Pamuk Die weiße Festung
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25235-6
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-446-25235-6
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journalismus. Für seine Werke erhielt er u.a. 2003 den Impac-Preis, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur. Bei Hanser erschienen zuletzt Der Koffer meines Vaters (2010), Cevdet und seine Söhne (Roman, 2011), Der naive und der sentimentalische Romancier (2012), der Katalog Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul (2012), Diese Fremdheit in mir (Roman, 2016), Die rothaarige Frau (Roman, 2017), Istanbul (Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt, 2018) und Die Nächte der Pest (Roman, 2022).
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II.
Der Eintretende glich mir in schier unglaublicher Weise. Als stünde ich dort, war mein erster Gedanke. Es war, als wolle mir jemand einen Streich spielen, mich noch einmal durch die gegenüberliegende Tür hineinschieben und dabei sagen: Schau, im Grunde genommen hättest du so sein müssen, so hättest du zur Tür hereinkommen müssen, so hättest du Arme und Beine bewegen müssen, so hättest du den anderen hier Sitzenden anschauen müssen! Als unsere Augen sich trafen, grüßten wir uns. Er aber schien nicht besonders erstaunt zu sein. So kam ich zu dem Schluß, so groß könne die Ähnlichkeit mit mir wohl nicht sein, er trug einen Bart, und außerdem, schien mir, hatte ich mein eigenes Gesicht längst vergessen. Während er mir gegenübersaß, fiel mir ein, daß ich ein Jahr lang in keinen Spiegel geschaut hatte.
Wenig später öffnete sich die Tür, durch welche ich eingetreten war, und er wurde gerufen. Nein, überlegte ich während des Wartens, es ist doch kein gut gemachter Streich, sondern nur eine Ausgeburt meines gequälten Hirns. Hatte ich doch in jenen Tagen ständig Trugbilder vor Augen, trostreiche Märchen wie diese: Sie lassen mich frei; ich kehre nach Hause zurück, und jeder begrüßt mich; eigentlich schlafe ich noch auf dem Schiff in meiner Kabine, das alles ist nur ein Traum. So meinte ich, auch das hier sei nur eines der Märchen, doch während ich noch erwog, ob es vielleicht schon Wirklichkeit geworden oder aber ein Zeichen dafür sei, daß sich alles mit einem Schlag ändern und die alte Ordnung wiederhergestellt werde, da ging die Tür auf, und man rief nach mir.
Der Pascha stand etwas entfernt hinter dem mir so ähnlichen Mann. Er ließ sich den Rocksaum küssen, und als er nach meinem Ergehen fragte, wünschte ich von den Bedrängnissen zu sprechen, denen ich in meiner Kerkerzelle ausgesetzt war, und von dem Verlangen, in mein Heimatland zurückzukehren, doch er hörte mir gar nicht zu. Er, der Pascha, erinnere sich an meine Erklärung, etwas von den Wissenschaften, der Astronomie, dem Ingenieurwesen zu verstehen, nun gut, ob ich denn auch von diesen gen Himmel geschleuderten Feuerwerksraketen, vom Schießpulver irgend etwas wisse? Sogleich bejahte ich, doch als mein Blick für einen Lidschlag den jenes anderen traf, befiel mich der Argwohn, man habe mir eine Falle gestellt.
Die von ihm auszurichtende Hochzeit solle einmalig werden, so meinte der Pascha, auch ein Feuerwerk lasse er vorbereiten, es müsse aber so großartig werden, daß es alles bisher Dagewesene übertraf. Der mir Gleichende, vom Pascha nur »Hodscha« genannt, habe schon früher einmal mitgetan bei einem solchen Schauspiel anläßlich der Geburt des Sultans. Damals habe er es mit einem inzwischen verstorbenen Malteser und den Feuerwerkern vorbereitet, er kenne sich also ein wenig aus in diesen Dingen, ich aber sei vielleicht imstande, ihm dabei zu helfen, so meinte der Pascha. Wir würden einander gut ergänzen können. Und wenn wir ein gutes Feuerwerk machten, werde er uns eine Freude bereiten. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sagte ich mir und begann, um die Erlaubnis zur Rückkehr in mein Vaterland zu bitten, als der Pascha mich fragte, ob ich seit meiner Ankunft hier schon mit Frauen geschlafen hätte und auf meine Antwort hin äußerte, wozu wohl die Freiheit tauge, wenn ich dieses nicht täte! Er drückte sich in der Sprache der Wärter aus, und ich muß wohl recht dumm dreingeschaut haben, denn er lachte lauthals. Dann wandte er sich meinem Hodscha genannten Ebenbild zu: Jener habe nun die Verantwortung.
Als ich am nächsten Morgen zum Hause des mir so Ähnlichen ging, meinte ich nichts zu wissen, was ich ihn lehren könnte. Doch seine Kenntnisse schienen nicht größer zu sein als die meinen. Unser Wissen stimmte zudem überein. Das ganze Problem lag darin, ein gut mit Kampfer durchsetztes Gemisch herzustellen. Dazu mußten wir die mit Waage und Gewichten abgemessenen, sorgfältig zubereiteten Mixturen bei Nacht unter der Stadtmauer zünden und daraus unsere Schlüsse ziehen. Und wie wir desgleichen viel später bei Tage tun sollten, im Laufe der Arbeit für die unglaubliche Waffe, so stellten wir uns jetzt unter die dunklen Bäume und warteten gespannt auf das Ergebnis, während wir unsere Raketen unter den bewundernden Blicken der zuschauenden Kinder von un-Leuten entzünden ließen. Anschließend versuchte ich, manchmal bei Mondlicht, manchmal im Finstern, das Beobachtete in ein Heftchen einzutragen. Bevor wir des Nachts auseinandergingen, kehrten wir noch einmal zu des Hodschas Haus zurück, das aufs Goldene Horn schaute, und sprachen des langen und breiten über die Ergebnisse.
Klein, unbehaglich und keineswegs anheimelnd war dieses Haus. Man erreichte es über eine krumme, verwinkelte Gasse, die voll Schlamm war vom Zufluß schmutzigen Wassers, dessen Herkunft zu entdecken mir niemals mehr möglich sein wird. In seinem Innern war es kaum möbliert, dennoch überfiel mich bei jedem Eintreten eine merkwürdige Beklemmung, die mir das Herz abschnüren wollte. Vielleicht gab mir dieser Mann, der den ungeliebten Namen seines Großvaters trug und deswegen von mir nur Hodscha gerufen werden wollte, dieses Gefühl. Er beobachtete mich, verhielt sich wie einer, der etwas lernen will, doch gerade in diesem Moment nicht weiß, was dieses Etwas ist. Da mir die Art des Sitzens auf den Polsterbänken an den Wänden ganz ungewohnt war, blieb ich während unserer Dispute über die Experimente stehen, oder ich lief zuweilen gereizt im Zimmer auf und ab. Ich glaube, dem Hodscha gefiel das, er saß und konnte mich auf diese Weise sattsam betrachten, selbst beim Schein der nur matt leuchtenden Lampe. Daß ihm die Ähnlichkeit zwischen uns nicht auffallen wollte, irritierte mich sehr, wenn ich seinen Blick auf mir ruhen fühlte. Ein paarmal glaubte ich, er wisse darum, täte aber so, als nähme er’s nicht wahr. Er schien sein Spiel mit mir zu treiben, mich einem kleinen Versuch auszusetzen und daraus etwas zu lernen, das mir verborgen blieb, weil er mich in diesen ersten Tagen stets so anschaute, als lerne er etwas Neues und würde mit dem neu Erlernten nur noch wißbegieriger. Doch dann schien er Skrupel zu haben, einen Schritt weiter zu tun, um jene Kenntnisse zu vertiefen. Und dieses ungereimte Abbrechen, das war es, was mich bedrückte, was dem Inneren des Hauses die erstickende Atmosphäre verlieh. Obwohl mir seine Befangenheit Mut machte, wurde mir das Herz nicht leichter. Er fragte mich im Laufe eines Gespräches über unsere Versuche und auch ein andermal, warum ich noch kein Moslem geworden sei, doch ich erkannte seine Absicht, mich nur in ein ungewisses Wortgefecht zu verwickeln, und hielt mich zurück. Er fühlte meine Scheu, und ich begriff, daß er mich deswegen verachtete, was mich wiederum sehr zornig machte. Das einzige Thema, über das wir uns einig waren in jenen Tagen, muß wohl die Verachtung gewesen sein, die wir füreinander empfanden. Aber, so hoffte ich, wenn wir dieses Feuerwerk erfolgreich ohne Zwischenfälle zustande brächten, dann würde man mir vielleicht erlauben, in meine Heimat zurückzukehren, und so beherrschte ich mich. Als dann einer der Feuerwerkskörper in einer Nacht zu ganz ungewöhnlicher Höhe aufstieg, sagte der vom Erfolg hingerissene Hodscha, er könne sogar eine Rakete bauen, die eines Tages zum Mond fliegen würde, das Problem sei lediglich die richtige Mischung des Schießpulvers und der Guß eines Magazins dafür. Der Mond sei sehr weit weg, bemerkte ich, doch er fiel mir ins Wort: Er wisse auch, daß der Mond sehr weit entfernt sei, aber sei er nicht gleichwohl der unserer Erde am nächsten stehende Stern? Wider Erwarten beschwichtigte ihn meine Zustimmung nicht, er wurde noch gereizter, sagte aber nichts mehr.
Zwei Tage darauf um Mitternacht begann er von neuem: Wie ich so sicher sein könne, daß der Mond tatsächlich der nächstliegende Stern sei? Vielleicht verleite uns eine optische Täuschung. Da sprach ich zum ersten mal von meinen Kenntnissen in der Astronomie und beschrieb in Kürze die Grundsätze der ptolemäischen Kosmographie. Ich sah, wie gespannt er lauschte, doch er zögerte, etwas zu äußern, was seine Neugier offenbart hätte. Ptolemäus sei ihm nicht unbekannt, erklärte er, als ich dann schwieg, doch es ändere nichts an seinen Zweifeln, ob es nicht doch einen näheren Stern als den Mond gebe. Gegen Morgen sprach er von diesem Stern, als habe er Beweise für dessen Existenz.
Am folgenden Tag drückte er mir ein schlechtgeschriebenes Buch in die Hand. Ich verstand trotz meiner mangelhaften Kenntnisse des Türkischen, worum es ging: der Auszug eines Auszuges aus dem Almagest. Mich interessierten daran nur die arabischen Bezeichnungen der Planeten, aber auch das erregte mein Gemüt im Moment nicht besonders. Als der Hodscha sah, wie ich das Buch unbeeindruckt beiseite legte, wurde er zornig. Sieben Goldstücke habe er gegeben für diesen Band, es sei nur recht und billig, wenn ich meine Hochnäsigkeit aufgäbe, die Seiten aufschlüge und einen Blick hineinwürfe. Als ich, wie ein folgsamer Schüler, das Buch geduldig von neuem aufschlug, stieß ich auf ein primitives Schema. Die Planeten waren im Verhältnis zur Erde in ihre mit einfachen Strichen gezeichneten Sphären plaziert. Obwohl die Positionen der Sphären stimmten, hatte der Zeichner von ihrer Größenordnung nicht die geringste Vorstellung gehabt. Dann aber fiel mir ein winziger Planet zwischen Mond und Erde ins Auge, doch bei näherem Hinschauen ließ sich an der Frische der Tinte erkennen, daß er dem Manuskript nachträglich hinzugefügt worden war. Nachdem ich die Schrift bis zum Ende durchgeblättert hatte, gab ich sie dem Hodscha zurück. Er werde diesen kleinen Stern finden, versicherte er mir, und es war ihm bitterernst damit. Ich sagte kein Wort, und...




