das Schlimme. Du hast keine Vorstellung davon, was es heißt, Mutter zu sein. Was man als Mutter alles durchmachen muss.«

»Du hast viel mit mir durchgemacht, stimmts?«, erwiderte Adela unwillkürlich. Und hatte das Gefühl, schon wieder in die Falle gegangen zu sein, wie immer. Umso überraschter war sie, als Loreta nun nicht zu dem üblichen Schwall von Vorwürfen ansetzte.

»Mehr wollte ich eigentlich gar nicht. Ich wollte bloß wissen, dass es dir gut geht. Und ich wollte dir sagen, dass ich dich sehr, sehr lieb habe, und … Cosi, ich kann jetzt nicht weitersprechen. Ich glaube, ich …« 

»Tut mir leid«, sagte Adela, der erst jetzt bewusst wurde, wie unangebracht ihre Äußerung gewesen war und wie sehr ihre Mutter jetzt litt. Dass sie zum Schluss einfach aufgelegt hatte, zeigte, dass sie am Boden zerstört und nicht in der Lage war, sich auf die üblichen Wortgefechte einzulassen.

Eine Weile saß Adela reglos mit ihrem iPhone in der Hand da und stellte sich vor, wie Loreta mit einer Furcht einflößenden Metallspritze auf Ringo zutrat, um ihn mit einem Stich in den braunen Hals in ewigen Schlaf zu versetzen. Die Augen des Tieres blickten sie aus der Erinnerung sanft und gleichzeitig misstrauisch an. Adela ließ das Telefon in die oberste Schreibtischschublade fallen und schloss sie mit einem leisen Knall. Sie stand auf und ging zum Ausgang der Universitätsbibliothek, wo sie in der Sonderabteilung eine Stelle als Spezialistin für kubanische Literatur ergattert hatte. Als sie am Tisch ihrer Kollegin Yohandra vorbeikam, erklärte sie, sie müsse ein bisschen an die frische Luft, außerdem brauche sie einen Kaffee.

»Ist irgendwas?«, fragte Yohandra.

»Ja, das heißt, nein, nichts«, murmelte Adela, die keine Lust hatte, Erklärungen abzugeben. Stattdessen fragte sie: »Schenkst du mir eine Zigarette?«

Yohandra sah sie erstaunt an und zog eine Zigarette aus ihrer Packung. »Ist es so schlimm?«, fragte sie und reichte ihr die Zigarette und ein Feuerzeug.

Adela bedankte sich leise, versuchte zu lächeln und nickte anschließend bloß zustimmend, als die Kollegin auf den Bildschirm ihres Computers deutete und sagte, Präsident Obama habe offenbar wirklich vor, nach Kuba zu fahren, der sei ja echt ein...


Kultzen, Peter
Peter Kultzen, geboren 1962 in Hamburg, studierte Romanistik und Germanistik in München, Salamanca, Madrid und Berlin. Er lebt als freier Lektor und Übersetzer spanisch- und portugiesischsprachiger Literatur in Berlin.

Padura, Leonardo
Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen, 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur, 2023 den Pepe Carvalho Preis. Leonardo Padura lebt in Havanna.



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