Peace | Tokio, besetzte Stadt | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Peace Tokio, besetzte Stadt

Roman
Deutsche Erstausgabe
ISBN: 978-3-95438-132-6
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-95438-132-6
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tokio, 1948: In den Ruinen der kriegsversehrten Stadt beginnt der Wiederaufbau, doch es herrschen immer noch Korruption und Gewalt. Die Menschen kämpfen ums Überleben, schuldbeladen und gedemütigt von der amerikanischen Besatzungsmacht. An einem kalten Tag im Januar betritt ein Mann die Zweigstelle der Teikoku Bank im Viertel Shiinamachi. Er weist sich als Amtsarzt aus und erklärt dem stellvertretenden Filialleiter, dass es in der Nachbarschaft einen Fall von Ruhr gegeben habe und er vom Gesundheitsministerium beauftragt worden sei, alle Mitarbeiter zu impfen. Die sechzehn anwesenden Bankangestellten folgen seinen Anweisungen und trinken die verabreichte Flüssigkeit. Zwölf von ihnen sterben sofort, die anderen vier werden bewusstlos. Der Mann raubt nur einen Teil der Geldvorräte und verschwindet spurlos. Es beginnt die größte Verbrecherjagd in der Geschichte Japans.

David Peace wurde 1967 in Yorkshire geboren. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem James Tait Black Memorial Prize, dem Grand Prix du Roman Noir und zwei Mal mit dem Deutschen Krimi Preis. Er wurde als einziger Krimischriftsteller in die renommierte 'Granta's List of Best Young British Novelists' aufgenommen. David Peace lebt mit seiner Familie in Tokio.
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DIE ERSTE KERZE



Wegen dir ist die Stadt ein Sarg. Im Schnee. Hinten auf einem Laster. Vor der Bank. Im Eisregen. Unter der schweren, feuchten Plane. Durch die Straßen. Im Regen. Zum Krankenhaus. Ins Leichenschauhaus. Im Eisregen. Zur Leichenhalle. Zum Tempel. Im Schnee. Zum Krematorium. Zu Erde und Himmel.

In unseren zwölf billigen Holzsärgen …

In diesen zwölf billigen Holzsärgen liegen wir. Aber wir liegen nicht erstarrt da. Wir kämpfen in diesen zwölf billigen Holzsärgen. Nicht in der Dunkelheit, nicht im Licht; wir kämpfen im Grau; denn hier ist alles grau, hier gibt es nur Kampf.

An diesem grauen Ort,

der kein Ort ist,

kämpfen wir ununterbrochen, schon immer, schon lange …

An diesem Ort, Nichtort, zwischen zwei Orten. Wo wir einst waren, wo wir sein werden …

Die tödlich Lebenden,

die lebendigen Toten …

Zwischen diesen zwei Orten, zwischen diesen beiden Städten:

Zwischen der besetzten Stadt und der toten Stadt leben wir, zwischen der verwirrten und der posthumen Stadt.

Hier leben wir in der Erde, bei den Würmern,

am Himmel, bei den Fliegen, wir, die wir nicht mehr im Dasein beheimatet sind. Jenseits von Verlust fallen Vogelschwärme vom Himmel und lassen ihre blutigen Federn und abgerissenen Flügel auf uns herabregnen. . Wir, die wir nun im Nichts beheimatet sind. Jenseits von Verlust springen Fischschwärme aus dem Meer und lassen ihre blutigen Eingeweide und abgerissenen Köpfe auf uns herabfallen. . Wir wollen wieder atmen, aber das können wir nie mehr. Jenseits von Verlust stürmen Viehherden von den Weiden und zertrampeln uns mit ihren blutigen Kadavern und abgetrennten Körperteilen. Wir hören dich. Wir wollen zurückkehren, aber das können wir nie mehr. Jenseits von Verlust. . Durch unsere Schleier …

Schleier, die nicht mehr vor unseren Augen liegen, sondern dahinter, Fäden, gesponnen aus Tränen, Netze, gewoben aus Tod, Schleier, die unsere Namen ersetzen, unser Leben.

Durch diese Schleier

schauen wir noch immer hindurch …

Unsere Münder schon immer offen, schon lange offen. Aber wir sprechen nicht mehr, wir können nicht sprechen, hier können wir nur hauchen, hauchen:

Unsere Münder schreien,

schon immer, Schreie,

die hauchen:

Wir hausen jenseits des Kummers. Du verschließt deine Münder. Wir hausen jenseits des Schmerzes. Du verschließt deine Augen. Jenseits der Trauer, der Verzweiflung. Du schließt deine Ohren, denn du hörst uns nicht, du hörst nicht auf uns …

Und wir sind müde, so müde, so überaus müde …

Doch noch immer hausen wir zwischen diesen beiden Orten …

Jenseits von Verfall liegen wir da. . Jenseits von Wahrnehmung warten wir. . Vergessen und vernachlässigt, verscharrt oder verbrannt, verfolgt und ruhelos, unter der Erde und über dem Himmel, traumlos, schlaflos. . Wir sind so müde, so überaus müde. . Wir weinen tränenlos, wir schreien tonlos,

und noch immer warten wir, noch immer

beobachten wir …

Zwischen der besetzten Stadt und der toten Stadt, zwischen der verwirrten Stadt und der posthumen Stadt warten wir, wir beobachten und kämpfen. Hier an diesem grauen Ort, an dem wir warten,

beobachten und kämpfen:

Vergessen sind wir, vergessen und verleugnet …

Vergessenes, verleugnetes Leben …

In der verwirrten Stadt, der posthumen Stadt, unter der besetzten Stadt, vor der toten Stadt sind wir eingesperrt, eingesperrt im Grau, in dieser Stadt. In dieser Stadt, die keine ist,

an diesem Ort, der keiner ist.

Hier gehen wir langsam mit unseren Schachteln im Kreis herum. Tragen unsere eigene Asche um den Hals, unsere eigenen Knochen in diesen Schachteln. Wir heben die Schultern, die Gesichter, die Blicke. Wir gehen langsam zurück ans Licht. Wir gehen langsam durch die besetzte Stadt, um diese zwölf Kerzen, gehen langsam um sie herum, immer weiter im Kreis …

Zurück in der besetzten Stadt sind wir wieder die Opfer.

Hier sind wir niemals die Zeugen; immer, schon immer die Opfer.

Und wir weinen. Immer, schon immer die Weinenden …

Hier, dir wir einst die Lebenden waren …

Weinen wir nun die ganze Zeit, hier …

Hier heut Nacht, weinen wir …

In der besetzten Stadt, wo die Weinenden die Lebenden suchen. Aber die Lebenden sind nicht hier, nicht heute Nacht vor diesen Kerzen.

Heute Nacht sind hier nur die Weinenden …

Heute Nacht hier nur wir:

Heute Nacht sind wir wieder Takeuchi Sutejiro, Watanabe Yoshiyasu, Nishimura Hidehiko, Shirai Shoichi, Akiyama Miyako, Uchida Hideko, Sawada Yoshio, Kato Teruko, Takizawa Tatsuo, Takizawa Ryu, Takizawa Takako und Takizawa Yoshihiro.

Und noch immer weinen wir. Sind immer, schon immer die Weinenden, schon wieder die Weinenden: In der besetzten Stadt ist es schon wieder der 26. Januar 1948.

Hier ist es immer, schon immer der 26. Januar 1948.

Immer dieses Datum, schon immer unsere Wunde …

Die niemals verheilen wird …

Hier, hier, wo es immer, schon immer dieses Datum, diese Zeit ist; immer, schon immer das letzte Mal:

Zum letzten Mal erwachen wir am Morgen in unseren Betten. . Zum letzten Mal kleiden wir uns an. In unseren Wohnungen, die nicht mehr die unseren sind, unsere Kleidung, die nicht mehr die unsere ist. Zum letzten Mal essen wir weißen Reis. Jetzt essen wir nur noch schwarzen Reis, den schwarzen Reis, der unsere Mägen leert. Zum letzten Mal trinken wir klares Wasser. Hier trinken wir nur das schwarze Wasser, das uns die Münder leert. Zum letzten Mal verabschieden wir uns in unseren von Müttern und Vätern, Brüdern und Schwestern, Frauen und Söhnen, Gatten und Töchtern, die nicht länger unsere Mütter und Väter sind, nicht länger unsere Brüder und Schwestern, unsere Frauen und Söhne, unsere Gatten und Töchter. Zum letzten Mal gehen wir durch den Schnee zur Arbeit, die nicht länger unsere Arbeit ist. Zum letzten Mal fahren wir in der Menschenmenge mit Eisenbahnen und Bussen. Eisenbahnen und Busse, die nicht länger unsere Eisenbahnen und Busse sind …

Zum letzten Mal eilen wir durch die besetzte Stadt.

Wir eilen weg von der Haltestelle Shiinamachi. Im Eisregen. Zum letzten Mal. Die Straße entlang. Wir eilen durch den Schlamm. Zum letzten Mal. Zur Teikoku Bank.

Zum letzten Mal öffnen wir die Tür. . Zum letzten Mal ziehen wir die Schuhe aus. Zum letzten Mal ziehen wir unsere Hausschuhe an. Zum letzten Mal sitzen wir an unseren Schreibtischen.

Zum letzten Mal …

Warten wir zwischen den Unterlagen und Hauptbüchern darauf, dass die Bank geöffnet wird. Zum letzten Mal an diesem letzten Tag, dem 26. Januar 1948 …

Schauen wir zu, wie die Zeiger der Uhr auf halb zehn springen. Zum letzten Mal wird die Bank geöffnet, beginnt der Tag. Zum letzten Mal bedienen wir die Kunden. Zum letzten Mal schreiben wir in die Hauptbücher.

Zum letzten Mal …

Im Schein der Lampen, in der Wärme der Heizkörper, hören wir, wie der Schnee zu Eisregen wird, der Eisregen zu Regen, der aufs Dach der Bank...


David Peace wurde 1967 in Yorkshire geboren. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem James Tait Black Memorial Prize, dem Grand Prix du Roman Noir und zwei Mal mit dem Deutschen Krimi Preis. Er wurde als einziger Krimischriftsteller in die renommierte "Granta's List of Best Young British Novelists" aufgenommen. David Peace lebt mit seiner Familie in Tokio.



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