E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Pauli Die Schlachten bei Metz
4. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7485-3118-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Selbsterlebtes
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7485-3118-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
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Karl Pauli war ein deutscher Schauspieler und Schriftsteller.
Autoren/Hrsg.
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Aus den Lazaretten.
Schwer und verschieden waren natürlich in diesem Kriege die Zahl und die Art der Verwundungen. Die meisten der Blessierten wurden sofort nach größeren Städten, besonders ins Rheinland, gebracht, aber die, bei denen schnelle Operationen notwendig waren oder die kleinere Verwundungen erlitten hatten, blieben zurück und beide — die ersten nach vollzogener Operation, die anderen wenn ihre Kräfte soweit gestärkt waren — konnten in die Heimat entlassen werden, bis sie wieder in der Lage waren, aufs neue ins Heer eintreten zu können. Ein Feldarzt berichtet:
Rührend stolz sind unsere Verwundeten; keiner klagt, wenn nicht gerade über Schmerzen. Die leichter Verwundeten zählen die Tage, bis sie wieder gesund zum weiteren Kampf in die Front zurückkehren können, während die Schwerverwundeten mit von Stolz verklärten Gesichtern ihre für das Vaterland erlittenen Wunden tragen. Es ist tief ergreifend, das zu sehen. Heimweh haben sie alle und freuen sich nicht wenig über unsere Ankunft. „Gott sei Dank, daß wir wieder deutsche Frauen sehen!“ hören wir alle Tage. Und dann geht das Fragen los, ob wir Landsleute seien, und wenn sich irgendwelche Beziehungen herausstellen, ist die Freude groß. Beständig treffen neue gute Nachrichten von der Front ein, und die Freude ist groß darüber.
Die gewaltigste Arbeit haben unsere Sanitätskompagnien zu leisten, die in der Regel am Abend oder in der Nacht das Schlachtfeld absuchen müssen, die in einem Zelt, einer Scheune oder am frühen Morgen unter freiem Himmel die erste Hilfe leisten müssen. Da die erste Wundversorgung so oft über das Schicksal des Verletzten entscheidet, ist große Sorgfalt erforderlich. Alle Verbände müssen, da ein sofortiger Weitertransport des Verletzen wünschenswert ist, so angelegt werden, daß der Verwundete, auch wenn ideale Transportmittel fehlen, ohne allzu große Schmerzen, ohne durch den Transport Schaden zu leiden, dem nächsten Feldlazarett zugeführt werden kann. Mancher Verwundete hat sich selbst, ein Kamerad dem anderen den ersten Verband angelegt. Unsere Verbandspäckelchen, die ein jeder Soldat leicht erreichbar im Rockschoß mit sich führt, haben sich glänzend bewährt. Französische Verwundete und Gefangene, die seine Handhabung sahen, waren von seiner Zweckmäßigkeit sofort überzeugt. Das französische Verbandpäckelchen wird in der inneren Rocktasche getragen. Es ist schwer zu öffnen, sein Inhalt, vorwiegend unentfettete Watte, ist zur ersten Wundversorgung wenig geeignet. Die französischen Ärzte bedecken die Schußwunden am liebsten mit Watte, die bei späterem Verbandwechsel nur schwer, besonders aus den großen durch Granatsplitter gefetzten Wunden, zu entfernen ist. Scharpie fanden wir noch unter den Sanitätsbeständen vor; auf unserem Marsch sahen wir in einem Orte noch Frauen und Mädchen, die Scharpie zupften.
Prachtvoll ist das Verhalten unserer Verwundeten, die, schwer verletzt, sich oft noch bis zum Truppenverbandplatz schleppen; kleinere operative Eingriffe werden ohne Schmerzensäußerung ertragen. Morphium wird sehr oft zurückgewiesen. Vielleicht mögen große Ermüdung, vor allein jener Zustand, den wir als Chock bezeichnen, der schwere Verletzungen stets begleitet, eine Herabsetzung der Schmerzempfindungen bedingen. Nach einigen Tagen aber, im Lazarett, ist das Verlangen nach einer Morphiumspritze oft sehr groß. Über einen Akt heroischer Selbsthilfe möchten wir berichten. Einem unserer Krieger wurde durch eine Granate der Unterschenkel zum größten Teile abgerissen. Der Verletzte schnitt sich mit seinem Taschenmesser das Bein, das nur noch an einer Hautbrücke hing, ab und legte sich selbst einen Notverband an. Lächelnd erzählte er uns am anderen Tage von dieser Leistung. Operierte erholen sich schnell und verlangen oft wenige Stunden nach dem Eingriff nach einer Zigarette. Der Wundverlauf ist oft erstaunlich günstig, wenn man berücksichtigt, unter welchen Verhältnissen gearbeitet werden muß. Möge möglichst vielen baldige Genesung ohne dauernde Schädigung beschieden sein. Das Recht der goldenen Jugend wird sich schon geltend machen!
Nach der Art des Kampfes sind es bald Schrapnell- oder Granatverletzungen, bald vorwiegend solche durch das Infanteriegewehr, die wir zu Gesicht bekommen. Bei aller Mannigfaltigkeit der Schußwunden beobachten wir doch eine auffallende Symmetrie in der Art der Verletzung und dem Verlauf des Schußkanals. Die Erfahrungen aus den Kriegen der letzten Jahre finden wir bestätigt: Bei Infanterieverletzungen Steckschüsse in etwa 10 Prozent, bei Schrapnellverletzungen in 25 Prozent. Die hohe Infektionsgefahr der Schrapnellverletzungen ist eine alltägliche Beobachtung; die Vereiterung dieser Schußwunden ist mit 85 Prozent nicht zu niedrig bemessen. Dann sehen wir bei Franzosen die ersten Verletzungen durch unsere Bajonette. Dem Hurraruf unserer Soldaten, die mit aufgepflanztem Seitengewehr vorstürmen, hält kein Franzose stand. Erstaunlich sind die Leistungen, zu denen schwerverwundete Franzosen zuweilen noch fähig sind. Von mannigfachen Verletzungen haben wir Kunde bekommen; wir erzählen nur, was wir selbst gesehen. Einer unserer Soldaten wollte einem schwer verwundeten Franzosen seine Feldflasche zur Labung reichen. Noch ehe er an ihn herangekommen, erhielt er einen Bajonettstich in die Gegend des Fußgelenks. Ein Kolbenschlag auf den Schädel war die wohlverdiente Antwort.
Der Sohn.
Besonders reiche Arbeit gab es nach dem Gefecht von Denhardt unweit von Mülhausen. Von den Truppenverbandplätzen wurden die Verletzten in unseren Krankenwagen, in Automobilen und Bauerngefährten aller Art nach dem Hauptverbandplatz geschafft. Vor allem waren es Deutsche, auch einige Franzosen. Bald waren das Krankenhaus und die von dem Roten Kreuz eingerichteten Krankenunterkunftsstellen in den Schulen gefüllt. Die Zahl der in unsere Behandlung gekommenen Verwundeten war nicht gering; stand unseren Truppen doch eine an Zahl erheblich größere Schar Franzosen gegenüber. Immerhin muß sie als klein im Vergleich zu den französischen Verlusten bezeichnet werden; stellenweise konnten unsere Krankenwagen nicht weiter oder mußten einen Umweg machen, weil die Chaussee mit Leichen besät war.
Hier hatte unsere Artillerie französische Kolonnen niedergemäht. Überhaupt soll unsere Artillerie den Kampf zum Sieg entschieden haben, wobei nicht unerwähnt bleiben mag, daß sie selbst geringe Verluste, und ein Artillerieregiment speziell nicht einzigen Verwundeten hatte. Bei unserer Infanterie waren die Verluste sehr verschieden. Manche Kompagnien, die nur aus den Schützenlinien geschossen, hatten geringe Verluste, eine andere, die Dörfer stürmen mußte, sehr erhebliche; eine Kompagnie verlor den Führer, sämtliche übrigen Offiziere, den Feldwebel und viele Leute. Alle Verwundeten ertrugen ihre Schmerzen still und gefaßt, kein Stöhnen, kein Jammern war zu hören, alle benahmen sich wie Helden. Trat man an ihr Bett, so war stets die erste Frage: „Wo ist jetzt meine Kompagnie, haben wir gesiegt?“ Wie leuchteten ihre Augen, wenn wir antworten konnten: unsere Stellung ist gegen die Übermacht behauptet, der Feind ist fluchtartig zurückgegangen unter großen Verlusten. Und die dritte Frage war nicht etwa die: „Bin ich schwer verwundet?“, sondern sie hieß: „Wann bin ich wieder soweit hergestellt, daß ich zu meiner Kompagnie zurück kann?“ Bedenkt man, daß wohl 75 Prozent der in unsere Behandlung gekommenen Soldaten Familienväter sind, so versteht man noch mehr, welch großartiges Soldatenmaterial unser Vaterland im Felde hat. Auf den, der nie Gelegenheit hatte, derartige Schußverletzungen zu sehen, muß der Anblick der durchlöcherten Menschenleiber einen seltsamen Eindruck machen. Fast immer hatten die Geschosse die Körper glatt durchschlagen, die Einschußöffnung als kleine, glattrandige, rundliche Wunde, die Ausschußöffnung oft mehr schlitzförmig und gewöhnlich etwas größer gestaltend. In einigen Fällen hatten wir den Eindruck, daß einer Einschußöffnung zwei oder mehrere Ausschußöffnungen entsprachen, und dachten an die Möglichkeit, daß bei Maschinengewehrschüssen mehrere Kugeln hintereinander in den Körper durch ein und dieselbe Öffnung eindrangen, bei der Körperpassage etwas in ihrer Richtung abgelenkt wurden und so an verschiedenen, aber benachbarten Stellen wieder herauskamen. Die Flugbahnen der Geschosse im Körper bildeten dann einen Kegel, dessen Spitze dem Einschuß entsprach, während sich auf seiner Basis die Ausschußöffnungen verteilten.
Besonders merkwürdig war oft auch die Geschoßbahn, die die Spur der Tangentialschüsse am Körper bezeichnete. So sahen wir einen Verwundeten, bei dem zunächst die Wade gestreift und dann die Ferse durchschossen war. Das Geschoß blieb im Stiefelabsatz stecken. Bei einem anderen lag der Einschuß in der Gegend der linken Brustwarze; die Kugel ging zwischen Haut und Rippen nach unten hindurch, verfolgte ihren Weg weiter subkutan schräg über den Bauch und fand sich schließlich in der rechten Leistenbeuge unter der Haut. — Einem Offizier, der einäugig ins Feld gezogen war, wurde das noch gesunde Auge ausgeschossen, so daß er völlig erblindete. Ein anderer hatte einen Schuß durch die Halswirbelsäule erhalten, der eine vollkommene Lähmung beider Beine und eine partielle Lähmung der beiden Arme herbeiführte. Zahlreich waren die Bauch-, Brust- und Kopfschüsse. Von Stichverletzungen sahen wir bislang nur eine schwere. Einem Soldaten war durch Lanzenstich die linke Nierengegend vom Rücken aus eröffnet worden, die Niere war herausluxiert und hing an ihrem Stiel. Hiebverletzungen...




