Pavone | Der Informant | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 576 Seiten

Pavone Der Informant

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-20589-8
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 576 Seiten

ISBN: 978-3-641-20589-8
Verlag: Penguin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es ist 3 Uhr morgens. Weißt du, wo deine Ehefrau ist?

Der amerikanische Journalist Will Rhodes reist im Auftrag eines renommierten Reisemagazins um die Welt. Doch dann wird er in Argentinien von einer Frau erpresst, die Ungeheuerliches behauptet. Sie unterbreitet ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann, und schon bald gerät er immer tiefer in ein Netz aus internationalen Intrigen und gefährlichen Geheimnissen. Auf der Suche nach der Wahrheit jagt Will um den halben Globus. Und noch ahnt er nicht, dass seine eigene Frau die größte Bedrohung für ihn darstellen könnte …

Chris Pavone arbeitete viele Jahre als Lektor und lebt heute mit Familie und Hund in New York City. Bereits sein Debüt »Die Frau, die niemand kannte« erntete begeisterte Pressestimmen, wurde mit dem Edgar Award ausgezeichnet und in zwanzig Sprachen übersetzt. »Der Informant« ist sein dritter Roman.
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2

New York City

Nur der Titel Chefredakteur steht auf dem Schild an der Tür, als wäre der Mensch dahinter so austauschbar und unbedeutend wie seine Vorgänger und jene, die ihm noch folgen werden. Ein Büro, das gewissermaßen einer Position gehört, nicht dem lebenden Menschen, der sie ausfüllt. In der siebzigjährigen Geschichte des Magazins gab es gerade einmal vier von ihnen.

»Herein!«

Malcolm Somers sitzt auf seinem prominenten Chefsessel hinter seinem prominenten Chefschreibtisch, direkt gegenüber von Gabriella Rivera, die von dem raumhohen Fenster auf die Avenue of the Americas eingerahmt wird. Die Straße selbst ist nicht zu sehen, sondern lediglich die Fenster der Bürogebäude ringsum, hinter denen sich Tausende und Abertausende anderer Existenzen tummeln, mit Anzügen und Krawatten, Computern und Kleiderhaken, ergonomischen Stühlen, Solarjalousien, L-förmigen Schreibtischen aus formaldehydverseuchtem Pressspan und mit nicht einmal einem Fitzelchen Himmel oder Straße in Sicht. Will man eines von beidem sehen, muss man die Nase ganz fest gegen die Scheibe pressen, wie Kinder es tun. Malcolms Kinder machen das regelmäßig.

Gabriella bleibt reglos sitzen, die perfekt geformten Beine übereinandergeschlagen, und lässt einen Fuß über dem Boden baumeln. Eine gertenschlanke, elegante Gestalt wie aus einer Werbeanzeige im Stil von »Sexy Geschäftsfrau sitzt auf einem stylishen Stuhl«.

»Entschuldigt die Störung«, sagt Will. »Mein Flug geht gleich …« Er steht im Türrahmen und wartet auf die Erlaubnis, eintreten zu dürfen. Und darauf, dass Malcolm Gabriella hinausschickt.

»Gabs?« Malcolm sieht sie auffordernd an.

Die stellvertretende Chefredakteurin lässt den Bruchteil einer Sekunde verstreichen, ehe sie nickt. Dann steht sie auf und streicht ihren Rock glatt – ein Exemplar, das die Regeln des Anstands gehörig strapaziert, wenn dies auch eine Frage der Sichtweise sein mag. Die meisten Männer würden sagen, dass er genau das richtige Maß an Länge und Enge besitzt, die meisten Frauen würden es wohl anders sehen.

Gabriella wendet sich um und schenkt Will ein strahlendes Lächeln, doch hinter der Fassade aus weißen Zähnen und vollen Lippen kann Will ihren Unmut erkennen, weil er ihr Gespräch (oder noch etwas anderes) gestört hat.

»Entschuldigung«, sagt Will. Eine weitere an eine Frau gerichtete Bitte um Verzeihung, die diese in Wahrheit nicht hören will.

Sie zuckt achtlos mit den Schultern. »Gute Reise. Frankreich, stimmt’s? Wie lange?«

»Eine Woche.«

Nachdenklich legt Gabriella den Kopf schief. »Wir sollten bald mal etwas zusammen trinken gehen«, sagt sie dann, allerdings glaubt Will nicht, dass das der Gedanke war, der ihr gerade durch den Kopf gegangen ist. »Ist schon eine ganze Weile her.« Im Vorbeigehen drückt sie seinen Arm, und er spürt, wie der glühende Funke ihrer sexuellen Energie auf ihn überspringt.

»Die Tür, bitte«, ruft Malcolm ihr hinterher.

Sie zieht sie von außen zu, vielleicht eine Spur zu energisch, aber immer noch leise genug, dass ihr keiner einen Strick daraus drehen kann.

Malcolms Sakko hängt über einem hölzernen Herrendiener, er hat die Ärmel seines Hemds hochgekrempelt. Wie immer steht sein oberster Hemdknopf offen, seine Krawatte ist gelockert, als würde er mit einem Scotch das Ende eines langen, harten Arbeitstags einläuten. Er sieht müde aus. Tränensäcke haben sich unter seinen Augen gebildet, und seine Wangen wirken eingefallen. Dabei strotzt er normalerweise vor Gesundheit und Vitalität. Malcolm ist einer dieser Naturburschen, die ihre Freizeit grundsätzlich im Freien verbringen, auf dem Wasser, im Sand oder im Gras, mit kleinen Kindern oder mit dem Golfschläger in der Hand. Aber jetzt sieht er erbarmungswürdig aus.

»Wie läuft es so, Rhodes?«, fragt er. »Tut mir leid, dass ich gestern nicht zur Afterparty bleiben konnte. Wer war denn noch dabei? Diese superscharfe Weinvertreterin?«

»Bitte, Mann, sag so was nicht. Eines Tages bekommt es noch jemand mit, und dann kriege ich mächtig Ärger.«

Malcolm hebt die Hände und verzieht das Gesicht zu einem Grinsen, das verrät, dass seine Frotzeleien zumindest teilweise aufgesetzt sind. Malcolm spielt stets eine Rolle. Nach außen gibt er den notorischen Frauenhasser und Kumpeltyp, genauso wie er in die Rolle des überkritischen Bosses, des launenhaften Chefredakteurs und des verheirateten Familienvaters mittleren Alters schlüpft. Eine Rolle nach der anderen, und jede von ihnen spielt er mit einer unübersehbaren inneren Distanz. Malcolm legt eine solche Ironie gegenüber allem und jedem an den Tag, dass er selbst seiner eigenen Ironie nur mit Ironie begegnen kann, was es schwer macht, seine wahren Gedanken und Gefühle zu ergründen.

»Und der Luxemburgtrip? Du warst doch zu einer offiziellen Feier eingeladen. Wo war das noch mal? Im Palast? In einem Schloss? Wie war’s?«

»Sterbenslangweilig. Allerdings durfte ich dem Großherzog die Hand schütteln. Die Party fand in seinem Palast statt, einem Riesenkasten mitten in der Stadt. Es waren Diplomaten, Banker, ein paar Mitglieder des europäischen Pseudoadels und schätzungsweise eine ganze Horde Spione in dunklen Anzügen eingeladen.«

Malcolm mustert Will, einen Mundwinkel leicht nach oben gezogen. »Okay, Rhodes«, sagt er und schlägt einen etwas schärferen Tonfall an. »Hast du vor, deinen Kurzartikel über die Schweizer Alpen in diesem Leben noch abzugeben? Wie lange kann ein Autor für dreihundert Wörter brauchen? Du bildest dir wohl ein, du könntest dir wegen deines Aussehens erlauben …«

»Das stimmt nicht.«

»… herumzutrödeln. Aber sollten wir wegen dir den Drucktermin verschieben müssen …«

»Hör auf! Ich liefere ihn heute noch ab.«

Malcolm steht auf, streckt sich und geht um seinen Schreibtisch herum. Wenn er längere Zeit gesessen hat, ist sein Hinken besonders ausgeprägt. Nach zwei Stunden im Theater oder einem Flug bewegt er sich wie ein arthritischer alter Mann, auf dem Tennisplatz jedoch nicht.

»Noch ein bisschen Feinschliff, dann steht das Ding. Ich schicke ihn ab, bevor ich fliege. Außerdem hat er fünfhundert Wörter, nicht dreihundert, du ignoranter Mistkerl.«

Malcolm lässt sich in einen Sessel neben einem niedrigen Tischchen fallen. »Setz dich, okay? Ich will mit dir über diese neue Kolumne reden, die ich neulich angesprochen habe. Sie ist für dich vorgesehen. Glückwunsch, Rhodes, das ist ein Riesenkarrieresprung.«

»Ich fühle mich geehrt.«

»Versuch bitte, deine Begeisterung im Zaum zu halten. Sie soll unter dem Titel Amerikaner im Ausland laufen und sich um Amerikaner drehen, die – rate mal – wo leben?«

»Im Ausland, vielleicht?«

»Genau diese messerscharfe Intelligenz erwarte ich von euch Eliteschreiberlingen von der Ostküste.«

»Ich stamme aus Minnesota.«

»Mit euren Geisteswissenschaftsabschlüssen von irgendwelchen Top-Unis.«

»Ich habe meinen Abschluss in Journalistik an der Northwestern gemacht. Aber hast du nicht irgendwo im Nordosten studiert? An einer Uni, deren Sportmannschaft scharlachrote Trikots trägt?«

»Wir wollen das volle Programm, Rhodes. Die Expat-Gemeinschaft, ihren Lifestyle, die Motive, aus denen die Leute dort hingezogen sind, nach welchen Kriterien sie ihre Wahl getroffen haben, ob sie mit der Kultur des jeweiligen Landes warm geworden sind, oder auch nicht. Wir wollen die Realität hinter der Fassade herausarbeiten, aber ohne den ganzen hässlichen Einsamkeitsscheiß und so. Du weißt schon, wie ich es meine …«

Will ist sich nicht ganz sicher, ob er ihn verstanden hat. »Worauf willst du hinaus, Malcolm? Worum genau soll es gehen?«

»Darum, worum es im Leben immer geht.« Malcolm streckt die Hand aus, die Handfläche nach oben gedreht. »Um Eskapismusfantasien. Um einen erstrebenswerten Lifestyle. Um Anzeigenverkäufe. Für die Serie gibt es mehr Geld, Rhodes. Fünf Riesen pro Jahr, plus Namensnennung und garantierte Impressumsfotos in vier Ausgaben, vorausgesetzt, du schaffst es, die vier Artikel zu liefern, du verdammter Faulpelz.«

Will lauscht Malcolms Stimme. Das ist nicht der Karrieresprung, den er sich erhofft hat, aber das ist ohnehin ein heikles Thema. Wills Vision von seinem beruflichen Fortkommen beschränkt sich auf die vage Hoffnung auf ein Verfilmungsangebot für eine Story, die er noch gar nicht geschrieben hat, oder einen Buchvertrag für eine Idee, die bislang nur in seinem Kopf existiert. Wie gern würde er daran glauben, dass er bekommen wird, was er verdient; dass die Welt – zumindest seine Welt, das weiße, gehobene Mittelschichtamerika mit Collegeabschluss und Jobs, bei denen man sich die Finger nicht schmutzig macht – genau so funktioniert, wie man es ihm stets versprochen hat: wie eine Leistungsgesellschaft. Aber was verdient ein Will Rhodes in Wahrheit? Steht es ihm überhaupt zu, neidisch auf das zu sein, was er nicht hat? Oder sollte er stattdessen dankbar für alles sein, was er besitzt? Will befindet sich am Scheitelpunkt seines Idealismus und schwankt von Tag zu Tag, manchmal sogar von Minute zu Minute, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, während er sich fragt, ob sich sein Leben immer noch als absolut perfekt entpuppen kann. Als wäre er wieder zwölf Jahre alt und würde zwischen Teenager- und Kinddasein hin- und hergerissen werden, heimlich von Mädchen schwärmen und zugleich nachts den Teddy im Arm halten.

Bei Malcolm sieht die Sache völlig anders aus. Die beiden Männer trennen rund zehn Jahre,...


Pavone, Chris
Chris Pavone arbeitete viele Jahre als Lektor und lebt heute mit Familie und Hund in New York City. Bereits sein Debüt »Die Frau, die niemand kannte« erntete begeisterte Pressestimmen, wurde mit dem Edgar Award ausgezeichnet und in zwanzig Sprachen übersetzt. »Der Informant« ist sein dritter Roman.



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