Palmer | Dem Blitz zu nah - Terra Ignota 1 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 672 Seiten

Reihe: Terra Ignota

Palmer Dem Blitz zu nah - Terra Ignota 1


Neuauflage 2022
ISBN: 978-3-7367-9853-3
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 672 Seiten

Reihe: Terra Ignota

ISBN: 978-3-7367-9853-3
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wir schreiben das Jahr 2454. Die Menschheit befindet sich in einem hart erkämpften goldenen Zeitalter, in dem Religionen und auch Nationalstaaten keinen Platz mehr haben. Sieben Fraktionen - die sogenannten 'Hives' - regieren nun gemeinsam die Welt, deren Herrschaft durch eine wohlwollende Zensur, statistische Analysen und technologischen Reichtum gestützt wird. Aber das Fundament dieser neuen Welt ist brüchig ...Verurteilt für seine Verbrechen und gefeiert für seine Talente gilt Mycroft Canner als das bevorzugte Instrument einiger der mächtigsten Menschen der Welt. Als er damit beauftragt wird, einen bizarren Diebstahl zu untersuchen, findet er sich auf der Spur einer Verschwörung wieder, die die Weltordnung der Hives in ihren Grundfesten erschüttern könnte.Doch Mycroft selbst birgt ein Geheimnis, das genug Zündstoff enthält, um die Mächtigen ins Chaos zu stürzen. Denn wie wird eine Welt, die Gott aus ihrem Leben verbannt hat, mit einem 13-jährigen Jungen umgehen, der Wunder vollbringen kann? Band 1 der vierteiligen Reihe Terra Ignota.

Ada Palmer ist Fantasy-Autorin, Historikerin und Komponistin. Mit dem hier vorliegenden Debüt-Roman Dem Blitz zu nah gewann sie bereits 2017 den Compton Crook Award. Darüber hinaus wurde sie mit dem John W. Campbell Award ausgezeichnet. Sie hält Vorlesungen über die früh-moderne Geschichte Europas mit dem Schwerpunkt italienische Renaissance, hat aber auch eine bedeutende Schwäche für die Geschichte der Wikinger.
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2

Ein Junge und sein Gott

Wir beginnen mit dem Morgen des 23. März im Jahr 2454. Als Carlyle Foster an diesem Morgen aufstand, war er von Kraft erfüllt, denn der 23. März war der Turibiustag, an dem Menschen in früheren Zeiten und auch heute noch ihren Schöpfer preisen. Er war noch keine dreißig, von ausreichend europäischer Abstammung, um fast blond zu sein, während ihm das Haar bis auf die Schultern fiel, und hagerer Statur, als wäre er so sehr mit dem Leben beschäftigt, dass er das Essen vergaß. Er trug praktische Schuhe und wie so häufig einen locker fallenden, bequemen Cousins-Überwurf, an diesem Morgen einen graugrünen. Doch nur auf ein Kleidungsstück achtete er sorgsam: seinen vom Alter grau gewordenen langen Sinnsagerwollschal, der angeblich einst dem großen Sinnsagerkonklaven-Reformer Fisher G. Gurai gehört hatte – eine der vielen Lügen, in die Carlyle sich täglich hüllte.

Den Anweisungen seines Gemeindemitglieds folgend, landete Carlyle den Wagen nicht etwa auf dem hohen zugbrückenartigen Fußweg, der zum Haupteingang des gläsern schimmernden Bash’Hauses führte, sondern an der schmalen Wartungstreppe daneben. Sie führte hinunter in eine künstlich angelegte Schlucht, die diese Reihe Bash’Häuser von der nächsten trennte wie ein leerer, tiefer Burggraben. Wildblumen und Gräser, die sich unter ihrer Saat beugten, bedeckten den Boden der Schlucht, in der unzählige Vögel nach Nahrung suchten. Hier, im Schatten der Brücke, befand sich Thisbes sogar für eine Klingel zu unwichtige Tür.

Er klopfte.

»Wer ist da?«, rief sie aus dem Inneren.

»Carlyle Foster.«

»Wer?«

»Carlyle Foster. Ich bin Ihrin neuin Sinnsagernin. Wir haben einen Termin.«

»Oh, richtig. Ich …« Thisbes Worte hinkten halb erstickt durch die Tür. »Ich habe telefonisch abgesagt. Wir hatten so ein Sicherheitsding … Problem … Verstoß.«

»Ich habe keine Nachricht bekommen.«

»Jetzt geht es wirklich nicht!«

Carlyle lächelte so zärtlich wie eine Mutter, deren Kind sich am ersten Kindergartentag hinter ihren Knien versteckt. »Ich kannte Ihrin letztin Sinnsagernin sehr gut. Ninsen Verlust hat uns alle getroffen.«

»Ja. Sehr tragisch. Nin … Schhhh! Halt doch still!«

»Ist alles in Ordnung da drin?«

»Ja! Ja!«

Vielleicht erahnte der Sinnsager andere, leise, aber grimmige Stimmen jenseits der Tür, vielleicht hörte er nichts, fühlte jedoch die Lüge in ihrer Stimme.

»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte er.

»Nein! Nein. Kommen Sie später wieder. Ich …«

Nun wurden weitere Stimmen laut, Männerstimmen, so leise wie ein Flüstern, aber so eindringlich wie ein Schrei.

»Zeiger! Bleiben Sie bei mir! Bleiben Sie hier! Atmen!«

»Zu spät, Major.«

»Er ist tot.«

Die Tür konnte die Trauer nicht dämpfen; das Schluchzen des kleinen Kindes bohrte sich ins Herz wie ein Speer. Carlyle handelte; er war nun kein Sinnsager mehr, sondern ein menschliches Wesen, das einem anderen, in Not geratenen helfen wollte. Er hämmerte mit Händen, die nicht daran gewöhnt waren, zu Fäusten geballt zu werden, gegen die Tür, und rüttelte an der Klinke, die, wie er wusste, sich seiner ungeübten Kraft nicht unterwerfen würde. Diejenigen, die nicht an Schicksal glauben, werden vielleicht dem Hund im Inneren die Schuld geben, da er in seiner Panik der Tür so nahe kam, dass er sie aktivierte.

Ich weiß, was Carlyle sah, als sich die Tür öffnete. Zuerst Thisbe, barfuß und die Kleidung vom Vortag tragend. Wie eine Wahnsinnige kritzelte sie auf einem Stück Papier herum, das auf einem hastig abgeräumtem Tisch lag, während die Überreste ihrer Arbeit und des Frühstücks den Boden bedeckten. Elf Männer standen auf diesem Tisch, angeschlagene Männer, stark, mit harten Knochen und harten Gesichtern, als wären sie in einer raueren Zeit aufgewachsen. Jeder von ihnen war fünf Zentimeter groß und trug eine winzige, entweder grüne oder sandbraune Armeeuniform, die nicht die Eleganz des alten Europas wiedergab, dafür aber geeignet war für die von Schmutz und Dreck geprägten Weltkriege. Drei von ihnen bluteten leuchtend rote Farbe, die sich über die Tischplatte ergoss wie aus der Wunde einer zahmen Maus, für die jeder verlorene Tropfen einem halben Liter Menschenblut entsprach. Einer jedoch blutete nicht nur.

Haben Sie je den Tod erlebt, lieber Leser? Ein langsamer Tod wie etwa bei Blutverlust ist nicht nur ein Moment, sondern eher eine Periode der Unklarheit: ein Luftholen vergeht, und man wartet unsicher auf das nächste. Oder war dies der letzte Atemstoß? Folgt noch einer? Ein letztes Zucken? Es dauert so lange, bis die Wangen schlaff werden und der Gestank des sich entspannenden Darms die Kleidung durchdringt, sodass man den Besuch des Todes erst dann bemerkt, wenn er schon vorüber ist. Das war hier nicht so.

Vor Carlyles Augen stieß der Soldat ein letztes Mal den Atem aus, und damit verschwand auch die Weichheit und die Farbe, das Rot des Bluts, die Pfirsichfarbe der Haut. Alles wurde grün, als sich die winzige Leiche in einen Spielzeugsoldaten aus Plastik inklusive Standfläche zurückverwandelte.

Unser Protagonist hockte schluchzend und schreiend unter dem Tisch.

Bridger ist nicht der Name, der Sie zu mir geführt hat. Um 1700 hätte jemand selbst mit Engelszungen die gebildeten Massen nicht davon überzeugen können, dass ein junger Schriftsteller namens Voltaire eines Tages die europäischen Königshäuser überstrahlen würde, und auch mir wird es nicht gelingen, Sie, lieber Leser, davon zu überzeugen, dass dieser Junge und nicht die Staatsoberhäupter, die ich Ihnen noch vorstellen werde, dass Bridger, der Dreizehnjährige, der unter Thisbes Tisch seine Knie umklammerte, die Zukunft erschaffen hat, in der Sie leben.

»Fertig!« Thisbe rollte ihre Zeichnung zusammen und reichte sie rasch dem Jungen. Ich frage mich, ob sie gezögert hätte, wenn ihr klar gewesen wäre, dass ein Eindringling zusah. »Bridger, es ist so weit. Bridger?«

Stellen Sie sich eine weitere neue Stimme vor, die in Krisen zu Hause ist, autoritär, aber nicht einschüchternd, die Stimme eines Großvaters, kräftiger, die Stimme eines Veteranen. Carlyle hatte eine solche Stimme noch nie gehört, denn er war ein Kind des Friedens und des Überflusses. Weder er hatte sie je gehört noch seine Eltern und deren Eltern in diesen drei Jahrhunderten des Friedens. »Handle jetzt, meinim Sohn, oder die Trauer wird dich der Chance berauben, den anderen zu helfen.«

Bridger streckte die Hand aus und berührte die Papierrolle mit seinen Kinderfingern. Sie waren zu dick und kurz, als gehörten sie zu einer noch nicht vollendeten Knetfigur. In dem Moment wurde die Papierrolle ohne Blitz und Donner oder eine melodramatische Rauchwolke zu Glas, die Kringel zu einem Etikett und das lila Gekritzel zum Pigment einer Flüssigkeit, die in der Flasche blubberte. Thisbe zog einen Korken heraus, der eben noch eine Kreuzschraffur gewesen war, und schüttete den Trank auf die winzigen Soldaten. Als die Flüssigkeit über die Verletzten schwappte, lösten sich deren Wunden ab wie alte Farbe und ließen die Soldaten sauber und geheilt zurück.

Auch Ihr, Mycroft Canner?, stoßen Sie, empörter Leser, da hervor. Warum beharrt auch Ihr auf einem Märchen, das schon von zu vielen Zungen wiederholt worden ist? Ihr seid mir eh ein schlechter Führer, aber ich hatte gehofft, dass Ihr mir wenigstens Tatsachen präsentieren würdet, keinen Irrsinn. Was soll Ihr Diener darauf antworten, werter Herr? Ich kann Sie nicht davon überzeugen; obwohl Sie das Wunder fast mit eigenen Augen miterlebt haben, ich werde Sie nie davon überzeugen, dass Bridgers Fähigkeiten real waren. Das werde ich auch nicht versuchen. Sie verlangen die Wahrheit, aber ich kann Ihnen keine Wahrheit anbieten, nur das, was ich glaube. Sie sind nicht gezwungen, diesen Glauben zu teilen, und können Ihren makelbehafteten Führer und mit mir auch Bridger am Ende der Reise fallen lassen. Aber solange ich Ihr Führer bin, bitte ich Sie, Nachsicht zu üben, so wie Sie es bei einem Kind tun würden, das erst zur Ruhe kommt, wenn Sie vorgeben, ebenfalls an die Ungeheuer unter dem Bett zu glauben. Nennen Sie es Wahnsinn – es fällt leicht, mich verrückt zu nennen.

Carlyle konnte sich den Luxus einer solchen Skepsis nicht erlauben. Er sah die Verwandlung so deutlich, wie Sie diese Seite sehen, unglaublich und unbestreitbar. Stellen Sie sich die Priester des Pharaos vor, als Moses’ Schlange die ihren verschlang, als ein Sklavengott die tierköpfigen Herren über Tod und Wiedergeburt besiegte, die Ägypten zum mächtigsten Reich seit Menschengedenken gemacht hatten – der Ausdruck auf den Gesichtern dieser Priester, die die Kapitulation ihres Pantheons miterlebten, hätte wohl gut zu Carlyles gepasst. Ich wünschte, ich wüsste, was er hervorstieß, ein Wort, ein Gebet, ein Stöhnen, aber die Anwesenden – der Major, Thisbe, Bridger – konnten mir das nicht sagen, da sie seine Stimme mit ihrem eigenen spontanen Schrei unisono übertönten: »Mycroft!«

Ich überwand die Treppe in Sekunden und den Sinnsager in noch kürzerer Zeit, warf ihn zu Boden und presste meine Finger auf seine Luftröhre, sodass er weder atmen noch sprechen konnte. »Was ist passiert?«, keuchte ich.

»Das ist unserin neuin Sinnsagernin.« Thisbe antwortete am schnellsten. »Wir hatten einen Termin vereinbart, aber Bridger … und dann öffnete sich die Tür, und nin sah … alles. Mycroft, din Sinnsagernin, hat alles gesehen.« Sie berührte den Tracker an ihrem Ohr, der piepte, als ihr Bruder Ockham sie aus...



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