E-Book, Deutsch, Band 365, 160 Seiten
Reihe: Perry Rhodan Neo
Pannor Perry Rhodan Neo 365: Neues Leben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8453-5565-8
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Staffel: Pulsar
E-Book, Deutsch, Band 365, 160 Seiten
Reihe: Perry Rhodan Neo
ISBN: 978-3-8453-5565-8
Verlag: Perry Rhodan digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Im 25. Jahrhundert: Zusammen mit den Angehörigen der anderen Sternenreiche möchten die Menschen friedlich die Galaxis erkunden und fremde Welten besiedeln. Doch dann werden Perry Rhodan und seine Gefährten durch einen Notruf aufgeschreckt. Das Signal führt das Team zum Pulsar Vela und in einen anderen Kosmos. Dort erfährt Rhodan, dass ein mysteriöses Konzil der Sieben mit all seiner Macht einen Generalangriff auf die Milchstraße plant. Auf der heimatlichen Erde muss sich Rhodans ältester Freund Reginald Bull ebenfalls schwierigen Herausforderungen stellen. Mehrere seltsame Vorfälle in der Terranischen Union deuten darauf hin, dass der Menschheit eine weitere große Gefahr drohen könnte. Es geht um ein neues Leben...
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1.
Schichten
Terrania, Januar 2463
Reginald Bull stand in einer Gasse und starrte versonnen auf eine Wand. Der Januartag des Jahres 2463 in der zentralasiatischen Region Mongolei war bitterkalt.
Wenn dich jemand sieht, dachte Bull, wird man denken, du wirst senil.
Er trug einen schlichten Mantel mit hochgeklapptem Kragen und auf dem Kopf das, was man in seiner Jugend Schiebermütze genannt hatte, wodurch er hoffte, möglichst wenig aufzufallen. Der Erste Terraner Aurelian Voss hatte ihn zu sich gerufen. Er wollte Bull etwas Wichtiges mitteilen. Der Elf, wie Bull den Regierungschef der Terranischen Union wegen seiner hoch aufgeschossenen, dürren Gestalt und den langen Ohren bei sich zuweilen nannte, hatte in seiner Holonachricht sehr ernst gewirkt.
Perry Rhodan nannte Voss eher einen gealterten Engel, aber Bull fand nicht, dass das passte. Denn hinter den Engelszungen des Politikers verbarg sich ein teuflisch genaues Wissen darüber, was Voss wollte.
Bull war eben erst mit einer Korvette gelandet. Er kam von der TERRANIA II, die im Orbit um die Erde kreiste. Dort hatte er mit den Führungskräften des Flaggschiffs der Terranischen Flotte Möglichkeiten besprochen, wie man die Suche nach Perry Rhodan und seinen drei Begleitern fortsetzen könnte.
Nun war Bulls Ziel der Stardust Tower, wo Voss sein Büro hatte. Er hätte mit dem Gleiter, den er vom Raumhafen in die Stadt genommen hatte, auch direkt bis zu dem mehr als zwei Kilometer hohen Turm fliegen können. Aber es war ihm lieber gewesen, das letzte Stück zu Fuß zu gehen und den Kopf durchzulüften.
Und vielleicht, grübelte er, will ich mich noch einige Minuten vor dem Gespräch mit Voss drücken. Weil ich ahne, dass er schlechte Nachrichten hat.
Bull hatte sein Fahrzeug bewusst in einiger Entfernung geparkt und eine Route durch Gassen, Seitenpfade und Schleichwege gewählt. Er kannte die meisten von ihnen. Er wollte möglichst wenig Menschen begegnen.
Deshalb waren ringsum nicht viele Leute unterwegs. Die Gasse, in der er gerade stand, war nicht der Galactic Park, eines der Zentren der öffentlichen Begegnung in Terrania. Sie war ein Pfad von vielen abseits der Hauptwege, aber notwendig. Während der Park selbst bei diesem Wetter genutzt wurde, war die Gasse menschenleer.
Sowieso, das Wetter ... Wer von Terrania sprach, assoziierte mit der Hauptstadt der Erde meist den Beinamen »die Strahlende«. »Glänzende Fassaden, spiegelnde Türme, beleuchtete Parks«, stand in einem Reiseführer, den Bull mal durchgeblättert hatte.
Aber das war nur die halbe Wahrheit. Terrania lag am Goshunsee, dem Gashun Nuur, wie man früher sagte. Also am Rand der ehemaligen Wüste Gobi, die bis auf wenige Flecken naturbelassener Ödnis längst eine Grünzone war. Die riesige Hyperinpotronik NATHAN steuerte das Wetter vom Mond aus und hatte mithilfe der Posbis dafür gesorgt, dass aus der ehemaligen irdischen Trockenregion ein normal feuchtes Areal wurde, das Pflanzen, Tiere und Menschen bewohnen konnten, ohne zu verdorren.
Doch auch NATHANS Fähigkeiten waren Grenzen gesetzt. Er konnte das Wetter steuern, aber nicht das Klima. Er konnte es regnen lassen. Aber er konnte nicht die Länge der Tage steuern oder wie viel Sonne auf das Gebiet strahlte, wie kalt es nachts durchschnittlich wurde, wie warm tagsüber.
Diese Grenze von NATHANS Fähigkeiten bedeutete, dass die Gobi weiterhin ein Klima der Extreme aufwies, mit Temperaturen von minus vierzig bis plus vierzig Grad Celsius.
Im Winter wurde es nach wie vor beißend kalt in der Stadt, wenn der Wind ungehemmt von Norden über die frühere Wüstenebene zog und eisige Luft mitführte. Minus zwanzig Grad Celsius waren dann durchaus normal in den Gegenden vor der Stadt. Selbst wenn die Winde an Terranias Türme gebrandet und von den Gebäuden erwärmt worden waren, blieben noch minus zehn Grad. Der Stadtkern war wärmer als der Stadtrand, aber dennoch kalt.
Kluge Stadtplaner hatten dafür gesorgt, dass Terrania keine Reißbrettmetropole geworden war, mit langen Hochhausschluchten, durch die der Wind ungehindert hätte pfeifen können. Vorbilder wie New York waren abschreckend genug gewesen. Man hatte Terrania stattdessen die Chance zum Wachsen gegeben, zum begrenzten Wildwuchs. Daher bot die Stadt neben breiten Boulevards überraschende Kurven und auch verwinkelte Straßen.
Es gab Altbau und Neubau, Aufbau und Abriss. Erst recht seit der Rückkehr der Menschen von Gäa zur Erde. Terra war nach der notwendigen Evakuierung wegen des Anrückens der Garbeschianer verlassen gewesen, nicht verwüstet, hatte es geheißen. Das stimmte auch. Aber natürlich hatte der Zahn der Zeit dreieinhalb Jahrhunderte lang an den unbewohnten Strukturen genagt.
Also war Terrania noch vielerorts Baustelle, und vieles war verschwunden, das Bull aus seiner Zeit vor der Evakuierung gekannt hatte.
Und davor. Und davor, dachte er. Deshalb stand er versonnen vor dieser Wand. Da war mal was.
Er erinnerte sich an einen Ausflug mit seinem Großvater durch New York. Bull war damals etwa zehn Jahre alt gewesen, und sein Großvater hatte ihm die Orte seiner eigenen Jugend zeigen wollen, von denen er so viel erzählen konnte.
Der kleine Bull war enttäuscht gewesen, dass fast nichts mehr so aussah, wie sein Großvater es geschildert hatte. Er hatte an seinem Eis geleckt und danach gefragt.
»Wenn du alt genug wirst, erinnerst du dich nicht nur daran, was einmal war«, hatte sein Großvater geantwortet. »Sondern sogar daran, was einmal vor dem war, was da war.«
Schichten hatte er das genannt. Häuser wurden abgerissen, neue gebaut, diese wieder abgerissen, abermals neue gebaut. Die Erinnerung verschwand hinter diesen Schichten. Je länger man lebte, desto schwerer wurde es, sich alle zu merken.
Vor so einer Schicht stand Bull nun. Sie war erschreckend banal. Es war die Rückseite eines Flachgebäudes, grau gekalkt. Von vorn mochte das Gebäude hübsch aussehen, beeindruckend oder überladen. Bull wusste es nicht. Von hinten war es uninteressant.
Wie die ganze Gasse, die lediglich wenige Meter breit war und ausschließlich aus solchen Rückseiten bestand.
Aber diese hier ...
Dieses Gebäude war einst das Museum der Mongolischen Kultur gewesen. Weiter nördlich war eine der frühesten Strukturen der Großen Chinesischen Mauer verlaufen, deren Bau im dritten Jahrhundert begonnen worden war. Sie hatte lange ihren Zweck erfüllt, Feinde abzuhalten, doch nicht ewig. Im dreizehnten Jahrhundert war das Gebiet um den Goshunsee mongolisch geworden, vierhundert Jahre später wurde es erneut China angegliedert. Die Seidenstraße hatte über den Gashun Nuur geführt, auf der nicht nur Waren nach Europa gelangt waren, sondern auch die Pest, nachdem sie in Asien bereits tödlich gewütet hatte.
Perry Rhodan hatte das Museum schon in den Frühtagen der Stadt errichten lassen, um die Errungenschaften und Vergangenheit der Völker zu würdigen, die das Gebiet entlang der Gobi bewohnten.
Es war zerstört worden, Bull wusste nicht genau wann, und wieder aufgebaut worden, wann genau, wusste er ebenfalls nicht. Nach der Rückkehr von Gäa hatte man die Exponate umgesiedelt, die all das überstanden hatten, sowie das Gebäude abgerissen, das nach Jahrhunderten der Archäologie mit ihren hoch entwickelten wissenschaftlichen und technischen Mitteln zu klein geworden war für all die neuen Fundstücke seither. Und nun stand da diese Wand eines neuen Bauwerks.
Sein Großvater hätte verstanden, warum Bull so versunken davor grübelte.
Andere verstanden es nicht.
Bull hörte ein hohes, dünnes Sirren. Etwas flog durch sein Gesichtsfeld, sehr schnell und klein und weit genug entfernt, dass er es nicht genau erkennen konnte. Aber seine Erfahrung verriet ihm, was es war.
»Ein Miniaturroboter«, flüsterte er. »Hat man vor denen denn nie ...«
Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.
»Hey, Bull«, erklang eine Stimme.
Drei Menschen näherten sich ihm. Ein Mann und eine Frau von links, ein weiterer Mann von rechts. Sie trugen schreiend bunte Kleidung, die viel zu dünn für das kalte Wetter wirkte.
Thermokleidung, dachte Bull und zwang sich, aus seiner Gedankenversunkenheit aufzutauchen.
»Hey, Bull«, ertönte es noch mal. Die Stimme gehörte dem Einzelgänger auf der rechten Seite, der sich inzwischen bereits auf knapp drei Meter genähert hatte. Er war groß und hager und hatte eine Glatze. Seine Augen leuchteten unnatürlich, ein Effekt, der vermutlich durch spezielle Kontaktlinsen hervorgerufen wurde. »Oder soll ich sagen Gon-Shial? Guter Nachbar?«
Dann brach das Chaos um Bull los. Statt nur eines Miniaturroboters umschwirrten ihn plötzlich Dutzende. Sie waren winzig, daumennagelgroß, ein künstlicher Insektenschwarm. Sie sirrten hell, stürzten sich aus allen Richtungen auf ihn und gaben Leuchtblitze ab, bis sich Bull in einem Stroboskopgewitter wähnte.
Dazwischen immer wieder Rufe. Nun stimmten der Mann und die Frau ebenfalls ein. »Gon-Shial! Guter Nachbar!«
Ruhig bleiben!, ermahnte sich Bull. Was auch immer das soll, sie wollen mich nur verwirren.
Die Fremden setzten keine Waffen ein. Sie hatten nicht auf ihn geschossen, ihn nicht paralysiert. Es ging also offenbar weder um eine Entführung noch um Schlimmeres. Dennoch blieb Bull wachsam. Nicht so sehr wegen der aggressiven Lichter als vielmehr wegen der Worte, welche die Fremden riefen.
Gon-Shial, der Verkünder. Das war Bulls Rolle gewesen, als die Überschweren unter Leticron die Erde besetzt...




