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Pappe | Was ist los mit Israel? | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Pappe Was ist los mit Israel?

Die zehn Hauptmythen des Zionismus
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8779-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die zehn Hauptmythen des Zionismus

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

ISBN: 978-3-6957-8779-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



WAS IST LOS MIT ISRAEL? Die zehn Hauptmythen des Zionismus

Prof. Ilan Pappe wurde 1954 in Haifa als Sohn deutscher Juden, die aus dem Nazireich geflüchtet waren, geboren. Er studierte in Jerusalem und promovierte in Oxford. Er war Leiter des Friedensforschungsinstitut Giat HAviva und lehrte bis Anfang 2007 politische Wissenschaften an der Universität Haifa. Pappe geriet fachlich und politisch wiederholt in Konflikt mt der Universitätsleitung, bis er schließlich die Hochschule mit der Begründung verließ, es sei zunehmend schwierig mit seinen unwillkommenen Meinungen und Überzeugung in Israel zu leben und zu lehren. Er zog nach Großbritannien, wo er eine Professur für Geschichte an der Universität Exeter innehat. Er ist Direktor des Zentrums für Palästina-Studien, dem European Centre for Palestine Studies.
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Teil Eins: Die Täuschungen der Vergangenheit



Beginnen wir mit einem Zitat der offiziellen Website des israelischen Außenministeriums zur Geschichte Palästinas zwischen dem Jahr 1.500 und heute:

Nach der osmanischen Eroberung 1517 wurde das Land in vier Bezirke aufgeteilt, die der Provinz Damaskus zugeschlagen und von Istanbul aus regiert wurden. Zu Beginn der osmanischen Ära lebten dort etwa 1.000 jüdische Familien, hauptsächlich in Jerusalem, Nablus (Schechem), Hebron, Gaza, Safet (Tzfad) und den Dörfern Galiläas. Die Gemeinde bestand aus Nachkommen der Juden, die immer im Land gelebt hatten, und aus Einwanderern aus Nordafrika und Europa. Bis zum Tod Sultan Suleimans des Prächtigen (1566) sorgte ein geordnetes Staatswesen für verbesserte Bedingungen für eine jüdische Einwanderung. Einige der Neuankömmlinge siedelten sich in Jerusalem an, aber die Mehrheit ging nach Safed. Dort war die jüdische Bevölkerung bis Ende des 16. Jahrhunderts auf etwa 10.000 angestiegen, und die Stadt hatte sich in ein blühendes Zentrum der Textilindustrie verwandelt.1

Diese Darstellung erweckt den Anschein, als sei Palästina im 16. Jahrhundert in erster Linie jüdisch gewesen und sein Leben habe sich in städtischen jüdischen Gemeinden konzentriert. Was geschah in den Jahrhunderten danach? Lesen wir weiter:

Der allmähliche Niedergang der osmanischen Herrschaft führte dazu, dass das Land immer mehr vernachlässigt wurde. Ende des 18. Jahrhunderts gehörte ein Großteil des Landes abwesenden Grundherren und wurde von verarmten Pachtbauern bestellt, deren Besteuerung ebenso drückend wie willkürlich war. Die großen Wälder Galiläas und des Carmel-Gebirges hatten kaum noch Baumbestand, während sich auf dem Agrarland Sümpfe und Wüsten ausbreiteten.2

In diesem Bild ist Palästina vor der Ankunft des Zionismus nur eine Wüste, in der Bauern, die dort eigentlich nichts zu suchen haben, Land bestellen, das ihnen gar nicht gehört. Palästina war offenbar eine Art Insel, die von den Osmanen von außen regiert wurde, eine beträchtliche jüdische Bevölkerung hatte und unter intensiven osmanischen Abholzungsprojekten litt. Mit jedem Jahr wurde es unfruchtbarer und glich mehr einer Wüste. Ein derartig erfundenes Bild dürfte für den offiziellen Internetauftritt eines modernen Landes wohl beispiellos sein. Besonders bemerkenswert daran finde ich, dass die Autoren dieser Passage sich für diese historische Darstellung durchaus nicht auf die israelische Geschichtswissenschaft stützen konnten. Kaum ein israelischer Wissenschaftler würde die Gültigkeit dieser Beschreibung akzeptieren oder die Darstellung auf der Website in dieser Form bestätigen. Und nicht wenige israelische Historiker haben im Lauf der Jahre erfolgreich die Fehler dieser Geschichtsversion aufgezeigt. Ihre Forschung hat demonstriert, dass Palästina im Lauf vieler Jahrhunderte eine sich immer weiter entwickelnde, blühende arabische – und größtenteils muslimische – Gesellschaft war, die ländlich geprägt war, aber ein sehr lebendiges städtisches Zentrum besaß.

Umso bemerkenswerter ist es, dass sowohl das israelische Schulkurrikulum als auch die israelischen Medien – ebenso wie einige prominente Wissenschaftler – diesen Mythos weiter propagieren. Außerhalb Israels ist diese These einer leeren, unfruchtbaren Wüste, die vor der Ankunft des Zionismus in Palästina geherrscht habe, in Ländern wie Deutschland immer noch sehr populär, weshalb es sich lohnt, näher auf sie einzugehen.

Tatsächlich war Palästina eine Gesellschaft wie alle anderen benachbarten arabischen Gesellschaften und unterschied sich nicht von den restlichen Ländern des östlichen Mittelmeers, die stärker als andere in Kontakt mit anderen Kulturen standen und daher rasch einen modernen und nationalen Charakter annahmen. Sie befanden sich alle unter osmanischer Herrschaft und waren Teil des Reiches. Aufgrund der Aktivitäten energischer lokaler Regenten wie Daher al-Umar (1690-1775), der die Städte Haifa, Shefamru Tiberias und Akko erneuerte und sie mit neuem Leben erfüllte, hatte Palästina schon lange vor der Ankunft der zionistischen Bewegung begonnen, sich zu entwickeln und zu verändern. Den Küstenregionen ging es aufgrund ihrer Handelsbeziehungen mit Europa sehr gut, während die Ebenen im Inneren in regem Austausch mit dem benachbarten Hinterland standen. Palästina war alles andere als ein Sumpf, sondern ein blühender Teil des (des Landes im Norden), das heißt, der Levante dieser Zeit.3

Dieses Land stellte vor der Ankunft der Zionisten mit einer ertragreichen Landwirtschaft, kleinen Ortschaften und historischen Städten für eine Bevölkerung von einer halben Million Menschen die Heimat dar. Für das ausgehende 19. Jahrhunderts war die Zahl der Einwohner dort groß, wenn nicht sogar beträchtlich. Sie bestand vorwiegend aus sunnitischen Muslimen, einer nicht unerheblichen christlichen Gemeinde und einem sehr kleinen jüdischen Bevölkerungsanteil von weniger als zehn Prozent, der die von der zionistischen Bewegung verbreiteten Ideen größtenteils ablehnte. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte in Dörfern, von denen es etwa tausend gab, aber an der Küste, auf den Ebenen abseits des Mittelmeers und in den Bergen gab es auch eine erfolgreiche städtische Elite. Damals bezeichnete „Palästina“ in erster Linie eine geografische und kulturelle und keine politische Einheit. Aber wo dieses Land sich befand, war den Menschen dort sehr klar, und so kam es, dass man schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine Zeitung namens „Filastin“ abonnieren konnte, deren Name schlicht das Wort war, das die Menschen zur Bezeichnung ihres Landes gebrauchten.4 Sie sprachen ihren eigenen Dialekt, sie hatten ihre eigenen Bräuche und Rituale und wurden auf Landkarten der Welt als Bewohner eines Landes namens Palästina bezeichnet.

Im 19. Jahrhunderts wurde Palästina ebenso wie die Nachbargebiete aufgrund von durch Istanbul initiierten Verwaltungsreformen zu einer klarer umrissenen geopolitischen Einheit. Wie in anderen Ländern der Region begann die dortige Elite, sich Gedanken über Nationalismus und Selbstbestimmung zu machen. Ursprünglich war die Idee, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit in einem vereinten Syrien oder sogar (nach dem Muster der Vereinigten Staaten) einer vereinten arabischen Welt anzustreben. Dieser panarabische nationale Ansatz heißt auf Arabisch und war in Palästina und im Rest der arabischen Welt populär, solange die Hoffnung auf eine vereinte arabische Republik oder auch nur auf ein vereintes Großsyrien bestand. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs, vor allem aber nach dem Krieg, als die Region durch die kolonialen Besatzungsmächte England und Frankreich aufgeteilt wurde, entwickelte sich eine neue Haltung, nämlich eine eher lokal orientierte Art von Nationalismus. In ihrem berühmten, oder besser gesagt, berüchtigten Sykes-Picot-Abkommen von 1916 teilten die beiden Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich das Gebiet in neue Nationalstaaten auf, und in diesen neuen Staaten, zu denen auch Palästina gehörte, entwickelte sich ein Nationalismus mit stärkerem lokalem Bezug, der im Arabischen als bezeichnet wird. Unabhängig von diesen Facetten hätte sich Palästina genau wie Jordanien und Syrien ohne den Zionismus zu einem unabhängigen arabischen Staat entwickelt.5

Ohne das Auftauchen des Zionismus hätte Palästina wahrscheinlich denselben Weg eingeschlagen wie der Libanon, Jordanien oder Syrien und denselben Modernisierungs- und Wachstumsprozess erlebt wie diese Länder. Gerade aufgrund der osmanischen Politik Ende des 19. Jahrhunderts hätte das Land zu einem klar definierten politischen Raum werden können. In den 1870er Jahren schuf die osmanische Regierung durch die Gründung des Sandschaks (d.h. der Verwaltungsprovinz) Jerusalem 1872 zum ersten Mal einen zusammenhängenden geopolitischen Raum in Palästina. Einen kurzen Augenblick lang spielten die herrschenden Mächte in Istanbul mit der Möglichkeit, dem Sandschak, der einen Großteil des heutigen Palästina umfasste, die Unterprovinzen Nablus und Akko hinzuzufügen. Wäre dies geschehen, hätten sie damit eine geografische Einheit geschaffen, in der, genau wie es in Ägypten geschah, auch damals schon ein eigenständiger Nationalismus hätte entstehen können.6

Doch trotz seiner administrativen Teilung in einen von Beirut aus regierten Norden und einen von Jerusalem aus regierten Süden wurde Palästina als Ganzes 1872 aus seinem vorherigen peripheren Status, in dem es in kleine regionale Unterprovinzen aufgeteilt war, herausgehoben. Und mit Beginn der britischen Herrschaft wurden Norden und Süden 1918 zu einer Einheit. Ganz ähnlich – und im selben Jahr – schufen die Briten die Grundlage für den modernen Irak, indem sie die drei osmanischen Provinzen Mosul, Bagdad und Basra zu einem...



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