Paulsen | Allein in der Wildnis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Paulsen Allein in der Wildnis

Ein packendes Jugendbuch für alle Abenteuerer ab 10!
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-646-92011-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein packendes Jugendbuch für alle Abenteuerer ab 10!

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-646-92011-6
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Brian ist zwölf Jahre alt und seine Eltern sind geschieden. Er sitzt in einem kleinen Flugzeug und weiß nicht, ob er sich auf den Sommer bei seinem Vater freuen soll. Plötzlich erleidet der Pilot einen Herzinfarkt und stirbt, Brian ist allein am Himmel, vor sich Instrumente, mit denen er nicht umgehen kann, im Herzen die Gewissheit des Todes. Und dann kommt der Absturz. Doch Brian überlebt und es beginnt eine wahre Robinsonade. Er 'erfindet' das Feuer neu, den Bau eines Unterschlupfs, er fertig Pfeil und Bogen ...

Gary Paulsen wurde 1939 geboren und verbrachte seine frühe Kindheit bei der Großmutter im Norden Minnesotas. Ursprünglich war Paulsen Elektrotechniker beim Militär, bis er eines Nachts beschloss, Schriftsteller zu werden - ohne jemals etwas geschrieben zu haben. Nach elf Monaten veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte und schrieb mehrere unbeachtete Bücher, bis er die Geschichte eines Eskimojungen veröffentlichte, der auf eine Schlittenhund-Reise geht. Das Buch 'Dogsong' gewann den Newbery-Preis, den renommiertesten Kinderliteraturpreis der USA. Danach wurde für Paulsen alles anders: Er war ein berühmter und erfolgreicher Autor. Es folgten zwei weitere Newbery-Preise, einen davon erhielt er für 'Allein in der Wildnis', dessen Fortsetzung 'Zurück in die Wildnis' bei CARLSEN erschien. Gary Paulsens Bücher, in 18 Sprachen übersetzt, haben sich auch hierzulande einen festen Leserkreis erobert. Im Oktober 2021 verstarb Gary Paulsen.
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1


Aus dem Fenster des kleinen Flugzeugs starrte Brian Robeson hinab auf die endlose, grüne Wildnis des Nordens. Es war eine Cessna 206 – einer jener sagenhaften »Buschflieger«, die fast auf jeder Wiese landen können. Das Motorengeräusch war so laut, dass ein Gespräch unmöglich war.

Brian hätte auch nicht gewusst, was er sagen sollte. Er war dreizehn Jahre alt und er war der einzige Passagier in diesem Flugzeug, bei diesem schweigsamen Piloten – wie war sein Name: Jim oder Jack? Ein Mann von beinahe fünfzig Jahren, der bis zum Start wortlos an seiner Maschine herumgebastelt hatte: Genau fünf Wörter hatte er gesprochen, seit Brian mit seiner Mutter im Auto auf diesem kleinen Flugfeld bei Hampton – im Staate New York – angekommen war, wo das Flugzeug auf ihn wartete.

»Steig vorne in den Kopilotensitz!«

Das hatte Brian getan. Sie waren auf die Landebahn gerollt, hatten abgehoben – und dann dröhnte der Motor los. Zuerst fand Brian es aufregend: Noch nie war er in einem einmotorigen Flugzeug geflogen. Gebannt saß er im Cockpit und beobachtete die blinkenden Lichter und Schalter im Instrumentenbrett, das leise vibrierende Steuer und die Pedale vor ihm, während der wortkarge Pilot neben ihm die Maschine steil nach oben zog. Fünf Minuten später hatten sie eine Höhe von zweitausend Metern gewonnen und schwebten ruhig in Richtung Nordwesten. Noch immer schwieg der Pilot und nur das Dröhnen des Motors erfüllte die Kanzel. Bis zum endlosen Horizont, wo Himmel und Erde verschmolzen, rollten die Hügel mit sattgrünen Wäldern, mit düsteren Mooren und silbern blinkenden Flüssen und Seen dazwischen.

Brian saß da und schaute und hatte das einschläfernde Dröhnen des Motors in den Ohren. Vor seinem inneren Auge rollten die Ereignisse ab, die ihn hierhergeführt hatten – in den Kopilotensitz eines kleinen Flugzeugs auf dem einsamen Flug nach Norden.

Und wieder kamen die Gedanken.

Und wie immer kamen sie mit einem einzigen, hässlichen Wort: Scheidung.

Ein hässliches, trauriges Wort, das ihn an Streit und Tränen erinnerte. Und an Rechtsanwälte. Oh, wie er diese Rechtsanwälte hasste, die mit verlogenem Lächeln auf ihren Bürostühlen hockten und sich in einen Nebel juristischer Fachwörter hüllten. Was sie ihm da erklären wollten, war die einfache, harte Tatsache, dass sein Leben, wie er es bislang gekannt hatte, zerbrochen war; dass alle Sicherheit und Geborgenheit für ihn zu Ende war. Seine Familie, sein Leben mit Papa und Mama, mit seinen Freunden.

Scheidung. Ein hässliches, trauriges Wort. Scheidung – und Geheimnisse.

Oder nein. Es waren nicht »Geheimnisse«, sondern ein drückendes Geheimnis, über das er mit niemandem sprechen konnte. Er kannte das Geheimnis seiner Mutter, das zu der Scheidung geführt hatte. Brian wusste es. Und es war ein Geheimnis.

Die Scheidung …

Das Geheimnis …

Wieder spürte Brian das Brennen in seinen Augen. Und gleich würden die Tränen kommen. Ja, er hatte geweint, lange geweint. Aber das war vorbei. Jetzt weinte er nicht mehr. Jetzt brannten seine Augen nur noch, aber er weinte nicht mehr. Mit den Fingerspitzen fuhr er sich über die Augen und schielte nach dem Piloten – ob dieser etwas bemerkt hatte?

Der Pilot saß lässig in seinem Sitz, die Hände am Steuer, die Füße auf den Pedalen des Seitenruders. Er wirkte fast wie ein Teil der Maschine, gar nicht wie ein lebendiger Mensch. Brian sah auf der Instrumententafel all diese Zifferblätter und Skalen, Schalter und Hebel, Knöpfe und Griffe und Lampen, die zuckend und blinkend irgendwelche Informationen gaben, von denen er nichts verstand. Auch den Piloten verstand er nicht. Das war kein Mensch, sondern ein Teil der Maschine.

Aber der Pilot hatte Brians Blick aufgefangen und jetzt lächelte er. »Schon mal im Kopilotensitz mitgeflogen?«, fragte er. Den Kopfhörer seines Funkgeräts hatte er über die Schläfe geschoben. Er musste schreien, um den Motorenlärm zu übertönen.

Brian schüttelte den Kopf. Ein Cockpit kannte er nur aus dem Kino und aus Fernsehfilmen. Alles war so verwirrend. Und so laut. »Nein, zum ersten Mal.«

»Ist gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ein gutes Flugzeug – wie dieses hier – fliegt beinahe von selbst.« Der Pilot zog die Schultern hoch. »Das erleichtert mir meinen Job.« Er beugte sich herüber. »Da, versuch’s einmal selbst. Leg die Hände ans Steuer und stell deine Füße auf die Pedale. Du wirst sehen, was ich meine.«

Brian schüttelte den Kopf. »Ach, lieber nicht.«

»Na, versuch’s doch mal.«

Brian streckte die Hände aus und umklammerte das Steuer so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Mit den Füßen trat er auf die Pedale. Das Flugzeug kippte scharf nach rechts.

»Nein, nein! Nicht so stark. Du musst die Maschine leichter steuern. Ganz leicht.«

Brian lehnte sich zurück und entspannte seinen Griff. Vergessen waren die brennenden Tränen in seinen Augen. Er spürte nur noch das Vibrieren der Maschine im Steuer und in den Pedalen. Das Flugzeug reagierte beinahe wie ein lebendiges Wesen.

»Siehst du?«, sagte der Pilot. Er ließ das Steuer los, reckte die Hände hoch und hob die Füße von den Pedalen. Tatsächlich flog Brian das Flugzeug jetzt ganz allein. »Ganz einfach, nicht wahr?«, sagte der Pilot. »Jetzt dreh das Steuer etwas nach rechts und tritt auf das rechte Pedal.«

Brian drehte das Steuer und das Flugzeug kippte sofort zur Seite. Er drückte auf das rechte Pedal und schon glitt die Nase des Flugzeugs über den Horizont nach rechts. Als er den Fuß vom Pedal nahm und das Steuer zurückdrehte, richtete sich das Flugzeug wieder auf.

»Jetzt kannst du schon Kurven fliegen. Also, steuere noch ein wenig nach links.«

Brian drehte das Steuer nach links, drückte das linke Pedal und die Maschine folgte seinem Befehl. »Ganz einfach«, grinste er. »Wenigstens dieser Teil des Fliegens.«

Der Pilot nickte anerkennend. »Ja, fliegen ist einfach«, sagte er. »Nur muss man es lernen. Wie alles andere im Leben. Wie alles andere.« Er legte die Hände ans Steuer und übernahm wieder die Führung des Flugzeugs. Dann fuhr er sich nachdenklich mit der Hand über die linke Schulter. »Druck und Schmerzen hier oben. Anscheinend werde ich alt.«

Brian hatte das Steuer losgelassen und die Füße von den Pedalen genommen. Er sah den Piloten an. »Vielen Dank …«

Der Pilot hatte schon wieder seinen Kopfhörer aufgesetzt und das Dankeschön ging im Dröhnen des Motors unter. Brian schaute wieder hinaus auf das endlose Meer von Wäldern und Seen. Und die Erinnerungen kehrten zurück. Nicht mehr mit Tränen und brennenden Augen. Aber mit Worten. Immer wieder mit Worten:

Scheidung. Geheimnis. Streit. Trennung.

Ja, die Trennung. Brians Vater wusste nicht, was Brian wusste. Er verstand nicht, warum Brians Mutter sich von ihm trennen wollte. So war die Trennung gekommen und dann die Scheidung und alles war so schnell gegangen. Das Gericht hatte bestimmt, dass er bei seiner Mutter leben sollte. Bis auf die Sommerferien. Das war die »Besuchsregelung«, wie der Richter in seiner kalten Juristensprache gesagt hatte. Oh, wie Brian diesen Richter hasste – genau wie die Rechtsanwälte!

Dieser Richter, der sich von seinem Podest herunterbeugte und wissen wollte, ob Brian verstanden hatte, wo er jetzt leben sollte – und warum. Dieser Richter, der gar nicht wusste, was wirklich passiert war. Dieser Richter mit seinem mitfühlenden Blick, der gar nichts bedeutete. Wie auch die mitfühlenden Worte der Rechtsanwälte gar nichts bedeuteten.

In den Sommerferien sollte Brian bei seinem Vater leben. Während des restlichen Schuljahrs bei seiner Mutter. Das hatte der Richter gesagt, nachdem er die Papiere auf seinem Tisch studiert und die Reden der Anwälte angehört hatte. Leere Wörter. Gerede.

Das Flugzeug kippte plötzlich nach rechts und Brian sah den Piloten an. Er presste noch immer die Hand auf die Schulter – und auf einmal war schlechte Luft in der Führerkanzel des Flugzeugs. Brian wandte sich ab, um den Piloten nicht zu beschämen. Anscheinend hatte er Schwierigkeiten mit seiner Verdauung.

In diesem Sommer also, die Scheidung lag erst einen Monat zurück, war Brian unterwegs nach Norden, um zum ersten Mal die »Besuchsregelung« bei seinem Vater auszuprobieren. Sein Vater war Ingenieur und arbeitete auf den Ölfeldern im nördlichen Kanada – jenseits der Baumgrenze, am Rande der arktischen Tundra. Er hatte ein neues Bohrgerät erfunden, einen selbstreinigenden und sich selbst schärfenden Bohrkopf zur Erschließung neuer Ölquellen. Und Brian sollte ihm irgendwelche eigens angefertigten Werkzeuge aus New York mitbringen, die jetzt fest verschnürt im Laderaum des Flugzeugs lagen, gleich neben dem Seesack aus Segeltuch, den der Pilot als »Überlebenspaket« bezeichnet hatte: ein Sack voller Vorräte und Ausrüstung für den Fall, dass sie irgendwo notlanden mussten. Mit diesem kleinen Buschflugzeug, das beinahe überall landen konnte; mit diesem Pilot namens Jack oder Jim, der sich schließlich als ganz patenter Kerl erwiesen hatte. Immerhin hatte er Brian erlaubt allein das Flugzeug zu fliegen.

Aber dieser Geruch! Anscheinend ließ der Pilot einen Wind nach dem andern. Brian spähte zu ihm hinüber. Er presste noch immer die Hand auf die Schulter, rieb sich den linken Arm, furzte und stöhnte. Ob der Mann etwas Unrechtes gegessen hat?, überlegte Brian.

Frühmorgens war er mit seiner Mutter im Auto losgefahren, von New York City hinaus nach Hampton, wo das Flugzeug die Bohrgeräte übernehmen sollte. Es war eine schweigsame Fahrt, eine lange Fahrt fast ohne...



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