E-Book, Deutsch, 603 Seiten
Parker Sister Case
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-69076-041-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman | Noir-Spannung vom amerikanischen Bestsellerautor
E-Book, Deutsch, 603 Seiten
ISBN: 978-3-69076-041-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der amerikanische Bestsellerautor T. Jefferson Parker ist mit dem kalifornischen Setting seiner gefeierten Kriminalromane bestens vertraut: Er wurde in Los Angeles geboren und wohnt heute in San Diego. Seinen Abschluss machte er an der renommierten UC Irvine und anschließend arbeitete er fünf Jahre lang als Zeitungsreporter. In dieser Zeit entstand sein erster Roman, »Feuerkiller«, der 1987 von HBO verfilmt wurde und den Start seiner erfolgreichen Schriftstellerkarriere markiert. Es folgten über 28 Kriminalromane, zahlreiche Platzierungen auf Bestsellerlisten und mehrfache Auszeichnungen, u.a. mit dem Edgar Prize und dem Los Angeles Book Prize. Die Website des Autors: www.tjeffersonparker.com Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine »Orange County Morde«-Reihe sowie seine Standalones »Feuerkiller«, »Der stille Mann«, »Der Fall Rebecca«, »Hidden Enemy«, »Sister Case«, »Summer of Fear« und »Family Business«.
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Kapitel 1
Eigentlich dreht sich hier alles um den Pazifik. Auf lange Sicht läuft alles, das Land und die Leute hier, immer wieder auf ihn hinaus. Auf kurze Sicht allerdings kann eine Menge passieren.
Die Franziskaner haben die Indianer zugrunde gerichtet, die Mexikaner haben die Spanier davongejagt, bis schließlich die Angloamerikaner die Mexikaner hinauswarfen und die Stadt Newport Beach tauften. Schwimmbagger machten das Hafenbecken tiefer, und die Leute lebten vom Ozean. Es gab eine Fischereiflotte, eine gute Konservenfabrik und Männer und Frauen, die dort und auf den Trawlern arbeiteten. Es waren starke, unabhängige Menschen, ungebildet, aber nicht dumm.
Dann verschwand der Thunfisch, die Netze verfaulten, und die Fischer verfielen dem Suff und der Trägheit. Zwei Kriege kamen und gingen. Dann brachen die Touristen ein, John Wayne zog hierher, und die Preise für Grundstücke stiegen ins Unermeßliche. Jetzt gibt es in Newport Beach mehr Porsche-Automobile als in deren deutschem Vaterland und mehr Schönheitschirurgen als in Beverly Hills. Newport Beach ist genau so, wie man sich eine südkalifornische Stadt vorstellt. 66 453 Leute leben hier, und die meisten von ihnen sind, wie in jeder anderen Stadt auch, anständig.
Jim Weir wuchs auf Newports Balboa-Halbinsel auf, in einem Haus direkt an der Bucht, das seit neunzig Jahren seiner Familie gehörte. Der erste männliche Weir, der in die Neue Welt kam, war vor dem heutigen Provincetown von der MAYFLOWER ins Meer gefallen und ertrunken. Die Nachkommen seiner schwangeren Frau zogen mehr als zweihundert Jahre später, zur Zeit des Goldrausches, in den Westen. Jims Urgroßvater hatte auf der Thunfischflotte von Newport gearbeitet und war zufrieden gestorben, falls es so etwas überhaupt gibt. Sein Großvater hatte in denselben Gewässern gefischt, als sie noch fischreich waren. Doch bis der Erfolg der Familie Jims Mutter, Virginia, erreicht hatte, war er schon merklich bescheidener geworden. Virginia führte mit hartnäckiger Tüchtigkeit ein Café namens Poon’s Locker. »Poon« hatte Weirs Vater mit Spitznamen geheißen; er war vor zehn Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Jims älteren Bruder hatte ein nordvietnamesischer Heckenschütze in Nhuan Duc mitten durchs Herz geschossen. Seine Schwester Ann betrieb einen kleinen Kindergarten zwei Blocks vom Elternhaus der Weirs entfernt, und abends bediente sie in einer Bar.
Jim war Bergungstaucher von Beruf, davor hatte er zehn Jahre für den Sheriff gearbeitet: ein Jahr als Gefängnisaufseher, zwei als Streifenpolizist, fünf bei der Hafenpatrouille und zwei als Kriminaler. Danach hörte er auf, übernahm Bergungsaufträge in der Nähe und suchte nach einem englischen Piratensegler mit Namen BLACK PEARL , der im Jahre 1781 vor der Küste Mexikos von spanischen Kriegsschiffen versenkt worden war. Aber sosehr er auch suchte, bisher hatte Jim noch nicht einmal eine Spur des Wracks gesehen. Seitjim erwachsen war, hatte er fast immer an Bord der LADY LUCK auf dem Liegeplatz B – 420 im Hafen von Newport gelebt.
Von seinem Vater hatte er die buschigen Augenbrauen und schwarzen Haare geerbt, den humorlosen Gesichtsausdruck, eine kräftige Figur, der man es nicht ansah, daß Jim eine Menge Gewicht mit sich herumschleppte, und jene äußere Ruhe, die manche Leute fälschlicherweise als Trägheit interpretieren. Von seiner Mutter stammten die blauen Augen, seine großen Hände, die immer zehn Jahre älter als der Rest von ihm aussahen, und sein aufbrausendes Gemüt, das unter einer ruhigen Oberfläche lag. Wie viele gebürtige Kalifornier war er merkwürdig reserviert und pflegte die Art wissender Zurückhaltung, die die Leute von der Ostküste immer ein wenig amüsiert und die nichts mit der landläufigen Parodie von »Coolsein« zu tun hat. Wirklich cool zu sein bedeutet, ständig bereit zu sein. Jim war siebenunddreißig, kräftig gebaut, unverheiratet und hatte nicht immer einen Job. Was die wichtigen Dinge des Lebens betraf, wartete er immer noch auf den großen Durchbruch.
Er stand auf der Fähre, die über die Bucht von der BalboaInsel zur gleichnamigen Halbinsel glitt. Lichtreflexe zitterten auf dem schwarzen Wasser, und in der ganzen Bucht war das Klappern der Takelage von Segelbooten zu hören. Eine frische Maibrise wehte vom Meer herein und legte sich wie kalte Hände auf Jims Gesicht. Droben am Himmel schwirrte der Polizeihubschrauber von Newport Beach, bis er abdrehte und mit seinem Scheinwerfer woanders nach Verbrechern suchte. Jim sah hinüber zu den Häusern am jenseitigen Ufer, und fast hätte er vor sich hingelächelt: Tut verdammt gut, dachte er, wieder zu Hause zu sein.
Die vergangenen sechs Monate hatte Weir in Mexiko nach der BLACK PEARL getaucht, wobei er die letzten vierunddreißig Tage als Ehrengast der mexikanischen Polizei im Gefängnis von Zihuatanejo verbracht hatte. Jeden Tag in der Dämmerung, wenn er vom Krähen der Hähne in der stinkenden Dunkelheit aufwachte, hatte er mit dem Daumennagel einen Strich in die Zellenwand geritzt. Bei diesem Aufenthalt hatte Jim fünfzehn Pfund abgenommen, zweitausend Dollar Bargeld, seine hervorragende Bergungs- und Tauchausrüstung und sein Heim, die LADY LUCK verloren. Die Anklage gegen ihn war erlogen, hatte etwas mit Drogen zu tun und wurde aus Gründen, die man Weir nicht mitteilte, fallengelassen. Als ihn die Beamten der policia schließlich gehen ließen, besaß er noch seine Armbanduhr, die Kleider, in denen er verhaftet worden war, und ein Busticket nach San Diego. Die mexikanische Polizei galt noch nie als besonders menschenfreundlich.
Die Fähre ächzte, wurde langsamer und schmiegte sich an den Anlegesteg. Jim trat mit unsicheren Schritten an Land. Eine Diät aus Bohnen und schlechtem Wasser fordert auch von den stärksten Muskeln ihren Tribut. Jim ging den Bürgersteig entlang, schlängelte sich durch die Touristen und sog die salzige Luft, die sich mit den Abgasen der im Leerlauf auf die Fähre wartenden Autos und dem Geruch von Seetang vermischte, tief ein. Vom Vergnügungspark fiel rosarotes Licht auf den Gehsteig und irgendjemand schrie hoch oben auf dem Riesenrad. Die Touristenmädchen waren so hübsch wie immer. Wurden sie eigentlich immer jünger, oder täuschte er sich da? Er hörte die Tritte seiner Stiefel auf dem Pflaster, spürte, wie seine geschwächten Beine bei jedem Schritt zitterten, und abermals hätte er fast gelächelt: Mom war bestimmt im Whale’s Tale und trank ein Glas Wein, das Ann ihr serviert hatte. Wenn Raymond Nachtschicht hatte, ging er wahrscheinlich gerade Streife. Daheim, Mann, daheim!
Er hatte sich nicht geirrt. Seine Schwester stand in einem albernen Matrosenkleidchen, das ihre Beine voll zur Geltung brachte, an einem Fenstertisch und schwatzte mit Virginia. Seine Mutter trug eine blaßgelbe Windjacke, die zur Farbe ihrer Haare paßte. Ann drehte ihm den Rücken zu. Jim ging mit schnellen Schritten hinüber zu ihr, schlang seine Arme um ihre Hüften, steckte seine Nase tief in ihre hübschen blonden Locken und grunzte wie ein Schwein. Sie stieß ihm einen Ellenbogen in die Rippen, drehte sich um und drückte ihn fest an sich. Er legte einen Arm um sie und sah hinunter zu Virginia, die einen Schluck Wein trank und ihm ein warmes Lächeln schenkte.
Ann fuhr herum und drückte ihn in einen Stuhl an Virginias Tisch. »Wieso warst du zwei Monate fort, ohne wenigstens eine Postkarte zu schreiben? Hast du das Piratenwrack gefunden? Warum hast du nicht geschrieben? Mein Gott, du bist ja ganz mager. Bist du okay? Weiß Ray, daß du zurück bist?«
»Ja, nein, Gefängnis, ja, nein. Mann, habe ich einen Hunger!«
»Gefängnis? Mein Gott, Jim!« Ann legte ihm die Hand auf die Stirn wie eine Mutter, die sie nie sein würde. Jim sah die drei dunklen Punkte in der blauen Iris ihres linken Auges, die ihm immer wie Inseln im Meer erschienen waren. Ann war zwei Jahre älter als er, sah aber fünf Jahre jünger aus. Virginia legte eine ihrer großen, knochigen Hände an Jims Rippen. «Was ist passiert, Sohn?«
»Kann ich zuerst was zu essen haben?«
Anns Unterkiefer fiel in gespielter Entrüstung herunter. »Ich komme sechs Monate lang fast um vor Sorgen, und du willst was zu essen. Hier, iß das!« Sie wedelte ihm mit einer dunkelblauen Serviette vor dem Gesicht herum.
»Du bist ja ganz schön aufgekratzt!«
»Ach, bin ich das? Dann werde ich jetzt meiner Lebensaufgabe nachgehen und dir was zu essen besorgen.«
»Gut schaust du aus, Annie. Du hast ja richtig rote Bäckchen.« Jim kam es so vor, als hätte sie abgenommen und als wären die Ärgerfalten zwischen ihren Augen tiefer geworden, er sagte aber nichts.
»Ach, das ist nur mein Make-up. Aber trotzdem, danke für das Kompliment. Jetzt mußt du mich aber entschuldigen, die am Vierertisch in der Ecke geben keine Ruhe.«
Jim aß Muschelsuppe mit viel Brot, gegrillten Schwertfisch und zum Nachtisch Käsekuchen und trank dazu fast einen ganzen Liter roten Hauswein. Wann immer Ann Zeit hatte, an den Tisch zu kommen, berichtete er in Etappen von seinem unglücklichen mexikanischen Abenteuer. Daß man ihn am Abend seiner Festnahme verprügelt hatte, ließ er aus. Es hatte ihm damals zu weh getan, als daß er jetzt drüber sprechen konnte.
Weir hatte schon vor langer Zeit herausgefunden, daß Worte manche Dinge nur noch...




