E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Paul Die Kichererbsen der Señora Dolores
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-948722-34-0
Verlag: mairisch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten vom Kochen
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-948722-34-0
Verlag: mairisch Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stevan Paul stammt vom Bodensee, ist gelernter Koch und lebt seit u?ber zwanzig Jahren in Hamburg. Er war schon Fru?hstu?ckskoch in einem Musikclub, hat als DJ auf St. Pauli Platten aufgelegt und ein paar Jahre in Sterne-Restaurants gekocht. Heute arbeitet er als freier Journalist fu?r Zeitschriften und Magazine. Er ist Autor zahlreicher Kochbuchbestseller, darunter »Deutschland vegetarisch« und »Meine japanische Ku?che«. Im mairisch Verlag ist Stevan Pauls Literatur zu Hause: Nach seinem Roman »Der große Glander« erscheint nun schon sein dritter Band mit kulinarischen Geschichten.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Kichererbsen der Señora Dolores
Der Sturm
Indien
Die absolute Nase
Herr Siebert träumt von Hunden
Ikigai – von der Kunst, zu lieben, was man tut
Meat:io
Nächstes Mal
Berlin ruft zurück
Masazu Bäcker
Herzensangelegenheiten
Die Rückkehr
Finale
Die Kichererbsen der Señora Dolores
Als Señora Dolores gegen Mittag zum zweiten Mal an diesem Tag erwacht, findet sie sich unter den flirren den Blättern eines Orangenbaumes liegend, seine
duftenden Früchte hängen wie kleine Sonnen über ihr, im Azurblau eines wolkenlosen Himmels. Wie schön die Vögel für sie singen. ¡Dios mío!, diese Hitze. Señora Dolores beschließt, noch ein bisschen liegen zu bleiben. Sie fühlt sich nicht. Ich muss erst mal zu mir kommen, denkt sie. Doch daraus wird nichts, die Stimmen, die sie wecken, kommen näher: »Hola! Señora! Geht es Ihnen gut?«
Señora Dolores blinzelt unauffällig durch ihre zusammengekniffenen Augenlider: Da steht eine junge, hübsche Frau leicht über sie gebeugt und fächelt ihr mit einem aufgeschlagenen Küchenhandtuch Luft zu. Hinter ihr ein ebenso junger Kerl, schmuck sieht er aus, er schaut besorgt durch das tigermustergefleckte Gestell einer Beamtenbrille.
»Wie heißen Sie?«, fragt jetzt die Frau.
Das weiß sie: »Anamaría Dolores García Pèrez.«
»Und woher kommen Sie? Wie sind Sie eigentlich in unseren Garten gekommen?«
Ja, wenn sie das wüsste.
Am Morgen dieses Tages war sie früh erwacht, wie immer. Das Haus lag still und kühl im Morgenrot des aufkommenden Sommertages. Im Zimmer nebenan brummte und schnarchte Señor Mateo und träumte hoffentlich von seinen Bienen. Die vermisst er, jeden Tag erzählt er allen davon. Señora Dolores rieb sich den Schlaf aus den Augen, dreieinhalb Kniebeugen, danach Katzenwäsche im Bad. Sie wählte das elegante, vanillegelbe Sommerkleid mit den roten und weißen Rosenblüten und mit den aufgenähten Taschen, für alles, was eine Dame von Welt braucht, an einem jungen Julimorgen. Ein Spaziergang wäre genau das Richtige jetzt, befand sie, bevor es wieder zu heiß werden würde. Als sie auf dem Weg zum Ausgang am Speisesaal vorbeikam, hatte sie plötzlich Lust auf ein Glas Sherry. Einen kühlen Sherry! Fino. Oder Manzanilla, noch besser, vielleicht sogar ein Gläschen bernstein-funkelnder Oloroso, maravilloso! »Am frühen Morgen, du spinnst ganz schön«, kicherte Señora Dolores selbstkritisch in die Stille. Sie fand den Schlüssel am Nagelbrett im Personalzimmer und trat vor die Tür. Morgens war die Stadt am schönsten. In zartem Rosa leuchteten die historischen Paläste und Kirchen, die über den geduckten Häusern der einfachen Leute in den Morgenhimmel ragten. Sie trugen dieses freundliche Rosa nur in der Früh, und das Licht verschleierte in Unschuld, dass hinter diesen Mauern Geschichte geschrieben, Schicksale besiegelt und Religionen gepredigt wurden. Alles war noch still, nur ihre Schritte auf dem polierten Pflasterstein waren zu hören. Sie verhallten in den engen Gassen, wo die Wäsche der Hausbewohner auf gespannten Leinen trocknete, im leichten Wind, der heute vom Meer kam. Die sonnengelb und weiß gestrichenen Hausmauern hielten noch die Kühle der Nacht. Señora Dolores ließ im Vorbeigehen ihre Fingerkuppen über die raue Farbe streichen. Katzen beendeten ihre nächtlichen Patrouillen, warteten mit glänzendem Fell vor geschlossenen Holztüren, leckten sich auf fleckigen Mauern die Pfötchen. Hinter verwitterten Fensterläden wurde Kaffee gekocht. Señora Dolores überquerte an der blinden Ampel die Calle Arcos, ging über den leeren Platz Romero Martínez, vorbei am Teatro Villamarta, vorbei an den vier dürren Palmen und weiter. Ein Gläschen Sherry, vielleicht ein Mandelgebäck dazu und Kaffee! Richtig. Die Tabanco EL Pasaje hatte noch geschlossen, natürlich. Wie viele freudetrunkene Nächte haben sie in dieser Bar verbracht. Teller mit luftgetrocknetem Schinken vom schwarzen Schwein und dicke Scheiben fetter Wurst wurden aufgetragen und eingelegte Sardellen in Olivenöl mit Zitrone. Noch mehr Sherry! Garnelen, kurz in Meerwasser gekocht, mit ungesalzenem Brot und Mandel-Aioli serviert. Dazu das Wirbeln und Stampfen, die Anmut und die Wut der stolzen Flamenco-Tänzerinnen auf der kleinen Bühne der Bar. Ihre kraftvollen, konzentrierten Bewegungen zu den alten Liedern der Gitanos, Lieder von der Liebe, der Lebensfreude, von der Sehnsucht, dem Schmerz. Moment mal. Die Bodega musste jetzt da die Straße runter liegen, weiter hinten dann nach rechts und zweimal links.
»Darf ich Ihnen aufhelfen, Señora?« Ohne eine Antwort abzuwarten, greift der junge Mann ihr von hinten unter die Arme und zieht sie langsam hoch. Sie steht. Ihr ist ein bisschen blümerant, sie muss sich noch ein wenig festhalten am jungen Mann, der sich jetzt vorstellt: »Ich bin Antonio, und das ist meine Frau Felipa.« Señora Dolores lächelt schief, es ist ihr unangenehm, den jungen Leuten in ihrem eigenen Garten so viele Scherereien zu bereiten. »Haben Sie sich verlaufen?«
Mit Sicherheit, denkt Dolores und nickt.
Felipa hakt nach: »Woher kommen Sie denn, wo wohnen Sie, Señora?«
Wieder so eine Frage. Dolores nickt kurz und sieht sich suchend um. Die Adresse hat sie für alle Fälle neulich auf einem Zettel in ihrer Handtasche notiert. Die Handtasche hat sie aber wohl heute nicht dabei. Sie zuckt mit den Schultern, hoffend, dass die Fragestunde nicht noch länger andauert.
»Jetzt kommen Sie erst mal mit rein ins Haus und raus aus der Hitze«, entscheidet Antonio und hält sie am Arm, während sie durch den gepflegten Garten gehen. Im Haus geht die Fragestunde dann leider doch weiter. Es ist schön kühl hier drinnen, die Klimaanlage klappert leise, Dolores genießt das Glas mit stillem Wasser, das Felipa ihr gereicht hat. Es riecht auch richtig gut aus der Küche, die direkt an das Wohnzimmer mit der Veranda anschließt. »Sie erinnern sich also im Moment nicht, wo Sie wohnen?«, will Antonio wissen.
Und weil das Schulterzucken nichts bringt und sie auch sonst keine Antworten hat, sagt Dolores: »Das riecht aber gut hier!« Sie merkt, dass sie Hunger hat. Sie ist ja auch seit heute früh auf den Beinen. »Ist das Cocido?«
»Cocido de Garbanzos«, sagt Felipa. »Mein Vater kommt gleich zum Mittagessen zu Besuch, er liebt das!«
»Ich liebe das auch!«, erklärt Dolores, steht auf und geht in die Küche. Sie schaut in den Topf, in dem das Fleisch und der Schweinespeck köcheln, auch zwei helle Hühnerschenkel leuchten zwischen tanzenden Kichererbsen. So gehört das! Sie atmet den vertrauten Duft des Eintopfgerichts ein. Die Gemüse sind viel zu klein geschnitten! Und das würzende Paprikapulver schwimmt mit dem Öl obenauf. Das ist schade, sie kocht immer erst die gehackten Tomaten mit dem Pimentón dulce dicklich ein und gibt das Ganze dann zum gegarten Fleisch und den Kichererbsen, so kommt alles zusammen. Auf dem Schneidebrett aus Holz warten schwarz glänzende Blutwürste und ein paar Chorizos. Die Blutwurst kommt immer erst kurz vor Ende der Garzeit rein, da darf dann auch nichts mehr kochen. Aber die Chorizos! Diese Würste sollten längst im Eintopf mitkochen, das gibt doch Geschmack: »Felipa, haben Sie eine Gabel?«
»Ja, Señora.« Felipa öffnet die Besteckschublade und überreicht das Gefragte. Mit einigem Erstaunen sieht sie zu, wie die alte Dame die Chorizowürste energisch mit den Zinken der Gabel perforiert und sie dann in den Eintopf wirft.
»Das gibt den wahren Geschmack!«, ruft die Señora.
Felipa schaut zu Antonio, der jetzt mit seinen Schultern zuckt, und sie müssen lachen, alle drei. Doch schnell wird Dolores wieder ernst, holt einen Esslöffel aus der offen stehenden Besteckschublade, taucht ihn in den Eintopf, pustet, probiert, zieht Luft zwischen die Lippen, kaut und schluckt mit geschlossenen Augen. Sie schüttelt den Kopf, das ist es noch nicht.
»Haben Sie vielleicht freundlicherweise ein Glas Sherry für mich?«, fragt Señora Dolores.
»Nicht offen«, antwortet Antonio. Seine Frau sieht verärgert zu ihm hinüber, nickt ihm kurz und energisch zu, er versteht: »Aber hier …«, Antonio geht zum Kühlschrank und wählt einen Fino-Sherry, »…der hier ist ganz wunderbar!«
Felipa schüttet Salzmandeln aus einer Tüte in eine Schale und schiebt sie über den Küchentresen. Antonio öffnet den Sherry, der hellgelb ins Weinglas fließt, das sogleich kühl beschlägt. Señora Dolores dankt, nimmt das Glas und riecht hinein, ein Lächeln im Gesicht: »Ah! Bodegas Lustau! Der gute Puerto Fino, ich danke!«
Antonio und Felipa stehen und staunen, Dolores nimmt einen winzigen Schluck, der ihren Mund reich füllt mit dem Geschmack von Mandeln und Hefebrot, kühlen Birnen und Zitrone, dem Aroma grüner Oliven, später Kamille und einer Idee von Salz. Und sofort ist alles wieder da, sie schließt die Augen und steht im Keller ihrer alten Bodega, atmet den vertrauten Geruch der knochenbleichen Erde, es riecht nach Kreide und warmem Holz, nach süßen Rosinen und reifen Orangen. Sie steht zwischen den schwarzen Fässern, die sich übereinanderstapeln, ein leichter Wind geht durch die schweren Bastmatten vor den Fensterbögen, die Mittagshitze bleibt draußen. Gleich müsste eigentlich ihr Mann um die Ecke kommen, der stolze Kellermeister, in der Hand die langstielige Kelle schwenkend, den Schalk im Blick: »Na, kleine Fassprobe für meine geliebte Loli?« Dolores vermisst ihren Mann. Sie haben sich lange nicht mehr gesehen. Apropos. Wo treibt der sich eigentlich rum?
»Señora?«
Sie schrickt aus ihren Gedanken hoch, zurück in die Küche der jungen Leute: »Ja, großartiger Tropfen, ein Genuss!« Schnell nimmt sie noch einen zweiten kleinen Schluck. Dann gießt sie den übrigen Sherry im Glas in den Eintopf.
»Halt!«, ruft Felipa und eilt zum Kochtopf, blickt hinein, als wäre da vielleicht noch was zu machen: »Was machen Sie denn da?«
Die alte Dame lächelt ungerührt: »Das ist mein Kichererbsen-Geheimnis, Liebes!« Den jungen...




