Parra | Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 768 Seiten

Parra Tagebuch einer jungen Dame, die sich langweilt

Roman
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-641-03722-2
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 768 Seiten

ISBN: 978-3-641-03722-2
Verlag: Manesse
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Unterhaltsame Satire auf die männerdominierte, dekadente Welt von Caracas

In Paris das freizügige, emanzipierte Leben, in Lateinamerika der vom Machismo geprägte Alltag: Die achtzehnjährige María Eugenia ist eine Frau zwischen zwei Welten. In Venezuela galt Teresa de la Parras Roman als skandalöser Angriff auf die patriarchalische Gesellschaft, ja als regelrechte Gefahr für junge Leserinnen, während er der Autorin in Spanien und Frankreich zum literarischen Durchbruch verhalf.

Als María Eugenia nach mehreren Jahren in Europa in ihre Heimatstadt Caracas zurückkehrt, sieht sie sich im Haus ihrer sittenstrengen Großmutter unversehens aller gewohnten Freiheiten beraubt. Ein Leben in eintöniger Abgeschiedenheit ist indessen ihre Sache nicht, und so setzt sie auf ihre in Europa erworbene Bildung, ihre äußeren Reize und die aus Paris mitgebrachten Kleider, um aus der traditionsverhafteten Enge auszubrechen.
Mit feinsinnigem Witz entwirft die Autorin ein Bild der gehobenen Gesellschaft von Caracas, die beharrlich an überholten Moralvorstellungen festhält. Unter dem amüsanten Plauderton zeichnet sich die Tragödie einer jungen Frau ab, über deren Leben der Familienrat entscheidet, ohne ihr ein Mitspracherecht einzuräumen.

Zum ersten Mal auf deutsch: das bewegende Porträt einer jungen Frau zwischen Europa und Lateinamerika.

Teresa de la Parra (1889–1936) wurde in Paris als Tochter eines venezolanischen Diplomaten geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zunächst auf einer Hazienda in Venezuela; als sie zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Spanien um. Ihr Leben lang pendelte Teresa de la Parra zwischen Europa und Lateinamerika, lebte in Caracas, in Paris und in Spanien und avancierte in den 1920er Jahren zu einer zentralen Gestalt der französischen und spanischen Literaturszene. Sie unternahm ausgedehnte Vortragsreisen vor allem nach Kuba und Kolumbien; in ihren Vorträgen und Essays beschäftigte sie sich mit der Rolle der Frau während der Kolonialzeit, dem Thema des criollismo und mit dem Leben Simón Bolívars. Sie veröffentlichte außerdem Tagebücher, Erzählungen und zwei Romane, «Ifigenia» (1924) und «Las memorias de Mamá Blanca» (1929).

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Weitere Infos & Material


Ein sehr langer Brief, in dem die Dinge gleichsam wie in einem Roman erzählt werden. Von María Eugenia Alonso an Cristina de Iturbe

Endlich schreibe ich Dir, liebe Cristina! Was magst Du wohl von mir gedacht haben? Ich kann mich noch entsinnen, wie ich Dich auf dem Biarritzer Bahnhof traurig und mit Unmengen von Paketen und Päckchen beladen ein letztes Mal in die Arme schloß und unter Seufzern zu Dir sagte: «Bis bald, bis sehr bald!»
Dabei hatte ich im Sinn, Dir von Paris aus einen langen Brief zu schreiben, den ich in Gedanken bereits zu formulieren begann. Doch seit jenem denkwürdigen Tag sind inzwischen gut vier Monate vergangen, und ich habe dir noch immer keine einzige Zeile geschrieben, nur ein paar Ansichtskarten.
Ich kann Dir schwer erklären, warum ich Dir weder aus Paris geschrieben habe noch später, als ich, sprühend vor Optimismus und ganz die elegante Pariserin, auf dem Dampfer in Richtung Venezuela unterwegs war. Hingegen weiß ich sehr genau, warum ich mich von meiner Heimatstadt Caracas aus noch nicht gemeldet habe, obwohl mir die Zeit hier unerträglich lang wird: Daran sind allein mein Stolz und mein Eigensinn schuld. Während mir nämlich eine kleine Schwindelei leicht über die Lippen kommt, fällt es mir schwer, sie zu Papier zu bringen. Ich wollte aber auch nicht, daß Du die Wahrheit erfährst, denn die fand ich allzu demütigend, und so habe ich es vorgezogen, ganz zu schweigen. Mittlerweile finde ich besagte Wahrheit jedoch nicht mehr peinlich, vielmehr mutet sie mich eher pittoresk, reichlich kurios und auch ein wenig mittelalterlich an. Und so habe ich beschlossen, Dir heute alles zu gestehen, laut und vernehmlich, mir alles von der Seele zu schreiben, falls Du denn den Ruf meiner Zeilen hören kannst: Ach, Cristina, Cristina, ich habe so schreckliche Langeweile...! Glaub mir, Du machst Dir keine Vorstellung, wie sehr ich mich schon seit einem Monat hier in Großmamas Haus langweile, wo ständig ein penetranter Geruch nach Jasmin, feuchter Erde, Kerzenwachs und Ettiman's Embrocation-Salbe in der Luft hängt. Nach Wachs riecht es wegen der beiden Kerzen, die Tante Clara Tag und Nacht vor einer Christusfigur brennen läßt. In ein dunkelviolettes Gewand gehüllt und knapp eine halbe Elle hoch, steckt diese in einer Glasphiole, wo sie schon mindestens seit Urgroßmutters Zeiten ihr Kreuz mit sich herumschleppt. Ettiman's Embrocation wiederum ist ein Mittel, mit dem Großmama, die an Rheumatismus leidet, sich allabendlich vor dem Schlafengehen einreibt. Der Duft nach Jasmin und feuchter Erde, bei weitem noch der angenehmste, zieht von dem großen, quadratischen
Eingangspatio herein, der überquillt von Rosen, Palmen, Farngewächsen und Geranien; doch beherrscht wird das Ganze von einem üppigen Jasminbusch, der sich, dicht und grün, in einer Gitterlaube aufplustert, von Blüten übersät wie ein Himmel voller Sterne. Aber, herrje, diese ganzen Gerüche, ob jeder für sich oder alle zusammen, ekeln mich an, während ich nichts weiter tue, als Großmama und Tante Clara bei der Näharbeit zuzusehen oder ihrem Geplauder zu lauschen. Nur aus Höflichkeit und Rücksichtnahme lasse ich mir meine Langeweile vor ihnen nicht anmerken, beteilige mich an den Gesprächen, lache oder widme mich unserem wolligen Schoßhündchen Chispita, dem ich kleine Kunststückchen beibringe. Inzwischen hört Chispita bereits auf «Sitz!» und legt dabei grazil die Vorderbeinchen übereinander, ja, ich bilde mir sogar ein, daß sie sich hier, wo man uns beide gleichermaßen gefangenhält, mindestens ebenso langweilt wie ich und wie ich ständig von einem Leben in Freiheit träumt.
Wenn es darum geht, Stopf- oder Spitzenklöppelgarn auseinanderzuhalten, sind Großmama und Tante Clara unschlagbar, aber die Fähigkeit, hinter die Dinge zu schauen, zu erkennen, was sich hinter dem äußeren Schein verbirgt, geht ihnen völlig ab, weshalb sie auch nicht die leiseste Ahnung haben, wie sehr mir diese endlose, quälende Langeweile hier zu schaffen macht. Obendrein ist Großmama noch dieser völlig irrigen und längst überholten Vorstellung verhaftet, die da lautet: «Langeweile ist ein Zeichen mangelnder Intelligenz.»
Und da ich nicht hinter dem Berg halte mit Beweisen meines wachen Verstandes und dieser nun einmal nicht zu leugnen ist, zieht Großmama selbstverständlich den Schluß, daß ich mich amüsiere, und zwar entsprechend meinen Fähigkeiten, das heißt: aufs prächtigste und pausenlos. Ich lasse sie in dem Glauben.
Ach, Cristina, wie oft habe ich mir schon mitten in einem Anfall unerträglicher Langeweile gedacht: «Es wäre schön, wenn ich Cristina von meinem Kummer schreiben könnte; es würde mich unheimlich erleichtern!» Doch einen ganzen Monat lang hat mich mein Stolz ebenso gefangengehalten wie die vier alten Wände dieses Hauses. Ich wollte, daß Du Dir die herrlichsten Vorstellungen von meinem jetzigen Leben machtest, und so verharrte ich in meinem doppelten Gefängnis und schwieg.
Heute aber werde ich meinen falschen Stolz ablegen und Dir endlich schreiben; ich will nicht länger schweigen, zumal ich, wie gesagt, letzthin zu der Überzeugung gelangt bin, daß dieses Leben hinter Gittern für ein hübsches Ding wie mich gar nicht so schmachvoll ist; ja, es hat sogar einen Hauch von Romantik, wie die Märchen von gefangenen Prinzessinnen. Und, weißt Du, während ich hier vor dem leeren Blatt Papier sitze, bin ich auf einmal ganz begeistert, mir endlich einen Ruck gegeben zu haben, denn da ist so viel, so unendlich viel, wovon ich Dir zu erzählen habe, daß ich mir wünschen würde, «das Meer wäre aus Tinte und der Strand aus Papier», wie es in dem Lied heißt. Du weißt ja, Cristina, daß ich schon immer für Romane geschwärmt habe. So wie Du. Und inzwischen bezweifele ich nicht mehr, daß es unsere gemeinsame Liebe zum Theater und zur Literatur war, die uns während der Sommerferien so innig verbunden hat, ähnlich wie unser Lerneifer uns während des Schuljahrs zusammengeschweißt hat. Ich denke, wir waren nicht nur blitzgescheit, sondern auch reichlich romantisch und leider auch entsetzlich schüchtern. Ich habe viele Male darüber nachgedacht, woher unsere Schüchternheit rührte, und bin zu dem Schluß gekommen, daß sie nur konsequent war, so, wie wir aussahen, die Stirn breit und völlig nackt, nur umrahmt vom schwarzen Ansatz der ansonsten straff nach hinten gekämmten Haare, noch dazu, wo wir unser Spiegelbild ständig im Glas der Fenster oder Türen vor Augen hatten.


Parra, Teresa de la de la
Teresa de la Parra (1889–1936) wurde in Paris als Tochter eines venezolanischen Diplomaten geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zunächst auf einer Hazienda in Venezuela; als sie zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Spanien um. Ihr Leben lang pendelte Teresa de la Parra zwischen Europa und Lateinamerika, lebte in Caracas, in Paris und in Spanien und avancierte in den 1920er Jahren zu einer zentralen Gestalt der französischen und spanischen Literaturszene. Sie unternahm ausgedehnte Vortragsreisen vor allem nach Kuba und Kolumbien; in ihren Vorträgen und Essays beschäftigte sie sich mit der Rolle der Frau während der Kolonialzeit, dem Thema des criollismo und mit dem Leben Simón Bolívars. Sie veröffentlichte außerdem Tagebücher, Erzählungen und zwei Romane, «Ifigenia» (1924) und «Las memorias de Mamá Blanca» (1929).

Albath, Maike
Maike Albath, geboren 1967, ist promovierte Romanistin und Literaturkritikerin für den Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und RBB, für die NZZ, die Frankfurter Rundschau und die Süddeutsche Zeitung. 2002 erhielt sie den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, 2006 die Übersetzerbarke.



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