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E-Book, Deutsch, 210 Seiten

Pasztor Verkaufte Ungarmädchen (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Historischer Roman - Geschichte des Mädchenhandels nach dem Ersten Weltkrieg
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6809-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Historischer Roman - Geschichte des Mädchenhandels nach dem Ersten Weltkrieg

E-Book, Deutsch, 210 Seiten

ISBN: 978-80-268-6809-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Verkaufte Ungarmädchen' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Árpád Pásztor (1877-1940) war ein ungarischer Schriftsteller und Drehbuchautor. In seinem Werk 'Verkaufte Ungarmädchen' greift der Autor die Frage des Mädchenhandels, nach dem Ersten Weltkrieg, auf. Aus dem Buch: 'Seither habe ich gelernt, die Welt mit tiefer dringenden Augen und aus mannigfachen Gesichtspunkten zu betrachten. Jetzt erst begreife ich Dinge, die mir einstmals nur flüchtige Erscheinungen waren. Die damaligen Äußerlichkeiten erklären mir heute das Wesentliche jener Zeit; die Erinnerungen lassen mich die wirkliche Welt erkennen, in der ich lebte und die ich durcheilte, ohne sie zu beachten.'

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Kapitel 2


Sie wohnten in der Feuerwehrstraße, draußen in der Franzstadt. Eine Tafel unter der Toreinfahrt zeigte unter andern folgenden Zettel in einer plumpen, ungelenken Schrift: Witwe Desider Ladány, III. 18. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer nebst Küche; Frau Ladány zahlte dafür 480 Kronen Jahresmiete. Im Hause hieß sie allgemein »die Frau Professor«. Der gleichfalls schon verstorbene ältere Bruder ihres seligen Gatten war Universitätsprofessor gewesen, darum ließ sich Frau Ladány die Verwechslung gern gefallen; ja, in gewissen Amtsstuben, wo man ohne Verantwortlichkeit reden darf, gab sie sich selbst ohne Scheu diesen Titel. Ihre bescheidene Pension von monatlich 120 Kronen zeigte aber leider, daß der Gottselige nur Mittelschullehrer gewesen und gar kein Vermögen hinterlassen habe, allerdings auch keine Schulden. Was in der Welt der Mittelschullehrer selten genug ist.

Witwe Desider Ladány verstand es, das Erbe ihres verstorbenen Gatten zu erhalten und hütete sich gleichfalls davor, Schulden zu machen. Sie war einst ein frohes, rundliches Mädchen gewesen, allein die strenge, nach der Uhr geregelte Lebensweise hatte die Fülle ihres Körpers allmählich völlig aufgezehrt. Eine hagere Frau mit gelber Gesichtsfarbe war aus ihr geworden, die immer schwarz gekleidet war und einen Klemmer auf der Nase trug. Ihr Busen und ihre Hüften waren längst verschwunden; wer sie sah, dachte nicht daran, eine Frau vor sich zu haben. Ihr karg bemessenes Ruhegehalt gestattete ihr nicht, sich modern zu kleiden. Wenn sie ausging, zog sie einen einfachen, glatten, schwarzen Rock an; über dem alten, vielfach geflickten, eckigen Mieder eine enge, allmählich zu kurz gewordene Taille, deren vorn eingefallene, fast verschwundene Spitze erraten ließ, daß diese Taille einst für eine Frau angefertigt wurde. Den Hals bedeckte ein schwarzes, im Basar erstandenes Spitzentüchlein, auf dem glatt gekämmten, schon ergrauenden Haupthaar saß ungebärdig schief ein ärmliches Hütchen mit flachen Rändern. Die Nase war dünn, etwas lang, die Augen wasserblau.

Vierzig Kronen monatlich waren für den Mietzins bestimmt, fünfzig Kronen mußten für Nahrung und Zerstreuung genügen. Frau Ladány ging nämlich am sechzehnten Tage eines jeden Monats in irgendein Theater, stets auf die letzte Galerie. Die restlichen dreißig Kronen wurden von den Kosten der Erziehung und Bekleidung ihrer Tochter Therese aufgezehrt. Eine Krone und siebzig Heller verblieb den beiden täglich für ihre Ernährung: das war wenig, aber noch nicht so schlimm. Zum Frühstück konnte man sich ein Täßchen Kaffee leisten, zu Mittag ein wenig Suppenfleisch mit Gemüse, am Abend einen Bissen Wurst zum Brot. Immer dasselbe, ohne Abwechslung.

Therese war ein frisches anmutiges Mädchen. Sie trug stets ein sehr einfaches, schmuckloses Kleidchen von wohlfeilem Zeug; doch was immer sie anzog, saß ihr schön, ihr strahlender Frohsinn vergoldete ihr ganzes Wesen. Leicht schritt sie nach dem Rhythmus der Musik ihrer sorglosen Seele durch das Leben. Ihre Lehrer in der Bürgerschule gewannen sie lieb; sie lernte niemals, machte dennoch ihre Klassen durch, und da sie die Waise eines Professors war, behandelte man sie mit Nachsicht und Wohlwollen. Ihre Mutter hatte so sehr jeden eigenartigen Zug verloren, war so sehr »Individuum« geworden, daß man die Tochter nicht mit der Mutter vergleichen konnte; doch Therese behauptete immer, daß sie ihrem Vater, dem ehemaligen Professor der Geschichte und der ungarischen Sprache, nachgerate. In ihrem Zimmer hing die Photographie des Gottseligen in schwarzem, mit schmaler Goldleiste geziertem Rahmen; auf der bescheidenen Kommode, an die Wand gelehnt, einige aus Anlaß der Reifeprüfung aufgenommene Gruppenbilder der Schülerinnen; unter den Stößen der Weißwäsche lagen sorgfältig aufbewahrt drei Jahresberichte der Schule, mit den einleitenden Artikeln Desider Ladánys: »Petöfis wahre und Listnyais gesuchte Volkstümlichkeit«; »Das Verschwinden der Ode«, und »Kann der Pädagog zugleich ein Schöpfer sein?« Ferner zwei alte Nummern des illustrierten Wochenblattes »Versárnapi Ujság« (Sonntagszeitung) mit den vom Vater verfaßten Gedichten: »Am Traualtar« und »Meine Schülerinnen«.

Das war alles, was von der Wirksamkeit Desider Ladánys übrig geblieben, aber gerade genug, damit Therese im geheimen für Literatur schwärmte und ihre ganze freie Zeit mit der Lektüre von Romanen verbrachte. Es war ihr gleich, was ihr in die Hand geriet, wenn es nur ein Roman, ein Buch war. Solange sie noch die Bürgerschule besuchte, fehlte es ihr nie an Romanen, die Schülerinnen betrieben einen lebhaften Austausch von Büchern. Für einen Zoltán Ambras ward ein Emil Zola eingetauscht, für einen Zola ein Alexander Bródy. Herczeg und Gárdonyi waren auch in der Schulbibliothek zu haben; dagegen konnten die Werke Maupassants, Ludwig Biros und Franz Molnárs nur im geheimen gelesen werden. Große Aufregung gab es in der IV/b-Klasse, als man sich ein Exemplar des konfiszierten » Ssanin« zu verschaffen wußte. Während der Unterrichtspause hielt die Schülerin Blanka Gaßner Wache vor der Tür, das Buch wurde in 35 gleiche Teile zerrissen und die einzelnen Teile in der Reihenfolge des Alphabets unter die 35 Schülerinnen der Klasse verteilt. Die, die mit ihrem Teil früher fertig war, tauschte mit einer anderen. Dies geschah ganz systemlos, aber nach zwei Tagen hatte die ganze Klasse das Buch fertig gelesen.

Und vollends das Theater! Wer ein neues Stück gesehen hatte, mußte den Kolleginnen darüber Bericht erstatten. Man wußte von jeder Schauspielerin, wer ihr »Verhältnis« war; die in Vorbereitung befindlichen neuen Stücke sämtlicher Theater waren den Schülerinnen bekannt. Große Sensation gab es in der Bürgerschule der Pratergasse, als anläßlich eines Schulfestes die gefeierte Künstlerin des Nationaltheaters Therese Csillag erschien und Viktor Hugos Gedicht »Das Nest im Turme« vortrug. An jenem Abend deklamierte auch Therese Ladány ... »Meine Schülerinnen«, Gedicht von Desider Ladány. Mutter Ladány weinte, die gefeierte Künstlerin Therese Csillag streichelte der Schülerin die Wange und sagte mit einem stereotypen Lächeln, während sie an ganz andere Dinge dachte:

»Wahrhaftig, das Kind hat viel Talent!«

Diese Szene gehörte zu den schönsten Erinnerungen, welche Therese Ladány nach Erledigung der sechs Bürgerschulklassen mit nach Hause nahm. Diese Erinnerung lebte in ihr fort wie ein im Traum gehörter, rufender, silberheller Klang einer Glocke. Wenn sie abends das Lämpchen ausgelöscht hatte und zur Ruhe ging, wiederholte sie sich im stillen: »Fürwahr, das Kind hat viel Talent!«

In ihrem siebzehnten Lebensjahr war Therese Ladány zu einem sehr schönen Mädchen herangewachsen. Nach einer Beratung mit ihrer Mutter beschloß sie, die Handhabung der Schreibmaschine zu erlernen, weil sie nicht länger dreißig Kronen von Mamas Pension in Anspruch nehmen wollte. Auch sei es schon an der Zeit, daß sie sich besser kleide und an ihre Heiratsausstattung denke. War sie erst fertige Maschinenschreiberin, würde sie ohne Schwierigkeit eine Stelle mit hundert Kronen Monatsgehalt finden. Sechzig Kronen wollte sie für ihre Toilette verwenden, und auch für Zerstreuungen würde sie mehr als bisher ausgeben dürfen. Was in solcher Weise von der Pension erübrigt wurde, sollte zur Aufbesserung der Beköstigung dienen, und nach allen diesen Ausgaben könnte die kleine Familie noch jährlich ein Sümmchen von vierhundertundachtzig Kronen ersparen. Das würde nach fünf Jahren mit den Zinsen dreitausend Kronen betragen. Das war dann schon etwas.

So malten sich Mutter und Tochter die zufriedene, sorgenfreie Zukunft aus, und damit der Traum so bald wie möglich zur Wirklichkeit werde, ließ sich Therese am nächsten Tage in die Schreibmaschinenschule der Paula König in der Wesselényigasse aufnehmen.

Im ersten Stock eines weitgestreckten, flachen Gebäudes mit geräumigem Hofe befand sich die Anstalt, wo männliche und weibliche Zöglinge in die Geheimnisse des Maschinenschreibens eingeweiht wurden. Auf das Anläuten öffnete eine schmutzige kleine Magd die Tür; ein herber Küchengeruch empfing den Eintretenden, -- denn in diesem Hause wurden fast täglich »Krautflackerl« gekocht. Im Vorzimmer stand ein großer Kleiderrechen, dessen grüne Tuchverkleidung von den Motten arg mitgenommen war. Die Schreibmaschinenschule des Fräuleins Paula König war keine Luxusstätte, die von solchen Mädchen besucht wurde, denen das Maschinenschreiben nur ein Vorwand ist, um über ein Bureau hinweg nach ihrer Art zur Geltung zu kommen. Diese Schule ward von schwerfälligen Judenmädchen besucht, die, von des Daseins Sorgen gedrückt, einen Erwerb zu erlangen trachteten, der ihnen ein Einkommen von achtzig bis hundert Kronen monatlich sicherte.

»Ich habe nur eine Schule, nichts anderes,« pflegte Fräulein Paula König zu sagen.

Sie war ein beleibtes, fleißiges Weib, trug stets ein dunkelblaues Kleid von englischem Zuschnitt, das glatt gescheitelte, in der Mitte abgeteilte Haar bildete einen strengen Rahmen um ihr Antlitz. Sie duldete in ihrer Schule keinen Flirt und keine Liebeleien. Sie erteilte nur Unterricht im Maschinenschreiben. Maschinenschreiben in dreißig Stunden! Das war ihr Motto. Wer in dreißig Stunden das Maschinenschreiben nicht erlernte, ward nicht mehr aufgenommen, denn er war entweder unfähig oder nachlässig. Die Bürgerschule lieferte zahlreiche Schülerinnen, die Schüler waren zumeist ehrgeizige Ladenschwengel, die mit Hilfe der Schreibmaschine vom Pult hinweg in die Korrespondenz gelangen wollten. Darum waren denn auch am Vormittag nur wenige Schüler zu sehen, größtenteils...



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