Paulsen | Der Fluss | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Paulsen Der Fluss


10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-646-92016-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-646-92016-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vor zwei Jahren hat der 15-jährige Brian nach einem Flugzeugabsturz allein in der Wildnis überlebt. Kaum hat der Medienrummel um ihn nachgelassen, tritt die Regierung an ihn heran: Brian soll seine Robinsonade wiederholen, damit er seine Fähigkeiten weitergeben und für Überlebenstrainings nutzbar machen kann. Nach anfänglichem Zögern stimmt er zu, sich mit dem Psychologen Derek erneut in der Wildnis aussetzen zu lassen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft geraten sie in ein Unwetter, in dem ihr Funkgerät zerstört und Derek schwer verletzt wird. Wieder ist Brian ganz auf sich allein gestellt ...

Gary Paulsen wurde 1939 geboren und verbrachte seine frühe Kindheit bei der Großmutter im Norden Minnesotas. Ursprünglich war Paulsen Elektrotechniker beim Militär, bis er eines Nachts beschloss, Schriftsteller zu werden - ohne jemals etwas geschrieben zu haben. Nach elf Monaten veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte und schrieb mehrere unbeachtete Bücher, bis er die Geschichte eines Eskimojungen veröffentlichte, der auf eine Schlittenhund-Reise geht. Das Buch 'Dogsong' gewann den Newbery-Preis, den renommiertesten Kinderliteraturpreis der USA. Danach wurde für Paulsen alles anders: Er war ein berühmter und erfolgreicher Autor. Es folgten zwei weitere Newbery-Preise, einen davon erhielt er für 'Allein in der Wildnis', dessen Fortsetzung 'Zurück in die Wildnis' bei CARLSEN erschien. Gary Paulsens Bücher, in 18 Sprachen übersetzt, haben sich auch hierzulande einen festen Leserkreis erobert. Im Oktober 2021 verstarb Gary Paulsen.
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Brian starrte ihn ungläubig an. »Ist das ein Witz?«

Derek schüttelte den Kopf. »Ganz und gar nicht. Aber ich glaube, wir sollten auf deine Mutter warten – und dann mit deinen Eltern sprechen. Wir kommen wieder.«

Er drehte sich um, und die zwei anderen Männer, die immer noch schwiegen, folgten ihm zur Tür.

»Einen Moment, bitte.« Brian hielt sie zurück. »Vielleicht habe ich Sie nicht richtig verstanden. Lassen Sie mich klarstellen: Sie wollen, dass ich hinausgehe und es noch einmal mache? Dort in der Wildnis leben, mit nichts als einem Beil?«

Derek nickte. »Genau.«

»Aber, das ist verrückt. Es war so … hart. Ich wäre beinah gestorben dabei. Es war reines Glück, dass ich es überstanden habe.«

Derek schüttelte den Kopf. »Nein, es war mehr als Glück im Spiel; es war etwas anderes, das dir zu Hilfe kam.«

Vor seinem inneren Auge sah Brian noch einmal das Stachelschwein, wie es ins Dunkel seiner Höhle eindrang. Er erinnerte sich, wie er das Beil geworfen und zufällig den Feuerstein in der Felswand getroffen hatte. Wäre das Stachelschwein nicht gekommen, und hätte er nicht das Beil geworfen, und hätte das Beil nicht die richtige Stelle am Felsen getroffen – dann hätte es keine Funken gegeben, er hätte kein Feuer gehabt, und vielleicht wäre er gar nicht hier und am Leben, um mit diesem Mann zu sprechen. »Es war vor allem Glück …«

»Nein, lass mich erklären, wie ich es meine …«

Brian wartete.

»Was dir – mit Glück, wie du sagst – gelungen ist, versuchen wir unsere Schüler systematisch zu lehren. Aber in Wahrheit haben wir es noch nie selbst gemacht. Und wir kennen keinen, der es je geschafft hat. Jedenfalls nicht in der Realität.«

Er zuckte die Schultern und beugte sich vor. »Ach ja, unsere Spielchen«, sagte er. »Weißt du, wir ziehen hinaus in den Wald, in die Wüste, und tun so, als ginge es dabei ums Überleben. Aber keiner von unseren Schülern war je in einer Situation, wo er es schaffen – und zwar auf Leben und Tod, unter realen Bedingungen.« Er sah Brian direkt in die Augen. »Wie du es getan hast.«

Der Mann, der Bill Mannerly hieß, mischte sich ein. »Du sollst es uns beibringen. Nicht mit Büchern oder Lehrplänen, nicht mit Schulungsfilmen – sondern mit der Wirklichkeit. Damit wir besser in der Lage sind, andere Menschen zu lehren.«

Brian musste lächeln. »Sie möchten also einen ganzen Kurs hinausführen, in den Wald, und ich soll den Jungs vorführen, was ich damals gemacht habe?«

Derek warf die Hände hoch und schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts dergleichen. Keine künstliche Inszenierung. Wir haben das alles noch nicht exakt geplant, aber wir dachten, einer von uns könnte mit dir hinausgehen und bei dir bleiben, genauso leben wie du, dich beobachten – und von dir lernen. Lernen und immer wieder lernen. Notizen machen und alles aufschreiben. Wir wollen wirklich wissen, wie du es gemacht hast, in allen Einzelheiten.«

Brian glaubte ihm, dass er's ernst meinte. Derek sprach leise und aufrichtig, und seine Augen hatten einen ehrlichen Blick. Dennoch schüttelte Brian den Kopf. »Es war ganz anders, als Sie glauben. Es war kein Camping-Ausflug. Ja, ich habe ein paar Pfund abgenommen – aber es war viel mehr als das. Als ich wiederkam, war ich nicht mehr derselbe Mensch.«

Und – dachte er – ich bin noch immer nicht wieder derselbe; ich werde es nie mehr sein …

Brian konnte nicht mehr durch einen Park laufen, ohne unter den Bäumen nach Wild zu spähen, ohne die Tiere im Dickicht zu hören. Alles hatte für Brian eine neue Bedeutung gewonnen. Manchmal wünschte er sich, er würde nicht so genau sehen, nicht alles hören, was ihn umgab – Geräusche, Farben, Bewegung. Aber er konnte all dies nicht ausblenden. Er sah und hörte und roch. Alles, was da war.

»Genau das ist es, was wir lernen wollen. Diese Fähigkeit.« Derek lächelte. »Hör mal, sag noch nicht nein. Lass uns wiederkommen und mit deiner Mutter sprechen. Lass uns den ganzen Plan durchsprechen und dann kannst du dich entscheiden. In Ordnung?«

Brian nickte langsam. »Na gut. Wir sprechen darüber, mehr nicht. Okay? Wir sprechen darüber.«

Die drei Männer gingen hinaus. Brian schielte nach der Uhr über dem Tisch im Korridor. Es würde noch eine Stunde dauern, bis Mutter aus ihrem Büro kam. Auch musste Brian noch seine Schulaufgaben machen, denn es war Ende Mai und die Prüfungen standen bevor. Aber egal! dachte Brian. Und er entschloss sich, lieber das Mittagessen zu kochen.

Er kochte gern, neuerdings. Auch dies war eines der Dinge, die sich für ihn verändert hatten, seit der Zeit damals in der Wildnis. Wenn er daran zurückdachte, nannte er sie nur »die Zeit«. Einfach so: die Zeit.

Wenn er Debbie mit leisen Worten davon zu erzählen versuchte – wenn er versuchte, alles zu erzählen, auch von dem Moment, als er sein Leben wegwerfen wollte – wenn er ihr davon zu erzählen versuchte, begann er immer nur mit den Worten: »Weißt du, die Zeit damals …«

Ein Jahr war vergangen und es hatte sich nicht viel verändert – in seiner Welt: Seine Mutter traf noch immer jenen Mann, aber nicht mehr so oft. Und Brian dachte, es würde vielleicht von selbst aufhören, was immer sie miteinander hatten. Die Scheidung aber war endgültig und würde es wahrscheinlich bleiben. Er hatte seinen Vater besucht, nach der Zeit damals, und herausgefunden, dass dieser sich in eine andere Frau verliebt hatte, die er heiraten wollte.

Das Leben ging weiter wie vorher.

Tag für Tag.

Doch Brian hatte sich verändert – ganz und gar.

Und eines der Dinge, die sich für ihn verändert hatten, war die Tatsache, dass er das Kochen jetzt liebte. Nahrung zuzubereiten, ja, das Essen nur anzusehen – das war etwas, was ihn sehr an die Erlebnisse in der Wildnis erinnerte. Er liebte es, die Sachen aus dem Kühlschrank zu holen, aus der Vorratskammer, sie herzurichten und dann zu kochen und auf den Tisch zu stellen und zu essen … Jeden Bissen bewusst zu kauen, das Essen kennenzulernen und andere Menschen beim Essen zu beobachten. Manchmal saß er nur da und schaute zu, wie seine Mutter aß, was er gekocht hatte, und einmal wurde sie so verlegen, dass sie den Kopf hob und ihn ansah, ein Stück geschmortes Fleisch auf der Gabel über dem Teller.

»Was ist los?«

»Ich schau dir nur beim Essen zu«, sagte er. »Es ist doch etwas Wunderbares, das Essen. Einfach zu sehen, wie jemand isst. Das ist wirklich etwas …«

»Geht es dir gut?«, fragte sie.

Natürlich nicht, dachte er; oder vielleicht war es so, dass es ihm jetzt gut ging, so gut wie noch nie im Leben? Aber er lächelte nur und nickte.

»Klar, prima.«

Er wusste aber viel mehr, was er ihr hätte sagen können – was er aber nicht sagen konnte. Was er niemandem sagen konnte, weil es niemanden gab, der ihn verstanden hätte.

Nach seiner Rettung hatten die Eltern verlangt, dass er zu einem Psychologen ging, nur zur Beratung, und er war hingegangen – um die Eltern zu beruhigen. Aber es hatte nichts genützt.

Der Psychologe glaubte, Brian sei irgendwie seelisch verletzt, durch ein Trauma geschädigt – aber in Wahrheit war es das genaue Gegenteil. Er hatte versucht, dem Psychologen zu sagen, dass er sich besser fühlte als je zuvor; dass er reicher geworden war – nicht nur ein Jahr älter, fünfzehn jetzt. Da war mehr. Viel mehr. Aber der freundliche Psychologe hatte ihn nicht verstanden. Er konnte ihn nicht verstehen, weil er nicht mit Brian die Wildnis erlebt hatte. Die Zeit damals.

»Ich habe das Feuer entdeckt«, hatte Brian zu dem Psychologen gesagt.

»Na, schön. Aber jetzt bist du wieder zu Hause.«

»Nein«, hatte Brian ihn unterbrochen. »Sie verstehen mich nicht. Ich habe wirklich das Feuer Ähnlich wie irgendein Mensch es vor Jahrtausenden entdeckte. Ich habe das Feuer entdeckt – dort, wo es seit ewigen Zeiten im Stein verborgen lag, als hätte es auf mich gewartet. Ganz egal, ob wir Zündhölzer oder Feuerzeuge haben, ganz egal, wie leicht wir hier in dieser Welt Feuer machen können – ich habe wirklich und wahrhaftig das Feuer entdeckt. Es war eine große Sache. Wirklich, eine sehr große Sache …«

Der Psychologe hatte lächelnd an seinem Schreibtisch gesessen und mit dem Kopf genickt. Er hatte versucht zu verstehen, wovon Brian sprach.

...



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