Parks | Möge Gott dir vergeben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 430 Seiten

Parks Möge Gott dir vergeben

Kriminalroman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910918-27-6
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 430 Seiten

ISBN: 978-3-910918-27-6
Verlag: Polar Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Glasgow trauert. Im Mai 1974 sieht sich Detective Harry McCoy einer wütenden Menge vor dem Sheriff Court gegenüber. Ein Brandanschlag auf einen Friseursalon in Royston hat Frauen und Kinder das Leben gekostet. Als drei Jugendliche wegen des Verbrechens angeklagt werden, sind McCoy und seine Kollegen erleichtert, dass der Gefangenentransporter durchgekommen ist und seine Insassen abgeliefert hat. Auf dem Weg wieder nach draußen wird der Transporter jedoch gerammt und die drei in Handschellen gefesselten Jugendlichen in einem Auto entführt. Tage später wird die Leiche eines der Jugendlichen gefunden, an dessen verstümmeltem Körper ein Zettel klebt: 'Einer ist tot, zwei fehlen noch'. Ist es Selbstjustiz? Oder geht hier etwas anderes vor, vielleicht ein neuer Bandenkrieg? Während McCoy der Sache nachgeht, bekommt er einen weiteren Fall übertragen: einen offensichtlichen Selbstmord. Ally, ein Standbesitzer auf dem Paddy's Market, hatte so viel Angst, in seine Wohnung zu gehen, dass er sich in einem zwielichtigen Wohnheim für alleinstehende Männer versteckte. Es scheint, dass derjenige, der hinter ihm her war, ihn gefunden hat. McCoy hat seine wilde Kindheit in diesem Viertel verbracht. Diese Jahre verleihen ihm nun einen Einblick in die Seele von Royston. Er muss sich seiner eigenen Vergangenheit und den Menschen stellen, die ihn noch immer verfolgen, um zu verhindern, dass eine weitere Leiche in den Straßen gefunden wird. FINALIST: THE 2022 MCILVANNEY PRIZE FINALIST: GRAND PRIX DE LITTÉRATURE POLICIÈRE

Bevor er seine Karriere als Schriftsteller begann, war Alan Parks Creative Director bei London Records und Warner Music, wo er Künstler wie All Saints, New Order und The Streets vermarktete und betreute. Seine Liebe zur Musik spiegelt sich in seinen preisgekrönten Krimis wider, die von der Atmosphäre der 1970er Jahre durchdrungen sind. Parks wurde in Schottland geboren, erwarb einen M.A. in Moralphilosophie an der Universität von Glasgow und lebt dort.
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Eins


McCoy war kaum in der Wilson Street, da hörte er es schon. Das Geschrei. Das Hufeklappern der berittenen Polizei. Das Hupen der Autos. Und den Sprechchor, am Anfang noch leise, kaum wahrnehmbar, aber dann immer lauter, je näher er dem Gerichtsgebäude kam. Schließlich hörte er genau, was die Menge rief.

»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«

Er bog in die Brunswick Street ein und blieb wie angewurzelt stehen. Mindestens zweihundert Menschen drängten sich vor dem Eingang zum Sheriff Court. Der Verkehr staute sich in beide Richtungen, Taxifahrer lehnten sich weit aus den Fenstern, wollten sehen, was sich weiter vorne abspielte, die Motoren der Busse überhitzten und qualmten.

Nur Murray war nirgends zu entdecken. Die Menschenmenge hatte die Straße vollständig verstopft, aber McCoy musste trotzdem versuchen, irgendwie durchzukommen, vielleicht stand Murray ja auf der anderen Seite.

McCoy hielt Vorsicht für angebracht, rief daher verhalten mit den anderen »HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!« und schob sich durch die bunt zusammengewürfelte Menge, vorbei an Männern, Frauen und sogar kleinen Kindern. Einige hatten selbst gebastelte Transparente dabei oder hielten sich Schirme oder Regenmäntel über die Köpfe, alle Gesichter waren wutverzerrt.

Der Chor wurde immer ohrenbetäubender und die Menge wogte dem Eingang des Gerichtsgebäudes entgegen. McCoy wurde vom Strom mitgerissen, konnte nichts dagegen tun. Er klemmte zwischen einem Mann in Jeansjacke und mit Zapata-Schnurrbart und einer nicht mehr ganz jungen Frau, so wie man sie immer bei Boxkämpfen im Fernsehen in der ersten Reihe sitzen sah. Anscheinend war sie's gewohnt, nach Blut zu geifern.

Lediglich zwanzig Polizisten hielten die Masse vom Eingang fern, sie hatten mit untergehakten Armen eine Kette gebildet. Außerdem stellten sich zwei berittene Beamte der Menge in den Weg. McCoy sah einem in die Augen und wurde erkannt.

»Hier lang, Mr McCoy!«, schrie er. »Hier lang!«

McCoy kämpfte sich weiter, es gelang ihm, sich ganz nach vorn zu schieben und unter dem Arm eines uniformierten Kollegen durch zu ducken.

»Danke, Barr«, sagte er und klopfte dem Mann auf die Schulter. »Hast mir das Leben gerettet.«

Barr nickte und verzog das Gesicht, als ihm jemand mit einem Transparent die Mütze vom Kopf schlug. AUGE UM AUGE stand darauf.

»Verdammte Scheiße«, sagte McCoy. »Ihr braucht viel mehr Leute hier.«

»Was du nicht sagst«, erwiderte Barr. »Eigentlich sollten noch welche von Central kommen, aber bislang Fehlanzeige.«

»Hast du Murray gesehen?« McCoy musste schreien, der Sprechgesang hatte erneut angehoben.

»Goldbergs!«, presste Barr schnell noch hervor, dann wogte die Menge erneut gegen die Polizeikette.

McCoy sah die Straße entlang, entdeckte Murray im Schaffellmantel und mit Trilby am Hintereingang des Kaufhauses, wo er sich untergestellt hatte. Er sah McCoy direkt an, schüttelte den Kopf. McCoy konnte ihn nicht hören, aber möglich, dass Murray gerade »verdammten Kasper« geschimpft hatte.

McCoy eilte hinter der Polizeikette entlang, wich den auf der Wilson Street festsitzenden Autos aus und stellte sich zu Murray.

»Dachte, das musst du dir ansehen«, sagte dieser. »Um dich wieder in Stimmung zu bringen. Hätte nicht damit gerechnet, dass du dich mitten in die Scheiße reinziehen lässt.«

»Ich wusste nicht, wie ich da sonst durchkommen soll. Hab nicht kapiert, wie irre das ist. Ich dachte, die trampeln mich tot. Ihr braucht Verstärkung.«

»Ach was? Ich hab Faulds gerade Bescheid gegeben, er soll mehr Leute anfordern«, sagte Murray. »Aber danke für den Tipp.«

»Hast du so was schon mal gesehen?«, fragte McCoy und beobachtete, wie die Menge Anlauf nahm, um sich erneut gegen die Polizeikette zu werfen.

»Einmal«, sagte Murray und suchte in seinen Manteltaschen nach seiner Pfeife. »Peter Manuel, das war '58. Meine erste Woche im Polizeidienst. Ich hab versucht, die Kette zu halten, so wie die armen Schweine da drüben jetzt. Eine Frau hat mir ins Gesicht gespuckt. Keine Ahnung, was die dachte, was ich verbrochen hatte. Ich hatte niemanden ermordet.« Murray fand seine Pfeife, steckte sie sich in den Mund und sah McCoy an, wirkte aber nicht angetan. »Du siehst furchtbar aus.«

»Hättest mich mal vor drei Wochen sehen sollen«, sagte McCoy.

»Na endlich.« Murray zeigte über McCoys Kopf hinweg.

Der drehte sich um und sah einen blauen Polizeitransporter am Rand der Menge. Buhrufe und Pfiffe wurden laut, als ein Dutzend Polizisten ausstiegen und versuchten, sich einen Weg durch die Menge Richtung Eingang zu bahnen. Es gelang ihnen nicht. Die Menge ließ sie nicht durch, sie schwenkten ihre Transparente vor ihren Nasen. Zornige rote und schwarze Buchstaben auf Pappe gemalt. DENKT AN DIE MÄDCHEN IM SALON. KEINE GNADE FÜR KILLER!

Mehrere Frauen standen auf dem Gehweg, die Köpfe im Gebet gesenkt, Titelblätter auf Tafeln geklebt.

VIER TOTE IN FEUERHÖLLE

Ein Mann in einem farbbespritzten Overall kletterte auf einen Briefkasten und schrie, fuchtelte wie ein Orchesterdirigent mit den Händen.

»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«

Er wiederholte es so lange, bis die Menge einfiel und mit ihm zusammen brüllte.

»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«

Endlich gelang es den zusätzlichen Polizisten, sich durch die Menge zu schieben und eine weitere Kette hinter der ersten zu bilden. Eine doppelte Kette grimmig dreinblickender Polizisten mit untergehakten Armen, die Hälfte von ihnen hatten ihre Mützen im Gerangel verloren. Als der Gesang immer lauter wurde, flog eine Flasche durch die Luft, zerschellte vor den Füßen eines Polizisten. Ganz kurz war es, als würde die Menge Luft holen, dann setzte das Gejohle wieder ein. Eine weitere Flasche flog durch die Luft, dann noch eine. Vor der Polizeikette ging eine Frau zu Boden, fasste sich mit der Hand an den Hinterkopf, zwischen ihren Fingern lief Blut.

»Verdammt«, sagte McCoy. »Das gerät hier außer Kontrolle.«

Er drehte sich um, wollte Murray sagen, dass sie etwas unternehmen mussten, stellte aber fest, dass dieser bereits weitergegangen war und nun an der geöffneten Tür eines parkenden Polizeiwagens stand. Er beugte sich hinein, gab Hughie Faulds, der mit dem Funkgerät in der Hand auf der Fahrerseite saß, Anweisungen. McCoy sah Faulds nicken, dann in das Funkgerät sprechen. Er drehte sich zur Menge um und sah die verletzte Frau am Bordstein sitzen, ihr hellblauer Mantel war voller Blut. Ein Mädchen von sechs oder sieben Jahren stand daneben und heulte sich die Augen aus, ihr Transparent lag im Rinnstein.

»Verdammte Scheiße«, sagte Murray, der jetzt wieder neben ihm stand. »Haben die denn völlig den Verstand verloren?«

»Ich kapier's auch nicht«, sagte McCoy und sah, wie ein Mann mitten in der Menge seine kleine Tochter auf die Schultern nahm, damit sie besser sehen konnte. »Wieso haben die das gemacht? Wieso will jemand drei Frauen und zwei Kinder umbringen?«

Murray kaute auf dem Mundstück seiner kalten Pfeife, keine Chance, sie im Regen anzuzünden. »Einer ist vorbestraft, hat schon mal eine Garage und seine eigene Grundschule angezündet. Offensichtlich ist er pyroman veranlagt.«

»Und die anderen beiden?«, fragte McCoy. »Die auch?«

Murray schüttelte den Kopf. »Zwei gewöhnliche Jungs, Kleinganoven.«

»Und?«, fragte McCoy. »Heißt das, sie haben einfach nur mitgemacht und jetzt vier Menschen auf dem Gewissen?«

»HÄNGT SIE AUF! HÄNGT SIE AUF!«

Murray zeigte mit dem Mundstück seiner Pfeife auf die Menge, musste die Stimme heben. »Ich glaube nicht, dass das die Spaßvögel hier überhaupt interessiert. Die wollen Blut sehen.«

»Ich hab gehört, in der Tobago Street ist ein anonymer Hinweis eingegangen. Stimmt das?«

Murray nickte. »In so einem Fall wie diesem – wenn's um den Tod von Frauen und Kindern geht – wollen selbst die Verbrecher, dass er aufgeklärt wird, und zwar schnell. Da gibt's keinen Verbrecherkodex mehr, kannst du vergessen. Die haben den Hinweis bekommen, dass sich drei Typen in einer Wohnung in Roystonhill verstecken. Die haben sie auf die Wache geholt. Einer von denen hatte sogar noch die Quittung für das Benzin in der Hosentasche.« Murray sah zum Gerichtsgebäude. »Die verschwenden keine Zeit, heute wird schon Anklage erhoben.«

»Vorausgesetzt, die kommen überhaupt durch die Menge«, sagte McCoy, während die Streifenpolizisten eine weitere Woge abfingen. Unter einer Markise auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen ein paar Fotografen von Abendzeitungen, die er erkannte. Sie kauten mit gelangweilter Miene Kaugummi und warteten.

»Die hatten verdammtes Glück in der Tobago Street«, sagte McCoy. »Faulds ist der einzige gute Cop bei denen. Die anderen sind zu nichts zu gebrauchen. Ohne den Hinweis eines Zeugen hätten die so einen Fall niemals aufgeklärt.«

Murray steckte die Pfeife wieder ein. »Na ja, sieht aus, als wär's ab jetzt meine Aufgabe das zu ändern.«

McCoy sah ihn an. »Wie meinst du das?«

»Super Idee aus der Pitt Street. Die wollen, dass ich beide Wachen leite.«

»Und was hast du gesagt?«

»Was glaubst du wohl, was ich gesagt habe? Die Wache in der Tobago Street ist ein...



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