Pannenberg / Wenz | Systematische Theologie | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 767 Seiten

Pannenberg / Wenz Systematische Theologie

Band 3. Neuausgabe
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-647-99724-7
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Band 3. Neuausgabe

E-Book, Deutsch, 767 Seiten

ISBN: 978-3-647-99724-7
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
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Diese Gesamtausgabe von Wolfhart Pannenbergs Dogmatik bietet eine Gesamtdarstellung, deren Hauptthema die offene Frage nach der Wahrheit der christlichen Lehre ist. Die im ersten Band mit der Gotteslehre im engeren Sinne begonnene Darstellung wird in Band 2 mit Schöpfungslehre, Anthropologie, Christologie und Versöhnungslehre fortgesetzt. Alle diese Themen werden im Zusammenhang einer Entfaltung des trinitarischen Gottesgedankens besprochen. Im abschließenden Band dieses bedeutenden Werkes geht es um die Ekklesiologie, einschließlich der Sakramenten- und Amtslehre, um die christliche Existenz des Einzelnen und um die Eschatologie.

Wolfhart Pannenberg war Professor für Systematische Theologie.
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12. KAPITEL

Geistausgießung, Reich Gottes und Kirche

1. Die Vollendung der Heilsökonomie Gottes durch den Geist

a) Die Besonderheit des soteriologischen Geistwirkens im Verhältnis zur Schöpfung

Das Handeln des trinitarischen Gottes in seiner Schöpfung ist in allen seinen Gestalten ein Handeln des Vaters durch Sohn und Geist, ein Handeln des Sohnes im Gehorsam gegen den Vater und die Verherrlichung beider in der Vollendung ihres Werkes durch den Geist. Der Geist Gottes wird nicht erst bei der Erlösung der Menschen tätig1, indem er sie in Jesus von Nazareth den ewigen Sohn des Vaters erkennen lehrt und ihre Herzen zum Lobpreis Gottes durch Glaube, Liebe und Hoffnung bewegt. Der Geist ist schon in der Schöpfung am Werke als Gottes mächtiger Atem, der Ursprung aller Bewegung und allen Lebens ist, und erst auf dem Hintergrund seiner Tätigkeit als Schöpfer allen Lebens kann sein Wirken in der Ekstatik des menschlichen Bewußtseinslebens richtig verstanden werden2, sowie andererseits seine Rolle bei der Hervorbringung des neuen Lebens der Totenauferstehung3. Umgekehrt ist der heilige Geist Gottes, der den Glaubenden in einer ganz spezifischen Weise gegeben ist, nämlich so, daß er in ihnen „wohnt“ (Röm 8,9; 1.Kor 3,16), kein anderer als der Schöpfer allen Lebens in der Weite des Naturgeschehens, sowie auch in der Neuschöpfung der Totenauferweckung. Erst dann, wenn die Mitteilung des heiligen Geistes an die Glaubenden in diesem umfassenden Zusammenhang gesehen wird, läßt sich ermessen, was das Geschehen der Ausgießung des Geistes in Wahrheit bedeutet: Es geht dabei um sehr viel mehr als nur um eine göttliche Erkenntnishilfe zum Verständnis eines sonst unverständlich bleibenden Offenbarungsgeschehens. Das Wirken des Geistes Gottes in seiner Kirche und in den Glaubenden dient der Vollendung seines Wirkens in der Welt der Schöpfung. Denn die besondere Weise der Gegenwart des göttlichen Geistes im Evangelium und durch seine Verkündigung, die vom gottesdienstlichen Leben der Kirche ausstrahlt und die Glaubenden erfüllt, so daß Paulus von ihnen sagen konnte, der Geist „wohne“ in ihnen, ist Unterpfand für die Verheißung, daß letztlich das Leben, das überall dem schöpferischen Wirken des Geistes entspringt, über den Tod siegen wird, der der Preis ist für die Verselbständigung der Geschöpfe im maßlosen Beharren auf ihrem Dasein, unangesehen seiner Endlichkeit, gegenüber dem göttlichen Ursprung ihres Lebens.

Der Zusammenhang zwischen den soteriologischen Wirkungen des Geistes in den Glaubenden und seiner Tätigkeit als Schöpfer allen Lebens, sowie auch in dessen eschatologischer Neuschöpfung und Vollendung, ist in der Theologie oft vernachlässigt worden. Das gilt besonders im Hinblick auf die Theologie des christlichen Westens, deren Auffassungen vom Wirken des Geistes sich vornehmlich auf seine Funktion als Quelle der Gnade oder des Glaubens konzentriert haben. Vielleicht ist die Tendenz dazu auf Augustins Lehre vom Geist als Gabe (donum) und auf das damit verbundene Zurücktreten der Personalität des Geistes zurückzuführen4. Jedenfalls läßt sich von daher die enge Beziehung der Pneumatologie zur Gnadenlehre des lateinischen Mittelalters verstehen, obwohl die Mehrzahl der mittelalterlichen Theologen nicht der Identifizierung des heiligen Geistes mit der Gabe der in unsere Herzen ausgegossenen Liebe (caritas) gefolgt ist, sondern diese Gnadengabe als eine geschaffene Gnade (gratia creata) vom heiligen Geist selbst unterschieden hat5. Die reformatorische Theologie faßte dagegen den Glauben als die entscheidende Wirkung des heiligen Geistes auf6, wenn auch gefolgt von der Gabe des Geistes selbst zur Heiligung7. Trotz aller konfessionellen Differenzen blieb auch hier die Konzentration der Auffassung vom Wirken des Geistes auf die Heilsaneignung bestehen, obwohl bei Luther und besonders bei Calvin auch die biblischen Aussagen über die Tätigkeit des Geistes in der Schöpfung Beachtung gefunden haben8. Die reformatorische Konzentration der Pneumatologie auf das Verhältnis von Wort, Geist und Glaube konnte leicht zu einer Einengung der Funktion des Geistes auf die Vermittlung der der natürlichen Vernunft, wie man meinte, nicht zugänglichen Glaubenserkenntnis führen. Solchen Tendenzen konnte sowohl durch Betonung der Funktion des Geistes für die Heiligung im individuellen Glaubensleben der Christen begegnet werden als auch, wie bei Schleiermacher9, durch Hervorhebung der Gemeinschaftlichkeit der Geistbegabung, die die einzelnen Christen zur Gemeinschaft der Kirche verbindet. In der Theologie des 20.Jahrhunderts ist von der neutestamentlichen Exegese her der Zusammenhang zwischen Geistverleihung und Eschatologie neu ins Bewußtsein gerückt worden. Der Sache nach geschah das schon in Karl Barths Beschreibung des heiligen Geistes als „die erweckende Macht“, durch die sich der Auferstandene die Kirche als „vorläufige Darstellung der ganzen in ihm gerechtfertigten Menschenwelt“ geschaffen habe10. Ausdrücklich hat dann Otto Weber von der Besinnung auf die neutestamentliche Funktion des Geistes als „eschatologische Gabe“ her11 einen neuen pneumatologischen Realismus gefordert, entgegen der verbreiteten Neigung, „gleichsam doketisch vom Heiligen Geist zu sprechen“, indem „der Heilige Geist zum Lückenbüßer gemacht wird, der überall da eintritt, wo gestellte Fragen offenbleiben“12. Das eschatologische Wirken des Geistes muß aber wiederum im Zusammenhang mit seiner Beteiligung am Schöpfungswerk Gottes gesehen werden, wie das gerade einer von Calvin herkommenden Auffassung naheliegen sollte13. Weder bei Barth, noch bei Weber ist dieser Zusammenhang hergestellt worden. Vielmehr hat noch Weber in der Nachfolge Barths den Geist als eschatologische Größe fast dualistisch der bestehenden Weltwirklichkeit entgegengesetzt14. Andererseits hat Paul Tillich zwar in höchst eindrucksvoller Weise den Zusammenhang der Gegenwart des Geistes im Leben der Kirche und der Glaubenden mit dem Phänomen des Lebens in seiner ganzen Breite thematisiert15, doch ohne Berücksichtigung des eschatologischen Bezuges. Erst durch die Verbindung von Eschatologie und Schöpfung wird aber im Verständnis der Tätigkeit des Geistes die Vollgestalt jenes pneumatologischen Realismus gewonnen, den Otto Weber intendierte und der am ehesten in Theologie und Frömmigkeit der orthodoxen Ostkirchen bewahrt worden ist16.

Das Handeln des Geistes geschieht überall in enger Verbindung mit dem des Sohnes. Bei der Schöpfung wirken Logos und Geist so zusammen, daß das Schöpfungswort das gestaltende Prinzip, der Geist aber Ursprung von Bewegung und Leben der Geschöpfe ist. In der eschatologischen Vollendung ist der Geist tätig als die die Geschöpfe zur Teilnahme an der Herrlichkeit Gottes befähigende und verwandelnde Macht, während der Sohn als Träger des Endgerichts das Kriterium der Zugehörigkeit zu Gott und seinem Reich oder auch der Unvereinbarkeit mit ihm ist. Im Vollzug des Versöhnungsgeschehens und der geschichtlichen Vermittlung seiner Heilswirkungen geht die Inkarnation des Sohnes – gehen also sein irdisches Wirken, sein Tod und seine Auferstehung – der Mitteilung des Geistes an die Glaubenden voraus. Nur in diesem Zusammenhang ist von einer „Sendung“ des in Ewigkeit vom Vater ausgehenden Geistes17 durch den Sohn die Rede (Joh 15,26f.; 16,7).

Die Aussagen über die Sendung des Geistes durch den Sohn (vgl. noch Lk 24,49) bilden eine unter mehreren Ausdrucksweisen der neutestamentlichen Zeugnisse für seine Mitteilung an die glaubenden Jünger durch den Auferstandenen: Nach Joh 20,22 wird ihnen der Geist verliehen, indem der Auferstandene die Jünger anhaucht, nach Apg 2,33 ist der Pfingstgeist vom Erhöhten „ausgeschüttet“ worden, und er wird nach Apg 8,15–17 durch Handauflegung weitergegeben. Statt von einer Sendung durch den Sohn spricht Joh 14,26 (vgl. 14,16f.) von einer Sendung des Geistes durch den Vater im Namen und auf Bitten des Sohnes (vgl. 1.Petr 1,11). Der sachliche Unterschied zwischen diesen beiden Aussageformen ist jedoch nicht groß, da in jedem Falle Vater und Sohn bei der Sendung des Geistes zusammenwirken, sei es, daß der Vater den Geist auf Bitten Jesu und in seinem Namen sendet, sei es, daß der Auferstandene den vom Vater empfangenen Geist ausgießt (so ausdrücklich Apg 2,33)18. Außerdem liegt beidemal der Sinn der Sendung des Geistes durch den Sohn „in der Fortsetzung des Offenbarungswirkens Jesu“19. Sie findet statt durch die Erinnerung an das, was Jesus gesagt hat (Joh 14,26), und durch das Zeugnis des Geistes für Jesus (15,26), den der Geist verherrlicht (16,14).

Die Sendung des Geistes durch den Sohn gehört also zur Besonderheit seiner Tätigkeit im Zusammenhang der Heilsoffenbarung: Der Geist verherrlicht Jesus als den Sohn des Vaters, indem er in Jesu Worten und in seinem Wirken die Offenbarung des Vaters erkennen lehrt. Das besagt aber gerade nicht, daß der Geist „die Macht ist, in der Jesus Christus – sich selbst bezeugt“20. Vielmehr ist Jesus Christus angewiesen auf das Zeugnis des Geistes, der in ihm den Sohn des Vaters erkennen lehrt. Der Geist Gottes ist nicht erschöpfend dadurch beschrieben, daß durch ihn der erhöhte Christus weiter auf Erden wirkt, wenngleich nun in unsichtbarer Gestalt. Zwar ist besonders in den Aussagen des Apostels Paulus zu diesem Thema das Wirken des Geistes von dem des erhöhten Herrn kaum zu unterscheiden21. Dennoch ist der Geist vom Sohne schon dadurch verschieden, daß Jesus Christus selbst in den neutestamentlichen...


Wenz, Gunther
Dr. theol. Gunther Wenz ist em. Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München und Leiter der Wolfhart-Pannenberg Forschungsstelle an der Hochschule für Philosophie in München.



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