Parry | Lauf wie der Wind, Sky! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Parry Lauf wie der Wind, Sky!


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-649-64952-6
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-649-64952-6
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Meine erste Erinnerung ist das Geräusch von Wasser. Meine zweite: der Drang zu laufen.« Als das Hengstfohlen Sky geboren wird, lernt es als Erstes: Schnelligkeit ist Leben. Schnelligkeit ist die Stärke der Herde. Mit ihr zieht Sky durch die Prärie auf der Suche nach frischem Wasser und Weideland. Und auf der Flucht vor den Menschen, die immer tiefer in sein Heimatgebiet eindringen. Als heranwachsender Hengst muss Sky die Herde jedoch verlassen, denn die Ressourcen reichen nicht für alle. Und ein einsames Wildpferd lebt gefährlich: Sky wird gefangen und gezwungen, von nun an täglich weite Strecken unter einem Reiter zu laufen. Ist Schnelligkeit, seine große Stärke, jetzt noch sein Weg in die Freiheit? Ein anrührender neuer Roman über die Wunder der Natur von der 'Stimme der Wildnis' Rosanne Parry.

Rosanne Parry lebt mit ihrer Familie in einem alten Bauernhaus in Portland, Oregon, USA. Ihr Großvater wurde in Berlin geboren und emigrierte als Teenager nach Amerika. Rosanne Parry hat vier Kinder, manchmal auch einige Hühner und Kaninchen. Die mehrfach preisgekrönte Autorin schreibt ihre Bücher am liebsten in einem Baumhaus in ihrem verwilderten Garten.
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Virginia Range, Nevada, Herbst 1856

Heimatgewässer


Meine erste Erinnerung ist der Klang von Wasser. Die Wärme der Sonne. Der Geruch meiner Mutter. Die Berührung ihrer Zunge auf meiner Haut und der Horizont als großer Kreis rings um mich herum. Meine zweite Erinnerung ist der Drang zu laufen. Er ist urplötzlich da, noch bevor ich die Kraft habe, aufzustehen. Ich schüttle die Nässe aus meiner Mähne. Mutter leckt mich von den Ohren bis zu den Hufen ab. Der Wind trägt scharfe, frische und süße Gerüche heran: von Kiefern, Salbei und Wasser.

Die Pferde aus meiner Familie heben den Kopf. Drehen die Ohren in meine Richtung. Alle Tanten betrachten mich mit ihren dunkelbraunen Augen. Jede atmet meinen Geruch ein.

»Ist ein Kleiner«, sagt Gale, meine Tante.

Meine Tante Rain, die nach dem Regen heißt, schnuppert an meinen Beinen entlang, als ob sie nach mehr suchen würde. »Der wächst schon«, sagt sie entschieden.

Tante Gale, deren Name von Sturmböen stammt, stupst mit den Nüstern gegen die weißen Flecken in meinem kastanienbraunen Fell. »Wolkenzeichnung«, erklärt sie. »Wie bei unserem Hengst.«

»Möge er wachsen, um so ein Kämpfer zu werden wie der«, sagt Tante Rain.

»Wir werden dich Sky nennen, so wie der Himmel«, entscheidet Mutter.

Die Tanten drängen sich zusammen, um den Wind, der mich zittern lässt, abzuschirmen.

»Wir sind dein Schutz, solange du heranwächst«, erklärt mir Mutter.

»Bleib in unserer Nähe«, sagt Tante Rain.

»Wir werden nach allen Gefahren Ausschau halten«, meint Tante Gale.

Ich nehme den Geruch meiner Familie auf. Mutters kastanienglänzendes Fell. Das schimmernde schwarze von Tante Rain und den satten Duft nach Erde von Tante Gale.

Salbeibüsche beschatten meinen Liegeplatz.

Goldfarbene Grasbüschel biegen sich im Wind. Gelbe und braune Vögel huschen von Strauch zu Strauch. Ich blicke hinauf zu dem blauen Bogen des Himmels und den blassen Wolken, die ziehen, ziehen, ziehen. Und schon möchte ich rennen und jagen wie sie.

Mutter und meine Tanten grasen gemächlich.

Abreißen. Zubeißen.

Blick zum Himmel.

Schnuppern. Kauen.

Blick zum Horizont. Weiterkauen.

Umdrehen. Schnuppern. Hänge absuchen.

Abreißen. Zubeißen.

Unser Hengst – er heißt Thunder wie der Donner – steht oben auf dem Bergkamm, schwarzweiß gefleckt vor dem blauen Himmel. Er beobachtet, horcht, lauert auf Gefahr. Überall um ihn herum grasen Esel und weiter hinten das schlanke und scheue Rotwild. Vögel schießen herab. Ihre schrillen Stimmen trägt der Wind, doch sobald ein dunkler Schatten über den Boden jagt, sind alle stumm wie kleine braune Steine.

Ich entdecke einen silbernen Schimmer im Tal unter uns. Der Schimmer breitet sich aus wie das Netz einer Spinne.

»Deine Heimatgewässer«, erklärt mir Mutter und blickt über das weite Tal. »All deine Kraft kommt daher.«

Ich beobachte, wie Pferdeherden von dem Schimmer trinken. Auch Gabelböcke. Jede Menge Huscher zieht es zum Wasser, der große fängt Fische, die kleinen ducken sich im Gestrüpp. Kräftigere Tiere treten allein ans Wasser und Scharen von Schwimmvögeln verlassen ihre Teiche nie.

Mutter leckt mich erneut fest und gleichmäßig ab.

Ich entwirre meine Beine. Stemme die zwei vorderen fest in den Boden und drücke, bis sie sich gerade richten, dann setz ich mich auf. Eine blassgraue einjährige Stute tritt heran und schnuppert an mir. Sie stupst mich zum Spaß und ich kippe auf den Rücken. Wütend schnaube ich sie an und sie schnaubt zurück. Mit Mühe wälze ich mich wieder auf den Bauch und sie stößt mich gleich noch mal um.

»Storm«, sagt Tante Rain. »Sky ist gerade erst geboren. Gib ihm eine Chance.«

Storm ist schlaksig, mit langen Beinen, grau wie ein Mondstrahl und frech wie ein Blitz. »Erst die Hinterläufe«, sagt sie zu mir. »Jetzt mach schon!«

Sie springt davon, jagt um unsere Mütter herum und kommt zurück. Wie gern würde ich so herumrennen wie sie! Ich schüttle die kurze Mähne und probier es noch einmal. Ich drücke die Vorderläufe gerade und konzentriere mich dann auf die Hinterläufe.

Ich verbiege mich. Strecke mich. Drücke. Schwanke.

Mutter steht an meiner Seite und malmt unentwegt. Lässt mich selber herausfinden, wie das Aufstehen geht.

Storm hält eine einzige endlose Kette von Ratschlägen bereit.

»Drück weiter.«

»Nein.«

»Beide Beine.«

»Erst beugen, dann drücken.«

»So wird das nie was!«

»Los, noch mal.«

»Der kapiert’s nicht!«

Mutter steht ruhig und schweigend an meiner Seite.

Tante Rain klappt missbilligend ein Ohr in Storms Richtung.

Tante Gale presst ihre Lippen fest zusammen.

Storm schnaubt enttäuscht. Dann wendet sie sich ab und vergräbt ihren Kopf unter dem Bauch ihrer Mutter Rain. Plötzlich taucht ein wunderbar köstlicher Duft auf. Ich weiß nicht, was er bedeutet, doch ich will ihn!

Ein letztes Drücken mit den Hinterläufen, dann richte ich mich auf. Ich schwanke. Ich strecke die Beine weiter, um sie zu stabilisieren. Dann beuge ich die Vorderläufe, Hufe nach unten, und hole Luft.

Mein Kopf hebt sich, ist jetzt auf Höhe des Rumpfs. Die Beine zittern, aber sie stehen.

Ich schaue von Huf zu Huf und kann kaum glauben, dass sie mich tragen. Der Wind trocknet die feuchte Haut. Ich blinzle in den wehenden Staub. Tante Gale beobachtet mich genau. Stupst vorsichtig gegen meine Hüfte und Schulter. Ich versuche, stehen zu bleiben, doch ich schwanke schon bei der kleinsten Berührung.

»Bleib dicht an meiner Seite!«, befiehlt sie.

»Können wir nicht ausruhen? Nur einen Tag?«, sagt Tante Rain. »Ich höre keine Gefahr.«

»Die Heuler werden es riechen«, antwortet Tante Gale. Sie starrt ernst auf einen Haufen von etwas Dunkelrotem und Klebrigem am Boden hinter Mutter. »Sie werden kommen mit ihrem Gebell und Gejaul. Sie werden ihn jagen. Das weißt du genau.«

»Still«, sagt Mutter leise. Sie kommt näher. Ich lehne mich an sie, um mein Gleichgewicht zu halten. »Kein Grund, jetzt schon von Jägern zu reden.«

Ich weiß nicht, was jagen bedeutet, doch allein bei dem Laut erzittere ich.

Tante Gale und der Hengst bewegen sich weiter den Hang hinauf, von wo aus sie in alle Richtungen horchen können.

Ich schaue zu meinen Heimatgewässern hinab und dann weiter drüber hinaus, wo sich Berge und Himmel treffen – in einer frostweißen Linie zwischen dem Grau und dem Blau. Obwohl er weit, weit weg ist, spüre ich, wie mich der Horizont anzieht und nach mir ruft.

Ein harter Schrei ertönt. Der Schatten eines riesigen Vogels jagt über den Boden. Kleine Pfeifer, die am Gras nagen, verschwinden eilig in ihren Löchern. Ich ducke mich unter Mutters Bauch.

»Der Jagdvogel ist nicht hinter dir her«, sagt meine Mutter.

Mit einem Kopfschütteln vertreibe ich die Panik. Hunger. Ich habe so großen Hunger! Jetzt, wo ich stehe, ist der wunderbare Geruch noch näher. Ich schnuppere am Bauch meiner Mutter entlang und höre ihren Lebenspuls. Und dann finde ich, was ich suche – Milch. Besser als alles, was ich seitdem gefressen habe. Ich trinke, bis ich keinen einzigen Schluck mehr schaffe.

»Ich bin dein erstes Wasser«, sagt Mutter. »Und du wirst immer Kraft in mir finden.«

Ich sauge ihren Geruch ein, das Gefühl ihrer Haut, den Klang ihrer Stimme, und gleite zu Boden, um zu schlafen.

In meinen Träumen sehe ich den graublauen Horizont. In meinen Träumen kann ich ihm schon entgegenlaufen. In meinen Träumen höre ich den Ruf des Jagdvogels. Und dann bin ich wach. Hellwach. Blinzle. Mein Lebenspuls rast. Und ich weiß nicht, warum.

Der Wind trägt den Laut.

»Folgen!«, befiehlt meine Mutter.

Ich springe auf die Beine, gehe … trotte … lauf ihr im Mondlicht hinterher. Die Tanten und Storm laufen neben...


Rosanne Parry lebt mit ihrer Familie in einem alten Bauernhaus in Portland, Oregon, USA. Ihr Großvater wurde in Berlin geboren und emigrierte als Teenager nach Amerika. Rosanne Parry hat vier Kinder, manchmal auch einige Hühner und Kaninchen. Die mehrfach preisgekrönte Autorin schreibt ihre Bücher am liebsten in einem Baumhaus in ihrem verwilderten Garten.



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