E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Papathanasiou / Koch Steinigung
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-948392-89-5
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-948392-89-5
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Papathanasiou wurde in Nordgriechenland geboren und als Baby von einer australischen Familie adoptiert. Seine Texte wurden international veröffentlicht. Er hat einen MA in Creative Writing von der City University, London, und einen PhD in Biomedical Sciences von der Australian National University. Sein erstes Buch A Memoir Son of Mine wurde 2019 veröffentlicht. Ein zweites Buch mit George Manolis The Invisible erschien 2022.
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1
Die alte Ida Jones war auf dem Weg, um ihre Morgenzeitung aus dem Bündel zu stehlen, das vor dem Zeitungskiosk lag. Sie hatte ihr Taschenmesser dabei, mit dem sie geschickt die dicke Plastikumhüllung aufschlitzte und sich ihr tägliches Diebesgut holte. Eine angespitzte Kricketstange diente ihr als Gehhilfe und zur Abwehr lästiger Zwei- und Vierbeiner aus der umliegenden Wildnis.
Um sicherzugehen, dass sie keinem Streich aufsaß, stupste sie die Leiche zuerst mit der Kricketstange an. Sie hätte es schon an dem Schwarm Schmeißfliegen um den Kopf erkennen können, aber Idas Sehkraft ließ nach, und die Erfahrung hatte sie gelehrt, allem und jedem in Cobb zu misstrauen und sich immer selbst zu überzeugen. Reglose Körper frühmorgens auf Parkbänken oder unter Bäumen waren kein ungewöhnlicher Anblick. Aber gewöhnlich kam Schnarchen oder Stöhnen von diesen Körpern, egal, wie benebelt die Gehirne von Alkohol und Drogen waren, und sie waren nicht mit Klebeband an einen Baumstamm gefesselt und blutverkrustet.
Trotz der vielen Wunden erkannte Ida das Frauengesicht sofort. In einem so kleinen Ort kannte jeder jeden.
Ida lief so schnell nach Hause, wie es ihre arthritischen Beine und die Kricketstange zuließen. Von dort rief sie Sergeant Bill Fyfe auf dem Festnetz an, berichtete von ihrer grauenvollen Entdeckung, legte auf, öffnete ihr Adressbuch und begann erneut zu wählen.
• • •
»Scheiße«, war alles, was Fyfe herausbrachte, als er sich aus dem Bett wälzte und die müden Augen kaum aufbrachte. Seine Frau grunzte kurz und schlief sofort wieder ein.
Fyfe begriff schnell. Wenn die alte Ida etwas wusste, dann wusste es der ganze Ort, ihr Gerede verbreitete sich wie eine Infektion.
Er zog sich an und rief in der Polizeistation an, während er zur rostigen, windschiefen hinteren Fliegentür hinausging. Er war sich nicht sicher, ob jemand rangehen würde. Sein Team war oft nicht da.
In der Station sprang sofort der Anrufbeantworter an. Fluchend wählte Fyfe noch einmal. Er wollte schon auflegen, als er links in die Eyre Street abbog, und es mobil versuchen, auch wenn das mit dem Empfang in Cobb so eine Sache war, doch dann hob Sparrow ab.
»Was zum Teufel ist da los?«
Der Constable räusperte sich. »Sorry, Boss. Der alte Geoff war wieder da.«
»Nicht schon wieder wegen geklauten Hühnern …«
»Yair. Sie wissen doch, wie den das umtreibt.«
»Ja, aber wir haben keine Zeit zu verplempern. Ist noch wer da?«
»Nope. Die alte Nervensäge ist weg.«
»Ich hab uns gemeint. Die Polizei.«
»Nee, nur ich.«
»Dann sperr ab. Wir treffen uns in fünf Minuten am Oval. Bring das Equipment mit.«
»Was für Equipment? Meine Footballschuhe? Sollen wir ein bisschen kicken?«
Schweigen.
»Es gibt eine Leiche.«
Das Sportstadion tauchte auf. Fyfe parkte so nah wie möglich an dem Holzzaun und so gerade, wie sein restalkoholisierter Zustand es zuließ. Beim Aussteigen schob er sich die Sonnenbrille auf den kahlen Schädel und überblickte den Tatort. Abgesehen von einem keckernden Kookaburra in irgendeinem Baum schien das Oval leer. Fyfe sah den umgekippten Einkaufswagen im hohen Gras und eine Furche, die zum Oval führte. Er folgte ihr bis zu dem großen Eukalyptus, ohne in die frische Spur zu treten. Am Baum musste er eine größere Gruppe Kängurus verscheuchen, die sich dort versammelt hatten und am Boden schnüffelten. Sie wichen nur zögerlich zurück, so als wollten sie die Leiche beschützen. Etwa in einem Meter Höhe war ein großes Bowie-Messer in den Stamm gerammt worden, darauf steckte eine verdrehte Rolle Klebeband. Darum herum lagen blutige Steine in Größen zwischen Mandarine und Honigmelone. Der faulige Geruch war geradezu mit Händen zu greifen.
Fyfe wischte sich über die trockenen Lippen. Mit einem unguten Gefühl trat er näher, Furcht stieg in ihm auf wie eine Welle der Übelkeit. Er wappnete sich, als er ihren Kopf anhob.
»O nein, Molly. Fuck.«
Alles sah genauso aus, wie Ida es beschrieben hatte. Und diese Einzelheiten brachte sie gerade in Cobb in Umlauf, mit jedem Telefonat aufs Neue. Fyfe machte einen Schritt weg von der Leiche und den blutigen Klumpen auf dem Boden. Seufzend zog er seine Tabaksdose aus der Brusttasche und begann zu kauen.
Sparrow kam, die Hände in die Hüften gestemmt, eine unangezündete Kippe im Mund. Er blickte Fyfe in das inzwischen herzinfarktrote Gesicht. »O Gott«, sagte der junge Constable. »Was sollen denn die Steine? Wurde sie …?«
»Hast du vorhin nicht zugehört, Mann, oder bist du taub? Keine Zeit verplempern, hab ich gesagt. An die Arbeit, wir haben nicht den ganzen Tag.«
»Okay, okay, kriegen Sie sich wieder ein. Konnten Sie die Identität der Leiche schon feststellen?«
»Ich weiß, wer sie ist.«
Sparrow zog den Reißverschluss einer schwarzen Tasche auf und holte die Ausrüstung heraus.
Fyfe machte sich Notizen. »Krankenwagen?«, fragte er.
»In einer Stunde, ungefähr.«
»Eine Stunde …? Verdammt. Los, fang mit den Fotos an.«
Sparrow knipste wie ein Paparazzo, während Fyfe kaute, ausspuckte und kritzelte. Dabei blickte er immer wieder über seine Schulter und über das Oval hinaus. Bei dem kleinsten Geräusch spitzte er die Ohren, aber es war immer nur ein keckernder Kookaburra, der sich von oben herab über seine Bemühungen mokierte.
Ohne Vorwarnung begann Sparrow zu würgen.
Fyfe blickte von seinen Notizen auf und sah, dass der junge Constable vornübergebeugt dastand und hustete. »Alles okay?«
Sparrow spuckte aus, nickte, spuckte wieder aus. »Es ist der Anblick, nicht der Geruch. Das ist doch mittelalterlicher Scheiß.«
»Eher biblisch.«
»Boss, Sie denken doch nicht …?«
»Tja, wahrscheinlich. Aber jetzt nicht. Denken kommt später. Fertig?«
»Yair.« Sparrow schaltete die Kamera aus und ging noch einmal ausspuckend weg.
»Gut. Dann hol die Säcke.«
Der Constable holte zwei Müllsäcke aus der schwarzen Tasche und reichte einen dem Sergeant. Sie zogen die helllila Gummihandschuhe an und sammelten alle Steine und das Klebeband ein. Fyfe musste sich mit dem Fuß gegen den Stamm stemmen, um das Messer herauszuziehen.
»Okay, haben wir alles?«, schnaufte er. »Dann sehen wir zu, dass wir …«
Stimmen ließen Fyfe innehalten. Sie kamen von Norden und wurden beim Näherkommen lauter. Mit einer Handbewegung bedeutete er Sparrow, er solle sich darum kümmern.
Sparrow trottete los. Er bewegte sich so lautlos über die abgefallene Rinde zwischen den Eukalyptusbäumen, wie es schon seine Vorfahren getan hatten, bis er die Stelle erreichte, wo kein Bach mehr floss. Fyfe sah sich nach einer Sitzgelegenheit um. Weil er nichts Passendes entdeckte, ließ er sich ächzend auf dem trockenen Boden nieder. Er riss einen langen Grashalm ab und begann nachdenklich daran zu saugen, während er Hirtenmainas beobachtete, die im Schwarm durch das Oval streiften und als gefiederte Invasoren auf Ärger aus zu sein schienen. Weit oben am Himmel kreisten Gelbhaubenkakadus, die sich fast ohne einen Flügelschlag von der Morgenthermik tragen ließen. Die Sonne war mittlerweile unwirklich weiß, ihr frühmorgendlich gelbes Glimmen hatte alle Farbe verloren, als wäre sie verglüht. Das Thermometer kletterte minütlich weiter nach oben.
Sparrow kehrte zurück. »Nur paar Teenager.«
»Warte hier.« Fyfe erhob sich mit knackenden Kniegelenken. »Ich hol die Plane aus meinem Auto. Sag dem Krankenwagen ab.«
Mit einer großen blauen Plastikplane kam er zurück. Meist benutzte er sie, um darauf Betrunkene zu transportieren, die er am Straßenrand auflas. Erst vor einem Tag hatte er sie abgespült.
Behutsam schnitten Fyfe und Sparrow die Frau ab und ließen sie auf die ausgebreitete Plane gleiten. Sie anzuheben bereitete ihnen wenig Mühe, ihr schmaler schlanker Körper wog kaum mehr als die Plane selbst. Nachdem sie die Leiche auf die Ladefläche von Fyfes Allrader gelegt hatten, ging Sparrow zurück, um den Einkaufswagen zu holen.
»Wir treffen uns in der Station«, sagte Fyfe. »Schließ ab und tu nichts, klar? Absolut gar nichts. Warte, bis ich sie abgeliefert habe.«
Sparrow nickte. »Aber die Angehörigen informiere ich.«
»Yeah, das kannst du machen. Aber nur das.«
»Okay.« Sparrow wartete einen Moment, dann fügte er hinzu: »Das gibt Probleme, oder …?«
»Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.«
Fyfe fuhr zum Cobb Base...




