Pauling | Der Himmel ist hier weiter als anderswo | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: HarperCollins

Pauling Der Himmel ist hier weiter als anderswo


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7499-5064-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Reihe: HarperCollins

ISBN: 978-3-7499-5064-5
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Unter dem weiten Himmel des Alten Landes
Seit dem Tod ihres Mannes ist die Geigerin Felicitas allein für die gemeinsamen vier Kinder verantwortlich. Als sie ihren Job verliert, folgt der nächste Schlag, denn ihre Wohnung wird ihnen gekündigt. Da setzt sie alles auf eine Karte: Sie investiert ihre letzten Rücklagen in einen leerstehenden Gasthof und zieht mit ihren Kindern ins Alte Land.
Empfangen wird die Familie von einer neugierigen Dorfgemeinschaft und einer Schwalbenkolonie im Garten. Mit Hilfe ihres neuen Nachbarn füllt Fee den Gasthof wieder mit Leben. Doch ein Unfall und unvorhergesehene Kosten bedrohen das fragile Gleichgewicht. Erst als sie sich auf ihre eigene Stärke besinnt, geschieht etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Sie beginnt, zwischen den Flüssen und dem schier unendlichen Horizont des Alten Landes, langsam zu heilen ...

»[...]hat gute Chancen der Altes-Land-Roman des Sommers zu werden.« »Pauling schreibt flüssig und elegant.« Anpning Richter,Stader Tageblatt, 14.06.2021



Valerie Pauling studierte Germanistik und Ethnologie und promovierte in Ethnologie. Ihre Faszination für Geschichte, Kultur und Traditionen formte ihren Blick auf die Welt. Zu ihrem Roman 'Der Himmel ist hier weiter als anderswo' inspirierte sie das Alte Land, an dessen Rand sie mit ihrer Familie in einem alten Bauernhaus wohnt. An klaren Tagen kann sie bis zum Hamburger Hafen sehen. Musik spielt in ihrer Familie eine große Rolle, sie selbst ist dabei am liebsten die Zuhörerin.

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2

Am Abend saß Fee an ihrem Laptop und rief Immobilienportale auf. Die Kinder waren von der Eisdiele zurückgekehrt. Den Blick fremder Leute auf die Zimmer, die über zehn Jahre ihr Zuhause gewesen waren, hatte Fee ihnen ersparen wollen, also hatte sie ihnen Geld in die Hand gedrückt und sie losgeschickt.

»Wie viele Kugeln?«, hatte Rieke gefragt.

»So viele ihr wollt.«

»Echt jetzt?«

»Passt einfach auf, dass euch nicht schlecht wird«, hatte Fee gesagt.

»Und, wie fanden sie meinen Einhornelefanten?«, krähte Golo später, sein Mund war schokoladeverschmiert, bunte Streusel klebten an seiner Lippe.

»Den fanden sie super, mein Schatz! Sie sagten, sie hätten noch nie einen so fabelhaften Elefanten gesehen.«

Golo nickte zufrieden.

Martha prüfte ihre Schraubgläser auf Vollständigkeit. »Mama, wenn wir umziehen, müssen wir aber Platz für meine Sammlung haben.«

»Platz für deine Sammlung gibt es immer.«

Ein Kellerraum oder Schuppen würde sich schon finden, auch wenn es Fee manchmal schüttelte, wenn sie sah, was Martha anschleppte. Aber Martha war eigen, und Fee entging der Eifer nicht, mit dem ihre Tochter ihre »Forschungen«, wie sie es nannte, betrieb. Außerdem lebte ihr Vater nicht mehr, wie konnte sie ihr das nehmen, an dem sie so leidenschaftlich hing?

»Wirf das Ekelzeug einfach weg«, bemerkte Rieke, wie so oft mit ihrem Handy beschäftigt. Wie schafft sie es, sich auf alles gleichzeitig zu konzentrieren, fragte sich Fee, auf die Chats mit ihren Freundinnen und auf das, was um sie herum geschieht?

»Wirf du deinen Schminkschrott weg«, sagte Martha. »Da sind sowieso nur Tierversuche drin.«

Meistens prallten die Sticheleien ihrer Schwester an Martha ab. Nur manchmal, da lief sie knallrot an und verfolgte Rieke mit ihren Vorträgen durch die ganze Wohnung.

»Fang du erst mal an, dich zu schminken. Oder dir wenigstens was Vernünftiges anzuziehen. So abgerissen wie du läuft ja kein Mensch rum!«

»Könnt ihr mal leise sein.« Fee raufte sich die Haare und starrte wieder auf den Bildschirm.

Kurz hatte sie daran gedacht, sich juristisch zu wehren, und einen Anwalt aufgesucht. Aber der hatte ihr wenig Hoffnung gemacht, dass sie einen Rechtsstreit gewinnen könnte. Die Kündigung war legal, er hatte ihr empfohlen, sich um eine Sozialwohnung zu bewerben, und ihr gleichzeitig eine saftige Rechnung ausgestellt.

Ah, hier, das sah doch gut aus, eine Fünfzimmerwohnung in der Nähe von Rasmus’ und Riekes Schule. Fee schickte die Anfrage für eine Besichtigung ab, dann scrollte sie weiter durch die Angebote. Die Wohnung brauchte ja nicht riesig zu sein. Wichtiger war die Lage, damit die Kinder nicht die Schule wechseln mussten. Fünf Zimmer wären schön, aber auch vier Zimmer waren okay. Martha und Golo konnten sich ein Zimmer teilen, Rasmus zog irgendwann aus, im Wohnzimmer würde sie eine Schlafcouch für sich selbst aufstellen.

Fee studierte den Stadtplan, notierte sich Adressen, schrieb weitere Vermieter an, um Besichtigungstermine zu vereinbaren, unterschlug vorsichtshalber die Anzahl ihrer Kinder und ging gegen Mitternacht ins Bett.

Die Ernüchterung folgte in den Tagen darauf. Einige Vermieter hatten sie zur Besichtigung eingeladen. Fee warf sich in weiße Bluse, Jeans und Pumps, brachte Golo zu einem Spielfreund aus dem Kindergarten, stellte Martha unter Riekes Aufsicht und zog los. Sie wirkte jung für ihre zweiundvierzig Jahre, das wusste sie, und weitaus frischer, als sie sich fühlte.

Dann kam der Moment, in dem sie einen Gehaltsbogen ausfüllen sollte, alle Vermieter und Makler hatten ihn parat. Fee setzte den Stift an, begann die Zeilen auszufüllen, dann legte sie ihn beiseite. Es hatte keinen Sinn. Sie hatte keinen Job mehr. Sie verlegte sich darauf, dies im persönlichen Gespräch zu klären und für ihre Situation zu werben. Wenn die Vermieter Witwe hörten, arbeitssuchend, flackerten die Blicke allerdings unruhig. Das sei eigentlich kein Problem. Aber vier Kinder, das sei dann doch »sagen wir so, ungewöhnlich«. Sie blieben freundlich, erklärten jedoch, dass sie das den anderen Mietern nicht zumuten könnten.

Zumuten. Fee biss die Zähne zusammen. Ein oder zwei Kinder, das war die Norm. Oder gar keins. Eine Diskussion darüber war allerdings unter ihrer Würde. Sollten die Makler ihre genormten Wohnungen doch an genormte Familien vermieten. Von ihr aus, bitte sehr.

»Danke«, sagte sie kühl und ging.

Viola hatte es ihr prophezeit, als Golo geboren wurde. »Mit vier Kindern bist du in den Augen der Leute asozial. Gewöhn dich besser gleich daran!« Dabei hatte sie sich scheckiggelacht, sodass man die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen sah.

Viola, Fees Freundin seit der Grundschule, liebte Kinder und war Taufpatin von Rasmus und Rieke. Sie konnte keine eigenen Kinder bekommen und war für eine Entwicklungshilfeorganisation in Uganda tätig. Dort baute sie Schulen auf, stellte mit den Kindern vor Ort Theaterprojekte auf die Beine, unterrichtete Französisch.

Als Jan gestorben war, hatte Viola sofort einen Flug gebucht und war nach Deutschland gekommen. Aber irgendwann musste sie wieder weg. »Zu meinen Kids, an denen hänge ich.«

Manchmal wäre auch Fee gern nach Afrika gegangen. Oder nach Kanada, in die Wälder. Einfach weit weg. Aber wie sollte das gehen?

Als Jan noch lebte, waren sie als lebendige, kreative Familie angesehen worden. Fee wusste, dass viele Bekannte sie beneidet hatten, sowohl um ihren Erfolg als Geigerin als auch um ihre liebevolle Ehe. Jetzt war sie eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, leer und niedergeschlagen, die ihre berufliche Karriere an den Nagel gehängt hatte.

Darüber lachte auch Viola nicht mehr.

Einige Tage später, die Kinder waren bereits im Bett, saß Fee wieder am Laptop, ein Knäckebrot neben sich. Nur Rasmus hielt sich noch in der Küche auf und bemühte sich offensichtlich, für die Schule zu lernen. Er versteckte ein Gähnen.

»Wofür arbeitest du denn?«, wollte Fee wissen.

»Für die Physikarbeit morgen.«

»Das hat jetzt keinen Sinn mehr. Geh lieber schlafen.«

Sie war selbst todmüde, die Wohnungen auf dem Immobilienportal verschwammen vor ihren Augen. Sollten sie doch in ein Randgebiet ziehen, mit günstigeren Mieten? Sie hätte sich gewünscht, dass die Kinder im gewohnten Viertel bleiben konnten. Mit dem Rad zur Schule fahren, ihre Freunde treffen, sich zu Hause fühlen, gerade jetzt. Aber da war anscheinend nichts zu machen. Aufgehängte Zettel, Suchanzeigen, Anfragen an alle Leute, die sie kannte – nichts hatte geholfen.

Jans Eltern hatten ihr angeboten, sie bei der Betreuung der Kinder zu unterstützen. »Unter der Bedingung, dass ihr hierherzieht und die Kinder bei uns zur Schule gehen! Die Schulen, die wir in München haben, sind sehr gut!« Kurz hatte Fee darüber nachgedacht. Aber München, nein. Und die Einmischung ihrer Schwiegereltern – besser nicht. Jans Vater war Arzt, und seine Mutter übernahm die Rolle der Arztgattin, in München hielt man etwas auf sich. Jan hatte immer weggewollt, seine Eltern waren ihm fremd gewesen. Es reichte, wenn die Kinder dort die Ferien verbrachten. Außerdem hing eine Bemerkung von Jans Mutter zwischen ihnen. Er hätte sich ja restlos für seine Familie aufgeopfert, hatte sie nach der Beerdigung geäußert. Das anklagende Gesicht hatte Bände gesprochen. Als ob Fee die Schuld daran trüge.

Fee war es gerade gelungen, sich wieder auf die Anzeigen zu konzentrieren, da knarrte die Tür. Golo kam herein, taumelnd vor Müdigkeit, sein Stofftier Esel im Arm.

»Hey, mein Süßer, du musst doch längst schlafen!«

Seit Jans Tod litt ihr Jüngster immer wieder unter Albträumen. Er schreckte aus dem Schlaf hoch und kam an ihr Bett, etwas, was er früher selten getan hatte. Manchmal brauchte er eine Stunde, bis er wieder einschlief, während Martha am anderen Ende des Zimmers – sie hatte einen robusten Schlaf – längst schnarchte.

Golo schob sich auf ihren Schoß, und Fee drückte ihre Nase in sein Haar.

»Mama?«

»Ja?«

»Ich hab eine Frage.«

»Schieß los!«

Fee erwartete, dass er wissen wollte, ob sie Jan vermisste, wie so oft. Aber diesmal war es etwas anderes.

»Ich will … also, ich will wissen, ob du noch mal Geige spielst, irgendwann.«

Fee versteinerte. Mechanisch streichelte sie Golos Rücken.

»Es ist lange her, aber ich weiß noch, dass ich es mochte.«

Golo erinnerte sich an ihr Geigenspiel. Eigentlich kein Wunder. Schon während der Schwangerschaft hatte er die Töne im Bauch gehört. Die Geige, die jetzt im Koffer auf dem Schrank lag, eine feine Staubschicht darauf.

Fee schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, Golo.«

»Ich weiß. Rieke sagt, du wirst nie mehr spielen, und Martha sagt, du wirst irgendwann wieder anfangen. Was ist richtig?«

Sie hatte keine Antwort.

»Willst du mal ein Instrument lernen, Golo?«, versuchte sie abzulenken.

Er sah sie ernsthaft an. »Schlagzeug.« Aus seinem Mund klang es wie »Slagsseug«. Fee strubbelte ihm durchs Haar. Im Moment spielte keines der Kinder ein Instrument. Rieke hatte ihre Querflöte, die sie eigentlich ganz passabel gespielt hatte, erst kürzlich in die Ecke gepfeffert – »Absolut uncool!« –, Martha hatte überhaupt kein Interesse an Musik, und Rasmus, der talentiert war, hatte seine Trompete beiseitegelegt, als Fee aufgehört hatte zu spielen. Sie hatte ihn zu ermuntern...



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