E-Book, Deutsch, Band 3, 482 Seiten
Reihe: Orange County Morde
Parker Nachtspur
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-852-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman | Orange County Morde 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 482 Seiten
Reihe: Orange County Morde
ISBN: 978-3-98952-852-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der amerikanische Bestsellerautor T. Jefferson Parker ist mit dem kalifornischen Setting seiner gefeierten Kriminalromane bestens vertraut: Er wurde in Los Angeles geboren und wohnt heute in San Diego. Seinen Abschluss machte er an der renommierten UC Irvine und anschließend arbeitete er fünf Jahre lang als Zeitungsreporter. In dieser Zeit entstand sein erster Roman, »Feuerkiller«, der 1987 von HBO verfilmt wurde und den Start seiner erfolgreichen Schriftstellerkarriere markiert. Es folgten über 28 Kriminalromane, zahlreiche Platzierungen auf Bestsellerlisten und mehrfache Auszeichnungen, u.a. mit dem Edgar Prize und dem Los Angeles Book Prize. Die Website des Autors: www.tjeffersonparker.com Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine »Orange County Morde«-Reihe sowie seine Standalones »Feuerkiller«, »Der stille Mann«, »Der Fall Rebecca«, »Hidden Enemy«, »Sister Case«, »Summer of Fear« und »Family Business«.
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Eins
Archie schaltete in den dritten Gang und legte seine Hand auf ihr Knie. Coast Highway, Richtung Süden. Der Mann im Mond fett und ganz nah, als neigte er den Kopf, um besser in das Cabrio hineinsehen zu können. Archie warf einen Blick nach oben, es war nicht zu erkennen, ob der Bursche lächelte oder die Stirn runzelte. Es war ihm auch egal, denn Gwens Haut fühlte sich warm an durch das Kleid, ein paar Grad wärmer als die Brise, die den Wagen durchströmte.
Er warf einen Blick auf den Tacho, dann schaute er sie an. Ihre Haare flatterten im Wind, und im roten Schein der Armaturenbrettbeleuchtung zeichneten sich die Umrisse ihres Gesichts ab. Sie lächelte ihn an, eine silbrige Sektflöte in der Hand.
Archie tat so, als hätte er sie nie zuvor gesehen. Tat so, als wollte er eigentlich etwas völlig anderes in Augenschein nehmen – etwa das Fischerboot weit draußen vor Crystal Cove in einer Pfütze aus weißem Licht –, nur um das Gefühl zu erleben, dass dieses Gwen-Geschöpf urplötzlich und wie ein Spezialeffekt in seinem Leben auftaucht. Und da war sie schon. Was hatte er für ein Glück!
Er schob den Saum ihres Kleids über die Knie und ließ seine Hand darunter gleiten. Sie lehnte sich ein wenig im Sitz zurück, er hörte, wie sie den Atem anhielt. Er schnupperte ihren Duft, vom Wind abgeschwächt, aber unverkennbar. Archie hatte eine gute Nase, und das, was sie ihm übermittelte, gefiel ihm. Gwens Geruch nach Milch und Orangenblüten war der Bass-Duft seines Lebens. All die anderen Duftnoten – der Küstensalbei und der Ozean, das Leder in seinem neuen Wagen – waren lediglich Begleitung.
Sie lächelte und warf den Plastiksektkelch in die Luft, der geräuschlos von der Nacht verschluckt wurde. Dann legte sie eine Hand auf seine, knöpfte das Baumwollkleid auf, bis es auseinanderfiel wie eine Tagesdecke, dabei fuhr sie mit einem Finger seinen Unterarm entlang bis zum Handgelenk.
»Noch ganz schön weit bis nach Hause, Archie.«
»Fünf lange Meilen.«
»Was für ein Abend. Es ist wunderbar, seine Freunde zusammenzubringen und zu sehen, dass sie sich verstehen.«
»Sie sind alle großartig. Priscilla hat eine Menge getrunken.«
»Deine Kollegen haben auch gut zugelangt. Danke, Archie. Das muss ein Vermögen gekostet haben.«
»Das war es mir wert. Schließlich wirst du nur einmal sechsundzwanzig. «
Gwens Locken flogen im Wind und sie zog seine Hand ein bisschen näher heran. Eine ganze Weile sagte sie nichts. »Sechsundzwanzig. Hab ich ein Glück. Liebst du mich auch noch, wenn ich sechsunddreißig bin? Und erst mit sechsundachtzig?«
»Klar doch.«
»Tut mir leid wegen vorhin.«
»Vergiss es einfach. Spielt keine Rolle. Meine verdammte Unbeherrschtheit.«
Sie lauschten dem Dröhnen des Motors, wussten, dass alles vergeben und vergessen war.
»Ich kann’s kaum erwarten, nach Hause zu kommen, Archie. Ich werde dich ordentlich rannehmen, schließlich ist heute mein Geburtstag. Ich hab doch noch Geburtstag, oder?«
»Noch ungefähr drei Minuten.«
»Hmmm. Dann fahr doch lieber rechts ran.«
Archie schaltete herunter und hielt Ausschau nach einer Abfahrt vom Highway. Es gab eine zum Strand, eine zum Campingplatz und eine weiter hinten am Getränkekiosk. Sie hatten sie alle schon ausprobiert. Es im Auto zu treiben, gehörte zu ihren heimlichen Vergnügungen. Dabei setzte sie sich mit dem Rücken zu ihm auf seinen Schoß. In der erhöhten Position wirkte sie wie eine Touristin, die nach irgendetwas Ausschau hielt, eine Hand auf der Armlehne, die andere auf das Armaturenbrett gestützt. Das Schöne an dem neuen Cabrio war, dass Archie abwechselnd Gwen und über ihren Kopf hinweg die Sterne betrachten konnte, während er seine Nase in ihrem Haar vergrub oder an ihrem Hals rieb und sich fragte, womit er sie eigentlich verdient hatte. Archie war zwar noch relativ jung, aber mit seinen dreißig Jahren hatte er immerhin begriffen, dass er absolut nichts geleistet hatte, um so eine Frau zu verdienen. Er hatte Schwein gehabt, so einfach war das.
»Da ist die Abfahrt«, sagte sie.
»Ich liebe dich«, erwiderte er.
»Ich liebe dich, Archie. Du wirst immer zu mir gehören, nicht wahr?«
Archie gab ihr keine Antwort, denn er wusste, dass das nicht als Frage gemeint war. Er bremste und lenkte den Wagen vom Highway in die Dunkelheit.
Vier Stunden später wurde Deputy Wildcraft durch ein lautes Geräusch im Wohnzimmer aus dem Schlaf gerissen.
Gwen hatte nichts davon mitbekommen, und Archie legte ihr eine Hand auf den Mund, als er sie weckte. Ihre Augen weiteten sich, als er ihr ins Ohr flüsterte, was er gehört hatte. Er schob sie aus dem Bett in Richtung Badezimmer, denn er hatte ihr immer eingeschärft, sich bei Gefahr dort zu verschanzen. Archie lauschte angestrengt in die Dunkelheit, doch es war nichts zu hören, weder im Wohnzimmer noch sonst wo im Haus.
Er sah zu, wie Gwen ihren neuen roten Bademantel vom Boden aufhob und leise im Bad verschwand. Archie holte seinen 9-mm-Selbstlader unter dem Bett hervor und legte ihn auf das Kissen. Er zog sich seine Unterhose an – Boxershorts mit der Aufschrift: »Viel Glück zum Geburtstag, ich gehöre dir« und einer neckischen roten Schleife über dem Eingriff. Gwen hatte sich darüber kaputtgelacht. Er auch, und dann hatten sie sich noch einmal geliebt und waren verschwitzt in den zerwühlten Laken eingeschlafen.
Er schlüpfte in seinen Bademantel und nahm die Waffe in die Hand. Unter der Badezimmertür war ein schmaler Lichtstreifen zu sehen. Archie öffnete die Tür, drückte Gwen das Telefon in die Hand und flüsterte: Keine Sorge, wenn das ein Einbrecher ist, hat er sich das falsche Haus ausgesucht, vielleicht wars ja auch nur ein Vogel, der gegen die Scheibe geflogen ist, falls was schief geht, ruf 911 an, aber zuerst will ich mich umsehen.
Ich ruf lieber sofort an, Archie.
Erst wenn ich’s dir sage. Mach das Licht aus, die Zweiundzwanziger liegt unter dem Waschbecken, das Magazin ist voll und eine Kugel ist im Lauf, die Entsicherung ist neben dem Abzugshahn, drück drauf, bis das Rote zum Vorschein kommt.
Sei vorsichtig.
Ich pass schon auf.
Archie nahm die Taschenlampe und trat in den Flur. Auf dem Teppichboden machten seine nackten Füße kaum ein Geräusch. Am Ende des Flurs neben dem Eingang zum Wohnzimmer befand sich ein Lichtschalter. Er schaltete das Licht ein, blieb in der Tür stehen und suchte über seine Automatik hinweg den Raum ab – von rechts nach links und wieder zurück: Wand, Sofa, die Jalousie mit einem großen Loch in der Mitte, Sessel, Wand mit Gemälde, Gwens Geburtstagsgeschenke auf dem Boden.
Er warf einen Blick auf den großen Stein, der mitten im Zimmer auf dem Teppichboden lag. So groß wie eine Pampelmuse. Er sah die Glasscherben, die neben der gläsernen Schiebetür funkelten. Sah, wo die hölzerne Jalousie gesplittert war, die der Stein durchschlagen hatte. Er löschte das Licht und lauschte. Der Kühlschrank brummte und in der Ferne war Straßenverkehr zu hören.
Archie schlich in die Küche und schaltete auch hier das Licht ein. Alles war unverändert, auch die Sitzecke mit dem Fernseher und dem Kamin, nur die Digitaluhr des Videorekorders leuchtete. 4:28 Uhr.
Er sah in der Toilette und im Wäscheraum nach. Ging zurück ins Wohnzimmer und richtete den Strahl der Taschenlampe auf den Stein. Wie ein abgerundeter Würfel, rot und glatt, durchzogen von transparenten Marmorschichten, die aussahen wie Fett. Gneis, dachte Archie, mit Quarzadern. Nichts Besonderes.
Er fragte sich, wer so etwas Kindisches und Vandalisches getan haben mochte. Wahrscheinlich irgendwelche Jugendlichen, die keinen Schimmer hatten, wer hier überhaupt wohnte, die einfach irgendwas zerstören, ihr Werk auf Video aufzeichnen und anschließend damit angeben wollten. Oder vielleicht irgendein Ganove, den er im Gefängnis von Orange County ein bisschen zu hart angepackt hatte, als er vor acht Jahren in den Polizeidienst eingetreten war. Polizisten machten sich täglich Feinde, Archie war da keine Ausnahme. Sie fielen ihm alle ein, aber niemand im Besonderen. Die Jungs im Labor würden den Stein auf Fingerabdrücke untersuchen.
All das raste Archie durch den Kopf, als er die Haustür entriegelte, hinausschlüpfte und die Tür leise wieder hinter sich schloss.
Der Mond war verschwunden. Archie schaltete seine Taschenlampe ein und suchte die Veranda und die Büsche ab. Ein plötzliches Geräusch im Laub ließ Archie zusammenzucken – ein Kaninchen. Er ging weiter bis zum Gartenweg, der von chinesischen Flammenbäumen, gelbem Hibiskus und Strelitzien gesäumt wurde. Die herunterhängenden Zweige der Flammenbäume bildeten einen Tunnel. Archie folgte dem Weg bis hinter das Haus, die Taschenlampe in der linken Hand, die Neunmillimeter in der rechten.
Dann weiter um den Swimmingpool herum. Die Wasseroberfläche glänzte wie ein Spiegel, und zum millionsten Mal sagte sich Archie, in was für einem wunderschönen Haus sie jetzt lebten, das groß war, aber voller Charme, auf einem doppelten Baugrundstück in den Hügeln mit diesem Pool und einer Garage für drei Autos und fünfzehn Meter...




