Parzinger | Die Kinder des Prometheus | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 848 Seiten

Parzinger Die Kinder des Prometheus

Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift
4. Auflage 2015
ISBN: 978-3-406-66815-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift

E-Book, Deutsch, 848 Seiten

ISBN: 978-3-406-66815-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Geschichte des Menschen ist weit älter als die Erfindung der Schrift: Als der erste Frühmensch schöpferisch tätig wurde und einen Faustkeil formte, begann er zugleich seine Geschichte zu gestalten. Von diesem Zeitpunkt an nahm er unablässig Einfluss auf kulturhistorische und gesellschaftliche Verhältnisse und prägte die Lebensbedingungen während der nachfolgenden Jahrtausende. Hermann Parzinger führt mit seinem imposanten Werk den Leser durch die Welt unserer Vorfahren. Er beschreibt und erklärt die frühe Menschheitsgeschichte auf allen Kontinenten - von der Menschwerdung in Afrika bis zur Entstehung komplexer ackerbäuerlicher Gesellschaften an den Ufern von Euphrat und Tigris, von Nil und Gelbem Fluss. Dabei tritt immer wieder eine anthropologische Grundkonstante hervor: Das beständige Streben des Menschen nach Verbesserung seiner Lebensverhältnisse in einer sich wandelnden Umwelt war die Triebfeder seines kulturellen Fortschritts. Dies gilt bereits für die frühesten Hominiden, die zielgerichtet Steingeräte zur Zerteilung von Aas herstellten - ein erster Beweis ihres erwachenden Intellekts. Es gilt erst recht für den mit nochmals besserem Planungsvermögen ausgestatteten Homo erectus, der den Wandel vom Aasfresser zum Jäger vollzog und dem eine wahrhaft revolutionäre Innovation gelang - die Beherrschung des Feuers. Und es gilt in geradezu dramatischer Weise für den Homo sapiens, der den Sprung zu kultureller Modernität vollzog: Nicht nur verbreitete er bis um 13.000 v. Chr. das spezialisierte Wildbeutertum von Afrika aus über die ganze Welt. In seinem Erfindungsgeist übertraf er zudem alle seine Vorfahren - auch den Neandertaler, der als Erster das Jenseits entdeckte. Der Homo sapiens verhalf schließlich Kunst und Ritual zum Durchbruch, die uns mit wahrhaft monumentaler Wucht erstmals in dem 12.000 Jahre alten Heiligtum am Göbekli Tepe am Rande des Fruchtbaren Halbmonds begegnen. In dieser Weltregion gelingt bald darauf zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte der Schritt zur dauerhaften Sesshaftwerdung, die mit der Domestikation von Wildtieren und Wildgetreide einhergeht. Der Wildbeuter wird zum Bauern, der sich mit seinesgleichen in Dörfern zusammenschließt, die er das ganze Jahr über bewohnt. Vom Anwachsen der Siedlungen und der beginnenden sozialen Differenzierung der Bevölkerung bis zur Entstehung großer urbaner Zentren, deren Organisationsbedarf schließlich auch die Erfindung der Schrift notwendig macht, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. In dem spannenden Buch Hermann Parzingers verbinden sich die zahllosen kleinen Schritte unserer Vorfahren zu der eindrucksvollen Wegstrecke, die der Mensch durch Jahrmillionen seiner Entwicklung zurückgelegt hat - und mit der verglichen die Zeit der Schriftkultur nur als ein Wimpernschlag der Evolution erscheint.

Hermann Parzinger bekleidet seit 2008 das Amt des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zuvor war der habilitierte Prähistoriker 18 Jahre am Deutschen Archäologischen Institut tätig, von 2003 bis 2008 als dessen Präsident. Er hat eine Vielzahl von Ausgrabungen und Forschungsprojekten rund um den Globus durchgeführt und wurde mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet, darunter der Leibniz-Preis (1998) und die Aufnahme in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste (2012).
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Cover;1
2;Titel;3
3;Impressum;4
4;Widmung;5
5;Inhalt;7
6;Einführung;11
7;I Die Evolution des menschlichen Gehirns und ihre kulturellen Folgen;17
7.1;1 Mit Greifhänden und Geröllgeräten: frühe Hominiden in Afrika;19
7.2;2 Vom Aasfresser zum spezialisierten Jäger: der lange Weg des Homo erectus;26
7.3;3 Die Emanzipation von der Natur und die Entdeckung des Jenseits: der Neandertaler;41
8;II Der große Sprung zu kultureller Modernität;55
8.1;1 Der Homo sapiens erobert die Welt;57
8.2;2 Der moderne Mensch verändert Europa;60
8.3;3 Bilder und Symbole, Kommunikation und Rituale: die Eiszeitkunst;76
8.4;4 Von Afrika bis in den Pazifik;89
8.5;5 Über Beringia in die Neue Welt;96
8.6;6 Noch einmal: der große Sprung;104
9;III Vom Lagerplatz zur frühen Stadt in Vorderasien;110
9.1;1 Spezialisierte Wildbeuter der Levante nach dem Ende der Eiszeit;112
9.2;2 Erste Schritte zu bäuerlichem Leben im Fruchtbaren Halbmond;117
9.3;3 Kultplätze und Ritualfeste als Triebkräfte einer neuen Zeit;124
9.4;4 Frühe Großsiedlungen in Zentralanatolien;139
9.5;5 Anfänge der Stadtwerdung in Mesopotamien;153
10;IV Die Ausbreitung der sesshaften Lebensweise nach Europa;164
10.1;1 Ackerbauern und Viehzüchter zwischen Westanatolien und Griechenland;166
10.2;2 Der Sprung über den Bosporus;178
10.3;3 Frühbäuerliches Leben zwischen Schwarzem Meer und Karpatenbecken;186
10.4;4 Ortskonstanz, Innovationen und soziale Differenzierung in Südosteuropa;200
10.5;5 Von Zypern bis zum Atlantik: entlang der Küsten des Mittelmeers;210
11;V Kulturwandel zwischen Alpen und Ostsee;222
11.1;1 Spezialisierte Jäger und Sammler nach dem Ende der Eiszeit;224
11.2;2 Die Anfänge bäuerlichen Lebens in Mitteleuropa;231
11.3;3 Von Kleinbetrieben und Innovationen, Elitenbildung und Ahnenkult;252
11.4;4 Die Wiederentdeckung des Individuums: die europäischen Becherkulturen;265
12;VI Das Niltal vor der altägyptischen Zivilisation;270
12.1;1 Jäger und Sammler am Ende des Pleistozäns;272
12.2;2 Vom Wildbeuter zum Viehzüchter und Ackerbauern;278
12.3;3 Landwirtschaft, Fernkontakte und Herrschaftsbildung vor der Einigung Ägyptens;287
13;VII Klima und Kulturentwicklung in Sahara und Sahelzone;300
13.1;1 Klimawandel und Besiedlungsgeschichte nach dem Ende der Eiszeit;302
13.2;2 Frühe Rinderhirten in Gunsträumen der Ostsahara;305
13.3;3 Wildbeuter und die Anfänge der Landwirtschaft im Maghreb;317
13.4;4 Jäger, Sammler und Rinderhirten im Saharo-Sudanesischen Neolithikum;326
13.5;5 Von Ortsbindung und Zentralorten in der Sahelzone;335
14;VIII Retardierende Entwicklungen im subsaharischen Afrika;354
14.1;1 Wildbeuter, Viehzüchter und Waldlandbewirtschaftung in Westafrika;356
14.2;2 Aneignendes Wirtschaften in den tropischen Regenwäldern Zentralafrikas;364
14.3;3 Voreisenzeitliche Kulturverhältnisse in Ost- und Südafrika;368
15;IX Frühes Leben in den Steppen und Waldgebieten Eurasiens;380
15.1;1 Ackerbauern und Viehzüchtergesellschaften im Nordschwarzmeerraum;382
15.2;2 Wildbeuter des Waldneolithikums von der Wolga bis ins Ostseegebiet;398
15.3;3 Jäger, Fischer und Sammler in den Steppen und Wäldern Sibiriens;402
15.4;4 Metallverarbeitung und soziale Differenzierung zwischen Ural und Jenissei;417
16;X Kulturverhältnisse zwischen Kaukasus und Indischem Ozean;424
16.1;1 Frühe Ackerbaukulturen und die Anfänge der Metallurgie in Transkaukasien;426
16.2;2 Von der Sesshaftwerdung zu frühen urbanen Zentren in Iran und Zentralasien;435
16.3;3 Der indische Subkontinent zwischen früher Landwirtschaft und Hochkultur;449
17;XI Der Weg von früher Landwirtschaft zur Hochkultur in Ostasien;470
17.1;1 Am Gelben Fluss zwischen Hirsebauern und frühstädtischen Zentren;472
17.2;2 Wildbeuter und Schweinezüchter in Nordostchina und im Fernen Osten;481
17.3;3 Korea und Japan auf dem langen Weg zur Landwirtschaft;490
17.4;4 Reisbauern am Jangtse;503
17.5;5 Südchina und die Anfänge produzierenden Wirtschaftens in Südostasien;511
18;XII Die Inselwelt Ozeaniens und der australische Kontinent;520
18.1;1 Frühe Landwirtschaft und Umweltveränderungen in Papua-Neuguinea;522
18.2;2 Die Besiedlungs- und Kulturgeschichte der pazifischen Inseln;527
18.3;3 Australien und die isolierte Welt der Aborigines;541
19;XIII Nordamerika und seine Lebensformen zwischen Arktis und Wüsten;552
19.1;1 Überleben im arktischen und subarktischen Norden;554
19.2;2 Spezialisierte Jäger und Fischer an der pazifischen Nordwestküste;563
19.3;3 Die Bisonjäger der Great Plains;571
19.4;4 Komplexe Gesellschaften in den Eastern Woodlands;578
19.5;5 Zwischen Wüsten und Wäldern: Maisbauern im Südwesten;592
20;XIV Die Entstehung früher Hochkulturen in Mittelamerika;604
20.1;1 Dörfliches Leben und Wirtschaften in Mesoamerika;606
20.2;2 Die Anfänge der ersten Hochkulturen Mesoamerikas;620
20.3;3 Entwicklungen auf der zentralamerikanischen Landbrücke und in der Karibik;630
21;XV Vom Dorf zum Ritualzentrum: die frühen Zivilisationen Südamerikas;638
21.1;1 Landwirtschaft und erste Herrschaftsbildung im nördlichen Andenraum;640
21.2;2 Die Entstehung früher Hochkulturen im zentralen Andengebiet;651
21.3;3 Retardierende Entwicklungen im Umfeld der südlichen Anden;666
21.4;4 Wildbeuter und frühe Ackerbauern zwischen Orinoco und Guayana;674
21.5;5 Jäger, Sammler und erste Bauern im Amazonastiefland;679
21.6;6 Frühe Kulturentwicklungen zwischen Bergländern, Küsten und Pampas;685
22;XVI Vergleichende Schlussbetrachtungen;694
22.1;1 Der Weg zum denkenden Wesen und die ersten Innovationen der Menschheit;697
22.2;2 Vom Wildbeuter zum Landwirt oder: der fundamentale Wandel im Verhältnis zur Natur;703
22.3;3 Vom Regelungsbedarf der Siedelverbände zur Entstehung komplexer Gesellschaften;719
23;Anhang;732
23.1;Literatur;734
23.2;Bildnachweis;821
23.3;Register geographischer Begriffe;827
23.4;Register archäologischer Kulturen;843
24;Zum Buch;849
25;Über den Autor;849


1
Mit Greifhänden und Geröllgeräten: frühe Hominiden in Afrika


Die Geschichte vom Werden des modernen Menschen ist noch nicht zu Ende geschrieben. Immer wieder wartet die Wissenschaft mit überraschenden Neufunden auf, die es erlauben, die verschlungenen Wege der Familie der Menschenaffen, der sogenannten , bis zum noch genauer nachzuzeichnen. Wichtige Erkenntnisse bringen in diesem Zusammenhang inzwischen auch paläogenetische Untersuchungen an alter DNA. Der Werdegang des Menschen erscheint dadurch jedoch nicht immer nur klarer, sondern eher noch komplexer und verworrener. Die Forschung wird auf diesem Feld also noch viel zu leisten haben, ehe sicheres Terrain erreicht ist. Wir wissen, dass unser Genom zu 95 Prozent mit dem des Schimpansen übereinstimmt; das heißt zwar nicht, dass der Mensch vom Schimpansen abstammt, es bedeutet aber, dass es gemeinsame Vorfahren gegeben haben muss – irgendwo und irgendwann in ferner Vergangenheit vor 10 bis 5 Millionen Jahren.

Der

Der Mensch konnte zum Menschen werden, weil seine Vorfahren zum aufrechten Gang fanden, während sich gleichzeitig das Hirnvolumen vergrößerte und der Gesichtsschädel flacher wurde. All dies kennzeichnet den nur in Afrika verbreiteten , dessen erstes Auftreten man derzeit vor etwa 7 Millionen Jahren datiert (Abb. 1; Karte 1). Erste Funde kamen im Becken des Tschadsees zum Vorschein, etwas jüngere Funde aus dem südafrikanischen Taung sind 5 Millionen Jahre alt. Ob alle Arten von Australopithecinen von Anfang an bereits den aufrechten Gang beherrschten, gilt inzwischen als unsicher. Gerade die frühesten Vertreter des vor über 3 Millionen Jahren hatten möglicherweise auch eine Fortbewegung ganz eigener Art. Ihr Lebensraum dürfte aus lichten Wäldern bestanden haben, wo sie anfangs höchstwahrscheinlich die Lebensweise der Menschenaffen noch beibehalten hatten. Sie hielten sich häufig auf Bäumen auf, insbesondere zum Schlafen, vermochten aber bereits, gelegentlich aufrecht auf dem Boden zu gehen – eine Fortbewegungsart, die sie in der Folgezeit immer weiter entwickelten.

Aufrechter Gang und Greifhand

Der aufrechte Gang selbst ist jedoch keine Leistung des Menschseins, sondern stellt eine wichtige Voraussetzung dafür dar. Aufrechter Gang und die vielfältig einsetzbare Greifhand gehören zunächst einmal zum tierischen Erbe des Menschen. Mit dem aufrechten Gang kam den Händen plötzlich eine ganz neue Bedeutung zu. Sie wurden immer sensibler. Aus der Greifhand wurde ein Organ des Verstehens, indem sich das sprichwörtliche Fingerspitzengefühl entwickelte. Diese enge Verbindung von Hand und Verstand wird noch heute in unserem Alltag durch die unwillkürliche Gestik, die häufig das Sprechen begleitet, erkennbar. Im Unterschied zum stärker instinktgelenkten Fuß ist die Hand das Organ des Handelns. Durch sie konnte der Vormensch handelnd begreifen und durch Hand- und Fingerzeichen auch eine erste Art der Verständigung mit seinen Artgenossen entwickeln. Beobachtungen an blindgeborenen Kindern zeigen, dass das Sprechen mit den Händen ein integraler Bestandteil des Sprachprozesses ist. Durch die Differenzierung der die Körpersprache begleitenden Laute dürfte die Begriffssprache entstanden sein. Dieser sprachliche Ausdruck unterstützt bzw. ersetzt Mimik und Gestik, freilich ohne dass diese vollends aufgegeben werden.

Abb. 1 Stammbaum des Menschen und seiner Verwandten: Gestrichelt dargestellt sind unsichere, durchgezogen wahrscheinliche Verwandtschaftsbeziehungen.

Die bei unseren Urahnen zunehmende Feinfühligkeit der Hände begünstigte die spezifisch menschliche Fähigkeit zur darstellenden Erläuterung, die ihrerseits wiederum Mimik und Gestik beförderte und am Ende sprachliche und sogar musikalische Artikulation ermöglichte. Dieser komplexe Prozess ging einher mit einer immer weiter fortschreitenden Ausformung des Gehirns, und am Ende stand ein zergliedernder Intellekt ebenso wie ein zur Lösung von Problemen geeignetes ganzheitliches Denken. All dies ist mit dem Weg zum Menschsein untrennbar und ursächlich verbunden.

Die meisten Belege für die ältesten Vorfahren des heutigen Menschen treten in Ost- und Südafrika auf, und sein aufrechter Gang dürfte sich dabei erst sehr allmählich herausgebildet haben. Als Zeugnisse aus dieser Frühzeit fanden sich in der Regel nur vereinzelte Knochen von ganz unterschiedlichen Körperteilen. Eines der bislang ältesten fast vollständig erhaltenen Skelette – genannt – stammt aus Äthiopien und ist 3,9 bis 3,2 Millionen Jahre alt. Das Alter dieser Frau wird auf etwa 25 Jahre und ihre Körpergröße auf 105 Zentimeter geschätzt. Das Körpergewicht der Australopithecinen lag schätzungsweise zwischen 30 und 40 Kilo, ihre Größe dürfte auch bei männlichen Exemplaren 1,30 bis 1,40 Meter nicht überschritten haben. Damit waren sie nicht viel größer als aufrecht stehende Schimpansen.

Vergrößerung des Kauapparats

Vor etwa 3 Millionen Jahren vollzog sich in weiten Teilen Ost- und Südafrikas eine Klimaveränderung, die zu mehr Trockenheit führte, wobei die Wälder, die weiche Früchte- und Blätternahrung boten, verschwanden. An ihrer Stelle breiteten sich zunehmend savannenartige Graslandschaften aus, in denen nur noch vereinzelt Bäume wuchsen. Damit änderte sich auch das Nahrungsangebot, das mit vergleichsweise harten Gräsern, Samen und Wurzeln der Fauna neue Herausforderungen stellte. Der musste sich diesem Lebensraum anpassen; als Vegetarier entwickelte er einen beeindruckenden Kauapparat, seine Backenzähne wiesen extrem vergrößerte Kauflächen auf, und die äußerst kräftigen Kaumuskeln begannen sogar, eine Art Kamm auf dem Schädel auszubilden. Alle diese grundlegenden Veränderungen, der aufrechte Gang wie die Vergrößerung des Kauapparats, waren das Resultat allmählicher, sich über Hunderttausende bis Millionen von Jahren vollziehender natürlicher Anpassungsvorgänge. Auch die Tierwelt, zu der man im Hinblick auf diese Epoche die Grenze nicht zu scharf ziehen sollte, war den gleichen Prozessen unterworfen.

Karte 1 Frühe Hominiden in Afrika und die Ausbreitung des bzw. nach Asien und Europa.

Die ältesten menschlichen Artefakte aus der Olduvai-Schlucht

Inwieweit seinerzeit der über das Niveau von Schimpansen hinaus bereits in der Lage war, Werkzeuge einzusetzen, entzieht sich verlässlicher Kenntnis. Der (Abb. 1) ist jedenfalls etwa 500.000 Jahre älter als die frühesten Steingeräte, die wir kennen. Diese ältesten Artefakte stammen aus der Zeit vor etwa 2,7 Millionen Jahren. Man hat sie in der ostafrikanischen Olduvai-Schlucht entdeckt, weshalb man die gesamte Periode frühester materieller Kultur des Menschen seither als Oldowan bezeichnet. Inzwischen neigt die Forschung zunehmend zu der Auffassung, dass bereits der als Hersteller von Geräten aus dem frühesten Oldowan in Betracht kommt, auch wenn ein eindeutiger Beweis dafür noch nicht erbracht werden konnte und und ebenfalls als Verfertiger erster Gerätschaften im Gespräch sind; vieles wird hier künftige Forschung noch zu klären haben.

Werkzeuggebrauch bei Tieren

Auch Tiere waren und sind in der Lage, durch den gezielten Einsatz unbelebter Objekte Wirkungen zu erreichen, die außerhalb der Funktionsmöglichkeiten ihres eigenen Körpers liegen. Sie verändern dabei meist die Form oder Position des betreffenden Gegenstands, schaffen sich also ein Werkzeug. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Entdeckung einer über 4000 Jahre alten ‹Schimpansenwerkstatt› bei Noulo im Tai-Nationalpark durch Mitarbeiter des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie. Die dort freigelegten Steine wurden zum Zerschlagen von Nüssen verwendet. Solche Funde zeigen, dass bestimmte kulturelle Merkmale, die man lange ausschließlich dem Menschen zugeschrieben – und zugetraut – hat, wie etwa die Auswahl und das Beschaffen von Rohmaterialien und deren gezielte Verwendung für ganz bestimmte Arbeiten an einem festgelegten Ort, auch Schimpansen zu eigen sind. In dieses Bild fügen sich im Senegal beobachtete Schimpansengruppen, die mit Speeren nach Beutetieren jagen oder mit anderen Gerätschaften Honig sammeln. Werkzeuggebrauch bei Tieren ist jedoch keinesfalls nur auf Menschenaffen begrenzt. Er lässt sich etwa auch bei Elefanten beobachten, und das Gleiche gilt beispielsweise für Delphine, die vor der Küste Australiens abgelöste Meeresschwämme gleichsam wie Handschuhe über ihre Schnauze stülpen, um sich bei der Futtersuche im Meeresboden vor Verletzungen zu schützen.

Die Steingeräte des Oldowan — Planungsvermögen und Handlungsabfolgen bei der Steingeräteproduktion

Gleichwohl sind die weltweit...


Hermann Parzinger bekleidet seit 2008 das Amt des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zuvor war der habilitierte Prähistoriker 18 Jahre am Deutschen Archäologischen Institut tätig, von 2003 bis 2008 als dessen Präsident. Er hat eine Vielzahl von Ausgrabungen und Forschungsprojekten rund um den Globus durchgeführt und wurde mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet, darunter der Leibniz-Preis (1998) und die Aufnahme in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste (2012).



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