E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Patentalis Der Mozart Code
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95771-175-5
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-95771-175-5
Verlag: Größenwahn Verlag
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Michalis Patentalis wurde in Düsseldorf geboren. Er studierte unter anderem Musiktheorie und -harmonie sowie Europäische Kultur und Psychologie.Zeitweise arbeitete er als Radio Journalist im Radio Sender 'To Proto', und als Redakteur für viele Kulturzeitschriften. Seit 1996 arbeitet er in der Abteilung für Psychotherapie an der Universität Düsseldorf.Neben der Fotografie ist besonders das Schreiben eine seiner Leidenschaften. Seit 2002 ist er Vorsitzender der Gesellschaft Griechischer Autoren in Deutschland e.V. und seit 2013 Vorstandsmitglied von 'We are Europe'.Seine Werke wurden in sechs verschiedene Sprachen übersetzt und seine Erzählung 'Rotkäppchen im Hochhaus' ist im Jahr 2004 mit dem Antonis-Samarakis-Preis ausgezeichnet worden. Seine Erzählung 'Das wunderschöne Lächeln der Ann Ewill'diente dem Regisseur A. Bafaloukas als Drehbuch. Im Größenwahn Verlag ist er außerdem an der Anthologie 'Bewegt'beteiligt - unter anderem mit seiner Erzählung ?Stillgestanden?. 2014 erhielt er für das gemeinsame Projekt von zakk und der Diakonie,'Gemeinsame Geschichte' zusammen mit Pamela Granderath den Preis vom Bündnis für Demokratie und Toleranz in Berlin.
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1
Tatsächlich fühlte sich Alexis Vellis seit jenem merkwürdigen Tag, dem fünften Dezember, nicht wohl. Er verstand kein Wort von dem, was der Arzt sagte. Stattdessen verspürte er ein eigenartiges Stechen in den Beinen, wie Stromschläge, die ihn schubweise durchfuhren. In seiner Brust spannte sich ein fester Schifferknoten, an dem jemand vergeblich zu zerren schien, ohne ihn lösen zu können. Da war auch das verdammte Zimmer in der Reichensteingasse 10, das an diesem Morgen von lauter fleischfressenden Ameisen befallen war. Er hatte die Ameisen beobachtet, wie sie allmählich in sein Bett krochen, auf seine Hände, sein Gesicht. Tausende winzige scharfe Kieferzangen, die ihn diszipliniert und beharrlich marterten. Sie schälten seinen Körper und brachten die abgetragenen Stücke unbeirrt in ihre Höhle. Er schlug um sich wie ein Epileptiker, der einen Anfall hat, aber die Ameisen wichen nicht von seinem Körper. Unfähig zu schreien oder nach Hilfe zu rufen, startete er einen letzten Versuch, die Tiere eins nach dem anderen von seinem zerschundenen Körper zu entfernen, aber es kamen immer mehr. Schließlich lief er taub vor irrsinnigem Schmerz ins Bad. Er öffnete die Dusche und ließ heißes Wasser über seinen ganzen Körper laufen, bis auch die letzte Ameise verschwunden war.
»Junger Mann, junger Mann, können Sie mich hören?«
Ein warmer Atem legte sich auf seinen Körper. Er hob den Kopf, der sich leer anfühlte und drückte die Handflächen fest gegen das Gesicht, als wollte er sich vor einer drohenden Attacke schützen.
»Ich kann Sie jetzt hören, Herr Doktor.«
»Sie befinden sich in einem sehr ernsten Zustand. Die Krankenschwester wird Ihnen zur Beruhigung eine Spritze geben und morgen entscheide ich, wie es mit Ihnen weitergeht.«
Weder begriff er, wie er in der Wiener Psychiatrie gelandet war, noch wusste er, wieviel Zeit er reglos auf dem abgewetzten Bett gelegen hatte.
»Morgen«, brachte er mit Mühe hervor und vermied, dem Arzt in die Augen zu schauen. Ruckartig krempelte die Krankenschwester seinen Ärmel hoch und schnürte den Oberarm mit einem Gummiband ab. Sie klopfte die Innenseite der Armbeuge mit dem Mittelfinger nach einer geeigneten Vene ab und stach dann die Nadel hinein.
»Ich habe ihnen etwas weh getan«, bemerkte sie, während sie mit einem Wattebausch die Einstichstelle abtupfte.
Er spürte, wie sich in seinem linken Arm ein brennendes Gefühl ausbreitete. Plötzlich strömte eine sonderbare Flüssigkeit durch ihn hindurch, stieg direkt zu seinem Herzen und ergoss sich von dort aus ins Gehirn. Sein Kopf fühlte sich an wie ein Fernseher, der zwei Kanäle gleichzeitig auszustrahlen versuchte. Bilderrauschen. Im nächsten Moment die Empfindung, dass jemand den Knopf einer Fernbedienung betätigt. Das Bild wurde klar, sein Inneres lahmgelegt. Dann schlief er ein ...
Die Stimmen aus den Nebenräumen weckten Alexis aus einem tiefen Schlaf. Er öffnete mit Mühe seine Lider, zwei schwere eiserne Vorhänge. Es war ihm, als sei er seit Wochen ans Bett gekettet. Bestürzt realisierte er, wo er sich befand. Ein feuchtes, dämmriges Zimmer, das nach Schimmel roch. Unweit ein zweites eisernes Bett und ein Tisch mit zwei Stühlen - eine Ausstattung, die an eine Kaserne erinnerte. An der Wand hing eine Uhr, die merkwürdig tickte und etwas weiter ein Waschbecken, dessen Hahn tropfte, wie wenn er das Ticken der Uhr übertönen wollte. Daneben ein mit brauner Ölfarbe behandelter Holzschrank. Durch das einzige vergitterte Zimmerfenster fiel gedämpftes Tageslicht hindurch. Er stütze sich auf seine Ellbogen. Jemand auf dem Flur rief »Frühstück!« und sofort brach ein seltsames Geschreie aus. Dann herrschte wieder völlige Ruhe. Er stand auf. Der Teppichboden mit den Flecken, die jahrelangen, krankhaften Schweiß versteckten, verschluckte seine Schritte. Er wusch Hände und Gesicht, ohne in den Spiegel zu schauen.
Ein Pfleger, dessen Schlüssel demonstrativ am Gürtel hingen, um sich von den Patienten abzuheben trat ins Zimmer. »Letzte Tür links« bemerkte er und ging wieder hinaus.
Im Speisesaal setzte sich Alexis auf den erstbesten Stuhl. Marmeladengläser standen hier und da auf den Tischen; dazwischen Butterstücke auf kleinen Schalen, die aussahen, als seien sie mit Regenbogenfarben bemalt. Die Patienten hatten ihre Messer erst in die Marmelade getaucht und dann in die Butter. Er warf einen verstohlenen Blick auf seinen Tischnachbarn, ein düsterer, abweisend wirkender Zeitgenosse mit zwei kleinen Erbsenaugen, unter denen eine große Hakennase hervorlugte. Der Mann kratzte sich genüsslich an den Leisten, schob seine gelblichen Finger in die Nase und von dort aus in das Marmeladenglas, das direkt vor ihm stand.
Alexis drehte sich der Magen um. Er konnte keinen Bissen hinunterkriegen. Wie ein wilder Vulkan kurz vor dem Ausbruch brodelte es in seinen Eingeweiden. Dann übergab er sich ins Hirn. Er erbrach das Märchen, das ihn in der Kindheit gequält hatte; den König des Tages mit seinem gedämpften Licht; Paminas Kleid, welches an ihr herunterhing wie Brei; er erbrach auch Taminos aufwallende Leidenschaft und das Ohr einer tauben Fliege. Es platzte aus ihm heraus, brach auf, und was nicht mehr in sein Hirn hineinpasste, schoss als Wildbach in seine Augen. Aufschrei seiner Seele.
Als das Frühstück beendet war, begleitete ihn der Pfleger mit den vielen Schlüsseln ins ärztliche Sprechzimmer.
»Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass sich Ihr Zustand verschlechtert?«
Er sah dem Arzt jetzt in die Augen.
»Ich weiß nicht genau«, antwortete er zögerlich.
»Sie sollten sich erinnern, das würde uns helfen, besser zu verstehen und mit der richtigen Therapie zu beginnen.«
Er rieb sich das Gesicht und drückte die Finger an seine geschlossenen Lider. Bilder von seinem Heimatdorf erschienen vor seinem inneren Auge: Die Straßen, die in Felder ausliefen, gezeichnet von den Spuren der Kutschenräder. Die Häuser aus rotem Backstein und die Dachziegel, auf denen unzählige Steine lagen. Einige Steine hatten die Dorfbewohner hingelegt, damit die Ziegel nicht vom Wind mitgerissen werden konnten. Andere waren nach den Steinschlachten der Nachbarskinder liegengeblieben. Und in der Mitte der Hof mit dem Nussbaum und dem vertrockneten Brunnen. Mittags schien die Sonne und abends leuchtete im Wechsel mal der Mond, mal die Sterne.
Nach der Schule nahm er stets den Rucksack und eilte schnurstracks in die Karosseriewerkstatt. Sie gehörte Herrn Jannis, einem buckligen Alten, der mit sieben Jahren an Kinderlähmung erkrankt war. Sein runder Glatzkopf war schweißgebadet und seine Augen erinnerten an zwei offene Gräber. Seine Hände schienen verwachsen zu sein mit dem Hammer, den er hielt.
»Darf ich mich ein wenig setzen, Herr Jannis «, fragte er und machte die eiserne Tür hinter sich zu, wohlwissend, dass er keine Antwort auf seine Frage erhalten würde. Er stieg über die Blechteile, die auf dem Boden lagen, setzte sich auf den hölzernen Hocker neben dem Herd, der aus einem halben, gusseisernen Fass gebaut war, und wartete. Der Alte legte dann seinen Hammer aus der Hand und ging schweigend zu ihm hinüber. Er griff nach der Teekanne, die auf dem Herd stand, nahm sich aus dem Regal einen Blechbecher und füllte ihn mit Jasmin Tee. Er setzte den Becher auf einen kleinen runden Tisch ab, in dessen Mitte sich eine Einbuchtung mit frischem Wasser und aromatischem Basilikum befand, stellte die Teekanne wieder auf den Herd und kehrte zur Bank zurück, wo Hammer und Blech auf ihn warteten. Den mit Tee gefüllten Becher, der dem verschwitzten Kopf des buckligen Alten verteufelt ähnlich sah, vergrub Alexis in seinen Fäusten, pustete zweimal vorsichtig hinein und nahm einen Schluck. Wie Lava lief ihm das Gebräu die Gurgel hinunter, doch als es seinen Magen erreichte, verflog es und hinterließ das Gefühl einer wohligen Umarmung. Er lauschte den Geräuschen, die das Blech beim Hämmern erzeugte. Es dröhnten tiefe Basstöne, wenn der geschickt geführte Hammer des Schmieds auf dicke Blechstücke traf; wenn er feines Metall bearbeitete, tönte es dagegen schrill und hell.
»Warum schlägst du erst dreimal und dann viermal aufs Blech, Herr Jannis?«, fragte er, während er genüsslich seinen Tee schlürfte.
Der Alte unterbrach seine Arbeit und ging zum Ofen. Dann nahm er den Schürhaken, wirbelte ein wenig die hungrige Glut auf, fütterte sie mit einem Eichenstamm und setzte sich für eine Weile zu ihm hin.
»Zum Abrunden schlägst du das Blech zweimal stark und einmal leicht. Die Kanten brauchen vier starke Schläge und einen halben, der sie streichelt. Den Halben darfst du nie vergessen«, sagte er und kehrte stumm zur Blechbank zurück. Das war Alexis’ erste Begegnung mit der Welt der Musik. Die zweite sollte Weihnachten desselben Jahres folgen, wenn der Großvater ihm seine erste Geige schenken würde.
»Können Sie sich denn an gar nichts mehr erinnern?« fragte der Arzt erneut.
Ein Fragezeichen setzte sich auf Alexis Stirn, das von den Poren seiner Haut aufgesogen und wie auf Schienen zum Gehirn befördert wurde.
»Das Geheimnis«, antwortete er einsilbig.
»Welches Geheimnis?«, fragte der Arzt und holte aus seiner Tasche einen Block heraus, in dem er sich mit Großbuchstaben das Wort GEHEIMNIS notierte.
»Mozarts Geheimnis«, entgegnete Alexis, während er aufmerksam den Raum betrachtete, in dem er sich befand. Wortlos fügte der Arzt dem Wort GEHEIMNIS das Wort MOZART hinzu. Danach begann er mit seinem Stift horizontale und vertikale Linien zwischen den beiden Wörtern zu ziehen, so als würde er ein Kardiogramm erstellen. Am Ende zeichnete er einen Kreis, in dem er...




